Avanti! Dilettanti?

Dass Silke Burmester wütend ist, haben inzwischen viele Menschen mitbekommen. Die Kollegin, die einst die „Freischreiber“ mitbegründet hat, ist auch keineswegs grundlos wütend, wenn sie sich echauffiert über Billiglöhnerei im Journalismus. Eher ist die Frage: Warum erst jetzt?

Über den Newsletter ihres Berufsverbandes habe ich heute erfahren, dass Burmester im Deutschlandfunk noch mal eine Schippe draufgelegt hat – und sich offenbar schon als Markenzeichen eines Kampfs begreift, für den sie Mitstreiter sucht. Sie ruft nämlich eine „BurAGENDA-2017“ aus, dank derer man künftig vom Journalismus leben können soll, wenn man seinen Beruf ernst nimmt. Ich würde es ja so ausdrücken, dass man GUT davon leben können sollte, so gut wie andere qualifizierte Berufstätige, und vielleicht sogar besser als andere unterbezahlte qualifizierte Berufstätige wie Erzieherinnen oder Altenpfleger.

Aber schauen wir uns Burmesters Rant mal näher an, in dem sie nach allen Regeln der Polemik eine Zukunft an die Wand malt, in der unseren Beruf „ausschließlich Erben und Lottogewinner ausüben können“. Natürlich bekommen die Verlegerfunktionäre Mathias Döpfner und Rudolf Thiemann als Übliche Verdächtige ihre Ladung Fett weg, aber die ihnen zur Last gelegte „Schrottifizierung der Branche“, die „der vierten Macht im Staat“ zusetze, ist und bleibt ein anderes Thema als die miesen Zeilengelder bei vielen Zeitungen. Es sind zwei Phänomene. Springer zahlt vergleichsweise anständig, Weiterlesen

Purple Pizza für Zörner oder Die Rache des Orange Blowdryer

Matthias Platzeck hat dem deutschen Ableger von Russia Today neulich ein Interview gegeben. Das war ziemlich dämlich und pure Zeitverschwendung. Kein Kopp-Kunde, Reichsdeppenbürger, Querfrontler oder Chemtrailgläubiger wird deshalb SPD wählen.

Leserkommentare bei deutsch.rt.com

Hendrik Zörner, Pressesprecher meines Berufsverbandes DJV, hat sich über diesen Auftritt des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten so geärgert, dass er einen deftigen Rant gebloggt hat, wobei ihm der Lapsus unterlief, „RT deutsch“ für den ersten russischen Sender gehalten zu haben, der den „Fall Lisa“ kolportierte. Der Irrtum ist bedauerlich und ärgerlich, allein schon weil es peinlich ist, bei einer Propagandaschleuder um Entschuldigung bitten zu müssen, aber er bleibt ein Irrtum. Wer sich als Medienprofi auch nur ein bisschen mit der Arbeitsweise der staatsfinanzierten russischen Medien befasst hat, wird Zörner auch hinsichtlich dessen mildernde Umstände zugestehen, was aus besagtem Irrtum erwuchs: eine polemische Äußerung gegenüber RT deutsch und später, als er auf den Irrtum hingewiesen wurde, eine emotionale, impulsive Abwehrreaktion. Anders gesagt: Sein Schuss ging daneben, weil es die falsche Munition war, aber das Ziel war grundsätzlich kein Verkehrtes.

Die Redaktion von RT deutsch hätte jetzt souverän reagieren und den Angreifer dumm dastehen lassen können, um den Eindruck zu erwecken, der Vorwurf „Propagandaschleuder“ sei unberechtigt. Das hat sie aber nicht. Sie meldete die Entschuldigung im Stil einer veritablen Propagandaschleuder:

„Deutscher Journalistenverband entschuldigt sich für Verbreitung von Fake News über RT Deutsch“

Sie ließ sogar einen Schreiber ran, der entweder bei Hans Werner Conen (Achtung: Insidergag für DJVler!) in die Lehre gegangen ist oder dessen Stil bis in die letzten Nuancen zu kopieren versteht. Sowohl die Tonalität als auch die Stoßrichtung der verbalen Attacken lösen bei Kennern der Szene ein Déjà-vue aus. Jemand schlägt den Pressesprecher, der ihm eigentlich egal ist, um den Verband zu treffen.

Nun fehlen nur noch die Claqueure zu einem echten Conen-Lookalike-Contest. 56 Kommentare kamen zusammen. Nur zwei tragen Namen, die unter Umständen echt sein könnten – „Fritz Otto“ und „Manni Guerth“. Ein Kommentar kommt aus der „Reichsbürger“-Ecke Sachsen-Anhalts („Gardelegen staseve“; Gardelegen ist ein Ort, Staseve steht für Staatliche Selbst-Verwaltung“, einen in der Szene gängigen Terminus). 13 Diskutanten verwendeten irgendwelche Allerwelts-Nicknames. Aber doppelt so viele bastelten sich nach einheitlichem Schema Aliasse zusammen wie aus Legosteinen: Vorname = Farbe, Nachname = Gegenstand, alles jeweils auf Englisch.

Hier ist die Liste, nach Farben sortiert:

Blue Bottle, Blue Controller, Cyan Bottle, Cyan Mustache, Cyan Raindrop, Cyan Scooter, Gold Battery, Gold Pumpkin, Green Tooth, Olive Blowdryer, Olive Ducky, Olive Hat, Olive Plane, Olive Submarine, Orange Blowdryer, Orange Cocktail, Orange Submarine, Orange Turtle, Purple Pizza, Purple Popsicle, Red Battery, Red Car, Red Dog, Red Planet, Red Popsicle, Red Wrench.

Wenn ich jetzt schreibe, „das sind nie im Leben 26 verschiedene Menschen“ oder „da waren Trollbots am Werk“, kommt sicher jemand angerannt und brüllt: „Fake News“. Na gut, dann schreibe ich’s nicht. Denke sich jeder sein Teil.

 

 

Falsche Hanna wirbt für Journalistenausbildung


„Das Studium war viel praxisnäher, als ich mir das vorgestellt habe“, behauptet angeblich eine gewisse Hanna Schmidt (26), ihres Zeichens freie Journalistin. 

fakejs

Welches Studium?, kann man da nur fragen, denn die „freie journalisten schule“ (FJS) in Berlin ist eine Anbieterin von Fernunterricht und mitnichten eine Fernuni. Was auch immer Hanna studiert hat, das hat sie woanders studiert.

Man kann aber auch fragen: Welche Hanna? Denn das Foto zeigt eine Frau, die 26 Jahre alt sein soll. Wäre sie das bei der Aufnahme tatsächlich gewesen, so wäre sie heute 35. Das Bild steht nämlich seit 2007 in der Datenbank der Stockfoto-Agentur Photocase. Dort heißt Hanna, die 2009 schon mal ihr Gesicht für eine Seite über Singlebörsen zur Verfügung stellte sowie irgendwann für eine Frauenberatungsstelle und eine IT-Firma, seltsamerweise Diana.

diana2
Weiterlesen

2DF-Fernsehräte von Gnaden der IT-Wirtschaft

Die so genannten Gremlins des deutschen Fernsehens verträten gesellschaftlich relevante Gruppen, habe ich mal gelernt. Jetzt lese ich in der Süddeutschen, dass bei der Auswahl eines neuen ZDF-Gremlins unter anderem der Verband der Internetwirtschaft (eco e.V.) mitreden durfte, der Chaos Computer Club, der „SPD-nahe Netzverein“ D64  sowie ein „Medienverband media.net“, von dem ich noch nie gehört habe – und nein, bitte geben Sie jetzt nicht media.net als URL in Ihren Browser ein, die sind’s sicher nicht. (Sobald ich herausgefunden habe, wen die SZ meint, trage ich’s nach.)

Auf wen haben sich diese so unterschiedlichen Lobbyisten geeinigt? Ausgerechnet auf den österreichischen Ökonomie-Jungprofessor Leonard Dobusch (36), der im Berliner Netzpolitik-iRights-Soziotop zu Hause ist und sich insbesondere mit unausgegorenen Ideen einen Namen gemacht hat, die zu einem Paradigmenwechsel vom Urheberrecht zum Nutzerrecht führen würden. „Leonido“ segelt im intellektuellen Kielwasser des Creative-Commons-Kapitäns Lawrence Lessig und legt das Postulat „Information wants to be free“ so aus, als hieße es „Geistiges Eigentum muss jederzeit überall mühe- und kostenlos für alle Bürger nutzbar sein“ und nicht „Wissen muss grundsätzlich frei zugänglich sein“. Kurz gesagt, er ist der ideale Kompromisskandidat für Leute, die die Sozialisierung der Werke von Urhebern fordern, und solche, die Urheberansprüche als Handelshemmnis sehen. Dobusch soll die Internet-Insassen im Fernsehrat vertreten, also 75 Prozent der Bevölkerung, aber er ist ein Ideologe mit einer klaren Mission.

Kann es schlimmer kommen? Vielleicht schon. Laut SZ darf die Bayerische Staatskanzlei einen weiteren Digitalmenschen in den Fernsehrat schicken; dies solle ein Vertreter des Industrieverbandes Bitkom sein. Darin ist alles Mitglied, was in der IT Rang und Namen hat – deutsche Firmen, aber auch US-Konzerne wie Apple und Microsoft und japanische Hersteller wie Epson und Canon. Schaut man beim ZDF nach, wer den Posten innehat, stößt man direkt über Dobusch auf den Namen Wolfgang Kopf. Der Mann ist Leiter des Zentralbereiches Politik und Regulierung des Bitkom-Mitglieds Deutsche Telekom AG und wird deshalb auch als „Cheflobbyist der Telekom“ bezeichnet. In einem Land, in dem so etwas möglich ist, müsste konsequenterweise auch die Autoindustrie Vertreter in den Rat entsenden dürfen, vielleicht einen VW-Mann in Kooperation mit der niedersächsischen Staatskanzlei. Baden-Württemberg stünde ein Maschinenbauer zu, NRW (oder Brandenburg) ein Lobbyist der Braunkohlewirtschaft.

Geht’s noch?

Unsichere Rechtslage? Ja. Amtlich.

Kleiner Nachtrag zur Mitgliederversammlung der VG Wort: Die Jünger von Dr. „St. Martin“ Vogel und die nach seinem Pyrrhuserfolg vor dem BGH aufs Trittbrett gesprungenen Beifahrer wiederholen ja gerne ihr Mantra, die Rechtslage bezüglich der Verlagsbeteiligung sei doch seit (irgendeine Jahreszahl zwischen 2001 und 2012 einsetzen) überhaupt nicht unklar gewesen.

Seit Samstag weiß ich aus berufenem Munde, dass sie nicht nur für mich und meine Verwaltungsratskollegen und den Vorstand unsicher war (was eigentlich eine Binsenweisheit ist, weil ja ein Prozess nur dann bis zum BGH geführt werden kann, wenn noch Unsicherheit auszuräumen ist, und weil sogar der BGH den Ausgang des Reprobel-Verfahrens imponderabel fand und deshalb abwartete). Unsere staatlich bestellte Aufseherin vom DPMA, Anne Algermissen, hat in Berlin unmissverständlich klargestellt, dass die Rechtslage auch aus Sicht ihrer Behörde unsicher war. Sprich: Das DPMA ist nicht der BGH, seine Eingriffs- und Entscheidungskompetenz ist nicht die eines Obersten Bundesgerichts. Es kann nicht Recht setzen. Anders gesagt: Wenn die Mühlen der Justiz langsam mahlen, muss man eben geduldig sein.

AlgermissenK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erwähnenswert ist auch der Auftritt der Ehrenpräsidentin Dr. Maria Müller-Sommer, Weiterlesen