Tauschbörsen: Es kann nur einen geben

Erbittert pokern die Labels um die Vormacht im Milliardengeschäft Online-Musik.

Zwischen einem Hit der Sugababes und Microsoft Office macht Jonathan Withehead keinen Unterschied. Songs sind Software, technisch wie rechtlich. Wer sie kopiert, ist Produktpirat – und Feind des Justiziars des Verbands der US-Schallplattenindustrie (RIAA). Whiteheads aktuelle Zielscheibe: Open Nap, ein Ring von Internet-Freaks, die das Urteil gegen Napster wegen Copyright-Verletzung nicht akzeptieren und einen Klon der rechtswidrigen Musiktauschbörse ans Netz hängten.

Die erste Runde ging an den RIAA-Anwalt. Mit den Raubkopierern selbst hält sich Whitehead aber nicht auf. Stattdessen erklärte er Ende Februar 50 Providern, über deren Server Open-Nap-Aktivisten illegale Musikangebote verbreiteten, schriftlich die Rechtslage: Wer die Missetäter gewähren lässt, wird nach dem US-Urheberrecht als Komplize behandelt – und haftet. Ex-Branchenschreck Napster ist der Dschihad der Label-Lobby gegen Schwarzhörer aller Art nur recht. Verschwindet die lästige Anarcho-Konkurrenz, wird der reuige Copyright-Sünder mit seinen je nach Schätzung bis zu 64 Millionen aktiven Nutzern als neuer Vertriebskanal für die Fonowirtschaft erst richtig interessant. Auf die aktiven Napster-Konsumenten kämen freilich Abo- oder Download-Gebühren zu.

Auf ihrer Seite haben Napster-Gründer Shawn Fanning und sein Vorstandschef Hank Barry bisher nur den Bertelsmann-Konzern. Dessen Vorstandschef Thomas Middelhoff versucht seit Wochen, den verhassten Outlaw zu entkriminalisieren. Eine Milliarde Dollar an Lizenzgebühren, verteilt über fünf Jahre, bietet der Deutsche den Plattenfirmen an – im Gegenzug sollen sie ihre Schadenersatzansprüche ruhen lassen. Sogar die nötige Software steuern die Gütersloher bei: Die Bertelsmann-Tochter Digital World Services hat ein Programm für das so genannte Digital Rights Management (DRM) entwickelt, mit dem ein Online-Anbieter festlegen kann, wie ein Kunde die Musik nutzen darf und was er dafür zahlen muss.

Middelhoff und sein Multimedia-Haudegen Andreas Schmidt sind sich sicher, dass genügend Napster-Fans zahlungswillig sind, um den Dienst profitabel zu machen. Schon wenn nur jeder zehnte Nutzer nach Einführung einer Aboprämie von fünf Dollar im Monat dabeibliebe, käme Napster auf einen Jahresumsatz von über 300 Millionen Dollar – genug, um die versprochenen 200 Millionen Dollar auf die Branche zu verteilen.

Solche Rechenexempel sind Jean-Marie Messier längst vertraut. Der Chef des weltweit größten Musikkonzerns, der französischen Vivendi-Universal-Gruppe, hatte schon vor einem Jahr einen Einstieg bei Napster ventiliert. Im Mai 2000 entschied er sich allerdings dagegen – und kündigte stattdessen eine Online-Kooperation mit Sony Music an. Das mächtige Duo will jetzt unter dem Projektnamen Duet einen eigenen Abodienst aufbauen. Geplanter Start: Sommer 2001.

Das Friedensangebot Bertelsmanns lehnte Messier ab: Die 150 Millionen Dollar Lizenzgebühren, mit denen die Deutschen den Weltmarktführer für die nächsten fünf Jahre abfinden wollten, genügten ihm nicht. Für die wesentlich kleinere Bertelsmann Music Group (BMG) war die gleiche Summe vorgesehen; zudem würden die Deutschen als Lieferant der DRM-Software verdienen. So verkündete Messier spitz, er mache mit Piraten keine Geschäfte – wobei er offen ließ, ob er Fanning meinte oder doch Middelhoff.

An dem selbstbewussten Rivalen kommen die Gütersloher nicht vorbei: Ohne das üppige Repertoire der Schwergewichte Universal und Sony ist Napster 2.0, wie das Projekt bei Bertelsmann heißt, nicht viel wert. Beharrt der Universal-Boss auf seinen Duet-Plänen, könnte sich Middelhoff dort allenfalls als Junior-Partner bewerben – oder Plan B aus der Schublade ziehen: eine eigene virtuelle Jukebox namens Snoopstar, für deren Entwicklung Schmidt im September, sechs Wochen vor dem Napster-Deal, eine Firma in Hamburg gegründet hat. Dann herrscht zwar Wettbewerb auf dem Markt für Online-Musik-Abos – aber zum Nachteil für den Fan: „Wir hoffen 50 Prozent der Musik der Welt zu lizenzieren“, verspricht Jean-Marie Messier. Das ist viel – aber Ex-Monopolist Napster bot 99 Prozent.
UJF

 

MUSIKMARKT

CDs bringen jährlich 40 Milliarden Dollar Umsatz. Jede vierte vertreibt Vivendi-Tochter Universal, je ein Sechstel die Töchter von Bertelsmann, Sony und AOL Time Warner. Neun Prozent des Markts kontrolliert die britische EMI. Bertelsmann will sie übernehmen und so zu Vivendi Universal aufschließen.

Erschienen in BIZZ 4/2001

Sie sind der oder die 1692. Leser/in dieses Beitrags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert