Auch Feuilleton kann verständlich sein

In der Achtzigern brauchte ein Kabarettist nur einen beliebigen Text aus dem Feuilleton der Süddeutschen mit der gebührenden Theatralik in der Stimme vorzulesen, schon lag das Publikum sich kringelnd unter den Tischen. Die Texte waren damals berühmt dafür, dass ihre Autoren besonderen Ehrgeiz darauf verwandten, die intellektuellen Fähigkeiten der Leserschaft über Gebühr zu strapazieren. Das Geschwurbel war eine bühnenfertige Parodie seiner selbst.

Unter den Chefredakteuren Kilz und Kister wurde unverständliches Geschwalle auch im Kulturteil zur bedrohten Textart. Wer sucht, findet aber auch heute noch Exemplare wie dieses, das einer Rezension des neuen Buchs der Axolotl-Plagiaristin Helene Hegemann entnommen ist (SZ vom 23. August, Seite 13):

„Dass Meisterwerke zuweilen darauf angewiesen sind, grell oder gegen Tabus zu arbeiten, ist das eine – in „Jage zwei Tiger“ offenbart sich vor allem die Verachtung vor einem Begriff von Kindheit als schützenswert.“

Ich habe den Satz fünf mal gelesen, und ich könnte ihn noch zwanzig mal lesen. Hut ab, Frau Lorch, Sie haben mich besiegt, Sie sind klüger und sprachmächtiger als ich dummer Leser! Ich kapituliere von Ihrer Genialität. Ich habe nämlich nicht den Hauch einer Ahnung, was Sie damit sagen wollen. Das nenne ich eine elitäre Schreibe.

Der Bär von Redmond tappst von dannen

Aus gegebenem Anlass aus dem Archiv hervorgeholt: ein Ballmer-Porträt von 2001. 

 

MICROSOFT-CHEF STEVE BALLMER MACHT SICH NIE WICHTIG. WARUM AUCH? SEIT 20 JAHREN IST ER UNERSETZLICH BEIM SOFTWARE-WELTMARKTFÜHRER.

Connie Ballmer hätte allen Grund zur Eifersucht. Steve, ihr Göttergatte, liebt nicht nur sie und ihre drei Söhne. Er hat noch eine Flamme nebenher. Seit die Kinder auf der Welt sind, verbringt er zwar ein Drittel weniger Zeit bei dieser – so etwa 60 Stunden pro Woche. Aber bis er 50 wird, also 2006, hat Steve Ballmer keinerlei Absicht, an dieser intensiven Liaison etwas zu ändern. Steves Gefühle sind so stark, dass er sie manchmal vor versammelter Mannschaft, sprich: vor seinen Untergebenen bei Microsoft, hinausposaunt: “Ich liebe diese Firma!!!!” Wobei vier Ausrufezeichen nötig sind, um nur ansatzweise einen Eindruck von der Stimmgewalt zu vermitteln, die diesem massigen Gefühlspaket von einem Mann zu Eigen ist.

Beklagen kann sich Mrs. Ballmer wegen ihrer Konkurrentin nicht. Als frühere PR-Expertin bei Microsoft musste Sie schon von Berufs wegen wissen, worauf sie sich – abgesehen von einer ultimativen finanziellen Sicherheit – einließ, als ihr der Top-Manager und drittgrößte Aktionär des mächtigsten IT-Unternehmens der Welt die Ehe antrug.

Steven Anthony Ballmer, geboren am 24. März 1956 im Detroiter Vorort Farmington Hills, hatte längst Erfahrungen über das Leben in Zweisamkeit gesammelt, bevor er und Connie sich näher kamen. Seit 1980 verbrachte er einen großen Teil seiner wachen Stunden in eheähnlicher Arbeitsgemeinschaft mit seinem besten Freund, dem Microsoft-Gründer William Henry Gates III… Mehr hier.

 

’s Täschli und die Redak-Toren

Nennt die Schweizer Journaille die Affäre um die Zürcher Boutique, in der Oprah Winfrey ihren Pretty-Woman-Moment erlebte, wirklich „Täschligate“? Das ist dann dumm, zu dumm jedenfalls, als dass der stern (von gestern) dies hätte nachplappern müssen.

Erstens: Watergate war der Name eines Hotels, das Tatort einer politisch motivierten Straftat war. Geht es hier um ein Hotel oder eine Straftat? Nein.

Zweitens: Hatte die Straftat etwas mit Wasser zu tun? Nein, wenn man davon absieht, dass das Hotel wohl Zimmer hatte, von denen aus man den Potomac River sehen konnte.

Drittens: Hat Gate – also Pforte, Schleuse oder einfach Tor – mehr mit der Straftat zu tun als das Wasser? Wieder nein.

Viertens: Kandidiert Oprah Winfrey für das Amt der amerikanischen Präsidentin und gehört die Trois-Pommes-Boutique Barack Obama? Auch das nicht, jedenfalls nach allem, was man als Nicht-NSA-Mitarbeiter weiß.

Das einzige, um was es hier geht, ist eine Verkäuferin, die sich wohl krass daneben benommen hat (dass ihre selbstbekundeten Erinnerungen, die denen von Mrs. Winfrey widersprechen, Schutzbehauptungen sind, ist zumindest plausibel, denn die Prominente hätte keinen Grund, so etwas zu erfinden).

Darum sei heute und für alle Zukunft konstatiert: An irgendein Wort „gate“ als Suffix anzuhängen, um besagtes Wort in einen Skandalkontext zu stellen, ist nicht witzig, sondern bescheuert. Ein Journalist, der „Gate“ so verwendet, ist selber einer: ein Tor. Er handelt redak-töricht.

P.S.: Gerade lese ich bei Techdirt in einem Leserkommentar „Prismgate“. Es ist eine Sucht. Addictiongate.

SZ mit Verkleinerungslupe

Geniale Innovation bei sueddeutsche.de: Man klickt auf die Lupe und kann sich das Bild in klein ansehen. Chapeau!

Verkleinerungsglas

Post aus Seattle, Washington

Aus aktuellem Anlass kleine Rückblende ins Archiv: ein zwölf Jahre altes Porträt über Jeff Bezos