Langsame Zeitung vs. schnelle Funkmedien 1:0

Man soll ja nicht nur meckern, sondern auch loben. Als gestern die Nachricht vom jemenitischen Explosivtoner in HP-Laserjets in Endlosschleife über den Äther ging, fehlten mir im Radio und den Tagesthemen ein wenig der Überblick & der gesunde Menschenverstand, wie ihn die Kollegen von der Süddeutschen bewiesen: Wenn ein einzelner Absender (!) aus dem Jemen (!) ein Billiggerät wie einen Laserjet (!) per teurer Luftfracht (!) an eine jüdische Institution (!) in den USA (!) schickt, muss doch selbst dem dümmsten Cargo-Arbeiter die rote Warnlampe im Hirn angehen.

Jedenfalls dürfte so ein merkwürdiger Vorfall kein Grund sein, gleich loszufantasieren, nun müssten endlich 100 Prozent aller Luftfrachtsendungen ausgepackt, durchleuchtet und vom Hund beschnüffelt werden. Das aber war, nur leicht übertrieben, der Tenor in der ARD.

Der SZ verdanke ich die Erkenntnis, dass in der Frachtbranche nicht nur verantwortungslose Trottel arbeiten. Es ist also so, wie ich es mir gedacht hatte: Für eine Palette Druckerpatronen, die von einem HP-Werk an ein HP-Auslieferungslager geht, gelten schon bisher andere Prozeduren als für individuell aufgegebene Pakete. Wirklich problematisch sind vor allem nur die letzteren. Nach allem, was bisher bekannt ist, braucht sich also kein Journalist um die Industrie und die Luftfrachtbranche zu sorgen. Die werden schon durchzusetzen wissen, dass wichtige Logistikketten nicht durch hektische Pseudo-Sicherheits-Aktivitäten gesprengt werden.

XING? Kein Interesse!

Ich war naiv. Ich dachte, „Interessen“ seien etwas anderes als „Ich suche“. Darum hatte ich leichtsinnigerweise In mein Xing-Profil geschrieben, ich hätte Interesse an „Fotografie u.v.a.m.“ .

Dies musste ich leider löschen, und ich rate jedem, sich dort als in jeder Hinsicht desinteressiert zu präsentieren – es sei denn, er legt Wert auf Spam. Sich über einen Spammer zu beschweren, hat keinen Sinn, denn laut Xing ist die Angabe, an vielem anderen mehr interessiert zu sein, eine Einladung an Hinz und Kunz, einem doch bitte die Mailbox mit britischem Büchsenschinken vollzukübeln. Okay, sie drücken es gewählter aus, meinen es aber genau so: „XING? Kein Interesse!“ weiterlesen

Mordanschlag in der Zukunft

Wenn’s nicht so makaber und das Verbrechen so real wäre, der Skandinavien-Korrespondent der SZ scheint wohl von Mystik-Krimis à Flash Forward inspiriert zu sein, denn er berichtet heute:

„Am Schreibtisch vor dem Fenster saß am 31. Dezember 2010 ein Mitarbeiter der Moschee und verschickte Neujahrsgrüße, als der Schuss fiel.“

Okay, die Jahreszahl muss falsch sein. Aber bemerkenswert ist noch mehr „Mordanschlag in der Zukunft“ weiterlesen

Leuchtzeichen in der Nacht

Bei Kinderklamotten geht Sicherheit über alles. Aber wehe dem Papa, wenn der auch Reflektorstreifen will!

Wir wohnen in einer beschaulichen Nebenstraße ohne Bürgersteig. Fußgänger, Radler, spielende Kinder und Motorisierte sind gleichberechtigt; jedenfalls bilden wir uns das ein. Ein paar superschlaue Autofahrer sehen das anders. Da entlang aller breiten Vorfahrtsstraßen unter jedem zweiten Baum ein rotes 30-Schild steht, brettern sie lieber bei uns durch, wo nichts als das Rechts-vor-links-Prinzip ihren Vorwärtsdrang dämpft. Will man diese Getriebenen ausbremsen, gibt es ein probates Mittel – nämlich mitten in der Rushhour ostentativ in der Straßenmitte zu schlendern.

Für Freunde derartiger Umerziehungsmaßnahmen ist der Herbst jetzt der Beginn der Hauptsaison: Die Tage werden kürzer. Biegt der Schleichweg-Raser bei Dunkelheit schwungvoll in die Nebenstraße ein, schockt man ihn mit nichts nachhaltiger als mit einem grellen Reflektorstreifen, der plötzlich knapp vor dem Bug seines Wagens aus totaler Finsternis auftaucht. Doch leider muss ich auf dieses subversive Wintervergnügen verzichten, weil es zu gefährlich wird: Den Spaß, durch optische Maximalreize aufzufallen, gönnen die Modebosse erwachsenen Männern nicht mehr. Im Gegenteil – ihre Winterjacken-Kollektionen lassen uns derzeit die Wahl zwischen exakt den Tarnfarben, die wir uns bei Autos aus gutem Grund abgewöhnt haben – Schwarz, Anthrazit und Schlammbraun.

Das wäre zu verschmerzen, würden sie ihren Schneiderinnen wenigstens noch erlauben, irgendeine unauffällige Naht am Rücken oder Ärmel mit einem schmalen Streifen reflektierender Mikrofaser zu paspelieren. Nicht im Sortiment, sagt die mütterliche Fachverkäuferin und erteilt mir modisch Nachhilfe in Warenkunde: „Das ist doch nicht elegant.“ Ach so, wieder was gelernt. Die Errungenschaften der modernen Textilwissenschaft sind nur erlaubt, wenn man sie von außen nicht sieht. Da trotzen die Joppen arktischen Stürmen, sie lassen selbst Starkregen abperlen und bieten dem Schnee keinen Halt, und obwohl alle Nähte wasserfest verschweißt sind, verhindern Klimamembranen den Dampftod in der überheizten Straßenbahn. Doch der Reflektorstreifen, dieses praktische Hightech-Accessoire der Achtziger, gilt als peinlicher Kinderkram. Soll der Familienvater doch selber zusehen, dass ihn die Besoffenen nicht totfahren, wenn er vom abendlichen Geschäftsessen brav zu Fuß heimtrottet.

Und was macht meine hilflos hilfsbereite Verkäuferin? Schickt mich in die Kurzwarenabteilung. Zwischen kitschigen Katzenköpfchen und -pfötchen hängt tatsächlich dezentes Reflektorband als Meterware. Nun habe ich die Wahl, wie ich meine Garantieansprüche gegen den Jackenhersteller verwirken will: Bügle ich den Streifen auf, verschrumpeln die Polymerfasern der Luxusklamotte, mache ich’s mit der Nähmaschine, perforiere ich den Stoff und konterkariere alle Bemühungen der Textilingenieure, mich vor der Unbill nasskalten Wetters abzuschotten.

Vielleicht greife ich besser zu einer anderen Innovation. Der Tierfuttersupermarkt bewirbt gerade neongelbe Hundehalsbänder mit roten LEDs. So richtig elegant sind die zwar auch nicht. Aber was meinen Sie, wie die Autofahrer aufdie Bremse steigen, wenn sie plötzlich ein 1,84 Meter großer Köter grimmig anfunkelt?

 

ULF J. FROITZHEIM, überzeugter Modemuffel, liegt gerade zufällig im Trend: Sein Auto ist weiß, die Lieblingskleidung schwarz.

Aus der Technology Review 11/2010, Kolumne FROITZELEIEN

Vielleicht mal mit Konjunktiv probieren?

„Gegen die Funkbelastung von Bahnstrom und Radioaktivität sind metallbedampfte Fensterscheiben und Aluminium-Fensterrahmen eingesetzt worden.“

Aus einem Beitrag im Lokalen der SZ über die „Erdakupunktur am Laimer Kreisel“, mit deren Hilfe die Marktforscher von TNS Infratest in ihrem neuen Fang-Schué-Bürobau vor schädlichen Schwingungen aus dem Untergrund und sonstigen unsichtbaren Gefahren bewahrt werden sollen. Die Autorin referiert „Vielleicht mal mit Konjunktiv probieren?“ weiterlesen