Pionier-Schicksal: Wieder mal zu früh gestartet

Wenige Monate nach der Stabübergabe bei der „Computer Seller Business“ an Damian Sicking hatte Computerwoche-Chef Dieter Eckbauer den nächsten Auftrag für mich: ein Wirtschaftsmagazin für die noch sehr überschaubare Online-Branche musste her. Damals, Ende 1995, wagte man von DSL-Anschlüssen nicht einmal zu träumen. Breitbandnetze stellte man sich vor als Glasfaserleitungen bis zum Verbraucher oder eben als Aufrüstung von Fernsehkabelnetzen. Es war Zukunftsmusik, und wir schickten uns an, die Kritiken zu dieser Musik zu schreiben. Zwei Jahre ging das gut, dann wurde das Pionierprojekt der Verlagsleitung zu heiß. Sie verkaufte – sorry, das sagt man so – die Abonnenten an die Neue Mediengesellschaft, die mit ihrer „Internet World Business“ bis heute Marktführer bei den einschlägigen Fachtiteln ist.

Kreditkartentelefone: Teure Variante

Vorsicht vor privaten Kreditkartentelefonen. Die Gespräche können teuer werden.

WirtschaftsWoche 8/1996

Die Plexiglas-Telefonhaube im Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin wirkt auf den ersten Blick vertraut. Der Fernsprecher, der jetzt unter der Haube hängt, stammt jedoch eindeutig nicht aus dem Fundus des Fernmeldeamts: rechts neben der Tastatur ein Schlitz zum Durchziehen einer Kreditkarte, links vom Hörer ein grünliches LC-Display, in der Mitte das rote Emblem „CCC“.

Ungewohnte Anblicke bieten sich auch eine Etage tiefer, im ICC-Foyer.

WirtschaftsWoche 8/1996

Auf dem Tresen springt eine türkisfarbene Werbetafel den Besucher an: „Hier können Sie mit Kreditkarten faxen, telephonieren, kopieren“. Davor thront das „Wellcom Fax & Phone“, ein Kombigerät im Design einer Registrierkasse mit einem türkisfarbenen Hörer als Blickfang.

Ein Anblick, an den der Reisende sich gewöhnen muß: Immer öfter begegnet er den Kreditkartentelefonen privater Anbieter. Doch nutzen sollte der Kunde die Angebote lieber nicht. Denn die Tarife der Gesellschaften liegen erheblich über denen der Deutschen Telekom AG.

Statt mit deutschen Gebühreneinheiten oder den auf dem Weltmarkt üblichen Minutenpreisen operiert etwa die 3C Communications GmbH mit einer eigenen Variante. „Eine Gesprächseinheit ist sieben Sekunden“, liest der Kunde auf dem Display. Falls der Benutzer sich an einem jener Standorte befindet, an denen tatsächlich eine Preisliste aushängt, erfährt er auch, was diese Einheit kostet – nämlich zwischen zwei Pfennig für ein Ortsgespräch und üppigen 1,45 Mark für Verbindungen zu Zielen außerhalb Europas.

Ein simples fünfminütiges Gespräch Frankfurt-Hamburg vom Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, wo 3C Communications unlängst neben der Delta-Lounge ein „Calling Center“ eingerichtet hat, schlägt sich so auf der Kreditkartenabrechnung mit 17,19 Mark nieder. Zuschlag gegenüber einem Kreditkartentelefon der Telekom: 155 Prozent.

Der zweite Anbieter benimmt sich korrekter. Jedes Gerät der Wellcom Secur Computer Systems GmbH listet übersichtlich sämtliche Preise auf. Obendrein betreibt Wellcom eine kostenlose Hotline und druckt Quittungen mit Verbindungsdaten und Mehrwertsteuernachweis aus.

Billig ist der Kreditkartenapparat dennoch nicht: Für jeden Telekom-Zählimpuls berechnet Firmengründer Hans Weller 35 Pfennig – zuzüglich drei Mark Grundgebühr und alle zehn Sekunden 15 Pfennig Zuschlag. Damit kostet Anrufer das Fünf-Minuten-Gespräch zwischen Hamburg und Frankfurt 16,95 Mark. Fast so viel wie beim privaten Konkurrenten 3C Communications.

Da lohnt es sich, auf einen freien Kreditkartenapparat der Telekom zu warten. Mit 6,75 Mark für fünf Minuten stellt der Kommunikationsriese bei weitem das billigste Angebot für Kreditkartennutzer. Zumindest derzeit noch. „Wir hoffen, daß wir unsere Preise in Flughafenlounges bald selber festlegen dürfen“, sagt Telekom-Sprecher Stephan Althoff. Eine Untersuchung zum Thema läuft gerade beim Bundespostministerium.

Am meisten sparen Reisende sowieso mit den Standard-Telefonkarten der Telekom. Damit kostet die Tarifeinbeit am öffentlichen Apparat 20 Pfennig – nur acht Pfennig mehr als beim Telefonat von zu Hause.

Ulf J. Froitzheim

Focus

Online in die Zukunft: Ein Phänomen mit Macken

22.01.1996 | Das Internet droht am eigenen Erfolg zu ersticken. In Stoßzeiten ist das Weltnetz oft überlastet. Firmen wollen es jetzt flottmachen.  Heft 4/1996

CEBIT: Im Labyrinth

14.03.1994 | Trotz Entrümpelung: Die CeBIT-Aussteller machen dem Besucher die Orientierung schwer. Heft 11/1994

NEUROBIONIK: Nerven aus Draht

03.10.1993 | Der menschliche Körper als Aggregat von Sensoren, Datenleitungen und Biocomputern – die Ersatzteilentwicklung macht Fortschritte. Heft 40/1993

Bitte nur schnelle Bits

Computer to plate heißt der Schlüssel zur schnellen Übertragung von Daten im Mediengeschäft.

Wie es bei der Kampagne zur Markteinführung von Windows ’98 zugehen könnte, läßt sich heute schon ausmalen: Weil es zwei Jahre vor der Jahrtausendwende immer noch nicht ausreicht, im Internet die virtuelle Werbetrommel zu rühren, hat sich Microsoft prominente Plazierungen in diversen Printmedien reserviert. Die Vorlaufzeiten sind bis auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Erst wenige Stunden vor dem jeweiligen Andruck überspielt der Softwarekonzern seine Motive via Multiplex-ISDN direkt in den Computer der Druckerei, der die Pixel mittels eines Hitzelasers unmittelbar in die Druckformen brennt. Microsoft will so seinen USP demonstrieren: höchst aktuell und zeitnah zu sein. Oliviero Toscani geht noch einen Schritt weiter: Er stellt brandaktuelle Agenturfotos in den Mittelpunkt seiner 1998er·Benetton·lnserate. Anzeigenleiter schwitzen Blut und Wasser, weil sie juristisch heikle Kreationen manchmal erst zu Gesicht bekommen, wenn das Heft schon gedruckt ist. „Bitte nur schnelle Bits“ weiterlesen

Finanzierung: Publikum quälen

Online-Dienste brauchen Werbeeinnahmen, um Profit zu machen. Noch fehlen Konzepte, die die Verbraucher akzeptieren.

McDonald’s war dabei. Bei der Premiere des Microsoft Network (MSN) prangte das Logo des Hamburger-Konzerns auf jeder Newsseite. Damit profitierte der Klopsebrater indirekt von dem gewaltigen Marketingrummel, den Microsoft um seine Software Windows 95 und den Online-Dienst MSN inszenierte.

Was der Reklamegag gekostet hat, wird streng geheimgehalten. Es war so etwas wie ein Testlauf. Eine Preisliste für Annoncen gibt es im Microsoft-Netz noch nicht. Auch die dazugehörige Software Blackbird, die eine genaue Selektion der Zielgruppen möglich machen soll, kommt erst zum Jahresende heraus.

Werbung in Online-Diensten steckt noch in den Kinderschuhen. Dabei ist sie langfristig von größter Bedeutung. „Die Aboerlöse werden in den Hintergrund treten“, erwartet Berthold Stukenbröker, Partner der Consulting Trust in Ratingen bei Düsseldorf. „Die Online-Dienste“, sekundiert eine Studie der MGM Media Gruppe München, „werden nur über Werbung finanzierbar sein.“

Auch die Diensteanbieter, die sich zunehmend auf dem Internet tummeln, brauchten die zusätzlichen Geldquellen – vor allem um die Anlaufverluste möglichst gering zu halten. Wer etwa unter der Adresse http://nytimesfax.com die vor wenigen Wochen installierte Kurzausgabe der „New York Times“ aufruft, erblickt zuerst ein Logo des Hardwareanbieters Insight.

Beim Microsoft-Dienst sind Einnahmen aus Werbung und Marketing von Anfang an fest eingeplant. Fachverlage wie IDG („PC-Welt“) oder Vogel („Chip“) können, wenn sie demnächst mit Online-Ausgaben ihrer gedruckten Titel auf den Markt gehen, Teile ihrer Bildschirmseiten an ihre Inserenten vermieten. MSN, eine 80prozentige Tochter der Microsoft Corp., hat Anspruch auf 20 Prozent der Erlöse. An Reisen, die via PC und Modem gebucht werden, will Multimilliardär Bill Gates ebenso mitverdienen wie am Versandhandel im Cyberspace. Für jedes Geschäft, das über seine Datenleitungen läuft, kassiert MSN eine Provision von mindestens fünf Prozent. Vorteil für den Verbraucher: Dank dieser Mischfinanzierung halten sich die Kosten für die Nutzung des MSN mit einer Pauschale von 14
Mark pro Monat für maximal zwei Stunden Netzsurfen in Grenzen.

Damit ist automatisch der Kalkulationsrahmen für die Nachzügler festgezurrt. Denn Microsoft hält im Grand Prix der neuen Online-Dienste die Poleposition. In der kommenden Weihnachtssaison wird MSN für neun von zehn Computerkäufern das einzige Datennetz sein, dessen Zugangssoftware sie fix und fertig installiert auf der Festplatte vorfinden werden. MSN ist Bestandteil von Windows 95. Die Herausforderer Bertelsmann und Europe Online, die demnächst an den Start gehen, müssen ihr Publikum dagegen erst einmal motivieren, die für die Nutzung dieser Dienste nötigen Kommunikationsprogramme eigenhändig auf die Festplatte zu kopieren.

Daher dürfte es für die Nachzügler schwer werden, die ehrgeizigen Ziele zu erreichen. Bertelsmann-Vorstandsmitglied Thomas Middelhoff beispielsweise hatte noch im Frühjahr getönt, das Joint Venture mit dem US-Marktführer America Online (AOL) werde zur Jahrtausendwende mit über einer Million Mitgliedern mehr als eine Milliarde Mark Umsatz erwirtschaften – eine Rechnung, die nicht einmal ansatzweise aufgeht, wenn nicht Werbekunden oder Sponsoren den Löwenanteil der Kosten tragen. Doch genau da tut sich der Mediengigant aus Gütersloh schwer: Die kritischen deutschen Kunden dürften nicht mit aufdringlicher Reklame verschreckt werden, heißt es.

Auch der Burda-Dienst tastet sich vorsichtig an die neuen Werbemöglichkeiten heran. Am Fuß jeder Bildschirmseite ist Platz für einen kleinen Hinweis auf Werbung an anderer Stelle. Informationsanbieter (und damit vor allem die an Europe Online beteiligten Medienkonzerne) können diese Fußleistenanzeigen an ihre Werbekunden vermieten – ein Verfahren, das nicht neu ist. In Bildschirmtext wird es seit Jahren praktiziert, etwa bei der Telefonauskunft der Detemedien oder bei der Düsseldorfer BBDO-Interactive-Tochter Infoplus.

Doch das ist schon alles. Mit eingeblendeten Grafiken, Bildern oder Logos, über die man bestenfalls zu mehr Informationen oder einem interaktiven Spielchen gelangt, erschöpft sich die Phantasie der Online-Werber. „Alles erinnert an die Printmedien“, findet Consultant Stukenbröker. Pech für die inserenten: „Noch bevor die Werbebotschaft auf dem Bildschirm erscheint, haben die Netzsurfer das Bild weggeklickt“, sagt Ingo Hamm, Leiter des virtuellen Forschungsinstituts
Netvertising (http://www.bwl.uni-mannheim.de/Hamm).

Ein denkbarer Ausweg aus der Werbemisere wäre, den Anwender mit einem konkreten Nutzwert zu locken. So wäre es technisch überhaupt kein Problem, eine regionale Gebrauchtwagen-Datenbank einzurichten, in der man sein Wunschfahrzeug suchen kann – etwa einen grünen Passat Variant Diesel ab Baujahr 1990 mit Schiebedach, der höchstens 15000 Mark kostet. Fast alles, was die Tagespresse in unübersichtlichen Rubriken abdruckt, könnte gleichzeitig in einer komfortablen Online-Version verbreitet werden: von der Hobby-Fundgrube über Wohnungsinserate bis zum Stellenmarkt. Und das, bei Bedarf, multimedial aufbereitet.

Wie so etwas geht, zeigt der New Yorker Online-Dienst Metroconnect Inc. in New York, der Anfang des Jahres seinen Probedienst aufgenommen hat. Zu den Tricks, die Metroconnect beherrscht, gehört etwa die automatische Buchführung über Anfragen und Bestellungen. Ist beispielsweise ein beworbenes Kontingent an Theaterkarten ausverkauft, nimmt der Computer das Inserat automatisch aus dem Netz. Für Bertelsmann-Vorstand Middelhoff sind solche virtuellen Anzeigenblätter jedoch nicht mehr als eine „Vision am Horizont“, obwohl regionale Tageszeitungen am deutschen AOL-Dienst beteiligt werden sollen. Und auch Burda, aus dessen Hause Metroconnect stammt, zog einen Test in New York vor, wohl weil der deutsche Markt dafür noch nicht reif erscheint.

So wird der deutsche Netzsurfer noch länger wenig profihaft gemachte Werbebotschaften ertragen müssen. Selbst renommierten Unternehmen sind dilettantische Auftritte etwa in Telekom-(T-)Online, dem mit über 800.000 Nutzern größten Dienst in Deutschland, anscheinend nicht peinlich. Da quält Mercedes-Benz sein Publikum mit einem grobkörnigen Bildchen der neuen E-Klasse, dessen Aufbau zwei Minuten dauert und das im Vergleich zu einem guten Fernseh-Werbespot so aufregend ist wie eine Klinikpackung Schlaftabletten. Insgesamt ist der Informationsinhalt dürftiger als in jeder Zeitungsanzeige.

Auch Volkswagen hat noch Mühe mit dem neuen Medium. Einsendeschluß des interaktiven Preisausschreibens, mit dem die Wolfsburger im September in T-Online auf sich aufmerksam machen wollten, war der 31. März 1995.

Ulf J. Froitzheim

aus der WirtschaftsWoche 42/1995