FOTOGERÄTEMARKT: Duales System

Da die highTech-Specials den Anzeigenabsatz ankurbeln sollten, widmete der Verlag sie den großen Messen. Daher war in der Ausgabe 37, die am 4. September 1992 erschien, die Photokina angesagt. Mein Text – Aufmacher des Specials – ist sicherlich interessant für Technik-Archäologen, die nach verschüttetem Wissen über die Anfänge der Digitalfotografie schürfen wollen. Keine Ahnung, warum wir damals vom „digitalen Negativ“ sprachen: Das Pixelbild ist ja eher mit dem Diapositiv verwandt.

WirtschaftsWoche 37/1992
FOTOGERÄTEMARKT: Koexistenz von Film und Elektronik
Koexistenz von Film und Elektronik

Trotz eines Riesenangebots an brandneuen Kameras läuft beim Fachhandel wenig. Jetzt soll das digitale Negativ die Umsätze beleben.

Wenige Wochen vor der Kölner Fachmesse Photokina herrscht bei Japans Kamerakonzernen Katerstimmung. Nicht mal mehr auf die knipswütigen Deutschen, bisher ihre treuesten Kunden, ist Verlaß. Litt der Fachhandel in den alten Bundesländern bereits 1991 unter Stagnationserscheinungen, klagen Branchensprecher mittlerweile über deutliche Umsatzeinbußen. Fotoapparate sind – trotz sinkender Preise – nicht mehr gefragt wie früher. Nur im Osten der Republik geht das Geschäft bislang gut, weil der Nachholbedarf noch immer nicht gedeckt ist.

Die fernöstlichen Produzenten sehen die Flaute im Land der Leica mit höchster Besorgnis. Denn Deutschland ist nicht nur ihr wichtigster Exportmarkt nach den USA. Hier konnten die Japaner bisher auch noch gutes Geld verdienen. In den Vereinigten Staaten dagegen, wo aggressive New Yorker Fachversender das Preisgefüge bestimmen und Ramschläden anspruchsvolle Fotoapparate zwischen Ghettoblastern und Hartschalenkoffern verhökern, ist die Schmerzgrenze für die Industrie seit langem überschritten. „Letztlich subventionieren wir diesen ruinösen Wettbewerb sogar noch“, wettert Günter Harms, Inhaber des Münchner Fachgeschäfts Photo Universal, scharfer Kritiker der Fotoindustrie, „denn wir bezahlen bei den Herstellern deutlich mehr, als amerikanische Endverbraucher bei Mailorder-Läden wie Adorama oder AAA Camera Exchange für dieselben Produkte bezahlen.“ Wie empfindlich das Nippon-Management auf Veränderungen im deutschen Markt reagiert, mußte im Frühjahr Minolta-Statthalter Dietmar Franken feststellen: Als die Verkaufszahlen aus dem Minusbereich nicht mehr hinauskamen, setzte Europachef Akio Miyabayashi dem Geschäftsführer der Ahrensburger Minolta GmbH kurzerhand den Stuhl vor die Tür. Das japanische Mutterunternehmen war 1991, nach einigen Jahren stürmischen Wachstums, plötzlich bei deutlich rückläufigen Exporten in die Verlustzone gerutscht.

Doch mit Problemen kämpfen auch andere Hersteller – sogar die für die Markentreue ihrer Kunden bekannte Nikon Corp. Der traditionelle Hauslieferant der Berufsfotografen kam im abgelaufenen Geschäftsjahr gerade noch mit schwarzen Zahlen und einem blauem Auge davon: Der Gewinn vor Steuern sackte, bei sechs Prozent weniger Kameraumsatz – insgesamt 2,17 Milliarden Mark -, um 62 Prozent auf 81 Millionen Mark.

Bei der Suche nach den Ursachen für die Konjunkturdelle sind sich die Betroffenen nicht einig. Eine der beliebtesten Erklärungen ist die angebliche Marktsättigung. Für Volker Storck, den Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Foto-Fachhandels, zieht dieses Argument nicht: „Die Haushaltssättigung war in den vorigen Jahren auch schon sehr hoch, und da ist es dem Handel dank interessanter Innovationen noch besser gegangen.“ In der Tat hatte die Einführung der Autofokuskameras, die selbsttätig die Schärfe einstellen, der Branche einen unerwartet kräftigen Schub gegeben.

Heute  setzen die japanischen Produzenten mangels revolutionärer technischer Einfälle auf überbreite Modellpaletten, mit denen sie jede nur erdenkliche oder vermeintliche Marktnische stopfen. Eine Unsitte, über die Radio- und Fernsehhändler bereits seit längerem stöhnen. Die Designer von Canon, Olympus, Minolta und Nikon, von Fuji, Konica, Yashica und Pentax lassen nämlich eine Sintflut von immer neuen vollautomatisierten Kleinbildkameras auf den Markt niederprasseln, daß selbst die besten Verkäufer den Überblick verlieren. Welch seltsame Blüten der neue Trend zur scheinbaren Vielfalt treibt, zeigt eine Meldung des Brancheninformationsdienstes „markt intern“. Danach hat ein süddeutscher Händler sein Sortiment von rund 100 auf 60 Fotoapparate reduziert, weil er ohnehin nur mit 15 Produkten noch gute Umsätze erzielte.

Die Folgen dieser Pseudo-Innovationen sind für das Geschäft fatal. Denn durch die kürzeren Produktlebenszyklen steigt zwangsläufig der Anteil der Auslaufmodelle an. So ist es heute bereits eine Seltenheit, wenn beim Erscheinen eines Warentests noch alle geprüften Kameras im Handel sind. Zudem wächst die  Aggressivität, mit der die Vertriebsmannschaften die soeben noch aktuellen, jetzt jedoch überholten Typen in den Markt drücken. „Manche Lieferanten sind dabei so unterbelichtet“, mokiert sich Harms über deren kurzsichtige Politik, „daß sie für einen schnellen, dicken Auftrag alle bewährten Vertriebskonzepte vergessen.“ So gewähren einige Hersteller, wenn sie ihre Läger für die neue Ware räumen, ausgerechnet denjenigen Händlern großzügig als Werbekostenzuschüsse getarnte Rabatte, die solche Restposten stets zu Schleuderpreisen verkaufen. Den kleineren Händlern wird die Aktionsware oft nicht einmal angeboten.

Nicht nur das Verhältnis zwischen Herstellern und Handelspartnern leidet unter der um sich greifenden Ex-und-Hopp-Mentalität. „Das eigentliche Thema“, legt Verbandssprecher Storck den Finger in die Wunde, „ist doch wohl, daß ein so schneller Modellwechsel die Verbraucher verunsichert.“ Die Erkenntnis, daß die japanischen Produktstrategen den Bogen überspannt haben, hat sich bereits bis nach Tokio herumgesprochen. Selbst dem Ministerium für Außenhandel und Industrie (Miti) wird es mittlerweile zuviel. In einem verzweifelten „Appell zur Vernunft“ rief das Miti die Industrie dazu auf, Design und Funktion ihrer Produkte zumindest nicht mehrmals im Jahr zu ändern. „Forschung gehört in die Entwicklung von Basistechnologien“, mahnten die Politbeamten, „und nicht in kosmetische Verwandlungskünste.“

Doch auch um die einzige neue Basistechnologie, die bedeutende Wachstumsimpulse für die nächsten Jahre versprach, ist es auffällig still geworden: die elektronische Fotografie. Nur noch ein einziger Fotokonzern – nämlich Canon mit seinen Ion-Produkten – bemüht sich ernsthaft, ein Still-Video-System auf dem Markt zu etablieren. Von allen anderen Prototypen, die im Laufe der Jahre auf der Photokina zu sehen waren, ist nie einer in Serie gegangen. Der Grund: Das Verhältnis von Bildqualität zu Preis ist nach wie vor so ungünstig.

Kein Wunder, daß Verbandsmanager Storck auch den übertriebenen Versprechungen auf diesem Gebiet einen bremsenden Einfluß auf das Geschäft mit konventionellen Kameras zuschreibt: „Da wurde gewiß eine ganze Menge von Kaufentscheidungen blockiert.“

In diesen Tagen soll der Knoten platzen. Denn eine echte Innovation wird seit Anfang September ausgeliefert: die Photo-Compact-Disc, eine Symbiose von Zelluloid und Elektronik. Bei diesem dualen System wird wie gewohnt mit einer x-beliebigen Kamera ein herkömmlicher Farbfilm belichtet; erst das Entwicklungslabor überträgt die Motive auf eine glänzende Laserscheibe. Die PhotoCD fungiert als übersichtliches, elektronisches Negativarchiv, als digitales Dia für die Bilderschau auf dem Fernsehschirm und als Software für den Computer. Allerdings sind Minolta, Canon, Nikon & Co. bei der Einführung dieser Neuheit nur Statisten. Das Produkt kommt von der Eastman Kodak Company aus Rochester im US-Bundesstaat New York, die mit dieser Technik ihr Kerngeschäft mit Filmen und Fotochemie absichern will, ohne den Anschluß an die digitale Fotografie zu verpassen.

Um das System möglichst schnell und fest im Markt zu verankern, fährt Kodak eine völlig andere Strategie als die japanischen Hersteller. Galt in dieser Branche bislang die Inkompatibilität mit Produkten des Wettbewerbs als oberstes Geschäftsprinzip – an eine Minolta-Kamera paßt zum Beispiel kein Canon-Zubehör – baut Kodak auf Standards. Seit der Präsentation des in Zusammenarbeit mit Philips entwickelten Photo-CD-Prototyps auf der Photokina ’90 überredete der Film-Marktführer alle wichtigen Konkurrenten – von Agfa über den Erzrivalen Fuji und Konica bis zu Polaroid – diese Technologie als Industriestandard zu akzeptieren.

Damit ist gewährleistet, daß die Anwender nicht wieder durch inkompatible Systeme verunsichert werden. Dennoch scheinen selbst die Kodak-Manager von der Zugkraft der Photo-CD nicht völlig überzeugt zu sein. So verließ sich beispielsweise die Stuttgarter Dependance des US-Konzerns nicht darauf, daß die Laborbetriebe von sich aus in die neue Technik investieren. Ein kompletter Bearbeitungsplatz kostet immerhin 200.000 Mark und amortisiert sich erst nach einem Durchsatz von mehreren zehntausend Filmen. Statt dessen kaufte sich die Kodak AG ein flächendeckendes Netz von Entwicklungsanstalten zusammen, um zum Vertriebsstart der CD-Abspieler auch in jeder Stadt den dazugehörigen Service anbieten zu können.

Mit diesen Übernahmen, die auch auf die Absicherung des Marktanteils bei Fotopapier und Entwicklungschemikalien zielen, setzen die Stuttgarter allerdings das Wohlwollen des Handels aufs Spiel. Waren die Einkäufer und Ladenbesitzer bisher Nutznießer eines scharfen Wettbewerbs zwischen den meist mittelständischen Großlabors, sehen sie angesichts der Konzentration im Fotofinishing ihre gesunden Margen dahinschmelzen. Ein Oligopol droht: Neben der bundesweit agierenden CeWe Color AG & Co. aus Oldenburg (geschätzter Marktanteil: 29 Prozent) und Kodak (mit den Zukäufen Colibri, Copaphot und Annemie jetzt bei 20 Prozent Markanteil) will angeblich auch die finanzstarke Fuji Photo Film Europe GmbH durch Akquisitionen in die Spitzengruppe vorstoßen.

Im Kodak-Management herrscht indes die Ansicht vor, daß die Photo-CD gar nicht mehr zu bremsen ist – schon gar nicht von unwilligen Laborbetreibern, denen der Lieferant Kodak jetzt unmittelbar Konkurrenz macht. Matthias Freund, Leiter der weltweiten Kampagne zur Markteinführung des Produkts, baut jedenfalls auf die normative Kraft des Faktischen. Sein Credo: „Jeder Fotofinisher, mit dem wir uns unterhalten haben, stimmt mit uns überein, daß er in diese Technologie investieren muß – ob er will oder nicht.“

ULF J. FROITZHEIM

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