Wenn Journalisten sich streiten

Ein bizarres Geplänkel liefern sich zwei Kollegen in aller Öffentlichkeit – via Twitter und Facebook. Der NDR ist involviert und macht eine unglückliche Figur. Bushido meldet sich zu Wort, Online-Promis wie Sascha Lobo, Stephan Anpalagan und Chan-jo Jun sind irritiert und kommentieren den Vorgang, Medientwitter hat einen neuen Aufreger. Da es um die Berichterstattung über den Nahostkonflikt geht und um problematische Personalien in international arbeitenden Medienhäusern, öffnen und füllen sich rasch lauter Schubladen, in die man jemanden stecken kann. Eine kleine Einordnung und ein bescheidener Friedensappell.

Da nicht alle, die mein Wortgepresstes lesen, die Gegeben- und Gepflogenheiten meiner Branche kennen, zunächst ein paar zum Verständnis wichtige Erläuterungen zur Arbeitssituation und -weise:

Viele Journalist:innen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten zwar in Redaktionen und haben sogar eine E-Mail-Adresse „ihres“ Senders, sind aber keine Angestellten der Anstalt, sondern sogenannte arbeitnehmerähnliche Freie. Sie sind einerseits Freiberufler, unterliegen aber andererseits einem Tarifvertrag, der ihre Arbeitsbedingungen und Honorarer regelt. Den Rechtsrahmen für diese Konstruktion bildet der § 12a des Tarifvertragsgesetzes. Damit diese „12a-Freien“ nicht in den fatalen arbeitsrechtlichen Zustand einer Scheinselbstständigkeit abgleiten, dürfen sie nicht in Vollzeit für ihre arbeitgeberähnliche Anstalt tätig sein, sondern müssen in nennenswertem Umfang, sagen wir 25 Prozent ihrer Arbeitszeit, für Printmedien schreiben oder als Dozenten arbeiten.

Damit ist der Sender sicher vor einer Klage auf Festanstellung vor dem Arbeitsgericht. Zum Status der Freiberuflichkeit gehört allerdings auch das Privileg, nicht weisungsgebunden zu sein. Die auftraggebende Redaktionsleitung darf den Freien bis zu dem Moment, in dem sie einen Beitrag abnimmt, also nicht groß reinreden, wie sie zu arbeiten haben. Das Ergebnis zählt. Selbst die Themensuche kann in einem Pauschalistenvertrag – also einem Rahmenvertrag, innerhalb dessen mündlich oder schriftlich geschlossene Werkverträge über einzelne journalistische Werke erbracht werden – als Bestandteil der geschuldeten Leistung definiert sein. Das alles ist jemandem, der zu Recherchezwecken aus einer Redaktion kontaktiert wird, natürlich nicht unbedingt bekannt oder bewusst. Er denkt, „der NDR“ oder „das ZDF“ will etwas von ihm – und nimmt die Sache zweifelsohne ernster, als wenn es nur die Katja Müller-Lüdenscheid oder der Sven-Oliver Brömmelkamp wäre.

Nehmen wir nun an, Katja oder Sven-Oliver sind investigativ an einer Sache dran, deren Bekanntwerden für das Objekt ihrer Recherchen unangenehme Folgen haben könnte. In solchen Fällen müssen sie diese Person nach den Regeln guten Handwerks mit ihren Rechercherergebnissen konfrontieren und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Wieviel zeitlichen Vorlauf sie für dieses „audiatur et altera pars“ einräumen müssen, hängt von der Dringlichkeit und Komplexität der Sache ab. Kurz gesagt: Niemand will dem Kritisierten die Chance geben, mit Hilfe irgendwelcher windiger Winkeladvokaten die Ausstrahlung juristisch zu verhindern. Man kann aber auch nicht sechs Wochen recherchieren und erst am Morgen vor der Sendung eine Anfrage mit Frist bis zum Mittag des Tages setzen. Was Profis also tun, ist Folgendes: Sie informieren die betreffende Person mit hinreichendem, aber nicht zu langem Vorlauf darüber, was sie in welcher Sendung (Titel, Sender, Sendezeit) zu berichten gedenken, und bitten in Form einiger Fragen um Stellungnahme innerhalb einer bestimmten Frist.

Soweit die Vorrede. Nun zum Beef.

Damit kommen wir zur Social-Media-öffentlich geführten Auseinandersetzung zwischen Felix Dachsel (34), Chefredakteur der deutschen Online-Ausgabe von Vice, und dem langjährigen NDR-Mitarbeiter Stefan Buchen (52). Profis sind beide. Kollege Dachsel hat die Henri-Nannen-Schule besucht und – was das strittige Thema betrifft – im Studium immerhin zeitweise das Fach Islamwissenschaften belegt. Kollege Buchen hat ihm in dieser Hinsicht allerdings einiges voraus, denn er hat in Tel Aviv arabische Literatur studiert, schon vor 25 Jahren als Israel-Korrespondent gearbeitet und viel später über den „arabischen Frühling“ berichtet. Buchen spricht Arabisch, Persisch und Hebräisch – laut Wikipedia sogar „fließend“.

Auslöser des Beefs, den die beiden Kollegen miteinander haben, waren Berichte in Vice über Mitarbeiter und Kooperationspartner der Deutsche Welle (DW) in der arabischen Welt. Wie Dachsel und seine Kollegen recherchiert haben, pflegt der Auslandssender der Bundesrepublik Deutschland erschreckend gute Beziehungen zu Medienschaffenden, die durch eine feindselige Haltung gegenüber Israel aufgefallen sind. Die DW-Berichte waren der größte Scoop des deutschen Vice-Ablegers in letzter Zeit.

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So weit, so schlecht, könnte man sagen. Aber nun kommt Stefan Buchen ins Spiel. Als Nahost-Kenner mit Kenntnissen der Sprachen der Region kann der NDR-Kollege Medien im Original lesen, die unsereinem verschlossen bleiben. Ihm waren deshalb dortige Vice-Ausgaben aufgefallen, in denen palästinensische/arabische Autor:innen mindestens so hasserfüllte Dinge über Israel schreiben durften, wie  Dachsel sie in Auslandsprogrammen der Deutschen Welle geortet hatte. Was also tat der Hamburger? Er schrieb dem Berliner Vice-Chef (der freilich nur die deutsche Version verantwortet und mit den arabischen Schwestermedien nichts zu tun hat) von seinem NDR-Account aus eine E-Mail, die man wohl als Rant bezeichnen muss, die er jedoch in eine Form kleidete, die in weiten Teilen große Ähnlichkeit mit einer Rechercheanfrage aufwies. Am Anfang (siehe oben im Beitragsbild) stellte er sich korrekt vor:

„Sehr geehrter Herr Dachsel, bevor ich zur Sache komme, stelle ich mich kurz vor. Mein Name ist Stefan Buchen. Ich bin Reporter beim NDR (Panorama, Zapp, Panorama 3) und schreibe nebenbei für überregionale Medien.“

Buchen nennt weder hier noch im Verlauf der Mail irgendeine Sendung, für die er gerade recherchiere. Die Fragen, die er im Folgenden stellt, könnten theoretisch Recherchefragen sein; man kann sie aber ebensogut als rhetorische Fragen lesen – man muss sich nur ein „etwa“, „denn schon“, „nicht doch“ oder „denn etwa nicht“ dazudenken:

„Welchen beruflichen Bezug haben Sie“ denn schon „zur Region des Nahen Ostens und Nordafrikas? Haben Sie“ etwa „Sprachkenntnisse in Arabisch, Türkisch, Hebräisch oder Persisch?“

„Finden Sie diese Formulierungen“ etwa „weniger schlimm, genauso schlimm oder“ nicht doch „schlimmer als die Formulierungen der Partnermedien der Deutschen Welle, die Sie in Ihren Artikeln erwähnt haben?“

„Erkennen Sie“ denn etwa nicht, „dass mit dem letztgenannten Zitat von der größten Grausamkeit gegen ein einzelnes Volk in der Moderne der Tatbestand der Holocaustleugnung erfüllt ist?“

Wenn man die Mail, die Buchen auf Facebook öffentlich gemacht hat, nachdem ihn Dachsel auf Twitter angeraunzt hatte, aus diesem Blickwinkel liest, wird ziemlich rasch klar, dass sich hier ein älterer Kollege schlichtweg darüber aufregt, dass der Jüngere Steine aus dem medialen Glashaus wirft. Oder in seinen Worten, dass der andere „sich hüten soll, auf den Splitter im Auge des anderen zu zeigen, wenn man selbst einen Balken im Auge hat“:

„Warum haben Sie diese Veröffentlichungen von Vice“ eigentlich „verschwiegen, als Sie über den Israelhass der Medienpartner der Deutschen Welle berichteten? Inwiefern erkennen Sie in diesem Verschweigen ein journalistisches Problem, das Ihre Glaubwürdigkeit belastet? Verstehen Sie“ denn wirklich nicht, „dass der kritische Beobachter in diesem Verschweigen ein gerütteltes Maß an Scheinheiligkeit und Heuchelei erkennen kann?“

So lässt sich die twitteröffentliche Empörung, die seit Freitag durchs Netz wabert, letztlich auf die Frage reduzieren, warum Stefan Buchen die Mail mit den Worten abschloss:

„Ich bitte um eine Antwort bis heute, Freitag, den 10. Dezember, um 15 Uhr.“

Da er selbst sich bisher nicht dazu geäußert hat, lässt sich nur spekulieren, ob das sein spezieller Humor ist oder vielleicht ein ironische Anspielung auf Audiatur-et-altera-pars-Ultimaten, die Vice womöglich der Deutschen Welle gestellt hatte. Eine Ankündigung, über die vermeintliche Bigotterie der Vice-Kollegen im NDR oder sonstwo zu berichten, lässt sich aus dem Kontext jedenfalls nicht herauslesen.

Den Gesetzmäßigkeiten der „asozialen Medien“ (Buchen) folgend, hinterließen jedenfalls viele sich dazu berufen fühlende Zeitgenoss:innen Gehässigkeiten und unbelegte Unterstellungen gegen Buchen. So wird ihm nicht nur „Whataboutism“ zwecks Verteidigung der Deutschen Welle vorgeworfen, sondern auch, ein Vertreter der BDS-Ideologie zu sein. Das Spektrum der Tweets reichte von Entlassungsforderungen über das altbekannte GEZ-Bashing bis hin zu Hasstiraden auf Vice. Das Social-Media-Teams des NDR erwies sich als überfordert mit der Aufgabe, klarzustellen, dass es sich nicht um eine Rechercheanfrage einer NDR-Sendung handelte und weshalb Buchens Mail kein hinreichender Grund ist, den Vertrag mit einem bewährten Redaktionsmitarbeiter aufzulösen. Offenbar kam niemand auf den Gedanken, schlicht zu antworten, man werde den Kollegen bitten, für derartige Unmutsbekundungen künftig einen privaten Mail-Account zu nutzen.

Die Nerven einiger Twitter-Kommentatoren lagen irgendwann dermaßen blank, dass jemand selbst den Vorschlag von Investigativreporter Oliver Schröm, die Kontrahenten möchten sich doch bitte bei einer Flasche Rotwein an einen Tisch setzen, unter Kumpanei-Verdacht stellte. Ich weiß ja nicht, aber Streitkultur stelle ich mir immer noch anders vor. Es geht doch darum, miteinander zu reden, und nicht darum, eine Kontroverse „in Rotwein zu ertränken“. Warum sollte das unter Kollegen nicht möglich sein?

Auch wenn Buchen Dachsels öffentliche Reaktion auf den privaten Rant nicht vorhergesehen hat, liegt er in einem Punkt richtig: „Social media“ ist ein Euphemismus. Dass er seine Mail dann ausgerechnet auf Facebook postete (und nicht als Screenshot auf Twitter, wo das Schittstürmchen wehte), macht die Angelegenheit fast schon kabarettreif. Vor allem, wenn man an die Böhmermann-Sendung vom Freitag über Zuckerbergs „Meta“ -Konzern denkt.

 

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