DFJV AG findet „dröge Hauspostille“ 250.000 Euro Strafgeld wert

Der „Fachjournalist“ ist – wer ihn je gelesen hat, weiß das – die überaus langweilige, journalistisch recht unprofessionell aufgemachte Kundenzeitschrift der DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG, also einer Kapitalgesellschaft, die von sich behauptet, ein Berufsverband zu sein. Wenn man eine kurze, knackige Formulierung für „überaus langweilige, journalistisch recht unprofessionell aufgemachte Kundenzeitschrift“ sucht, bietet sich die „dröge Hauspostille “ förmlich an. Das bringt zwar weniger Zeilengeld, liest sich aber besser. Es war gewiss keine nette Meinungsäußerung, die hätte das Printobjekt auch nicht verdient. Wäre hingegen eine Schmähkritik mein Ansinnen gewesen, so hätte ich eher zu Invektiven wie „Leser verachtendes Kasbladl“,  „druckfrisches Altpapier“ oder knapp „Totholz“ gegriffen.

Ich weiß nicht, ob ich mir irgendeine dieser Formulierungen künftig überhaupt noch leisten kann – egal wie kurz oder lang. Denn das besagte, ziemlich profitable Unternehmen hat einen jungen Diplom-Juristen aus Norderstedt mandatiert, mich zur Abgabe einer „Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung“ zu motivieren, die es mir bei Meidung einer Vertragsstrafe von einer Viertelmillion Euronen (in Zahlen: 250.000,00 €) unter vielem anderen verbieten würde, „DFJV AG findet „dröge Hauspostille“ 250.000 Euro Strafgeld wert“ weiterlesen

Schlank aus dem Sommerloch

Die Dino-Diät oder: Forschung ist am schönsten, wenn niemand ihre Angaben nachmessen kann.

Othniel Charles Marsh ahnte gar nicht, welch treffenden Namen er sich für das Urzeitmonster ausgedacht hatte, dessen Knochen 1877 in Wyoming am Ostrand der Rocky Mountains entdeckt worden waren: Apatosaurus, die trügerische Echse. Dies war eigentlich eine Anspielung auf eine Besonderheit im Knochenbau, die falsch zu deuten sich ein Paläontologe hüten musste. Zwei Jahre später verpasste Marsh einem anderen Skelett den Namen Brontosaurus, also Donnerechse. Zwar stellte sich bald heraus, dass der Forscher lediglich einem weiteren Trugsaurier auf den Leim gegangen war. Abertausenden von Saurierbuchautoren war der Irrtum aber egal. Sie betrogen die jugendlichen Dinofans um den älteren, wissenschaftlich korrekten Namen, weil Brontosaurus gewaltig klingt, Apatosaurus hingegen apathisch und damit nicht gerade verkaufsförderlich.

Welch massive trügerische Kraft das Gerippe von Wyoming in den Gehirnen junger und alter Urzeitforscher entfaltete, kam erst im Sommerloch 2009 so recht ans Licht. Wenn der US-Saurologe Gary Packard sich nicht verrechnet hat, müssen Abermillionen von Bildbänden eingestampft werden, die in Kinderzimmerregalen thronen. Dann müssen Steven Spielberg und seine Epigonen alle seit „Jurassic Park I“ gedrehten Animationen ersetzen: Das traditionell als prähistorischer Fettwanst mit Minihirn gezeichnete Tier hätte dann nur einen Bruchteil dessen auf den Rippen gehabt, was die Wissenschaft ihm bisher nachsagte. Nach Packards Berechungsmethode hätte des Pflanzenfressers Körpermasse nicht jener von acht, sondern nur der von vier afrikanischen Elefantenbullen entsprochen: schlanke 18 Tonnen. Bei anderen Gattungen wären die Gewichtsverluste nicht gar so monströs, aber immer gravierend genug, dass der Vorher-nachher-Vergleich jeden Diätvermarkter vor Neid erblassen ließe.

Nun ist man es als Technikautor ja gewohnt, dass Forscher grobe Schätzungen dank neuer Formeln und Modelle präzisieren. Eine so ungeheuerliche Fehlerquote wie bei der Betrügerechse weckt indes das journalistische Ur-Misstrauen. Woher wissen Wissenschaftler Dinge, die kein Mensch überprüfen kann? Niemand hat einem Apatosaurus je beim Fressen zugeschaut, keiner hat ihn auf die Körperfettwaage gestellt. Waren alle Exemplare gleich muskulös, oder gab es, wie beim Menschen, die Bandbreite vom asketischen Sportler bis zum hemmungslosen Fresssack? Man muss sich nur mal vorstellen, ein Anthropologe der Zukunft fände das Skelett jenes Mannes namens Enrico, der in der TV-Show „The Biggest Loser“ mit 192 Kilo startete und am Ende nur noch gut die Hälfte wog, und sollte daraus dessen exaktes Lebendgewicht rekonstruieren. Außerdem: Auch die Zoologie der Gegenwart kennt Tiere, die man nicht am Stück auf die Waage legen kann. Manche Arten muss man einfach tranchieren, um zu validen Aussagen zu gelangen. So bekommt die Schutzbehauptung der Japaner, ihre weltberüchtigten Harpunenboote seien doch nur eine Flotte von Walforschungsschiffen, eine ganze neue Facette: Was wüssten wir ohne sie über die Meeressäuger? Das Gewicht schon mal nicht.

Die georgisch-britische Sängerin Katie Melua unterscheidet in ihrem empiriekritischen Werk „Nine Million Bicycles“ zwischen Tatsachen (fast jeder Einwohner Pekings hat ein Rad!, „that’s a fact“) und Annahmen (wir sind zwölf Millionen Lichtjahre vom Rand des Universums entfernt, „that’s a guess“). Solange niemand bis dorthin geflogen ist, um das nachzumessen, könnten wir Meluas Song ja vielleicht zur Hymne der Naturwissenschaft erklären.

ULF J. FROITZHEIM, freier Journalist, kennt das Phänomen, dass an einem Knochengerüst mal mehr und mal weniger Speck hängt, von sich selbst.

Aus der Technology Review 9/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Freemium, Doepfnerium oder das 5. Element

Mathias Döpfner ist bekanntlich ein gebildeter Mensch und hat schon als Journalist gearbeitet. Daher darf man von ihm Kreativität, Originalität und Aufgeschlossenheit für naturwissenschaftsnahe Neuerungen erwarten. Diese Erwartungshaltung hat er soeben befriedigt, indem er die Wortschöpfung „Freemium“ in die Diskurs-Arena warf.

Das denglisch-neulateinische Kunstwort, das trefflich ein neues Element aus dem Reich der Transurane kennzeichnen könnte, ist komponiert aus Versatzstücken, die Döpfner dem Wortbaukasten einer ihm bildungsmäßig eher unterlegenen Zunft entnommen hat, nämlich derjenigen, die journalistische Werke aus der Perspektive der Verpackungsindustrie sehen: Free Content (der Inhalt hat keinen Wert, Hauptsache irgendein Dummer bezahlt das Drumherum) und Premium Content (der Inhalt ist dem Verbraucher eine kleine Prämie wert). Der Guteste bedient sich also bei Leuten, die Journalismus mit Mineralwasser vergleichen, bei welchem sich der Preis bekanntlich auch nicht nach Qualität, Geschmack oder gar Nährwert bemisst (sondern neben der Quantität allein nach der Bekanntheit des Markennamens).

Freemium heißt beim Ober-Springer Döpfner, dass die Zielgruppe das meiste für lau kriegt und für Besonderes zur Kasse gebeten wird. Die Leute, die mehr wollen, sollen also den Übrigen die Grundversorgung mit Banalitäten subventionieren. Das könnte man sich so vorstellen, als würden die Fernsehgebühren umgelegt auf die Leute, die Arte, Phoenix und Dreisat schauen.

Aber halt, Kinders, so hat Onkel Mathias das nicht gemeint! Nur noch gegen Prämie herausrücken will der multiregionale Lokalzeitungsverleger „das Archiv, den Staumelder oder die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung“.

Das Archiv als Cashcow? Das wäre schön, wenn die Autoren davon etwas abbekämen. Aber ist es nicht auch etwas abenteuerlich, die virtuelle Variante des Fischeinwickelpapiers (nichts ist älter als der Content von vor zwei Stunden) für geldwert zu halten, nicht aber die frische Nachricht? Bei brand eins ist es zum Beispiel genau umgekehrt: Wer meine druckfrischen Geschichten sofort lesen möchte, muss wohl oder übel das Heft kaufen, aus dessen Erlösen mein Honorar bezahlt wird. Wenn mit dem Erscheinen der nächsten Nummer die vorige zum Altpapier wird (rein theoretisch natürlich, denn brand eins archiviert man selbstverständlich), rutschen die Texte ins kostenlos zugängliche Online-Archiv. Ich will nicht arrogant sein, aber ist ein vergilbter 30-Zeilen-Terminbericht aus dem Lokalteil des Abendblatts von anno schnuff mehr wert als eine große Wirtschaftsreportage, in der viel Rechercheaufwand, Zeit, Knoffhoff steckt?

Ob es Springerische Lokalzeitungen gibt, die das Melden von Staus zu ihren Kernkompetenzen zählt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, dass ich derartige Informationen woanders gratis bekomme.

Das Lustigste an Döpfners kreativem Anfall ist denn auch die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung. Erstens sind diese Sitzungen normalerweise öffentlich, dann sitzen auch Exklusivreporter anderer Medien drin. Zweitens sind sie meistens ödestes Routinegeschäft. Drittens handelt es sich bei den wenigen nicht-öffentlichen Sitzungen (die allein wegen der Geheimhaltung das Potenzial haben, interessanter zu sein), um einen der möglichen Rohstoffe für Scoops. Wenn ich aber einen Scoop lande, hänge ich den an die große Glocke, gebe die Vorabnachricht über DPA, sorge dafür, dass alle mich zitieren. Auf keinen Fall aber stecke ich diese Katze in den Sack, dessen Bund ich nur gegen Gebühr öffne. Wenigstens der Kopf und die Vorderpfoten müssen herausschauen.

Das Geschäftsmodell, das Döpfner hier entdeckt hat, ist also ein völlig neues Element im Periodensystem des Journalismus. Er hat sich verdient, dass es nach ihm benannt wird. Wie wäre es mit Doepfnerium?

DFJV: Verbandsimitat aus der Retorte

aus: BJVreport 4/2009

Aktiengesellschaft baut perfekte Kulisse im Look eines Journalistenverbandes

 

Als es vor drei Jahren darum ging, wer künftig offiziell Presseausweise ausgeben darf, riefen zwei Außenseiter-Vereine, deren Chefs niemand kannte, lauthals „wir!“: der Deutsche Presseverband (DPV) und der Deutsche Fachjournalisten-Verband (DFJV). Die Folge war zwar keine amtliche Weihe ihrer Plastikkärtchen, sondern die komplette Deregulierung des „Markts“ für Presseausweise. Geschadet hat diese Abwertung des einstmals exklusiven Dokuments den ins Geschäft drängenden Kaufleuten nicht, die Nachfrage nach den vermeintlichen Türöffnern und Rabatthelfern floriert. 

Über den Hamburger DPV berichtete der BJVreport in Heft 3/2009. Hier folgt die nicht minder irritierende Erfolgsgeschichte seiner Berliner Rivalin, einer Aktiengesellschaft.

So kann man sich irren. Axel Milberg ein Schauspieler? Der Krimimann hat als Kultur-Fachjournalist einen „deutschen Presseausweis“, begehrt damit freien Eintritt in Wien und weint sich in Thorsten Ottos Mikro aus, weil sein Geschnorre nicht auf Gegenliebe stößt. Bayern3 Die Euro-Liberale Silvana Koch-Mehrin und die Hausfrauenrevolutionärin Marie-Theres Kroetz-Relin entpuppen sich als Politik-Fachjournalistinnen, Ex-Pfanni-Konsul Otto „Otec“ Eckart als Wirtschafts-Fachjournalist. Ballermann-Vermarkterin Annette Engelhardt kapriziert sich im Fachjournalisten-Textportal auf Justiz-, Kultur- und IT-Themen.

Fachjournalismus, Fachrichtung Tourismus-PR

Schlagerproduzentin Claudia Kohde-Kilsch offeriert dort Centrecourt-Memoiren; dafür hat sie sogar eine Fachjournalisten-Fernschule absolviert. „DFJV: Verbandsimitat aus der Retorte“ weiterlesen

Nicht im Sinne der Erfinder

Das internationale Patentwesen steckt in einer Akzeptanzkrise. Statt Plagiatoren abzuwehren und den Fortschritt zu fördern, zementiert es oft nur die Macht des Stärkeren. An Reformvorschlägen herrscht kein Mangel. Doch der nötige internationale Konsens ist nicht in Sicht.

Gäbe es ein Märchenbuch für Unternehmer, wäre dies wohl der Plot für die perfekte Gutenachtgeschichte: Eine Textilmaschinenfirma aus Schleswig-Holstein hat technisch den Anschluss verpasst, aber irgendwer bringt den Chef auf die rettende Idee, die F&E-Mitarbeiter sollten doch einfach alle Patentanmeldungen des Weltmarktführers analysieren. Dann wüssten sie genau, woran dieser arbeitet. Am Ende verhilft ihnen die Lektüre der Dokumente aus dem Patentamt nicht nur dazu, zur Konkurrenz aufzuschließen, sondern sogar ein besseres Produkt zu entwickeln.

Auch wenn es kaum zu glauben ist, wie arglos sich der Wettbewerber in die Karten schauen lässt: Die märchenhafte Turnaround-Story ist keine Erfindung. Das Fallbeispiel stammt lediglich aus einer Zeit, in der kaum jemand deutschen Ingenieuren die Chuzpe zugetraut hätte, in einem eleganten Bogen um die Patente der Kollegen herum zu entwickeln und die Übertölpelten dann mit eigenen Patenten einzukesseln. Als die Kieler Wirtschaftsförderungsgesellschaft WTSH 1998 die Geschichte veröffentlichte, um dem Mittelstand den Charme von Patentrecherchen nahe zu bringen, hing so manche Entwicklungsabteilung noch dem „Not Invented Here“-Prinzip an: „Nicht im Sinne der Erfinder“ weiterlesen