KODAK: Lange Leitung

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Via Internet können Hobbyfotografen bald digitale Bildkarten versenden, Online-Alben anlegen oder Abzüge bestellen. Die Nachfrage ist höchst ungewiß.

MIT DIGITALER FOTOGRAFIE wollte George Fisher den Celluloid-Riesen Kodak für die Zukunft fit machen. Statt dessen wurde sie für den Vorstandschef eines der größten Probleme. Im ersten Halbjahr produzierten Kodaks Versuche mit Bit-Bildern 100 Millionen Dollar Miese. Grund: Amateure verschmähen teure Digitalkameras, deren Bilder so grobkörnig sind, daß man einen Schnappschuß nicht mal als Miniposter an die Wand hängen kann.

Mit dem Kodak Picture Network ziehen Fisher und sein Marketingmanager Carl Gustin jetzt die Konsequenz aus der Treue der Knipser zum Film. Für fünf Dollar pro 24er Rolle scannen Kodak-Labors die Negative ein. Mit den Abzügen erhält der Kunde ein Paßwort, das ihm via Web Zugang zu einer Reihe von Services verschafft – etwa E-Postkarten mit eigenen Bildern an beliebige Mail-Adressen zu senden.

Wer will, kann die Bilder auf seine Festplatte laden, retuschieren oder verfremden und von diesen Elaboraten online Papierbilder nachbestellen. Geplant sind virtuelle Fotoalben, die man für Freunde und Verwandte in aller Welt öffnen kann. Die Resonanz auf das Angebot, das zum Jahreswechsel in Deutschland eingeführt werden soll, war in den USA nicht nur freundlich. Hämisch merkte „USA Today“ an, das Online-Album sei eine nette Idee, aber nur, wenn die ganze Sippschaft über Pentium-PCs mit 2-MBit-Anschluß verfüge.

Rentabel wird das Bildernetz erst dann, wenn es genug Freizeit-Lichtbildner dazu inspiriert, von den gespeicherten Fotos teure Vergrößerungen zu ordern: Für nur 4,95 Dollar pro Monat darf der Fotofreund 100 Shots in Rochester deponieren, jedes weitere kostet einen Cent. Das Porto fürs Versenden der Online-Ansichtskarten ist in der Pauschale enthalten. Auch die Scangebühr ist knapp kalkuliert.

OBWOHL DAS PICTURE NETWORK für den Massenmarkt gedacht ist, macht Kodak es den Kunden schwer: Hält jedes Minilabor nach einer Stunde die Abzüge parat, kann die Digitalisierung von Kleinbild-Dias und Negativfilmen des neuen Advanced Photo Systems (APS) 15 Tage dauern.

So grassiert in deutschen Fotoläden nicht gerade das Internet-Fieber. Informationen von der deutschen Kodak gibt es nicht; sie tüftelt noch am Marketingkonzept. Die Händler, die über das Network etwas wissen, haben es in der Fachpresse gelesen und sind skeptisch.

Sind Fotoamateure mit guter Computerausrüstung schon in den USA eine kleine Zielgruppe, kommen in Deutschland noch höhere Online-Kosten hinzu. Und: Nirgends tobt der Preiskampf im Bildergeschäft heftiger als hier, wo Dromarkt-Ketten 30×45-Miniposter für weniger als fünf Mark verschleudern. Zudem fehlt eine der wesentlichen Zielgruppen, auf die Kodak in den USA zählen kann: Familien, die über den Kontinent verstreut leben und das Netz als billiges Kommunikationsmedium schätzen.

Kodak-Sprecher Gerd Böhm sieht die Klientel daher bei Amateuren, die ihre Bilder künftig am PC oder an einer der 500 „Picture-Magic“-Workstations in größeren Fotoläden bearbeiten wollen. Die kommen so
preiswert an Scans und können Kopien einfach nachbestellen.

Um das Business mit Film und Papier muß sich George Fisher in den USA nicht sorgen. Verwies doch „USA Today“ auf die „Tauglichkeit“ der Orte, an denen Amerikaner gemeinhin Fotografien ihrer Liebsten anbringen, für die digitale Wiedergabe: „Natürlich werden eines Tages Kühlschranktüren, Brieftaschen und Bilderrahmen mit dem Internet verbundene Displays sein.“

TJA, 17 Jahre später ersetzt das Handy die Brieftasche und digitale Bilderrahmen gibt es auch. Nur der Kühlschrank mit Bildschirm ist tatsächlich das geblieben, als was ich ihn immer gesehen habe: eine Erfindung von dummen Marketingfritzen und dummen Journalisten.  UJF

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