Online würgt Print – und vice versa

Internetzer gegen Printenköppe: Die eigentlich unsinnige Schlammschlacht um die Frage, ob das Web den Journalismus überflüssig macht und die Zeitung ein moribundes Medium ist, provoziert immer wieder auch intelligente, differenzierte, lesenswerte Betrachtungen. So gibt der Hamburger Kollege Michalis Pantelouris in seinem Blog Print würgt dem Handelsblogger und Internet-Mitmanifestredner Thomas Knüwer contra, weil dieser den Springer-Chef Mathias Döpfner zu Unrecht in die Ignorantenecke gestellt habe.

Das „Internet-Manifest“…

…von Carta-Leuten, dem Elektrischen Reporter, dem ehrenhaft Indiskreten und anderen von Niggemeier bis Lobo wird netzauf, netzab sehr kontrovers debattiert, zum Beispiel hier. ist wert, debattiert zu werden. Leider ist im Moment die Diskussion "forbidden". (Es klappt wieder!)

Deshalb habe ich Ich hatte mir erlaubt, gemäß Behauptung 8 ("Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.") die Behauptungen hierher zu kopieren und zu kommentieren. Nach drei Tagen Sturm in der Journosphäre muss ich sagen: Ich war doch recht diplomatisch… „Das „Internet-Manifest“…“ weiterlesen

Freemium, Doepfnerium oder das 5. Element

Mathias Döpfner ist bekanntlich ein gebildeter Mensch und hat schon als Journalist gearbeitet. Daher darf man von ihm Kreativität, Originalität und Aufgeschlossenheit für naturwissenschaftsnahe Neuerungen erwarten. Diese Erwartungshaltung hat er soeben befriedigt, indem er die Wortschöpfung „Freemium“ in die Diskurs-Arena warf.

Das denglisch-neulateinische Kunstwort, das trefflich ein neues Element aus dem Reich der Transurane kennzeichnen könnte, ist komponiert aus Versatzstücken, die Döpfner dem Wortbaukasten einer ihm bildungsmäßig eher unterlegenen Zunft entnommen hat, nämlich derjenigen, die journalistische Werke aus der Perspektive der Verpackungsindustrie sehen: Free Content (der Inhalt hat keinen Wert, Hauptsache irgendein Dummer bezahlt das Drumherum) und Premium Content (der Inhalt ist dem Verbraucher eine kleine Prämie wert). Der Guteste bedient sich also bei Leuten, die Journalismus mit Mineralwasser vergleichen, bei welchem sich der Preis bekanntlich auch nicht nach Qualität, Geschmack oder gar Nährwert bemisst (sondern neben der Quantität allein nach der Bekanntheit des Markennamens).

Freemium heißt beim Ober-Springer Döpfner, dass die Zielgruppe das meiste für lau kriegt und für Besonderes zur Kasse gebeten wird. Die Leute, die mehr wollen, sollen also den Übrigen die Grundversorgung mit Banalitäten subventionieren. Das könnte man sich so vorstellen, als würden die Fernsehgebühren umgelegt auf die Leute, die Arte, Phoenix und Dreisat schauen.

Aber halt, Kinders, so hat Onkel Mathias das nicht gemeint! Nur noch gegen Prämie herausrücken will der multiregionale Lokalzeitungsverleger „das Archiv, den Staumelder oder die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung“.

Das Archiv als Cashcow? Das wäre schön, wenn die Autoren davon etwas abbekämen. Aber ist es nicht auch etwas abenteuerlich, die virtuelle Variante des Fischeinwickelpapiers (nichts ist älter als der Content von vor zwei Stunden) für geldwert zu halten, nicht aber die frische Nachricht? Bei brand eins ist es zum Beispiel genau umgekehrt: Wer meine druckfrischen Geschichten sofort lesen möchte, muss wohl oder übel das Heft kaufen, aus dessen Erlösen mein Honorar bezahlt wird. Wenn mit dem Erscheinen der nächsten Nummer die vorige zum Altpapier wird (rein theoretisch natürlich, denn brand eins archiviert man selbstverständlich), rutschen die Texte ins kostenlos zugängliche Online-Archiv. Ich will nicht arrogant sein, aber ist ein vergilbter 30-Zeilen-Terminbericht aus dem Lokalteil des Abendblatts von anno schnuff mehr wert als eine große Wirtschaftsreportage, in der viel Rechercheaufwand, Zeit, Knoffhoff steckt?

Ob es Springerische Lokalzeitungen gibt, die das Melden von Staus zu ihren Kernkompetenzen zählt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, dass ich derartige Informationen woanders gratis bekomme.

Das Lustigste an Döpfners kreativem Anfall ist denn auch die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung. Erstens sind diese Sitzungen normalerweise öffentlich, dann sitzen auch Exklusivreporter anderer Medien drin. Zweitens sind sie meistens ödestes Routinegeschäft. Drittens handelt es sich bei den wenigen nicht-öffentlichen Sitzungen (die allein wegen der Geheimhaltung das Potenzial haben, interessanter zu sein), um einen der möglichen Rohstoffe für Scoops. Wenn ich aber einen Scoop lande, hänge ich den an die große Glocke, gebe die Vorabnachricht über DPA, sorge dafür, dass alle mich zitieren. Auf keinen Fall aber stecke ich diese Katze in den Sack, dessen Bund ich nur gegen Gebühr öffne. Wenigstens der Kopf und die Vorderpfoten müssen herausschauen.

Das Geschäftsmodell, das Döpfner hier entdeckt hat, ist also ein völlig neues Element im Periodensystem des Journalismus. Er hat sich verdient, dass es nach ihm benannt wird. Wie wäre es mit Doepfnerium?

Bravo, BDZV: Gratiskultur abschaffen!

Erst Springer, VDZ und New York Times, jetzt Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger: Die Medienmanager und -unternehmer haben nach 15 Jahren eingesehen, dass das damals mit dem Verschenken geistigen Eigentums via Internet nicht wirklich die allertollste Geschäftsidee war. Die tagesaktuelle Erkenntnis:

„Die Onlinewerbung allein wird nicht ausreichen, publizistische Qualität im Internet zu finanzieren.“

Das war zwar eigentlich schon von Anfang an klar. Aber auf Journalisten hört ja ein Verlagskaufmann nicht so gern, die verstehen ja als tumbe Idealisten und brotlose Künstler nix vom Geldverdienen (sonst wären sie ja Kaufleute geworden).

Jetzt aber wird das, was Journalisten intuitiv wussten, zu Allgemeinwissen. Rekapitulieren wir mal die Fakten, die die Herren Chefs hätten kennen können, sollen, müssen:

Interessante journalistische Berichte waren vor dem Online-Boom das einzige Vehikel, das im Huckepackverfahren Werbeanzeigen zu den Rezipienten transportieren konnte. Das Ganze funktionierte prima, weil  lokale Oligo- und Monopole den Markt beherrschten. Mehr als zwei Zeitungsverlage in einem Verbreitungsgebiet gab es fast nirgends im Lande. Die Markteintrittsbarrieren, die einen Verleger an der Expansion in Nachbarregionen hinderten – eine Lokalredaktion und einen dito Vertrieb aufzubauen, ist personalintensiv, also teuer – schützten ihn gleichzeitig vor Angreifern, die ein ansonsten weitgehend identisches Produkt anzubieten hatten: den dpa-strotzenden Mantelteil.

Und wem gehört die dpa, deren redaktioneller Output heute eine ganz zentrale Rolle bei der Misere spielt? Den Verlegern. Die Agentur arbeitet nach dem Prinzip der Genossenschaft. War es also schlau, der dpa zu erlauben, die von ihrer Belegschaft zusammengetragenen Nachrichten auch Dritten zu verkaufen, die sie überregional kostenlos zugänglich machen? War es klug, den in der Printwelt naturgemäß vorhandenen Schutzzaun des Lokalen umzureißen und sich in einen Wettbewerb mit allen anderen Verbandskollegen zu stürzen, mit denen man sich doch jahrzehntelang via Gebietsschutz so schön die Pfründen geteilt hatte? Kaufmännisch gesehen war es kurzsichtig.

Doch die Gratiszeitung kam – nicht auf Papier, nur online. Plötzlich war der Wettbewerb da, den Politiker, Zeitungswissenschaftler und Journalistengewerkschaften immer angemahnt hatten, weil es galt, die „Pressekonzentration“ zu stoppen und eine Springerisierung der Tagespresse zu verhindern. Da hatten sich aber schon längt die Lokalmonopole breitgemacht, die stets beschworene publizistische Meinungsvielfalt endete meist an der Landkreisgrenze. Plötzlich wurde offenbar, dass die Nachrichtenmedien im Web keinen USP hatten, weder für Leser noch für Inserenten. Eigentlich eine alte Geschichte, die man von Kartoffeln, Schweinebäuchen und Speicherchips kennt: Wird ein Gut masshaft in vergleichbarer Qualität verfügbar, sprechen die Ökonomen von einer „Commodity“. Nur dass man News als Commodity jetzt „Content“ nannte. Zu deutsch: Füllmenge.

Hat hier jemand „geistiges Eigentum“ gerufen, „Intellectual Property“?

Jawohl, die Sprecher des Verlegerlagers. Okay, sie nennen es anders, sie beklagen die von ihnen selbst erst ermöglichte „Gratiskultur“ und den in ihr üblichen „Content-Klau“, den sie mittels eines „umfassenden“ Leistungsschutzrechts nicht verhindern können, aber wenigstens eindämmen wollen.

Es ist die alte „Haltet-den-Dieb“-Masche: Den Löwenanteil dessen, was die fraglichen Online-Seiten füllt, haben sich die nach Leistungsschutz Rufenden billig unter den Nagel gerissen – nämlich Agenturmaterial, PR-Texte oder Werke von freien Mitarbeitern, die per Knebelvertrag alle Verwertungsrechte abtreten mussten. Dieselben Juristen und Verlegerfunktionäre, die immer noch die im Urheberrechtsgesetz von 2002 (!) vorgeschriebenen Einigungen mit den Autoren über „angemessene“ Vergütung verschleppen, jammern lautstark darüber, dass sie an der  bloßen Weiterverbreitung nicht angemessen verdienen. Das nennt man Chuzpe.

Laut Kress lobte Verleger-Repräsentant Wolff anlässlich der Verkündung seines Klagelieds die deutschen Verleger – sie machten „die besten Zeitungen der Welt“. Es wäre vielleicht mal an der Zeit, daran zu erinnern, dass es immer noch Journalisten sind, die die Zeitungen machen. Der Job der Verleger ist es, sich (im beiderseitigen Interesse und auch dem der Gesellschaft) zur Abwechslung endlich mal Geschäftsmodelle auszudenken, die im Online-Zeitalter wirklich funktionieren – und etwas nachhaltiger sind als das, was heute branchenüblich ist

Der Ruf nach einem „umfassenden“ Leistungsschutzrecht offenbart jedenfalls nur eines: tiefe Ratlosigkeit.

Neuartige Yellowpress-Anzeigegeräte

Eine witzige Idee zum Thema Paid Content entwickelt Perlentaucher-Leser(in)  klinkhart in einem Kommentar zu Anja Seeligers Meinungsstück „Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz“ :

„Vielleicht erklären wir ja demnächst Computer zu „neumodischen Yellowpress Anzeigegeräten“ die wir einer Presse-GEZ zu melden haben. Mein Vorschlag: Jeder Seitenbetreiber stellt Herrn Burda und den öffentlich rechtlichen für jeden eigenen Beitrag eine Rechnung, da sie ja theorethisch in der Lage sind den Artikel zu lesen. Bitte Mahnung und Mahnbescheid nicht vergessen.“