Die Freiheit, die ich meine

Mein Kölner Kollege Timo Stoppacher sammelt gerade Meinungen zum Thema Freiberuflichkeit und hat eine „Blogparade“ gestartet: Warum ich gerne freier Journalist bin #darumfrei.

Nun denn, hier ist mein Senf dazu. Ich kann bei dem Thema mitreden, weil ich mich vor gut 23 Jahren selbständig gemacht habe. Wer erwartet, dass ich deshalb ein Loblied auf die Freiberuflichkeit singe, wird allerdings enttäuscht sein. Deutschland ist nämlich ein Angestelltenland, dem die Angestelltenmentalität ganz tief in den Knochen steckt. Wissen über oder Verständnis für meine Form der Berufstätigkeit ist nicht allzu weit verbreitet in der Gesellschaft. Wer sich eine Existenz als Freiberufler aufbauen möchte, muss bedenken, dass wir Kleinunternehmer für die Mehrheit der Bevölkerung und auch für unsere Politiker immer noch Exoten sind – wie ich es hier einmal beleuchtet habe. Für die mehr oder minder sozialdemokratischen Parteien, aus denen sich sämtliche Mitglieder unseres Bundestags rekrutieren, ist das Arbeitnehmertum ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Annahme, „die Wirtschaft“ sei ein Synonym für „die großen Konzerne“. Dass es in diesen Fraktionen auch ein paar Selbständige gibt, ändert nichts an den Parteilinien.

Was heißt es denn nun, Angestellter zu sein oder Freier? „Die Freiheit, die ich meine“ weiterlesen

ZDF verrechnet sich gewaltig

Warum macht das ZDF den Händler Amazon größer und mächtiger, als er ist? Die Sendung „Die Macht von Amazon“ (Mittwoch abend) wird heute so beworben:

„Schon heute organisiert der US-amerikanische Online-Versandhändler mit Sitz in Seattle etwa ein Viertel des gesamten deutschen Handels. …

2014 hat der US-Konzern in Deutschland einen Umsatz von 11,9 Milliarden Dollar erzielt – 1,5 Milliarden mehr als im Vorjahr.“

Zur Einordnung: Der deutsche Einzelhandel setzt mehr als 450 Milliarden Euro pro Jahr um. Anders gesagt: 2,6 Prozent sind kein Viertel. Da ist wohl das Komma um eine Stelle verrutscht.

 

 

Ente recycelt

Der „Kontakter“ und in der Folge der Mediendienst „turi2“ haben laut Kai-Hinrich Renner etwas „kolportiert“, nämlich ein unzutreffendes Gerücht über einen baldigen Verkauf der brandeins-Anteile von Oliver Borrmanns bmp. In der von turi2 nachgeplapperten Kolportage wurde die angestaubte turi2-Nachricht recycelt, Gruner+Jahr interessiere sich für die Anteile. Selbst wenn es so wäre: G+J passt nicht zu brandeins. Dieses Urteil maße ich mir an, denn ich kenne beide Häuser ziemlich gut. Und nach allem, was ich über Borrmann weiß, ist er klug genug zu wissen, dass er Gabriele Fischer und ihrer Redaktion so einen Deal nicht antun kann. brandeins ist ein journalistisches Projekt, kein beliebiges Verlagsobjekt. Es geht zwar nur um eine Minderheitsbeteiligung, aber das Signal wäre gefährlich: In dem Moment, in dem es scheint, als greife ein Konzern wie Bertelsmann nach der Macht über die Marke, wäre deren Identität bedroht.

Als Eiskrem-Fan muss ich da an Ben & Jerry’s denken. Seit die Kultmarke in die Hände liebloser Produktmanager des Langnese-Konzerns Unilever fiel, entwickelte sich daraus – ganz egal, wie die Tochterfirma ihre Unabhängigkeit beteuert – ein austauschbares Supermarktprodukt für das LoHaS-Segment. Die Andersartigkeit wird vor allem durch ein Fairtrade-Siegel für den enthaltenen Rohrzucker (!) betont, der praktischerweise billiger ist als hiesiger Rübenzucker. Ben und Jerry wären übrigens auch nie auf die Idee gekommen, mit Sojaöl, Reismehl und Kartoffelflocken zu hantieren.

Vergesst das BGE – endlich!

Diesen Text schreibe ich zum Verlinken – wenn mal wieder auf Twitter fürs Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) getrommelt wird.

1. Die große Lebenslüge der GE-Freunde ist das B am Anfang. Ein Grundeinkommen kann niemals bedigungslos ausgezahlt werden. Sobald es an eine Staatsbürgerschaft, Herkunft oder auch nur den Aufenthalt in einem Land gekoppelt wird, ist es nicht mehr bedingungslos. Ein BGE muss unbürokratisch an mehr als sieben Milliarden Menschen ausgeschüttet werden, sonst ist der Name unwahr und verlogen. Die utopische Voraussetzung wäre demnach, dass alle Staaten der Erde mitmachen und ungeachtet aller Unterschiede in Kaufkraft und volkswirtschaftlicher Leistungsfähigkeit allen die gleiche Summe bezahlen.

2. Über ein bedingtes Grundeinkommen (praktischerweise hätte es die gleiche Abkürzung) kann man reden. Dann muss man aber auch darüber reden, wie man einen gesellschaftlichen Konsens darüber herstellen will. Ein solches BGE wäre damit verbunden, dass so gut wie alle anderen Sozial- und Transferleistungen ersetzt oder in einem Instrument konsolidiert, de facto also abgeschafft würden.

3. Ein Grundeinkommen wäre schon dann nicht mehr bedingungslos, wenn es für Kinder nicht gleich hoch wäre wie für Jugendliche, für Singles nicht gleich hoch wie für Paare oder Familien. Es einheitliches GE wäre ein sozialpolitisches Steuerungsinstrument, das einen Anreiz böte, viele Kinder zu bekommen. Das gilt zwar angesichts der Überalterung der Bevölkerung als wünschenswert, aber eben nur solange die Sozialkassen damit Einzahler gewinnen und keine zusätzlichen Leistungsbezieher.

4. Die Erfahrung aus den letzten Jahren lehrt, dass ein GE vor allem von denen gefordert wird, die für sich möglichst viel für lau herausschlagen wollen: Künstler und Kreative wie Komponisten, Fotografen, Journalisten, Filmschaffende und Schriftsteller sollen gefälligst von der Grundsicherung leben, sich also mit dem Existenzminimum begnügen, damit die Mehrheit der Bevölkerung ihre Werke kostenlos genießen und mit der Welt teilen kann. Dahinter steckt eine Hybris, eine sehr unsympathische Arroganz von Leuten, die sich für die Oberklasse einer Zweiklassengesellschaft halten. Sie selbst wollen natürlich weiter arbeiten, um zusätzlich zum Grundeinkommen ein Gehalt zu beziehen (das natürlich etwas niedriger ausfiele als heute), während sie den Künstlern das Zusatzeinkommen nicht zugestehen, es sei denn, diese ackerten wie blöde in ihrer Freizeit dafür. Künstler müssten auf jeden Fall mehr arbeiten für – unter dem Strich – weniger Geld.

5. Da sich die Bessergestellten, die zusätzlich zum GE einen gut bezahlten Job hätten, keine Gedanken mehr um die vermeintlich gut abgesicherten Nicht-Erwerbstätigen machen müssten, würde die Gesellschaft nicht etwa solidarischer. In Wirklichkeit würde sie weiter gespalten. Die Ghettoisierung würde sich fortsetzen oder steigern: Hier die billigen Quartiere für GE-Bezieher, die ja keine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mehr bräuchten, weil sie nicht zum Arbeitsplatz pendeln müssten, dort die gentrifizierten Luxusquartiere für den privilegierten Teil der Gesellschaft. Durchbrochen würde diese Zweiteilung allenfalls durch kinderreiche Familien, die sich durch die Kumulierung von GEs bessere Wohnungen auch ohne Arbeit leisten könnten, damit aber den Hass derer auf sich zögen, die sich nur durch (nicht-künstlerische) Arbeit die bessere Wohngegend leisten können.

Kurz gesagt: Selbst wenn ein bedingtes GE finanzierbar wäre, würde es nicht zum sozialen Frieden beitragen.

 

Sack FMCG im asiatischen Netz umgefallen

HB-FMCG

Eine bemerkenswert absurde Überschrift hat sich soeben die Handelsblatt-Online-Redaktion aus den Fingern gesogen: „Asien hängt Europa beim Lebensmittel-Onlinekauf ab“. Das liest sich erstens so, als sei es in irgendeiner Weise ein sinnvolles Ziel für eine Volkswirtschaft, dass die Menschen nicht mehr einkaufen gehen, sondern sich alles vom Postboten liefern lassen, und zweitens so, als gebe es ein Wettrennen europäischer und asiatischer Handelsunternehmen um die Weltmarktführerschaft in der Mini-Mini-Nische des Online-Lebensmittelvertriebs.

Bei genauerem Lesen kommt man dann dahinter, dass in Wirklichkeit gar nicht von Lebensmitteln die Rede ist, sondern von den FMCG, den Fast Moving Consumer Goods, auf gut Altmodisch-Deutsch auch „Güter des täglichen Bedarfs“ genannt (nicht „Dinge“, wie das HB meint). Dazu gehören auch Drogerieartikel wie Seife, Windeln, Waschmittel und Kosmetik, die sich im Gegensatz zu verderblicher und auf eine durchgängige Kühlkette angewiesener Frischware sehr gut im Paket verschicken lassen. Es werden also nicht Äpfel und Birnen in einen Topf geworfen – das ginge ja noch – sondern ungenießbarerweise Äpfel und Nagellackentferner.

Dass in Asien 37 Prozent der Onliner zumindest gelegentlich FMCG im Netz ordern, ist in dieser Oberflächlichkeit – man verzeihe mir die Platitüde, hier passt sie wirklich – so interessant für die Handelsblatt-Leser wie der Sack Reis, der im Befragungsgebiet umfällt.