Nachwuchs-Verhütung

Nicht erst durch die Studentenproteste ist der Bachelor-Studiengang in Verruf geraten. Auch die hohen Abbrecherquoten in den technischen Fächern bereiten Probleme – vor allem der Wirtschaft. Erste Projekte zeigen: Es geht auch anders – wenn man gute Ideen und viel Idealismus mitbringt.

Ein bemerkenswertes Kontrastprogramm ist das: Während immer mehr Bürger um ihre berufliche Zukunft bangen, treibt manche Arbeitgeber die Frage um, wo sie bloß neues Fachpersonal herbekommen sollen, wenn ihre älteren Spezialisten demnächst in Rente gehen. „Wir wissen, dass der Ersatzbedarf an Ingenieuren in den nächsten Jahren nicht gedeckt ist“, sagt Carola Feiler, Bildungsreferentin des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). ,,2014 werden 220000 qualifizierte Fachkräfte fehlen.“

Da gäbe es also eine Menge anständig bezahlter Jobs, und keiner will sie haben? Die Wahrheit ist vertrackter. Es stimmt zwar, dass das Interesse der Schulabgänger an Naturwissenschaft und Technik steigerungsfähig wäre. Allerdings hätten die Unternehmen wenig Nachwuchssorgen, wenn alle Gymnasiasten und Fachoberschüler, die Ingenieure werden wollen, ihr Ziel auch erreichten.

Leider fallen allzu viele auf dem Weg dorthin durch den Rost. Die Studienreformen der letzten Jahre haben in den „Mint“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht etwa – wie von der Politik versprochen – mehr Absolventen, sondern mehr Abbrecher hervorgebracht. Zu diesem Ergebnis kommen aktuelle Untersuchungen des Hannoveraner Forschungsinstituts HIS (Hochschul-Informations-System) sowie des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF).

Die Schwundquoten sind alarmierend: An den großen deutschen Technischen Universitäten hält nur rund die Hälfte der Maschinenbau-Erstsemester bis zur Abschlussprüfung durch, den Fachhochschulen kommt etwa ein Drittel unterwegs abhanden (siehe auch Grafik rechts). Auch in anderen Mint-Fächern – von Mathematik über Informatik und Elektrotechnik bis Chemie – kapitulieren viele Bachelor-Aspiranten vor einem Bildungssystem, das sie nicht anspornt und fördert, sondern scheinbar jeden wegprüft, der dem Selektionsdruck der zahlreichen Klausuren nicht standhält.

Die rigorose Auslese verbittert nicht nur die Betroffenen. Ihre verhinderten Arbeitgeber mahnen, eine übermäßige Verknappung (und Verteuerung) des Humankapitals namens Ingenieur sei für ein Industrieland auch volkswirtschaftlich kontraproduktiv. So zürnte unlängst Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) und Cheflobbyist der bayerischen Metall- und Elektroindustrie: „Die Abbrecherquoten sind für uns inakzeptabel.“

Das Problem ist für Brossardt nicht das Bachelor-Konzept selbst, sondern das Studienpensum, das er gern entrümpelt sähe. Für ihn ist der Bachelor-Absolvent ein „Rohdiamant“, und der müsse „im Unternehmen eingepasst und nachgeschliffen werden“. Im Arbeitgeberlager herrscht Konsens, dass ein Abbruch des vor zehn Jahren in Bologna beschlossenen Umbau-Prozesses samt Kehrtwende zum guten alten Dipl.-Ing. keine Lösung wäre. Wenn Telekom-Personalchef Thomas Sattelberger die hierzulande „halbherzige, gewollt lieblose Umsetzung“ der europäischen Reformideen geißelt und der deutschen Professorenschaft eine „Blockadehaltung“ vorhält, ist die Stoßrichtung klar: „Wir fordern keine Rückabwicklung, sondern eine Reformstufe 11.“ Die Bildungsexperten des VDMA denken ähnlich – „ja“ zum Bachelor, nur soll ein zusätzliches Semester das Studium entzerren.

Leichter gesagt als getan – denn längere Regelstudienzeiten erfordern neue Investitionen in Lehrstühle und Labors, die sich die wenigsten Unis leisten können. Wo die Aussichten auf eine große Lösung so trübe sind, schlägt die Stunde der Pragmatiker. Lange bevor die Studentenproteste losbrachen und Bundesbildungsministerin Annette Schavan eine „Reform der Reform“ in Aussicht stellte, arbeiteten hinter den Kulissen engagierte Hochschulmitarbeiter mit Praktikern aus der Wirtschaft zusammen, um jungen Menschen zu helfen. Zu fast jedem der typischen Probleme, die bei Studienabbrüchen eine Rolle spielen, gibt es bereits irgendwo ein kleines Projekt, das punktuell Abhilfe schafft.

Die Ursachen des Massenphänomens sind mittlerweile recht gut erforscht: Studienanfänger bringen falsche Vorstellungen von ihrem Fach mit, haben unzureichende Mathe- und Physik-Kenntnisse, leiden unter Prüfungsmarathons gleich zu Studienbeginn sowie unter Geldnot, weil sie wegen des Leistungsdrucks kaum noch nebenbei jobben können.

Auch einige Lösungsansätze wurden bereits evaluiert: So hat das IHF kürzlich den ersten Zwischenbericht zu zehn Projekten unter dem Motto „Wege zu mehr Mint-Absolventen“ präsentiert, für die Verbandsmanager Brossardt gut zwei Millionen Euro lockergemacht hatte. Das Ergebnis: „Auch mit geringem Mitteleinsatz lassen sich Maßnahmen gegen Studienabbrüche erfolgreich umsetzen.“ Wegen der Fülle möglicher Ursachen gebe es allerdings kein Allheilmittel, sondern ganz verschiedene Ansatzpunkte.

Eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung: „Studienabbruch beginnt oft vor dem Studium“. Nämlich dann, wenn jemand, der formal die „allgemeine“ Hochschulreife besitzt, irrigerweise meint, er sei damit jedem beliebigen Studienfach gewachsen.

Genau hier setzt Susanne Weissman, Vizepräsidentin der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg, den Hebel an. Mittels eines Studierfahigkeitstests im Internet, der gerade für den Bachelor-Studiengang im Bauingenieurwesen erprobt wird, können Schulabgänger ihr Talent für verschiedene naturwissenschaftliche Fachrichtungen selbst prüfen (www.study-service.de). Die Teilnehmer müssen Dutzende Aufgaben lösen und bekommen am Ende eine differenzierte Bewertung ihrer Stärken und Schwächen. Weissman, von Haus aus Psychologin, verspricht sich von dem freiwilligen Selbsttest nicht nur eine höhere Trefferquote bei der Berufswahl, sondern auch Hinweise auf typische Wissenslücken in den Problemfachern Mathematik und Physik.

Wenn sich alles realisieren lässt, was Weissman vorschwebt, werden Bayerns angehende Mint-Fachhochschüler in ein paar Jahren im Web ein „Self Assessment“-Portal vorfinden, in dem sie sich zunächst in Videos einen Überblick über das jeweilige Berufsbild verschaffen können, um dann ihre Eignung für ein Fach oder einen spezifischen Studiengang zu testen und sogar die dabei entdeckten Defizite per „Blended Learning“ auszubügeln, eine Art betreutes Selbststudium am PC.

Besonders eklatant ist das Problem schlecht vorbereiteter Studienanfanger bei den Maschinenbauern. Bei der HIS-Studie gab jeder zweite Bachelor-Abbrecher an, er sei mit „falschen Erwartungen“ angetreten. Hinter dem, was die Sozialforscher unter den Abbruchmotiven „mangelnde Studienmotivation“, „Leistungsprobleme“, „Prüfungsversagen“ und „berufliche Neuorientierung“ subsumieren, verbirgt sich laut VDMA-Bildungsexpertin FeIler eine wachsende Frustration über die nicht erwartete Überdosis an frontal verabreichter Theorie. Je größer der zeitliche Abstand zwischen Abitur und erstem Semester, desto schwerer wird es. Das abstrakte Know-how rostet schnell ein, schon nach einem Jahr ist vieles vergessen. Und: Wer keinen Mathe-Leistungskurs absolviert hat, startet mit einem dicken Malus.

Ein ähnliches Sorgenkinder-Fach ist die Elektrotechnik. Wenn es schlecht läuft, ergeht es einem Studenten so wie jenem jungen Mann aus Süddeutschland, dessen Vater ihn nur mit Mühe davon abhalten kann, die Flinte ins Korn zu werfen. Der eigentlich technisch begabte Junior müsse an seiner „Exzellenz“-Uni nicht nur Unmengen an Stoff büffeln, dessen praktischen Nutzwert niemand vermittle. Dieses kontextlose Wissen werde abgeprüft nach „Bewertungskriterien, die in erster Linie der Reduktion der Anzahl von Studierenden dienen“, klagt der Vater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Wobei die Dozenten auch gar keinen Hehl daraus machen, dass sie irgendwie aussieben müssen, weil eine Eliteuni einem Ansturm von 700 Erstsemestern in einem einzigen Fach nun einmal nicht gewachsen ist.

Wenn die an der Uni ausgesiebten Ingenieursstudenten ihren Berufswunsch nicht ganz aufgeben, starten sie oft einen zweiten Anlauf an einer Fachhochschule – eine Option, die durch den Bachelor auch für Abiturienten attraktiver geworden ist, weil nun auf der Visitenkarte kein diskriminierendes „(FH)“ mehr den akademischen Grad verschattet. Und noch etwas ist anders: Verglichen mit den berühmten Forscherprofessoren der Eliteunis haben Fachhochschullehrer seltener das Problem, sich eines übergrossen Ansturms erwehren zu müssen.

In diesem Klima gedeihen Ideen wie das Mentoring-Projekt im Studiengang Erneuerbare Energien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München. Stolz verweist Studiendekanin Paola Falter, zuständig für die Elektrotechniker und Informatiker, auf die ersten Erfolgszahlen des 2007 gestarteten Anti-Abbrecher-Projekts: Während gerade einmal 31 Prozent der klassischen Elektrotechniker auf Anhieb der Übergang ins dritte Semester gelang, schafften 44 Prozent der „Regenerativen“ ihr volles Pensum – obwohl das harte Grundstudium identisch ist. Zehn Prüflinge, die an den „Grundlagen Elektrotechnik“ zunächst verzweifelt waren, bestanden dank Coaching durch das Mentoringteam allesamt die Nachprüfung, bei der sonst etwa jeder Zweite durchfällt.

Das Betreuer-Trio besteht nur aus drei Männern. Teamleiter ist der Diplom-Ingenieur Jörg Holzmann, als Absolvent und Angestellter der FH München ein echtes Hausgewächs. Holzmann ist zugleich zertifizierter Coach mit jahrelanger Erfahrung als Kommunikationstrainer. Gemeinsam mit seinem  Ingenieurskollegen Mike Zehner und dem Handwerksmeister Herbert Petsch versucht er, eine Campus-Atmosphäre zu schaffen, welche die Hochschule zum Lebensmittelpunkt der Studierenden macht.

Das ist nicht einfach, denn viele seiner Schützlinge sind „Heimfahrer“, die umständehalber ein Einzelgängerdasein führen. Unter diesem Problem leiden immer mehr Hochschulen: Da das hochkomprimierte Bachelor-Pensum kaum mehr Zeit lässt, nebenbei zu jobben, immatrikuliert man sich lieber gleich in Pendlerdistanz zum Elternhaus.

Paola Falter kann kaum fassen, wie gering der Drang der mobilen Nesthocker ist, sich mit Kommilitonen zu vernetzen: „Wenn man die nicht zusammenbringt, gehen die einfach nach der Vorlesung nach Hause.“ Dadurch berauben sie sich der Chance, gemeinsam zu lernen, Ideen  auszutauschen und sich gegenseitig anzuspornen. Diesem Fluchtinstinkt setzen die  Münchner Mentoren eine geballte Ladung gemeinschaftsstiftender Aktivitäten entgegen, die zugleich – quasi als Antiserum gegen die gefürchtete Theorielastigkeit des E-Technik-Grundstudiums – Einblicke in die Praxis umweltschonender Energiegewinnung erlauben.

Gleich zu Beginn des Studiums führen Holzmann und seine Kollegen die nachwachsenden Photovoltaiker und Windkraftexperten auf Exkursionen zu Branchengrößen wie IBC Solar, Enercon, E.on und Siemens. Dabei checken die Mentoren, wie gut die Teilnehmer ihre Berührungsängste abbauen: Wer setzt sich unbefangen zu einer Respektsperson an den sonst leeren Tisch? Und wer ist noch schüchtern und zögert? Offenbar funktioniert der simple Trick, Nähe zu schaffen: „Ich habe nicht erlebt, dass es nach der Exkursion noch einen Außenseiter gab.“

Ist das Eis erst gebrochen, wird der Zusammenhalt gepflegt. So funktionierte das Mentoring-Team ein ehemaliges Labor zum „Lerncamp regenerative Energien“ um, einem Gruppenübungsraum mit Kaffeemaschine, ständig geöffnet für alle Semester. Dahinter steckt der Grundgedanke, dass die Neulinge immer jemanden finden, den sie um Rat fragen können. So wie die Mentoren auch außerhalb der offiziellen Sprechstunden per E-Mail für ihre Schützlinge ansprechbar sind, übernehmen prüfungsgestählte Studenten Mitverantwortung für die Nachrückenden, sei es als Hiwis im offiziellen Tutorium oder auf Zuruf im Lerncamp.

Studiendekanin Falter weiß aber genau, dass die Konstellation ein Glücksfall war. Hinter dem Projekt stecken ungezählte Überstunden, der Job ist wie geschaffen für Menschen mit Helfersyndrom. Jörg Holzmann hat sogar seine frühere Nebentätigkeit als Coach zugunsten der Schützlinge aufgegeben. „Diesen Einsatz kann niemand verlangen“, sagt Falter über den Mentoren-Job, „das ist fast übermenschlich.“ Für Holzmann ist das alles eine Frage der Motivation: „Ich arbeite gern mit den Studierenden“, sagt er, „ich weiß ja ganz genau, was auf die zukommt.“

Projekte gegen den Abbruch

Probieren vor Studieren

Bundesweit tätig ist die „Technikum“-Initiative des Bundesbildungsministeriums. In Zusammenarbeit mit Hochschulen machen an Mint-Fächern interessierte Abiturienten ein fünf- bis achtmonatiges betreutes Praktikum in Betrieben, um rechtzeitig feststellen zu können, ob sie mit ihrer Berufswahl richtig liegen.

Kompetenzbüro für Ingenieurinnen

Das Kompetenzbüro „Frauen in Ingenieurberufen“ der FH Coburg entwickelt spezielle Angebote für Studentinnen – etwa betreute Lerngruppen oder einen Mathekurs samt Zwischentest.

Schnelle Hilfe vor Hürden

„Swing back“ (Schweinfurter Ingenieure zurück auf Kurs) nennt nannte die FH Würzburg-Schweinfurt ihr Paket, überforderten Studenten rechtzeitig Hilfestellung von einem hauptamtlichen und mehreren studentischen Tutoren zu bieten. 

Studium mit Probezeit

Im Bachelor-Studiengang Chemie und Biochemie der Uni München machen potenzielle Studenten noch vor der Immatrikulation ein Vorpraktikum.

Informatiker schürfen in Datenminen

Informatiker der Uni Würzburg bauen ein digitales Frühwarnsystem auf, das aus Daten zum Studienverlauf „abbruchrelevante“ Informationen extrahiert.

Professoren als Mentoren

Unter dem Namen MINTzE will die FH Aschaffenburg ihre Mint-Studenten zum Erfolg führen. Jeder der sechs Professoren fungiert dabei als Mentor für zwölf Schützlinge.

Von Frau zu Frau

Die Frauenbeauftragten der bayerischen Fachhochschulen wollen unter dem Label „Bayern-Mentoring“ ein kaskadierendes Mentorinnen-System etablieren. Das Prinzip: Absolventinnen, die schon im Beruf stehen, betreuen Studentinnen aus den höheren Semestern, die sich wiederum um die Anfängerinnen kümmern.

Erschienen in der Technology Review 1/2010.

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