Beyonce belief – oder wie dpa die Sorgfaltslosigkeit ihrer Kunden bloßstellte

Pannen, die einen fast im Boden versinken lassen, passieren jeder Redaktion mal. So  wie das rätselhafte Wort "Imagewinn" (statt "Imagegewinn") in einer Überschrift, das einst mein Kollege, mein Chef, unser Layouter und ich während der Produktion einer Nullnummer hundertmal überlesen hatten; es sprang uns sofort ins Auge, als wir die Andruckexemplare auf den Tisch bekamen.

Trägt also ein Text, der von dem neuen Film der Sängerin Beyoncé Knowles ("If I Were A Boy") handelt, die Überschrift einer ziemlich weit davon entfernten Meldung über Frank Schirrmacher, und ist er auch noch mit einem Foto illustriert, auf dem der FAZ-Mann eine Frau busselt, die wiederum mit Beyoncé herzlich wenig Ähnlichkeit hat, dann ist das eigentlich prima Futter für unsere Schadenfreude. Haha, die anderen machen auch mal Bockmist.

Was der bildbloggende Medienblogger Stefan Niggemeier unter der, sagen wir, leicht uncharmanten Rubrik "Geht sterben" präsentiert*, hat jedoch eine gänzlich andere Qualität als die alltäglichen Einzelpannen (und auch eine andere als das durchschnittliche Material, aus dem Medienblogs gewirkt sind). Nämlich eine scheinbar pandemische: Als habe sich via Internet der Erreger der Schlafkrankheit von Redaktion zu Redaktion fortgepflanzt, zeigen Screenshots eine identische Fehlleistung auf den Online-Seiten des Stern, der Zeit, „Beyonce belief – oder wie dpa die Sorgfaltslosigkeit ihrer Kunden bloßstellte“ weiterlesen

Die geheimen Geschäfte des Vespisto

aus: BJVreport 4/2009

Wer steckt hinter dem „Journalistenzentrum Deutschland“? Eine Spurensuche.

Die Infobriefe kommen aus Hamburg, Absender ist das Journalistenzentrum Deutschland e.V., eine Art Ein-Mann-Dachverband. Er wirbt für Presseausweise, Kreditkarten, Versicherungen, Weiterbildung – genauer: für die Offerten des DPV (Deutscher Presse-Verband) und seines Klons bdfj (Bundesvereinigung der Fachjournalisten). Der Kaufmann, der diese und weitere Vereine hochgezogen hat, lässt sich nicht in die Karten schauen. Selbst seinen Namen verrät er nicht jedem: Christian Zarm.

Makler rühmen die Lagunensiedlung Carolands als bestgehüteten Geheimtip von Bonita Springs. Zur Grundausstattung gehören Palmen vor dem Haus und Bootsstege dahinter. In Minuten sind die Freizeit-Skipper im Golf von Mexiko. Eine typische Villa mit Pool im Wintergarten kostet trotz Rezession noch 1.999.995 Dollar.

Rückzüge in dieses Bilderbuch-Millionärsghetto in Südwestflorida kann sich Christian Zarm (43) seit 1997 erlauben. Damals bekam der Hamburger Kaufmann von der 83-jährigen Charlotte Parge-Zarm einen Bungalow in herrlicher Lage überschrieben. Später wertete der mutmaßliche Enkel Omas Ferienhaus durch ein Obergeschoss auf.

Nicht nur die US-Immobilie deutet darauf hin, dass Zarm – der Journalist sein will, aber noch nie durch Ehrgeiz auffiel, sich als Schreiber einen Namen zu machen – ein privilegiertes Leben führt. Wie es aussieht, lässt der Vespa-Freak gern mal alles stehen und liegen, um ganze Kontinente auf alten Motorrollern zu durchqueren – inkognito mit einem Vereinskameraden. „Die geheimen Geschäfte des Vespisto“ weiterlesen

Qualität kostet Geld…

…sage nicht nur ich. Sondern auch Professor Hans J. Kleinsteuber von der Uni Hamburg im Interview mit turi-Mitarbeiter Björn Czieslik.

interview2: Prof. Hans Kleinsteuber, Uni Hamburg

Medienpartner? Jawosammadenn?

Ach, jetzt werd‘ ich auf meine alten Tage doch noch zum Blogger, und zwar zum fiesen Anti-PR-Blogger. Schickt mir doch eine Agentur, deren Inhaber früher mal ein netter Journalistenkollege war, zum x-ten Mal einen nichtsnutzigen Online-Waschzettel, in dessen Anschreiben ich als "Medienpartner" angeschwätzt werde.

Medienpartner? Das schreiben doch Veranstalter kulturell minder merkenswerter "Events" immer hin, wenn sie einen Kooperationsvertrag mit einem Sender oder einer Zeitung geschlossen haben, der die Redaktion zum Nihil-nisi-bene-Journalismus zwingt.

Eine Medienpartnerschaft sorgt nicht nur dafür, dass in dem Partnermedium kein böses Wort über den Schmarrn landet, sondern dass auch die Konkurrenz die Schnauze hält – frei nach dem Motto: Wer sind wir denn, dass wir für ein Event unserer Rivalen Arbeitskraft vergeuden würden?

Das Wort ist eine noch üblere Sprachkrankheit als der einst so beliebte "Pressevertreter", den ich gerne mit dem Argument abgewehrt habe, ich sei doch kein Drücker, der als freier Handelsvertreter arglosen Menschen Abonnements von Blättern andreht, für die ich nie schreiben würde.

Bärendienstleistung

Die Bundesregierung will den Servicesektor erforschen lassen. Am besten, sie beauftragt Historiker.

Endlich wissen wir, was unsere Innovationspolitiker unter „schnell“ verstehen: binnen einer Legislaturperiode. Es gelte „schnell eine profilierte Dienstleistungswissenschaft aufzubauen“, hatte 2005 die halbamtliche Initiative „Partner für Innovation“ gefordert, auf dass Theoretiker und Praktiker gemeinsam solide Grundlagen schüfen für die Entwicklung zukunftsweisender Service-„Produkte“.

Kaum vier Jahre später packt’s die Bundesforschungsministerin auch schon an. Annette Schavan will von ihren Forschern „wissen, was Dienstleistungen erfolgreich macht“. Das ist ihr bis zu 15 Millionen Euro Steuergeld wert. Pro Jahr. Zweierlei weiß die neugierige Ministerin allerdings schon vorher. Erstens sind Dienstleistungen (also Tätigkeiten so unterschiedlicher Menschen wie Ingenieure, Redakteure, Coiffeure oder Bilanzfriseure) „weltweit Motor für Wachstum und Beschäftigung“. Und zweitens ist dieser im Fachdeutsch „tertiär“ genannte Sektor, der in der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft angeblich für 70 Prozent der Wirtschaftsleistung steht, zu unproduktiv. Die Forschungsvorhaben sollen nämlich unter anderem eruieren, inwieweit die Fertigungsindustrie als Rationalisierungsvorbild für Branchen taugt, die keine greifbaren Güter zu verkaufen haben, sondern etwas Immaterielles wie Wissen oder Rechtsansprüche.

Als Spielverderber könnte man jetzt einwenden, dass die tertiären Hemdenträger („white collar workers“) die Weltwirtschaft nicht zuletzt deshalb dominieren, weil sie mit ihren Ideen die Produktivität der sekundären Blaumänner derart auf die Spitze getrieben haben, dass die Fabrik als Motor für Beschäftigung ausgedient hat. Falls die ministerielle Ausgangshypothese stimmt und die Erfahrungen aus diesem Segment übertragbar sind, müsste die Dienstleisterzunft konsequenterweise ihr Know-how dazu nutzen, sich früher oder später selbst wegzurationalisieren – eine Aufgabe, die selbst hartgesottenen Jobkilling-Profis einen Tick zu weit geht.

Fürs Erste könnten die Service-Vordenker den Hebel bei ihren subalternen Kollegen ansetzen. Handel, Banken und Behörden haben ja den Spielraum für ultimativ-produktive Selfservice-Konzepte längst nicht ausgeschöpft. Neben der Werbung für Do-it-yourself-Kassenscanner böten sich Maßnahmen zur Akzeptanzsteigerung von Sprachcomputern auf 01805-Hotlines an („Sie haben; drei! Gelbe Bananen? Gewählt!“). Selbst der naivste Kunde verzichtet freiwillig auf die Stimme eines echten Callcenter-Agenten, bucht man ihm erst einmal fünf Euro Personalkosten plus Gewinnmarge ab. Kleiner Haken: Aus volkswirtschaftlicher Sicht fiele diese Art von Serviceoptimierung in die Kategorie Bärendienst.

Um unserem Gemeinwesen einen solchen zu ersparen, könnte man Frau Schavan auch daran erinnern, dass die Finanzdienstleister ganz ohne F&E-Förderung viel mehr innovative „Produkte“ ertüftelt haben, als der Welt gut tat. Oder noch besser: Es rafft sich jemand auf, im Forschungsministerium für die Erkenntnis zu werben, dass ein Etikett „Dienstleistung“ längst obsolet ist. Die technische Entwicklung hat die scharfen Grenzen zwischen Arbeitern und Angestellten, zwischen Kunden und Lieferanten verwischt. Jeder, der am Wirtschaftsleben teilnimmt, arbeitet heute mehr oder weniger als Dienstleister. Studienobjekt wäre ergo alles. Oder nichts. Warum also nicht Deutschlands Historikern die 15 Millionen Euro Subventionen zustecken – für die abschließende Analyse jener Epoche, in der Dienstleistung eine Perspektive für Menschen war, deren Jobs Maschinen übernahmen.

ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, versucht als journalistischer Dienstleister für Zeitschriftenredaktionen innovativ zu bleiben.

Aus der Technology Review 6/2009, Kolumne FROITZELEIEN