Das „Internet-Manifest“…

…von Carta-Leuten, dem Elektrischen Reporter, dem ehrenhaft Indiskreten und anderen von Niggemeier bis Lobo wird netzauf, netzab sehr kontrovers debattiert, zum Beispiel hier. ist wert, debattiert zu werden. Leider ist im Moment die Diskussion "forbidden". (Es klappt wieder!)

Deshalb habe ich Ich hatte mir erlaubt, gemäß Behauptung 8 ("Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.") die Behauptungen hierher zu kopieren und zu kommentieren. Nach drei Tagen Sturm in der Journosphäre muss ich sagen: Ich war doch recht diplomatisch…

Die unten genannten Kollegen haben heute 17 Behauptungen aufgestellt, "wie Journalismus heute funktioniert".

"1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein."

Die Pflicht zu bestmöglichem Journalismus hätten sie schon zu Zeiten der alten Technik gehabt. Insofern ist das ein sympathischer moralischer Appell, der unerhört verhallen dürfte.

"2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet."

Ein Imperium, das in die Jackentasche passt, ist keins. Natürlich kann ich hier billig meine Meinung zur Diskussion stellen. Aber wenn ich so viel Aufmerksamkeit damit gewinnen möchte wie eine Larifari-Unterschichten-TV-Website, muss ich mehr Zeitaufwand ins Trommeln stecken, als ich mir leisten kann.

"3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog."

Sagen wir – da gebe ich Giesbert Damaschke recht – nicht "Mehrheit", sondern lieber "sehr viele". Vielleicht werden es ja mal so viele, wie wir uns wünschen.

"4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit."

Kürzen! 😉 Aber: ja!

"5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor."

Nein, hier glorifiziert Ihr mir die Technik zu sehr. Schon bisher hat jeder seinen invidivuellen Nachrichtenfilter benutzt und Dinge ausgeblendet, die er vielleicht hätte wissen sollen. Jeder, der den Wirtschaftsteil oder die Kultur gleich ins Altpapier wirft, der nur Sport, Lokales, Panorama und Lidl-Anzeigen liest, filtert. Was nützt die beste Technik, wenn die Menschen sie nutzen, um sich eben NICHT so gut zu informieren wie es jetzt möglich wäre? Vielen Zeitgenossen ist es viel zu anstrengend und zeitraubend, sich durch die anschwellende Flut qualitativ extrem heterogener Informationen zu wühlen. Ihnen wenigstens eine Auswahl an dem zu bieten, was sie haben könnten, ist eine Aufgabe für Journalisten, nach wie vor auch in den Medienhäusern. Die Technik ist für diesen Zweck keineswegs unzulänglich.

"6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten."

Die Korrektur der Überschrift war überflüssig. Früher gab es zeitliche Fixpunkte, zu denen breite Kreise der Bevölkerung ihre – meist tägliche – Momentaufnahme aus dem Informationsstrom verabreicht bekamen. Abends die Tagesschau mit O-Tönen und Bildern, morgens die Tageszeitung mit Vertiefung, Hintergrund, Einordnung. Das klassische Massenmedium sorgte dafür, dass viele Bürger auf dem gleichen Kenntnisstand waren und damit eine Basis hatten, zu diskutieren. Der Nachteil war, dass die Gatekeeper vielleicht nicht immer die richtigen, wichtigen Nachrichten durchließen. Doch es gab Korrektive – zum Beispiel etwas derart unverschämt Rückständiges wie die Presseschau im Radio, die der Fortschritt des auf 20 Kanälen herumdumpfenden Formatradios in winzige ökologische Nischen gedrängt hat. Die Presseschau hat vor Jahrzehnten eingeführt, was viele Blogger später für ihre Erfindung hielten: den Wegweiser durch die Informationen und Meinungen des Tages.

Heute sind die Informationsströme so zersplittert, dass jeder seine zufällige persönliche Momentaufnahme hat. Der jeweilige Informationsstand der Menschen ist so individuell wie die Ausstattung ihrer Autos. Der Sinn und die Aufgabe des Journalismus bestehen nicht darin, von früh bis spät irgendwelche Informationszwischenstände durchlaufzuerhitzen, wie das früher nur die Nachrichtenagenturen tun mussten. Es geht mehr denn je darum, die News-Hektik zu entschleunigen und Nachrichten dann zu bringen, wenn sie – früher hieß es "fit to print" – "fit to publish" sind. Und erst dann nachzulegen, wenn es wirklich relevante Weiterentwicklungen gibt. Gerade die Kollegen vom Radio und Fernsehen geben oft genug erschreckende Beispiele dafür, wie man krampfhaft versuchen kann, um Aufmerksamkeit zu buhlen, obwohl man wenig Neues weiß und besser noch weiter in der realen Welt recherchieren würde.

"7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser."

D’accord!

"8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert."

Suchmaschinen KÖNNEN den Qualitätsjournalismus fördern. Sie erhöhen aber in der Praxis leider oft auch die Sichtbarkeit von Inhalten, die besser im Orkus versacken würden. Und der Urheber sollte natürlich etwas davon haben, wenn seine Äußerungen die Leute interessieren. Merke: Ein Medienunternehmen ist kein Urheber, sondern nur ein Verbreiter. Als solcher sollte es sich nicht einmischen, sofern die Urheber nicht seine Angestellten sind.

"9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus."

Warum schreibt Ihr nicht: "EIN neuer Ort", oder meinetwegen: "das neue Zentrum des politischen Diskurses"? Ich möchte niemanden ausgrenzen, der nicht das Internet nutzen will. Inbesondere ältere, ärmere und ländliche Bevölkerungskreise könnten sonst benachteiligt sein. Meine Mutter (79) ist zum Beispiel politisch noch sehr interessiert. Aber wenn ihr neues Windows-Vista-Notebook wieder mal die drahtlose Verbindung zum Netz verliert, ist sie völlig hilflos. WLAN-Setup und solches Gedöns kriegt man in dem Alter nicht mehr in den Kopf – oder man will sich nicht mit Technik plagen.

"10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus."

Artikel 5 war noch nie ein Sonderrecht der Presse. Er garantierte immer die Meinungsäußerungsfreiheit, die Pressefreiheit leitet sich daraus nur ab. Die Gefahr besteht darin, die Aufhebung der technischen Grenzen misszuverstehen als Rechtfertigung oder gar Aufforderung, den professionellen Journalismus aufs alte Eisen zu werfen.

Gar nix anfangen kann ich mit dem dritten Satz: Ein Privileg, das für jeden gilt, ist keins, und die nachgeklappte Einschränkung, dass Pressefreiheit nur für den gelten soll, "der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann", widerspricht allem anderen bisher hier Postulierten.

Halten wir also fest: Unsinn zu reden, ist kein Privileg der Amateure, das gelingt auch uns Profis manchmal recht überzeugend. Wir sollten uns also anstrengen, unsere Existenzberechtigung durch Arbeit nachzuweisen, die das Geld wert ist, das wir brauchen, um sie leisten zu können.

"11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert."

Natürlich gibt es ein Zuviel an Information. Schon mal von Information Overload gehört? Information ist ja kein Selbstzweck. Das Gehirn kann nur ein bestimmtes Quantum an Informationen pro Zeiteinheit sinnvoll nutzen. Nicht die Quantität an Infos zählt, sondern die Qualität. Und das heißt Selektion, Gatekeeping, Journalismus mit Kompetenz. Das Gute am Internet ist, dass es rasche Feedbackschleifen ermöglicht und die Qualitätskontrolle leichter wird.

"12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren."

Und dabei sollten wir uns überlegen, ob wir uns wirklich noch den Luxus erlauben wollen, uns auf Gedeih und Verderb von Werbekonjunkturen und/oder dem Wohlwollen von Werbekunden abhängig zu machen. Es geht mir gehörig auf den Senkel, wenn Fernsehjournalisten Werbung machen, und auf den Anblick der roten Irokesenbürste im Vodafone-Spot hätte ich auch gerne verzichtet.

"13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet."

Tja, wenn der ECKpfeiler mitten im Zentrum steht, ist es meist eine wacklige Angelegenheit – erst recht, wenn man ihn dann auch noch als Hebel zweckentfremdet. Ich würde ja vier Stück nehmen und sie an die Ecken setzen: Urheberrecht vorne links, das Verantwortungsbewusstsein vorne rechts, Freiheit von zensurähnlichen staatlichen Eingriffen hinten rechts und das Bewusstsein der Nutzer, dass ihnen guter Stoff – Text, Musik, Bild, Video – nicht pirativ ummasonst zusteht, hinten links.

"14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden."

Journalistisch vertretbar? Ist das nicht ein wenig idealisiert? Die meisten Online-Werbeformen versuchen, den Rezipienten abzulenken vom Redaktionellen, das aus Sicht des Werbenden nur "Content" ist, den man leider als Köder braucht, damit der dumme Kunde die Werbung anschaut. Ich kriege soooooo einen Hals, wenn sich trotz Pop-up-Blocker ein Inserat so über den ersten Absatz legt, dass ich nicht einmal sehe, wie ich das Ding abschalten kann. Die vollidiotischen Werbemanager, die sich so etwas ausdenken, vergessen wohl, dass ich Firmen meide, die mich vorsätzlich ärgern. Mein Interesse gilt der Nachricht, und wenn daneben ein gut gemachtes Inserat steht, nehme ich es wahr. Bei einem Marktschreier, der mich brutal am Arm fasst und mir ins Ohr brüllt, kaufe ich ganz bestimmt keine Kartoffeln.

In Zeitschriften kleben sie die Postkarten ja auch auf die dazugehörigen Inserate und nicht auf den Text oder  die Fotos.

"15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren."

Was in der Zeitung steht, bleibt im Archiv. Das Netz dagegen ist geduldig. Solange kein Dritter einen Fehler dokumentiert hat, bietet es so manche Möglichkeit, Spuren zu verwischen. Also braucht das Netz eine eigene Ethik für den Umgang mit Irrtümern, so wie die Zeitung eine Korrekturspalte. Übrigens ist es nicht wahr, dass alles auf ewig im Netz bleibt. Ich habe schon manches im Wayback-Archiv vergeblich gesucht, und anderes verschwindet irgendwann hinter einer Bezahlschranke.

"16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben."

Herausragend, glaubwürdig ODER besonders, fürchte ich. Vielen Nutzer genügt eines davon völlig.

"17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt."

Sorry, das ist Wunschdenken. Die Generation Wikipedia gibt es nicht, oder nicht in dieser Form. Es gibt solche kritischen, kompetenten Leser, aber die halten nicht die Wikipedia für die Wahrheit, sondern schreiben selbst für die Wikipedia. Machen wir uns nichts vor: Sie sind eine Minderheit.

Wir sollten sie für ihr Feedback belohnen, indem wir ihre Aufmerksamkeit erwidern. Sie sind nämlich unsere Verbündeten im Kampf gegen die unerträgliche Seichtigkeit des Contents.

Internet, 07.09.2009


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3 Antworten auf „Das „Internet-Manifest“…“

  1. Was nützt die beste Technik, wenn die Menschen sie nutzen, um sich eben NICHT so gut zu informieren wie es jetzt möglich wäre?

    Das „Wollen“ ist doch gar nicht die Frage. Die Frage ist doch: können sie, oder können sie nicht?
    In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die gesamte westdeutsche Journaille aufgeschwungen, das Volk zu verblöden. Ich wurde damals gerade medienreif und erinnere mich deshalb so gut daran. Will aber nicht behaupten, dass es das nicht vorher schon und auch nachher noch gab. Nur das ist mir am eindrücklichsten im Gedächtnis:
    „SS20“ waren damals „Angriffswaffen“, „Pershing“ waren „Verteidigungswaffen“.
    Da ist keiner unserer angeblichen „Qualitätsjournalisten“ von der Regierungslinie Schmidt/Kohl abgewichen. Nicht einer hatte den Schneid. Hier hat sich der Qualitätsjournalismus nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal von der Macht zur Meinungsmache korrumpieren lassen.
    Wenn diese „Qualitätsjournalisten“ und Ihre Nachfolger nun heute lamentieren, die Menschen würden ja die Informationsangebote des Internet ohne deren Hilfe gar nicht annehmen (können), kann ich nur lachen.
    Erst muss die Meinungsmacht gebrochen und mit ihr müssen die journalistischen Meinungsmach(t)er abgeschafft werden. Dann kann eine mündige Bevölkerung heranwachsen, die auch in Ihrer Mehrheit die Möglichkeiten, sich zu informieren, nutzt.
    Das war zur Zeit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche nicht anders. Erst musste die Bevölkerung lesen lernen, dann hat sie kapiert, was die Pfaffen (Qualitätsjournalisten) täglich für einen selbstgerechten Quark predigten.
    Wer gewohnt ist, von Bild über Spiegel bis Süddeutsche den selben Quark (s.o.) vorzufinden, der liest (oder überfliegt) natürlich nicht 10 Blogs zum selben Thema am Tag.
    Wer aber (wodruch auch immer) merkt, dass sich seine Meinungskompetenz dadurch verbessert, dass er sich durch vielen Quellen informiert, die eben nicht die übliche Meinungsmacherwichse verbreiten, der wird diese Möglichkeiten auf Dauer auch nutzen.
    Die hier beklagten Privat-TV-Portale sind nur eine Zeiterscheinung, die wie das werbefinanzierte Fernsehen selbst, einen in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten aber unaufhaltsamen Todeskampf kämpfen.

    Vielen Zeitgenossen ist es viel zu anstrengend und zeitraubend, sich durch die anschwellende Flut qualitativ extrem heterogener Informationen zu wühlen.

    Das ist ein Problem, das sich durch Evolution lösen wird. Wer nicht rechtzeitig die richtigen Informationen hat, weil er sich nicht richtig informiert, wird untergehen. Das war schon vor dem Internet so. Nur gab es da die „Qualitätsjournalisten“ und Meinungsmacher, die eine Mehrheit der Bevölkerung für dumm verkaufen konnten.

    Ich kriege soooooo einen Hals, wenn sich trotz Pop-up-Blocker ein Inserat so über den ersten Absatz legt, dass ich nicht einmal sehe, wie ich das Ding abschalten kann.

    Sorry wenn ich das jetzt mal ganz hart formuliere, aber das ist doch Deiner eigenen mangelnden Medienkompetenz in Sachen Internet geschuldet. Mit Adblock plus und Privoxy lese ich hier 90% des Internet völlig Werbefrei. Wie schon oben erwähnt: Werbefinanzierter Content ist ebenso wie Berufsjournalismus ein Auslaufmodell. Ja, auch die Priester des ausgehenden 15. Jahrhunderts glaubten, die Bevölkerung werde es nicht ertragen, die Bibel ohne deren Deutungshoheit zu lesen. Das macht ja aber den heutigen Glauben der „Qualitätsjournalisten“ an ihre eigene Unentbehrlichkeit nur umso fragwürdigen – in meinen Augen sogar lächerlicher.

    1. Lieber MWD,

      ich will Dir ja nicht so nahe treten wie Du mir (unbekannterweise und mit einer eklatanten Fehleinschätzung meiner medientechnischen Kompetenz). Aber bei Deiner „Medienreife“ muss damals irgendetwas schief gelaufen zu sein. Was glaubst Du denn, wo die Informationen herkommen, die Du im Web findest? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Dein Wissen über die Welt von Bloggern stammt und dass die Blogger aus erster Hand berichten? Frag‘ Dich mal ernsthaft und ehrlich, was von Deinem Wissen Du aus den Medien hast. Davon wiederum stammt nur ein Teil aus Beobachtungen und Recherchen von Journalisten.
      Das meiste wird von Politikern, von Konzernen und auch Wissenschaftlern in die Welt gepustet. Und je weniger Journalisten es gibt, desto ungebremster rollt die PR-Lawine auf Dich zu. Es stimmt, dass viele Journalisten keinen besonders guten Job machen, aber wer sich als medienreif bezeichnet, sollte in der Lage sein zu erkennen, welche Journalisten eben doch einen guten Job machen. Pauschalurteile, wie Du sie hier ablässt, sind immer falsch.
      Du beschimpfst uns Journalisten als Meinungsmacher, die „abgeschafft“ gehören. Das geht über einen gesunden Anarchismus, wie er bei uns in Bayern zur Folklore gehört, weit hinaus. Es klingt beängstigend totalitär, ja nach Stalinismus. Ich weiß ja nicht, was Du beruflich machst, aber ich kann mir keinen Beruf außer dem des Folterknechts oder Henkers vorstellen, den ich pauschal abgeschafft sehen möchte. In unserer Demokratie wirken die Medien „an der Meinungs- und Willensbildung“ mit – doch das setzt voraus, dass der Bürger selber denkt und sich auf der Basis des Inputs und der Argumente verschiedener Seiten seine Meinung bildet.
      Wer behauptet, man könne Meinungen bei anderen „machen“, geht davon aus, dass die Bürger das Selberdenken immer noch nicht gelernt haben. Dann wäre die Geschichte der Bundesrepublik eine des Scheiterns.
      So, und jetzt denk bitte mal zu Ende, was passiert, wenn die Mehrheit der Menschen so dumm ist, dass andere ihre Meinung von außen „machen“ können und die Journalisten abgeschafft sind. Dann machen die wirklich Mächtigen die Meinungen. Dann sind wir wieder bei 1933.

      Noch eine kleine Nachbemerkung zu Deiner ach so schlauen Tirade in der Manifest-Kommentarspalte:

      Denn niemand bezahlt dafür, dass ausgerechnet Du JournalistIn Deine Nachricht, Deine Meinung verbreiten willst.

      Zum Glück stimmt das nicht. Was hingegen stimmt: Niemand muss es mir abkaufen. Aber in dem Moment, wo Du liest, was ich schreibe, bist Du der Scheinheiligkeit überführt. Denn dann liest Du es, weil Du es lesen willst, nicht weil ich es verbreiten will.

      Da sind noch 6 Milliarden andere, wie Du auf dieser Welt, die auch Nachrichten und Meinungen haben.

      Das ist so hanebüchen wie: Es gibt 6 Milliarden Bäcker/Reisbauern/Automechaniker/Rechtsanwälte, die auch…

      Ist es Dir eine Herzensangelegenheit, Dein mögliches Privileg zu nutzen, Deine sprachliche Macht auszuüben, Deine Nachricht zu verbreiten, Deine Meinung zu teilen? Dann wirst Du die Aufmerksamkeit finden, die Dir und Deiner Herzensangelegenheit gebührt. Ist es Dir keine Herzensangelegenheit sondern ein Geschäft, für das Du bezahlt werden willst? Dann schweige besser…

      Wo hast Du diesen Hass, dieses Misstrauen her? Jetzt akzeptiere doch mal, dass es Journalisten gibt, die für ihre Leser und Zuschauer da sein wollen und nicht nur ihre eigene Eitelkeit bedienen. Wie sich ein guter Bäcker mit Herzblut tolle neue Brotsorten ausdenkt, aber das Brot dann nicht verschenkt, so müssen auch Journalisten ihren Lebensunterhalt verdienen. Was soll daran verwerflich sein?

      Womit Du Dein Geld verdienen sollst, wofür man Dich bezahlen wird? Jedenfalls nicht dafür, dass Du, JournalistIn wie in den Zeiten vor dem Internet ein Aufmerksamkeitsprivileg gegenüber anderen genießen darfst.

      Natürlich nicht. Sondern dafür, dass ich mir die Arbeit mache, solchen Ignoranten wie Dir einen Erkenntnisgewinn zu verschaffen. Wenngleich dieser Blogkommentar ausnahmsweise eine kostenlose Dienstleistung am undankbaren Objekt war.

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