Popeye und die 14 Radfahrer

Wissenschaftsjournalisten müssen Komplexität reduzieren, auf Deutsch: vereinfachen. Das ist ihr Job. Die Frage ist aber: In welchem Maße sollen und dürfen sie das tun?

„Her mit dem Salat“, fordert die Kollegin Christina B. von der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung (26.2.2011). Kürzer und bündiger geht’s kaum. Auch die Unterzeile versteht man ohne Abitur:

„Lange warnten Fachleute vor zu viel Nitrat im Wintergemüse, dabei ist das sogar gut für die Gesundheit.“

Muss ich da noch weiterlesen? Zeit für die Lektüre eines ganzen Vierspalters verplempern? Es ist doch auch so schon alles klar. Fachleute sind Idioten, auf die muss man nicht hören. In seinem Vorurteil bestärkt, kann Klein-Fritzchen ab sofort hemmungslos drauflos futtern. Nächstes Thema…

Stopp! Noch mal zurück auf Anfang und den Logik-Detektor eingeschaltet. Also: Wer behauptet hier, dass Fachleute irren? Fachleute können es nicht sein, sonst würden sie wohl kaum so pauschal Fachleute angreifen. Also müssen es Laien sein. Aber ist das, was Laien sagen, von Belang? Ist es einen Vierspalter auf einer Seite wert, über der „WISSEN“ steht und nicht „MUTMASSUNGEN“?

Um uns darüber klar zu werden, was hier abgeht, kürzen wir die verkürzte These doch mal auf ihre Kernaussage:

„Zu viel Nitrat … ist … gut für die Gesundheit.“

Wenn zu viel gut ist, dann ist genug offenbar zu wenig, also doch nicht genug. Wer das für absurdes Geschwätz oder zumindest eine peinliche redaktionelle Sprachschlamperei hält, dem sei die Hypothese entgegen gehalten, es könnte sich ja um ein bewusst gesetztes Oxymoron handeln, um eine rhetorische Figur, die durch ihren Widersinn zum Lesen locken soll.

Ich bin nun jedenfalls neugierig: In was für einen Artikel soll mich diese Contradictio in adjecto zerren? War nicht die Wissens(chafts)seite immer der Hort der objektiven Sachtexte, das letzte Refugium der geheiligten Trennung von Nachricht und Kommentar? Ach wo. Frau Doktor B., deren Schreibe man heute noch anmerkt, dass sie einen (kleinen) Teil ihrer beruflichen Sozialisation dem „Spiegel“ verdankt, kommt gleich zur Sache, also ihrer maßgeblichen Privatmeinung:

„Womit haben Ernährungsberater die Menschheit nicht schon sinnloserweise tyrannisiert: Literweise Wasser sollen wir täglich trinken, weil wir angeblich nur so genügend Flüssigkeit aufnähmen, während Kaffee und Tee nichts zählten. Das erwies sich als ebensolcher Unsinn wie die Empfehlung, am Tag möglichst viele kleine Portionen zu essen; längst hat sich die Überzeugung durchgesetzt…“

Der rhetorisch fragliche Einstieg ist ungefähr so aussagekräftig, differenziert und wahr wie dieser Satz, der meiner Frau, einer diplomierten Ernährungswissenschaftlerin, spontan dazu einfiel:

Was haben Journalisten nicht schon alles an Unsinn geschrieben…

Vor allem hat der Einstieg – wie auch der auf ihn rekurrierende Schlussabsatz – nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun. Dieses ist nämlich weder die Qualifikation von Ernährungsberatern (so darf sich jeder Depp nennen, das ist genauso ein Berufsbild wie das des Journalisten) noch die von Ernährungswissenschaftlern (mit abgeschlossenem Hochschulstudium), denen im Schlussabsatz – um den Beifall der Ist-mir-doch-egal-wovon-mir-schlecht-wird-Leserfraktion heischend – vorgeworfen wird, sie seien zwar „reichlich ratlos“, würden „uns“ (d.h. Redaktion und Leser) aber dennoch „immer wieder mit ihren Ratschlägen drangsalieren“. (Meine Frau könnte schwören, Frau B. noch nie mit irgendetwas drangsaliert zu haben.)

Die Autorin will aber auch nicht eruieren, wieviel Flüssigkeit der Körper bei welcher Mineralstoffzufuhr und welchen Bewegungsgewohnheiten denn wirklich benötigt, damit die Nieren ihren Job noch anständig machen können. Die Forscher, deren Arbeiten sie ihr Stück widmet, befassen sich ausschließlich mit der Rolle von Stickstoffverbindungen (Nitrat, Nitrit, Nitrosamine, Stickstoffmonoxid) im menschlichen Stoffwechsel… und mit Popeye, dem glubschäugigen Seemann, der Spinat sowohl in als auch aus großen Dosen genoss.

„Popeye hatte recht: Spinat schafft Muskelkraft“

Zwischentitel auf der SZ-Wissenseite

Richtig gelesen: Auf die Idee, ihren Text mittels der Comicfigur aus der Zeit vor der Erfindung des Tiefkühlspinats aufzupeppen, ist Frau Dr. B. nicht selbst gekommen. Der populärunwissenschaftliche Aufhänger stammt unmittelbar aus einem im Text zitierten schwedischen Forschungsinstitut. Der Online-Spiegel hatte den Aufhänger bereits drei Wochen vor der SZ – und war offenbar durch eine Agenturmeldung (dapd) darauf gekommen. Der in der SZ erwähnte Professor Eddie Weitzberg ist denn auch kein Ernährungswissenschaftler, ja er arbeitet nicht einmal an einer einschlägigen Fakultät. Nein, das Karolinska Institutet ist eine Medizinische Hochschule, und Weitzberg arbeitet dort am Department of Physiology and Pharmacology. Was der Mann erforscht, sind Stoffwechselvorgänge auf zellulärer Ebene.

Dieser Forscher hat nun – wie in der SZ zu lesen ist – vierzehn (in Ziffern: 14!) Probanden drei Tage lang einen nitrathaltigen (Gemüse-?) Saft verabreicht, woraufhin sie „offenbar“ kräftiger auf dem Fahrrad strampeln konnten. (Wobei auch das nur eine Schlussfolgerung ist, denn eigentlich benötigten sie für die gleiche Leistung weniger Sauerstoff, kamen also bei gleichem Tempo nicht so aus der Puste.) Das Ergebnis des kleinen Tests ist wenig überraschend, wenn man weiß, dass es in zweifelhaften Randbereichen der Fitnessbranche bereits kommerzielle Produkte gibt, die aus gewissen muskelstärkenden Fähigkeiten des Stickoxids NO Kapital schlagen sollen. Und wenn man denn schon die Wissen-Seite liest, möchte man vielleicht einmal eine Einschätzung lesen, wie valide denn eine Studie sein kann, die mit so einer geringen Fallzahl durchgeführt wurde. Statt dessen präsentiert die Redakteurin eine weitere Studie mit ebenfalls 14 Kandidaten, aus der ein Laie fast den Schluss ziehen muss, man könne durch massiven Genuss nitrathaltiger Gemüse sogar der Altersdemenz vorbeugen.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls erst einmal skeptisch, wenn – wie in letzterem Fall – die Quelle für Aussagen über möglich Wunderwirkungen bisher als Schadstoffe geltender Stickstoffverbindungen eine Fachzeitschrift mit dem Titel Nitric Oxide ist. Ich kenne das Heft nicht, aber ich sage wohl nicht zu viel, wenn ich darauf verweise, dass ich in der „Capital“ auch keine Kapitalismuskritik erwarten würde. Inwieweit Nitric Oxide eine respektable Quelle ist, müsste mir schon die Zeitung verraten, die daraus zitiert.

Das aber ist vielleicht etwas viel verlangt an Tiefgang, wenn sich die Autorin einerseits darüber verbreitet, dass und warum Gemüsepflanzen im Winter besonders hohe Nitratkonzentrationen aufweisen, andererseits aber den gern im Winter aufgetauten Spinat den Wintergemüsen zurechnet, obwohl seine Haupterntezeiten der Mai und der Spätsommer sind. Der billige Rahmspinat bei Lidl kommt garantiert nicht aus dem Gewächshaus, sondern wird just dann geerntet, wenn er am besten wächst. Falls er hohe Nitratwerte hat, liegt’s am Dünger, nicht an der Ernstesaison. Merke: Auch Popeye konnte im Winter keinen frischen „Spinach“ auftreiben. Deshalb brauchte er ja die Dosen.

Und falls es denn so sein sollte, dass uns nitratreiche Kost gut tut, dann spricht für Spinat außer dem Bekanntheitsgrad von Popeye wenig, denn das Zeug ist einfach zu unberechenbar, um die korrekte Dose, pardon!, Dosis zu erwischen. Ob ein Kilo davon 140 oder 3720 Milligramm enthält, erfährt man nämlich nicht ohne chemische Analyse. Wer auf die segensreiche Wirkung des Stoffs hofft, kauft sich jedenfalls besser Rote-Bete-Saft oder Lollo Rosso. Da ist praktisch immer eine anständige Dröhnung drin.

Nachtrag 27. März:

Beim Altpapierausmisten habe ich gerade in der SZ vom 4. März folgende Korrektur entdeckt:

„In dem Artikel „Her mit dem Salat“, 26. Februar, auf Seite 22, wird erläutert, dass Stickstoffmonoxid einer der potentesten bekannten Blutverdünner sei. Dies ist falsch. Stickstoffmonoxid wird nicht zur Blutverdünnung, sondern zur Gefäßerweiterung eingesetzt.“

Ob dieser Irrtum für eine Biochemikerin, die mit ihrer Dissertation den Promotionspreis der Deutschen Gesellschaft für Immunologie gewonnen hat, peinlich ist, mögen die Fachleute beurteilen. Jedenfalls wäre der tatsächliche Einsatzzweck sogar in der Wikipedia nachzulesen gewesen.

Nachtrag 1. Juli:

Jetzt haben es die Stockholmer Nitratologen auch ins Handelsblatt geschafft. Dessen Redaktion stellt die Agenturmeldung unter „Technologie“ ein, behandelt sie aber wie eine Boulevard-Nachricht.

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