Sensoren im Futter, Computer im Ärmel, Ohrstöpsel am Kragen – die Textilindustrie arbeitet an der Verschmelzung von Stoff und Elektronik. Doch damit den Markt zu erobern ist mühsam.
Warum bloß ist das Prädikat „Hidden Champion“ in Deutschland immer wörtlich zu nehmen? Auch die Garnschmiede Novonic am Hightech-Standort Weiler-Simmerberg ist ohne Navi kaum zu finden: Besser als an diesem beschaulichen Flecken in Bayerns Südwesten – dem Schweizer Kanton Appenzell-Ausserrhoden nicht nur geografisch näher als der Fashion-Metropole München – kann sich im Freistaat kein Betrieb verstecken.
Dabei hat das Unternehmen, zu dem Novonic gehört – die Garnfabrik W. Zimmermann –, keinen Grund, mit seinen technischen Errungenschaften hinter dem Berg zu halten, im Gegenteil. Die Firma ist vor Jahren den Schritt gegangen, den viele ihrer traditionellen Abnehmer aus der Bekleidungsindustrie noch scheuen: hin zu innovativen Funktionstextilien, die der unter Preisdruck ächzenden Branche Wachstumsimpulse und eine höhere Wertschöpfung versprechen. „Kleidung mit Köpfchen“ weiterlesen
Klimaschutz. Die Cebit-Macher haben die Umwelt als Thema entdeckt, auch die IT-Aussteller suchen ein grünes Image. An einer Klimabelastung kann die Messe allerdings wenig ändern: dem CO₂-Ausstoß der Besucherkarawanen.
Text: Ulf J. Froitzheim
Capital 2/2008
Für Besucher der nächsten Cebit gehört das schlechte Gewissen zum guten Ton. Wer Anfang März nach Hannover reist, um sich über die neuesten Trends der Informationstechnik schlau zu machen, wird an der Botschaft kaum vorbeikommen, sein PC sei ein Klimakiller. Denn „Green IT“ ist 2008 Schwerpunktthema.
Den Messemachern scheint es damit wirklich ernst zu sein: Ernst Raue, für die Cebit zuständiges Vorstandsmitglied der Deutschen Messe, warnte, der Betrieb von Computern, Datennetzen und Telefonanlagen produziere inzwischen ähnliche Mengen an Kohlendioxid wie der globale Luftverkehr. „Auf der Suche nach den besten Lösungen zur Verringerung der CO₂–Belastung“, formuliert er es diplomatisch, „hat die ITK-Branche eine Schlüsselfunktion. “
Ganz uneigennützig ist es nicht, wenn sich der Gastgeber stellvertretend für seine Aussteller als reuiger Ökosünder in Szene setzt. Sein vermeintlicher Angriff auf das eigene Lager dient der Verteidigung gleich an zwei Fronten. So steht die traditionell als vergleichsweise sauber geltende IT-Industrie unter ungewohntem Rechtfertigungsdruck, weil sie die Dimension des Problems Energiekosten erst spät erkannt hat. Zudem wird es bei zunehmender Marktsättigung immer schwieriger, überhaupt noch Themen zu finden, von denen sich Hunderttausende angesprochen fühlen. Spektakuläre Innovationen sind rar geworden. Und sie halten sich selten an den Messekalender. Da kommt der Trend zu korrekten Niedrigenergie-Systemen für die Cebit-Produzenten just in time.
Die Hersteller stecken in einem ähnlichen Dilemma wie die Autoindustrie: Einerseits müssen sie schon aus Imagegründen die Verbrauchswerte senken. Andererseits ist „mehr Leistung“ immer noch ein Verkaufsargument, das zieht. Obendrein ist die Bereitschaft der Kunden gering, für sparsame Maschinen mehr zu bezahlen. Hinzu kommt: Je erfolgreicher die Hersteller effizientere Geräte verkaufen, desto größer wird die Schrotthalde. Schon jetzt landen laut Greenpeace pro Jahr mehr als 100.000 Tonnen Informationstechnik bei den Entsorgern.
Zudem kostet die Produktion eines durchschnittlichen PC, wie das Wuppertal-Institut ausgerechnet hat, mehr Energie als sein Betrieb vom Kauf bis zur Ausmusterung. Darum setzen manche grünen Konzepte, über die man in Hannover sprechen wird, schon bei der Frage an, wieviel voll ausgestattete Hardware man überhaupt braucht. Ein Unternehmen, das seine Datenhaltung ökomäßig optimieren will, kann selten benötigte Informationen auf Festplatten auslagern, die per Software erst dann hochgefahren werden, wenn tatsächlich jemand darauf zugreifen will.
Die Cebit verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen
Die grüne Woche in Hannover rückt allerdings unweigerlich ein Umweltproblem in den Blickpunkt, an dem Messechef Raue wenig ändern kann, will er nicht seinen eigenen Job infragestellen: Die Cebit selbst verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen. So kommt die Bad Vilbeler Klimaschutz-Beratungsfirma 3C – The Carbon Credit Company in einer Grobschätzung für Capital zu dem Ergebnis, dass während der Cebit 2007 allein bei der An- und Abreise der Teilnehmer und des Messepersonals mindestens 77.000 Tonnen Kohlendioxid entwichen sind. Gemessen an den 900 Millionen Tonnen, die Deutschland jährlich in die Atmosphäre bläst, wirkt das vielleicht nicht dramatisch. Doch der Moloch Cebit stellt laut Statistik des Branchenverbandes Auma auch nur fünf Prozent der Besucher aller überregionalen Messen im Lande. Angenommen, die Daten zu Hannover wären repräsentativ, ergäbe sich also in der Summe übers Jahr eine CO₂-Wolke in der Größenordnung aller Autoabgase einer Stadt wie Köln.
Die umweltfreundlichste, aber auch radikalste Lösung des Problems läge sicherlich darin, zu Hause zu bleiben und sich – notfalls mit noch nicht ergrüntem Digitalequipment – via Web oder Videokonferenz über die neuesten technischen Errungenschaften zu informieren. Dies scheint, wenn die Statistiken nicht trügen, immer mehr Computer-Anwendern tatsächlich zu genügen. So ist die Systems in München, zu der 2000 noch 147.000 Menschen anreisten, mit zuletzt 42.000 Gästen nur mehr ein schwacher Abglanz ihrer selbst. Auch die Cebit hat schwer gelitten: Seit 2004 kommt die Besucherzahl nicht mehr über die halbe Million hinaus, im Boomjahr 2001 waren es einmal 830.000 Personen.
Für das Bedürfnis der Menschen, sich persönlich zu treffen und Neuheiten vor Ort zu bestaunen, zeigen jedoch sogar die ausgewiesenen Umweltprofis Verständnis. Rainer Lucas, der sich am Wuppertal-Institut mit klimafreundlichen Konzepten für Großveranstaltungen befasst, geht es denn auch nicht darum, den Besuchern die Reise an sich mies zu machen. Ihn interessieren nur mögliche Wege, auf denen man den Mix der Verkehrsmittel beeinflussen könnte. Neben guten Ansätzen wie der Werbung für den Messebahnhof in Hannover-Laatzen, an dem an Ausstellungstagen auch die ICEs halten, sieht Lucas aber auch falsche Signale: „Wenn die Besucher wissen, dass es 40.000 Parkplätze gibt, ist das natürlich ein Anreiz, mit dem eigenen Wagen anzureisen.“ Viel mehr hielte er davon, wenn Messegesellschaften im Web Mitfahrerbörsen einrichten würden. Bei der Cebit eigentlich nicht nötig, beteuert aber deren Sprecher Hartwig von Saß: „In den meisten Autos sitzen heute schon drei Personen.“
Bereits in den 90er Jahren hatte die Deutsche Messe AG der Verschwendung den Kampf angesagt – aus ökologischen wie ökonomischen Gründen, aber auch im Hinblick auf die Weltausstellung Expo 2000. Seither setzen die Planer bei Renovierungen und Neubauten auf Ressourcenschonung.
Die Bahnreisenden werden gegenüber den Autofahrern benachteiligt
Unter anderem investierten sie in ein Lüftungssystem, das natürliche Luftbewegungen ausnutzt und deshalb weniger Strom verschlingt. Spiegellamellen in den Oberlichtern verringerten den Energiebedarf für die Beleuchtung der Stände, Recyclingkonzepte den gigantischen Müllberg, den Aussteller und Besucher hinterließen. Außerdem wurde die Heizung von Öl auf das abgasärmere Erdgas umgestellt. Allerdings fällt ausgerechnet die größte Messe nach wie vor in die Heizperiode: Der Termin Anfang März brachte der Cebit schon mal den Spitznamen „Schneebit“ ein. Doch die Aussteller wollen es angeblich nicht anders.
Solange zudem die Bequemlichkeit der Autofahrer besser bedient wird als die der Bahnfahrgäste, bleibt als Beitrag zur Rettung des Weltklimas nur noch der moderne Ablasshandel, wie ihn 3C und Konkurrenten wie Atmosfair oder Greenmiles vermitteln. Bei Kongressen und großen Sportveranstaltungen ist der Kauf von Klima-Zertifikaten bereits im Kommen. So ließ sich der Münchner Verleger Hubert Burda vom Berliner 3C-Büro im vorigen Januar die Zukunftstagung Digital Life Design (DLD) ökologisch schönrechnen. Da die Consulter dafür geradestehen, dass das gespendete Geld tatsächlich in Projekte investiert wird, die der Umwelt ebenso viel Kohlendioxid ersparen, wie die Teilnehmer verbraten haben, dürfen sich die Veranstalter mit dem Prädikat „klimaneutral“ schmücken.
Doch die bisher entwickelten Freikauf-Konzepte passen nicht auf Mammutveranstaltungen wie die Cebit. Für eine seriöse Kalkulation des CO₂-Fußabdrucks einer Messe müsse eine Vielzahl von Parametern erfasst werden, erklärt Mara Zirnen von 3C: „Wer reist von wo mit welchem Verkehrsmittel an? Wie viele reale Personen verbergen sich hinter den Besucherzahlen, die nur die Summe der Drehkreuz-Betätigungen abbilden? Hinzu kommen Heizkosten, Beleuchtung, Stromverbrauch der Computer, Shuttle-Sprit, Standbau und Catering.“ Wer es bei einem so komplexen Großereignis perfekt machen will, läuft Gefahr, den Aufwand für die Datensammlung auf die Spitze zu treiben, bis er in keinem Verhältnis mehr steht zur überschaubaren Investition in Emissionszertifikate.
So bleibt der Messegänger am Ende doch allein mit seinem schlechten Gewissen – allerdings nicht ohne Chance, Gutes zu tun. Wenn die Ablass-Profis schon nicht dem gesamten Event die Absolution erteilen, kann sich der Besucher via Internet beim Klimadienst seines Vertrauens individuell freikaufen. Sei es für die Fahrt zur Cebit oder zur nächsten Automobilausstellung. Und: Jeder kann dabei ohne Probleme mehr Kilometer angeben, als er wirklich fährt.
Beim Stichwort Ästhetik denkt nicht jeder zuerst an Programmcode. Dabei haben erfahrene Software-Architektinnen und Software-Architekten einen sechsten Sinn für verborgene Schönheit. Sie erkennen mangelnde Qualität bereits an Äußerlichem: Was ihnen „hässlich“ erscheint, bewährt sich nicht.
Der Onlineshop „Modern Coder“ hat eine klare Zielgruppe: weibliche IT-Fachkräfte. Der typischen Software-Entwicklerin, die zu viel arbeitet und keine Ruhe hat für einen Einkaufsbummel, liefert der Versender kesse Klamotten frei Haus – T-Shirts und Sweatshirts in schicken Schnitten von gertenschlank bis ernährungstechnisch herausgefordert. Sich schön anzuziehen, ist für die Kundinnen aber nur ein Grund, bei „Modern Coder“ zu ordern. Der Clou an den Textilien ist der applizierte Text: „code like a girl“.
Der neofeministische One-Liner, der auch Accessoires von der Handtasche über Einkaufsbeutel und Kaffeepötte bis zum Bumper Sticker schmückt, wendet ein männliches Vorurteil gegenüber Frauen zum Vorbild: „Girl Code“, das neue Synonym für „schön“ geschriebene Programme, war ursprünglich eine Metapher mit gehässigem Unterton. Wer Code schreibt „wie ein Mädchen“, konzentriert sich nicht aufs Wesentliche, sondern glättet hier und striegelt da, bis auch das letzte Strähnchen richtig sitzt. Echte Männer haben es nicht nötig, auf die Ästhetik ihres Outputs zu achten. Sie sind effizient und pragmatisch, lassen Ecken und Kanten stehen und folgen der Devise: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Wer da die tumben Machos aus Rich Tennants genialem Cartoon-Klassiker „Real Programmers“ vor Augen hat, ist also im richtigen Film. „Code like a girl“ weiterlesen
In nur zehn Jahren machte die Russin Natalya Kaspersky aus der Softwarebude ihres Ex-Mannes Jewgenij eine respektierte Weltfirma. Jetzt drängt sie sogar an die Börse.
Text und Fotos: Ulf J. Froitzheim
Für einen kurzen Moment wirkt sie fast mädchenhaft schüchtern, die schmale blonde Frau, die mit einer schlichten Sechs-Saiten-Gitarre die Bühne des riesigen Partyzelts am Ufer der Moskwa betreten hat. Der leicht unsichere Zug um ihren Mund und der rehscheue Blick kontrastieren heftig mit ihrem extrovertierten Gewand: Natalya Kaspersky trägt ein langes schwarzrotgrünes, folkloristisch angehauchtes Kleid, dazu ein schwarzes Kopftuch und viel Goldglitzergehänge. Wie sie da so im Rampenlicht steht, das gnadenlos ihre bemerkenswerte Büroblässe betont, und mit ihren blauen Augen einen imaginären Punkt in der Mitte des 800-köpfigen Publikums fixiert, sieht sie nicht aus wie die Generaldirektorin eines weltweit tätigen Unternehmens, die gerade vor ihre internationale Belegschaft und Manager befreundeter Firmen tritt.
Lampenfieber will allerdings gar nicht passen zu der 41-Jährigen. Die ärmliche Enge ihres früheren Lebens hätte sie niemals überwunden, wenn sie zur Furchtsamkeit neigte. Die Chefin der Moskauer Sicherheitssoftware-Firma Laboratorija Kasperskogo hat eine ausdrucksvolle Altstimme und trifft den richtigen Ton nicht nur, wenn sie redet. Kaspersky holt also Luft, konzentriert sich und intoniert mit wohldosierter Inbrunst den Filmsong „Machnatij Schmel“ (Мохнатый шмель), die Ballade einer tragisch endenden Liebe. Ergriffen lauschen die Gäste der singenden Unternehmerin. Hier kommt die tiefgründige russische Seele zu ihrem Recht. Der Applaus ist nicht nur höflich, sondern richtig herzlich.
Die große Sause am Sandstrand von Serebrjanij Bor (zu deutsch: „Silberwäldchen“), einem Naherholungsgebiet bei Moskau, ist für die Gastgeberin mehr Arbeit denn Vergnügen. Natalya hier, Natalya da, Natalya im Gespräch mit Moskauer Mitarbeitern, Natalya umringt von deutschen, amerikanischen, chinesischen Managern – und immer wieder mit Mikrofon auf der Bühne. Es ist der zehnte Geburtstag von „Kaspersky Lab“ (KL), wie sich das von ihr gegründete Unternehmen abseits der Russischen Föderation nennt. „Die Chefin ihres Chefs“ weiterlesen
Wer Michael Greve nicht mehr viel zutraut, dem sei verziehen: Schon zweimal hat der Web-Unternehmer hochfliegende Erwartungen geschürt und dann auf der ganzen Linie enttäuscht. Doch er lässt sich nicht beirren – und verfügt über genügend Geld, um noch lange durchzuhalten
Wenn sich Michael Greve Zeit für ein persönliches Treffen nimmt, führt er den Besucher erst einmal hinab in die Katakomben. Hinter den Sicherheitsschleusen im Untergeschoss des loftig-schnieken Anwesens Amalienbadstraße 41 in Karlsruhe-Durlach, in dem einst die schnöde Firma Pfaff schnöde Nähmaschinen montierte, gilt es, ein Rechenzentrum von Weltformat zu bewundern. Fünf Petabyte, also fünf Millionen Gigabyte, können die Server speichern, die sich in hermetisch abgeschirmten, aufwendig brandgeschützten Räumen bis unter die Decke türmen. Bündelweise führen Glasfaserkabel aus dem LED-blinkenden Multi-User-Verlies hinaus ins weltweite Netz, 20 Gigabits pro Sekunde passen durch die Super-Pipeline. Kein Zweifel: Greves Untergrundreich, ein von allerlei merkwürdigen Gestalten namens „Combots“ bevölkertes Paralleluniversum, ist bestens gewappnet für einen Ansturm ungeheurer Horden von Usern. Müsste etwa die gesamte Einwohnerschaft von Second Life samt ihrer Simmobilien auf Völkerwanderung gehen, fände sie hier locker 50-fach Unterschlupf.
Doch so stolz Greve seine Luxus-Serverfarm präsentiert, so ungern spricht er über ihre fast demütigend niedrige Auslastung: Erst 30.000 Nutzer machen nach aktuellsten Zahlen Gebrauch von der imposanten Infrastruktur, „Missionar in eigener Sache“ weiterlesen