Hochwürden auf dem Kartentrip

Eine Flut von Chipkarten rollt auf uns zu – als Ersatz für Kleingeld und Krankenschein, Ausweis und Arztrezept. Einige Anbieter ziehen die Notbremse: Per „Multifunktionskarte“ wollen sie die Inflation stoppen.

Wenn noch ein Symbol für den endgültigen Triumph der Plastikkarte gefehlt hatte, dann dieses: Die Pastoren der fünf evangelischen Hauptkirchen in der Hamburger City erwägen ernsthaft die Einführung einer „Church Card“.

Top Business 7/1993

Mit dem analytischen Geist gewiefter Marketingexperten haben die Gottesmänner eine Offerte für die kühl rechnenden hanseatischen Kaufleute maßgeschneidert, die im Schatten des Michel längst die alteingesessenen Gemeindebürger verdrängt haben. „Die Kirche muß sich dem Wettbewerb stellen“, propagiert Hauptpastor Lutz Mohaupt ein konsequent marktwirtschaftliches Christentum. Wer stets brav seine Kirchensteuer zahlt, soll auch etwas davon haben – sei es der verbilligte Eintritt beim Kirchenkonzert oder die Vorzugsbehandlung bei der Kindergarten-Warteliste.

Die nordelbischen Reformatoren sind nicht die einzigen, die sich anschicken, das beachtliche Kartensortiment weitet anschwellen zu lassen. Auch in den Brieftaschen nichtgläubiger Mitbürger wird die Zahl der 85 x 54 Millimeter großen Plastikrechtecke sprunghaft zunehmen. Dabei verdrängt der aus der Telefonkarte bekannte Mikrochip zusehends den Magnetstreifen als Informationsträger. Auch gewinnt die teurere Smartcard, die Daten nicht nur speichern, sondern sogar verarbeiten kann, an Boden. Ob es um maschinenlesbare Arztrezepte geht oder um den Europa-Führerschein, um Fahrausweise für die Straßenbahn oder gar um die sogenannte digitale Unterschrift, mit der elektronisch übermittelte Briefe dokumentenecht signiert werden können – für jede erdenkliche Lebenslage hat die Industrie etwas Passendes in der Schublade.

Eine einzige, multifunktionale Karte, wie sie neuerdings angeboten wird, würde zwar ausreichen. Doch statt auf das modernere Konzept setzen die diversen Emittenten immer noch auf herkömmliche Technik und heizen den Plastikkonsum erst einmal weiter an. Angesichts der schier unbegrenzten Einsatzmöglichkeiten schwelgen die Chipproduzenten in ihren Verlautbarungen in fetten Zuwachsraten. So wird sich nach Einschätzung der Halbleiterexperten der Siemens AG binnen drei Jahren die Zahl der weltweit verkauften Chipkarten – schon 1992 immerhin 200 Millionen Stück – verdreifachen. Klaus Müller, Vertriebsmanager im Geschäftsbereich Halbleiter des Siemens-Rivalen Motorola GmbH in München, ist noch optimistischer: 1995 werden in Europa 250 Millionen Smartcards und eine Milliarde Speicherkarten verkauft.“

Doch so breit wie das Spektrum der Anwendungen ist auch das Hardwareangebot. Für jede Anforderung bieten Hersteller wie Siemens, Motorola, Thomson und Philips hochspezialisierte Elektronikbausteine mit den verschiedensten Speicherkapazitäten oder Prozessorleistungen. Nicht einmal die Anordnung der elektrischen Kontakte auf den Karten ist genormt. Eine deutsch-französische Telefonkarte ist beispielsweise mit den derzeitigen Lesegeräten nicht realisierbar. Dabei wäre es mit der heute verfügbaren Chiptechnik kein Problem mehr, „aufladbare“ Karten zu produzieren, die in getrennten Speichersegmenten jeweils ein Guthaben in der passenden Landeswährung tragen könnten.

Eine Karte für jeden Zweck

Solchen Multiapplikationskarten (MAK), die die Leistungen verschiedener Anbieter in sich vereinigen, gehört nach Ansicht von Branchenkennern die Zukunft. Denn bei einer weiter steigenden Zahl von dummen und smarten Karten sowie den dazugehörigen Geheimzahlen (PIN-Codes) befürchten die Herausgeber ein Phänomen, das sie „Kartenmüdigkeit“ getauft haben: Der Verbraucher mag nicht mehr.

Für den deutschen Erfinder und Chipkarten-Pionier Hans-Diedrich Kreft, Geschäftsführer der Angewandte Digital-Elektronik GmbH (ADE) aus dem norddeutschen Brunstorf, ist die MAK sogar das einzige Mittel, mit dem sich das zahlende Publikum bei Laune halten läßt. „Multiapplikation heißt für den Konsumenten: eine Karte mit nur einem PIN-Code“, meint Kreft. Eine einzige Karte reiche aus, um „alle Felder abzudecken, von denen wir heute überhaupt wissen, daß sie mit Karten abgedeckt werden können“.

Trotz ihrer anerkannten Vorteile fristet die MAK jedoch bisher ein Nischendasein. Abgesehen von dem eingebauten Kartentelefon-Chip, den mehrere Banken und die Lufthansa als Extra zur Eurocard respektive AirPlus Card anbieten, gibt es in Deutschland noch keine nennenswerten Aktivitäten in dieser Richtung. Auch beim spektakulärsten und größten Chipkartenprojekt, das je beschlossen wurde, der Einführung der Krankenversichertenkarte (KVK), haben die Beteiligten die Chance vertan, gleich etwas Zukunftsweisendes zu realisieren. Um einer zügigen Realisierung willen einigten sich Krankenkassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Bundesgesundheitsministerium bei dem 500 Millionen Mark teuren Vorhaben auf eine Minimallösung: Der Chip auf der KVK, die bis Ende 1995 an die 72 Millionen gesetzlich Versicherten in der Bundesrepublik aus gegeben wird, enthält nichts weiter als die Angaben, die auf einem gewöhnlichen Krankenschein stehen.

Zwei sehr naheliegende Funktionen – die aus Gründen des Datenschutzes nur mit Einwilligung des Patienten genutzt werden dürften – werden dagegen in absehbarer Zeit nicht realisiert. So liegt der bereits in den 80er Jahren von dem Schweizer Walter Ziegler konzipierte Notfallausweis „Sanacard“) erst einmal auf Eis. Damit hätte der Notarzt wichtige Informationen abfragen und vom Rettungswagen aus per Datenfunk in die Klinik übertragen können: von der Blutgruppe über Medikamentenallergien bis hin zu Impfpass und Organspenderausweis.

Mit einem ähnlich bescheidenen Ansatz geht die deutsche Kreditwirtschaft die Umstellung auf Chipkarten an. So bleiben die meisten Institute bei der Trennung von Eurocard und Eurocheque-Karte; der Kunde muß sich weiterhin zwei Geheimzahlen merken, wenn er unterwegs die Geldautomaten nutzen will. Und die Sparkassen, die in zwei Schüben 1994 und 1996 die Eurocheque-Karte mittels Chiptechnik fälschungssicher machen wollen, haben dabei vor allem die Durchsetzung der bargeldlosen Zahlung im Einzelhandel in Sinn: Weil die Echtheitsprüfung von Chipkarten – im Gegensatz zu Magnetkarten – keine kostspielige Online-Autorisierung durch eine Datenzentrale erfordert, wird das elektronische Kassieren am sogenannten POS-Terminal (Point-of-Sale) für die Händler interessanter.

Das Desinteresse der Großbanken und Sparkassenorganisationen an der Weiterentwicklung der Kartentechnik zeigt sich auch darin, daß sie sich aus der Diskussion über die Standardisierung der multifunktionalen Smartcards heraushalten. Bei den von ADE-Chef Hans-Diedrich Kreft initiierten Treffen einer „Arbeitsgemeinschaft offene Multiapplikationskarte“ (Argemak) überlassen sie das Feld kampflos den Computer-, Chip- und Kartenproduzenten wie NCR, Siemens, Philips und Giesecke & Devrient. Lediglich die Kreditkarten-Emittenten GZS Gesellschaft für Zahlungssysteme und Visa International sowie die Volksbank Stormarn – seine Hausbank – hat Kreft zur Teilnahme motivieren können.

Europäer an der Spitze

Dabei geht es auf den sporadischen Sitzungen der Argemak um Fragen, die die wirtschaftliche Zukunft all jener tangieren, die mit den Chipkarten Geld verdienen wollen: Noch besteht der Weltmarkt zu 90 Prozent aus Europa, noch haben europäische Finnen die Nase vorn. Japanische Hersteller sind erst in Marktnischen aktiv, und Amerika, wo es noch keine Telefon-Chipkarten gibt, wäre ein interessanter Exportmarkt. Krefts Sorge: „Technische und kommerzielle Egoismen“ könnten die Markteinführung der kleinen elektronischen Tausendsassas solange behindern, bis ein mächtiger Konzern aus Japan oder den USA einen eigenen MAK-Standard setzt.

Tatsächlich sind Hitachi und AT&T bereits in diesem Segment aktiv. Krefts Vorschlag liegt auf dem Tisch: Die Teilnehmer der Runde, darunter die Deutsche Bundesbahn, Telekom und der Versicherungsriese Gerling, sollen die heute übliche Technik überwinden und ein gemeinsames Großprojekt mit einer neuartigen Multifunktions-Chipkarte wagen, die berührungsfrei gelesen wird. Der Vorteil dieser sogenannten C-MAC-Technik läge neben der höheren Lebensdauer dieser Konto- und Telefonkarte darin, daß sie sich gleichzeitig als Mitarbeiterausweis oder Fahrschein eignen würde: Wer ohne gültige Karte den C-MAC-Kontrollpunkt passiert, wird sofort als Eindringling oder Schwarzfahrer entlarvt. Der Nachteil: Die Herstellung der Karte ist so aufwendig, daß sie nur bei sehr hohen Stückzahlen wirtschaftlich wäre.

Deshalb glaubt Trutzfried Drewes, beim niedersächsischen Sparkassen- und Giroverband für diese Thematik zuständig, daß die Entscheidung der Sparkassen für eine etablierte Chipkartentechnik richtig war: „So eine kontaktlose Karte könnte eines Tages sinnvoll werden. Aber bis es sich lohnt, umzustellen, müßten wir noch Jahre warten.“ Vermutlich ist bis dahin die Church Card schon bundesweit eingeführt.

Ulf J. Froitzheim

Wichtigste Anwendungsgebiete für Chipkarten

heute: Telefon, Krankenversicherung, Kredit- und Scheckkarten, Pay-TV~Zugang
künftige Anwendungen: Führerschein, Mautkarte, Mitgliedsausweis (ADAC), Nahverkehrsticket, Betriebsausweis, Telefonbanking, Eingabe verschlüsselter Unterschriften bei elektronischer Korrespondenz.
Perspektive: Multifunktionskarte für Dienste mehrerer Anbieter; Handicap dabei: Die Werbeträgerfunktion geht verloren.
derzeitige Chipkarten·Jahresproduktion: 200 Millionen Stück mit stark steigender Tendenz
große Chiphersteller: Siemens, Motorola, Philips, Thomson, Hitachi, AT&T

 

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