Bremsklotz für Innovationen

Das Europäische Patentamt sollte innovative Unternehmen fördern, nicht behindern. Im Moment hat es aber vor allem mit sich selbst zu tun.

Aller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund, wenn auch beim zweiten Versuch nichts gelingt. Kommt jemand allerdings beim vierten Anlauf immer noch nicht zu Potte, ist die Grenze zur Peinlichkeit überschritten. Vor diesem Punkt steht gerade das Europäische Patentamt (EPA). Dessen Verwaltungs rat ist seit Oktober 2009 mit nichts anderem beschäftigt, als einen Nachfolger für die derzeitige Präsidentin Alison Brimelow zu wählen. Dreimal gingen die nationalen Emissäre in Klausur, dreimal gab es keinen Sieger, und nur eine verwegene Zockernatur würde viel Geld darauf wetten, dass es beim nächsten Treffen am 1. März besser läuft.

Unterläge das Epa den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie, wäre das Problem längst gelöst – sei es per relativer Mehrheit oder per Stichwahl. Doch das Zeremoniell folgt, warum auch immer, katholisch-feudaler Tradition. Wie im Vatikan gucken die Eminenzen ihren neuen Primus bevorzugt „inter pares“ aus, dringt kein Mucks nach draußen, schaut kein Rechnungshof auf die Kosten. „Bremsklotz für Innovationen“ weiterlesen

Schlag ein i drüber!

Apple-Chef Steve Jobs sollte sich endlich der wichtigen Probleme des Lebens annehmen.

Es war wirklich ein kapitaler Fauxpas, den sich Steve Jobs da Ende Januar geleistet hat. Nicht die Sache mit dem irgendwie unappetitlichen Namen iPad, der einen eher an gewisse Zellstoff-Artikel aus dem Drogeriemarkt denken ließ. Dass die Marke eigentlich längst vergeben war, so etwas interessiert einen Apple-Chef ja nicht. Wenn der Name es ihm wert ist, bekommt die Marken-Konkurrenz notfalls ein paar Millionen Schmerzensgeld.

Nein, sein Fehler war, den undankbaren Apple-Jüngern, die hechelnd vor ihren iMacs hockten und in den Weiten des Netzes jedes Wort der Live-Blogger aufsogen, um sich ihr virtuelles Maul zu zerreißen, überhaupt so ein Gerät zu präsentieren. Wenn der Vertreter von iGod auf Erden schon in der eigenen Kirche predigt, muss er doch seiner Gemeinde etwas nie Dagewesenes bieten. Aber was macht der Pontifex? Er kommt mit einer frohen Botschaft für die Ungläubigen, die darauf gar nicht warten. Das iPad ist platteste Missionsarbeit: eine Art Computer für Menschen, die vor allem deshalb noch keinen Mac besitzen, weil sie von selber nie auf die Idee gekommen wären, dass sie einen brauchen oder wollen. Es ist keinesfalls ein Gerät für eingefleischte iFans, die auf das ultimative iBrett gewartet haben, das sie sich als iPhone-XXL ans iOhr und als iKamera vor den iErkopf halten können.

Da ich Steve Jobs nun mal mag, weil er mich aus meiner Abhängigkeit von Windows befreit und sanft in die von Mac bugsiert hat, will ich ihm helfen, auch unter iFans wieder dankbare Kunden zu finden. Eine repräsentative Umfrage unter drei Familienangehörigen plus Selbstbefragung erbrachte eine ganze Reihe von Produkten, die in einer innovativen Apple-Variante hier im Hause hochwillkommen wären, selbst wenn sie serienmäßig weder eine Kamera noch ein Mobiltelefon an Bord hätten. Meine Tochter regt an, für die Jungs aus den höheren Klassen iAlk zu entwickeln, die Weiterentwicklung der Bierglas-App fürs iPhone. Mit dem Suffsimulator könnten sie sich auf den Oberstufenpartys risikolos volldröhnen und wären bei Verlassen des Gebäudes per Touchpad-Fingerzeig wieder nüchtern und somit auch keine Gefahr mehr im Straßenverkehr. Mein Sohn wünscht sich iTeach, einen Knopf im Ohr, der das unverständliche Zeug, das ein zerstreuter Lehrer redet, simultan in Klartext übersetzt.

Ich selbst – im Haushalt unter anderem für Entkalkungen aller Art zuständig – warte dringlichst auf iShower, den Brausekopf, der per Gestensteuerung selbsttätig die weißen Krümel aus den Düsen schüttelt (eine Funktion, die auch meiner Espressomaschine gut anstünde: iCaffé?). Und meine Frau hat mal wieder Vorschläge, von deren Umsetzung die ganze Familie einen Gewinn hätte: iWash&Dry, den Waschtrockner, der alle Socken nach der Wäsche automatisch zu Paaren sortiert und nie einen verschluckt – und natürlich iMess: den Heimroboter, der den Kindern und dem Ehemann all die Sachen hinterherträgt, die sie im ganzen Haus verteilen.

ULF J. FROITZHEIM, freier Journalist, kann die Erwartungen mancher Apple-Enthusiasten an ihren Computer- und Imagelieferanten nicht immer ganz nachvollziehen.

Aus der Technology Review 3/2010, Kolumne FROITZELEIEN

Seniorenteller statt Jumboplatte

Moderne PC-Speicher schlucken mehr Daten, als unser Gehirn sich vorstellen kann.

Lange bevor meine Kinder ahnten, dass sie 2010 als „Digital Natives“ gelten würden, als Eingeborene des virtuellen Landes Digitalien, haben wir zusammen im Bilderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ geblättert. Die verschlingt regelrecht die Seiten, aufdie sie gedruckt ist, und verdrückt im Verlaufe ihrer Fressorgie ein Vielfaches dessen, was Erwachsene einem so kleinen Wesen zutrauen würden.

Dieses antiquarische Bücherwürmchen kam mir in den Sinn, als ich mich neulich mal wieder mit meiner Datensicherung herumplagen musste: Sind sie nicht auch klein und enorm gefräßig, diese Festplatten, die uns heute von den Media-Märkten nachgeschmissen werden? Haben sie nicht, um im Bilderbuch zu bleiben, den Magen eines Elefanten im Körper einer Mücke? Fehlt uns digitalen Immigranten, die als Halbwüchsige die Geburt der 360-Kilobyte-Floppy-Disk miterlebten, nicht auch jegliches Vorstellungsvermögen dafür, wie diese modernen Daten-Fressmaschinen den immensen Input verdauen?

Würde ich meinen Rechner nur als Schreibmaschine verwenden, müsste ich 62,5 Millionen Kolumnen verfassen, bevor mir auf einem handelsüblichen Ein-Terabyte-Speicher allmählich der Platz ausginge. Selbst wenn ich täglich eine Froitzelei bloggte, bräuchte ich erst in 117.115 Jahren und knapp acht Monaten anzufangen, die ältesten Texte zu löschen. Da diese schöne Aussicht weder zu meiner Lebenserwartung noch zu der meiner Festplatte passt, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, um die Hardware auszulasten, am besten etwas Audiovisuelles. Leider bin ich als Filmemacher völlig talentfrei. Bleiben nur Fotos oder Musik. Um mein Terabyte zu füllen – und mich so vielleicht fürs Guinness-Buch der Rekorde zu qualifizieren –genügen davon schon 200.000 Stück: Wetten, dass ich länger als ein Jahr Musik spielen kann, ohne dass sich ein Titel wiederholt? Oder wie wäre es mit einer einwöchigen Nonstop-Diaschau, bei der kein Foto zweimal zu sehen ist?

Der Haken an solchen Multimedia-Materialschlachten ist weniger die Wiedergabe als die Aufnahme. Selbermachen ist nicht drin: In 30 Jahren haben sich gerade mal 25.000 Bilder angesammelt, und schon beim Einscannen dieser 150 Diamagazine und Kilos von Negativen wird man alt und grau. Alte Vinylplatten und Kassetten zu digitalisieren ist auch nicht besser. Also her mit der fetten mobilen Festplatte, die mir ein befreundeter Musikfreak neulich angeboten hat: „Schau doch erst mal, ob die Songs bei mir nicht schon drauf sind!“ Probiert, kopiert, storniert. Das Ende vom Lied sind nämlich – neben ein paar Raritäten, die man für Geld nicht kaufen kann – Hits in vier Versionen in fünf Klangqualitäten unter sechs Dateinamen sowie ein Riesenrepertoire an kakophonischen Werken und missglückten Radiomitschnitten.

Ich könnte das Projekt in den Ruhestand vertagen. Bis dahin aber fassen Festplatten Petabytes: 200 Millionen Lieder, genug für 1000 Jahre. Solche Ausdauer hat keine Guinness-Jury. Im Übrigen sehe ich schon heute bei meinem Schwiegervater, was man als Rentner mit moderner Technik so alles mitmacht. Der alte Herr experimentiert gern mit Foto-Verbesserungssoftware, aber natürlich nicht mit den Originaldateien, sondern nur mit Kopien – und manchmal vergisst er, dass er längst welche gemacht hat. Weil sein Computer auch automatisch Backups speichert, kommen mit der Zeit eklatante Datenvorräte zusammen, die nur noch ein echter Digital Native in mühevoller Kleinarbeit ausmisten kann. Um tagelang dazusitzen und völlig identische Doubletten, Tripletten und Quadrupletten in den digitalen Papierkorb zu sortieren, reichen freilich mickrige 120 Gigabyte allemal.

Was lernen wir nimmersatten Computeristen daraus? Voll kriegt man den Speicher nur durch Redundanz. Beim nächsten PC ordern wir nicht mehr die opulente All-U-Can-Eat-Fest-Platte, sondern ganz bescheiden den Kinder- oder Seniorenteller.

ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, hat derzeit 86 Gigabyte an Daten plus Software auf seinem Notebook.

Aus der Technology Review 2/2010, Kolumne FROITZELEIEN

Nachwuchs-Verhütung

Nicht erst durch die Studentenproteste ist der Bachelor-Studiengang in Verruf geraten. Auch die hohen Abbrecherquoten in den technischen Fächern bereiten Probleme – vor allem der Wirtschaft. Erste Projekte zeigen: Es geht auch anders – wenn man gute Ideen und viel Idealismus mitbringt.

Ein bemerkenswertes Kontrastprogramm ist das: Während immer mehr Bürger um ihre berufliche Zukunft bangen, treibt manche Arbeitgeber die Frage um, wo sie bloß neues Fachpersonal herbekommen sollen, wenn ihre älteren Spezialisten demnächst in Rente gehen. „Wir wissen, dass der Ersatzbedarf an Ingenieuren in den nächsten Jahren nicht gedeckt ist“, sagt Carola Feiler, Bildungsreferentin des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). ,,2014 werden 220000 qualifizierte Fachkräfte fehlen.“

Da gäbe es also eine Menge anständig bezahlter Jobs, und keiner will sie haben? Die Wahrheit ist vertrackter. Es stimmt zwar, dass das Interesse der Schulabgänger an Naturwissenschaft und Technik steigerungsfähig wäre. Allerdings hätten die Unternehmen wenig Nachwuchssorgen, wenn alle Gymnasiasten und Fachoberschüler, die Ingenieure werden wollen, ihr Ziel auch erreichten.

Leider fallen allzu viele auf dem Weg dorthin durch den Rost. Die Studienreformen der letzten Jahre haben in den „Mint“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht etwa – wie von der Politik versprochen – mehr Absolventen, sondern mehr Abbrecher hervorgebracht.  „Nachwuchs-Verhütung“ weiterlesen

Hände hoch, Mund auf!

Um ihre DNA-Datenbank voll zu kriegen, verhaftet die britische Polizei unschuldige Männer. Es ginge auch einfacher – mit Gentests schon im Kreißsaal.

Britannien ist nicht einfach nur groß, sonst hieße es Big Britain. Es ist besser als big. Es ist great. Ein großartiges Land, stilvoll, gediegen, aristokratisch, dabei ohne falsches Understatement – euer United Kingdom, liebe Briten, verkörpert gewissermaßen das Oberhaus unter den Staaten. Wofür die Weltmarke „Great Britain“ steht, habt ihr uns Kontinentalbanausen in eurer unnachahmlich feinen englischen Art beharrlich klargemacht: für ein Volk, das sich so perfekt unter Kontrolle hat wie kein anderes in Europa.

Dabei geht ihr absolut mit der Zeit. Eure legendäre Selbstdisziplin beschränkt sich längst nicht mehr auf das Schlangestehen an der Bushaltestelle oder das stoische Ertragen eures Nieselwetters und der englischen Küche. Nein, heute blickt ihr höchst freiwillig in „die toten Augen von London“: Weil eure Schutzleute, die netten Bobbys, nicht überall sein können, habt ihr Überwachungskameras an jede Ecke gehängt und damit der Welt bewiesen, dass ihr alle brave Bürger seid, die nichts zu verbergen haben.

Das Prinzip der Selbstkontrolle ist so tief in eurer Alltagskultur verankert, dass einer Regierungskommission kürzlich Angst und bange wurde, als sie sich fragte, was ihr Briten denn noch alles mit euch machen lasst. Die Irritation dieser für Gendaten zuständigen Aufpasser hatten ausgerechnet die netten Bobbys ausgelöst. Die waren nämlich nicht mehr nur den wirklich bösen Jungs zu Leibe gerückt, sondern allen Jungs, die aussahen, als könnten sie irgendwann böse werden. Um in einem x-beliebigen Kriminalfall als Verdächtiger kurz mal eben verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt zu werden, genügte es dem Bericht zufolge, als Mann unter 35 mit überdurchschnittlich dunkler Hautfarbe einer Streife über den Weg zu laufen. Fast eine Million unbescholtener Migranten bekamen offenbar schon die volle Härte eures Gesetzes zu spüren – in Form eines Wattestäbchens: Mund auffür die Vorratsdaten-Speichelung!

Es ist natürlich Unsinn, New Scotland Yard deshalb gleich Rassismus vorzuwerfen. Bei irgendeiner Bevölkerungsgruppe muss eure Polizei schließlich anfangen, wenn ihr eine landesweite DNA-Datenbank haben wollt, in der jeder potenzielle Gewalttäter (also: Mann) lückenlos erfasst ist. Schlägt im 2l. Jahrhundert ein Mr. Hyde zu, genügt nach der Analyse der Genspuren vom Tatort ein Mausklick, und schon ist Dr. Jekyll überführt.

Hört nicht auf die Regierungskommission, liebe Briten! Lernt von uns Deutschen! Uns braucht keiner festzunehmen. Wann immer wir die Chance bekommen, als völlig Unverdächtige mit bombenfesten Alibis unsere Unschuld mit den Methoden forensischer Biologie nachzuweisen, laufen wir zu Tausenden freiwillig auf die Wache, um Spucke abzugeben. Wir sind durch nichts zu irritieren, weder durch die jahrelange Fahndung nach einer mörderischen Serientäterin, die sich dann als harmlose Arbeiterin der Wattestäbchen-Fabrik entpuppt, noch durch Meldungen, auch DNA-Spuren könne man fälschen.

Warum lassen wir – Briten und Deutsche – nicht schon unseren Säuglingen Genproben abnehmen? Schließlich konnte die Polizei bisher allenfalls vermuten, wir könnten unschuldig sein. Erst wenn Vater Staat unser aller Gene kennt, kommt der ultimative Unschuldsbeweis: Unverdächtig sind alle, deren DNA nicht am Tatort gefunden wird. Eure jungen dunkelhäutigen Mitbürger mit Migrationshintergrund haben das kapiert, als sie mit steifer Oberlippe die Spuckesammlung über sich ergehen ließen. Jetzt ist der Rest an der Reihe.

ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, erinnert sich trübe, dass sich die Menschen einst über so etwas Harmloses wie eine Volkszählung aufgeregt haben.

Aus der Technology Review 1/2010, Kolumne FROITZELEIEN