Tunichtgut & Sprichnichtdrüber

"Öffentlichkeit machen" – so hieß etwas unscharf das Motto des Kongresses, bei dem ich soeben die Ehre hatte, mich auf dem Podium zuerst in einen sonderbar plüschigen Sessel und sodann in die Nesseln setzen zu dürfen. Mein Publikum: Mitglieder des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), die sich für PR interessieren, viele von ihnen Freie, die ohne Einkommen aus der "Auftragskommunikation" kein so gutes Auskommen hätten. Mein Part in der Diskussionsrunde war der des kritischen Wirtschafts- und Medienjournalisten, der zwischen Oberkommunikatoren von Bahn und Post, einem Krisenkommunikationsexperten und dem PR-Magazin-Chef Thomas "Roki" Rommerskirchen die Sicht derer vertrat, deren Arbeit dem einen oder anderen Unternehmenskommunikator die eine oder andere Kommunikationskrise einbrockt: Eine Krise liegt bekanntlich nicht dann vor, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert ist, sondern wenn die Öffentlichkeit erfährt, es sei irgendwo etwas Schlimmes passiert. Nur was die Leute wissen, macht sie heiß (unabhängig vom Wahrheitsgehalt, wie jeder Spin Doctor weiß).

Machen wir unseren Job gut, sind die Welt und ihr mediales Abbild weitgehend deckungsgleich: Dann berichten wir über alles, was schlimm ist, und es ist auch wirklich alles schlimm, von dem wir behaupten, es sei schlimm. „Tunichtgut & Sprichnichtdrüber“ weiterlesen

Karriere Zwo Null

SILVER AGER. Die demografische Entwicklung bringt einen. neuen Gründertypus hervor: Alter 50 plus, gelassen und abgeklärt. Die Erfolgsgeschichte von drei jung gebliebenen Spätgründern.

Werner Weber und Helmut Becker haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Weber stand immer mittendrin im Leben, beriet Tausende von Kunden aus allen Schichten der Bevölkerung. Becker thronte als Vordenker seines mächtigen Chefs hoch über den Niederungen des industriellen Alltags. Webers beruflicher Horizont war dominiert von der kommenden Vegetationsperiode und den Bedürfnissen der Gartenbesitzer, Beckers Job der Adlerblick auf die langfristige Entwicklung der automobilen Wohlstandsgesellschaft.

Die beiden eint dennoch viel. Der bodenständige Filialleiter einer Gartencenter-Kette in der Nähe von München und der promovierte Volkswirt aus dem vierzylindrigen Elfenbeinturm der BMW AG mussten nach Jahrzehnten des Angestelltendaseins feststellen, dass sie nicht mehr zu ihren Arbeitgebern passten – oder die nicht mehr zu ihnen. Beide waren auf ihre Art unbequem für die Vorgesetzten, die man ihnen irgendwann vorgesetzt hatte. „Karriere Zwo Null“ weiterlesen

Makrolon statt Makrelen

Während wir die Meere leer futtern, entwickeln Forscher künstliche Fische. Können die ihre Vorbilder vor unserer Gefräßigkeit retten?

Als Konsumenten sind wir längst Getriebene, immer hilflos bemüht, nichts falsch zu machen. Wer beispielsweise gern Fisch isst, hat’s schwer, ein nachhaltig reines Gewissen zu bewahren. Wir futterten rücksichtslos die Meere leer, schimpfen Naturschützer unablässig. Um Hering und Kabeljau vor den internationalen Überfischungsflotten zu retten, gewöhnten wir uns an, statt Rollmops, Matjes und Fischstäbchen exotische Filets zu verspeisen – vom Red Snapper, Bonito, Schwertfisch oder dem Nilbarsch aus der naturnahen Zucht -, nur um aufs Neue wahre Öko-Gruselgeschichten aufgetischt zu bekommen. Deren neueste: Die Raubfische, die uns vermeintlich raubbaufreie Aquafarmen liefern, werden als Halbwüchsige aus dem Meer gezogen und in ihrem Gefängnis mit Fischmehl gemästet. Und wo kommt das wohl her? Eben. Da braucht sich kein Fischhändler mehr zu wundern, wenn er beim kritischen Verbraucher weniger Vertrauen genießt als sein Vorvater Verleihnix beim gallischen Dorfschmied Automatix.

Doch was dagegen tun? Sollen wir nur noch vegetarisch gefütterte Farmfische wie Pangasius und Tilapia essen, diese tierischen Eiweißbeilagen ohne Eigengeschmack? Das hilft den leckeren bedrohten Arten auch nicht weiter. Lachs, Barsch & Co. landen dann eben auf den Tellern weniger skrupulöser Zeitgenossen. Abhilfe könnte vielleicht eine technische Errungenschaft schaffen, deren Prototypen das hochgeschätzte M.I.T. soeben vorgestellt hat – als Resultat von mehr als 15 Jahren Forscherfleiß: der autonom schwimmende Roboterfisch, ein preiswertes tiefseetaugliches Zwerg-U-Boot.

Es mag ja stimmen, dass die ersten handgefertigten Exemplare den Gegenwert prämierter Koi-Karpfen haben und dass man sie – bei ansonsten vergleichbarem praktischen Nutzwert – nicht einmal essen kann. Wenn der iFish erst einmal reif ist für die preiswerte Großserie, dürften sich aber Anwendungsgebiete auftun, die für Fischfreunde spannender sind als die von den Erfindern erwogene Inspektion von Unterwasserkabeln oder Pipelines. Mit etwas Fantasie wären zum Beispiel James-Bond-hafte Anti-Trawler-Sonderausstattungen denkbar. Mit messerscharfem Haigebiss aufgerüstete Tauchbots könnten ihre essbaren Brüder und Schwestern aus den Schleppnetzen befreien. Tierbefreiungsarmisten würden ganze Schwärme künstlicher Schwert- und Sägefische auf Aquafarmen loslassen, um den Gefangenen zur Flucht ins offene Meer zu verhelfen, wo diese sich munter fortpflanzen. Und ein paar Jahre später – herzlichen Dank, liebe Tierschützer! – deckt Neptun wieder so reichlich unseren Tisch wie ehedem.

Tja, schön wär’s, Gourmand, seufzt unser innerer Technologiefolgenabschätzer. Wer sagt denn, dass die schwarmintelligenten Biester nicht nachmachen, was ihnen die echten Raubfische vorleben? Große Fische jagen die kleinen. Makrolon frisst Makrelen: Sind die Plastikpiranhas erst mal im Ozean, machen sie alles zu Sushi. Selbst der Thun, der sie verschlingt, hat keine Chance gegen den inneren Feind. Und die Fischpfanne bleibet leer auf alle Zeit.

Da kann man nur hoffen, dass es den M.I.T.-Forschern nie gelingt, eine praxistaugliche Energiequelle für das Bionik-Tier zu entwickeln. Mit heutigen Hochleistungsakkus wäre der Kunstfisch so schwer, dass er gleich auf den Meeresgrund sänke. Der Prototyp im Labor-Aquarium funktioniert nur, weil er als Netzkabel-Jau konstruiert ist: Der Strom, mit dem er schwimmt, kommt aus der Steckdose.

ULF J. FROITZHEIM, seit drei Jahren TR-Kolumnist, hat jeden Tag künstliche Fische vor Augen – auf seinem Bildschirmschoner.

Aus der Technology Review 10/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Online würgt Print – und vice versa

Internetzer gegen Printenköppe: Die eigentlich unsinnige Schlammschlacht um die Frage, ob das Web den Journalismus überflüssig macht und die Zeitung ein moribundes Medium ist, provoziert immer wieder auch intelligente, differenzierte, lesenswerte Betrachtungen. So gibt der Hamburger Kollege Michalis Pantelouris in seinem Blog Print würgt dem Handelsblogger und Internet-Mitmanifestredner Thomas Knüwer contra, weil dieser den Springer-Chef Mathias Döpfner zu Unrecht in die Ignorantenecke gestellt habe.

Das „Internet-Manifest“…

…von Carta-Leuten, dem Elektrischen Reporter, dem ehrenhaft Indiskreten und anderen von Niggemeier bis Lobo wird netzauf, netzab sehr kontrovers debattiert, zum Beispiel hier. ist wert, debattiert zu werden. Leider ist im Moment die Diskussion "forbidden". (Es klappt wieder!)

Deshalb habe ich Ich hatte mir erlaubt, gemäß Behauptung 8 ("Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.") die Behauptungen hierher zu kopieren und zu kommentieren. Nach drei Tagen Sturm in der Journosphäre muss ich sagen: Ich war doch recht diplomatisch… „Das „Internet-Manifest“…“ weiterlesen