Chinesische Erdbeeren, deutsche Recherchen

Dass Redakteure oft keine Zahlenmenschen sind, kennt man als freier Journalist. Immer wieder muss man angestellte Kollegen daran erinnern, dass das angeblich so faire Honorar der Umsatz ist und daher nicht mit ihrem Nettogehalt zu vergleichen.

Ein ähnliches Gespür für Zahlen findet sich in den Berichten über den Norovirus, der angeblich huckepack auf chinesischen Erdbeeren seinen Weg in 11000 ostdeutsche Schülermägen gefunden haben soll. Ohne zu stutzen, berichten die Kolleginnen und Kollegen, die vermutlich infizierte Charge Erdbeeren habe aus 44 Tonnen Tiefkühlbeeren bestanden. Nun, wieviel sind 44 Tonnen? 44000 Kilogramm. Also ist von vier Kilo Erdbeeren je ein Schüler krank geworden.

Vier Kilo? Okay, knapp vier Kilo, es waren ein paar mehr als 11000 Betroffene. Aber da drängen sich dann doch ein paar Fragen oder Rechenaufgaben auf:

1. Wie groß sind die Portionen? (Antwort: Es soll sich um Grießbrei mit Erdbeerkompott gehandelt haben, serviert als Nachtisch. Eine Portion Nachtisch für Schüler wird nicht größer gewesen sein als ein Jumbobecher Jogurt à la „Der große Bauer“, also maximal 250 Gramm. Davon gehen typischerweise 200 Gramm Grießbrei ab, bleiben 50 Gramm Erdbeerkompott. Davon wiederum entfallen 30 Gramm auf Zucker, Wasser und Stärke bzw. Verdickungsmittel, bleiben etwa 20 Gramm Früchte oder 1–1,5 Erdbeeren.)

2. Welche Erdbeermenge verspeisen 11000 Schüler bei so einem Rezept insgesamt? (Antwort: etwa 220 Kilo.)

3. Wieviel Prozent des Inhalts der vermutlich zwei Tiefkühlcontainer aus China sind 220 Kilo? (Antwort: ein halbes Prozent.)

4. Warum haben die restlichen 99,5 Prozent keine Erkrankungen ausgelöst? (Antwort: Gute Frage! Vielleicht sollte man mal recherchieren, wo die gelandet sind.)

5. Hat Sodexo außer den überschlägig geschätzten 220 (oder bei sehr gutem Willen maximal 440) Kilo noch weitere Erdbeeren aus dieser Lieferung abgenommen – und in welchem Zustand sind die? (Tja, gute Frage! Vielleicht mal den Geschäftsführer fragen?)

6. Kann man eine Lieferung von 44 Tonnen Erdbeeren überhaupt als eine Charge bezeichnen? (Antwort: Nein, sicher nicht. Auch in China ist dafür eine solche Anbaufläche und eine solche Zahl von Pflückern und Packern notwendig, dass ein Rückschluss vom bakteriologischen Zustand der ersten Tonne auf den der letzten Tonne völliger Quatsch wäre, es sei denn, man hätte in diesem Fall ein Heer von allesamt durchfallkranken Arbeiterinnen eingesetzt. Diese Leute wären aber sehr rasch als Arbeitskräfte ausgefallen, so dass die fragliche Menge wohl gar nicht mehr zur Auslieferung gelangt wäre. Alles spricht also für die Annahme, dass nur ein ziemlich kleiner Teil der 44 Tonnen verdorben war.)

7. Wie können Noroviren überhaupt eine so große Menge Erdbeeren kontaminieren? (Antwort: Da sich Viren außerhalb der Zellen ihres Wirtsorganismus nicht vermehren, können sie sich allenfalls gleichmäßiger verteilen. Innerhalb eines großen Bottichs Erdbeerkompott in einer industriellen Großküche läge dies durchaus im Bereich des logisch Erklärbaren. Auf jeden Fall hüpfen Viren nicht von Beere zu Beere, schon gar nicht wenn diese Beeren tiefgefroren sind und in großhandelsüblichen 2,5-Kilo-Polyäthylensäcken stecken, die für Viren nicht durchlässig sind.)

8. Wenn eine vergleichsweise geringe Menge virenverseuchter Früchte ausreicht, um Tausende Portionen Nachtisch zu verderben, spräche dies nicht gegen die zentrale, quasi-industrielle Produktion an sehr wenigen Standorten? (Antwort: Je größer die verunreinigte Charge, desto mehr Betroffene gibt es. Wäre der Nachtisch lokal in entsprechend kleineren Mengen gekocht worden, hätten wohl auch nicht alle Köche die Hitze zu früh abgedreht, um die Erreger zu zerstören.)

9. Warum ist das so wichtig? Ein bisschen Durchfall und Erbrechen bringen doch niemanden um. (Antwort: Zum Glück waren es nur Noroviren. Man stelle sich vor, es wäre ein neuer Fall von EHEC gewesen. Deshalb wäre es ein Beitrag zur Risikovorsorge, die Produktion von Schulessen zu dezentralisieren. Wenn dann mittelständische regionale Caterer besser mit internationalen Konzernen konkurrieren können, wäre das auch volkswirtschaftlich kein Nachteil.)

10. Warum engagieren tagesaktuelle Medien bei solchen Themen eigentlich keine freien Fachjournalisten für die Recherche? Immer muss es der fachlich überforderte Allrounder machen, der für das Bundesland zuständig ist. Der kann oft nur Verlautbarungsjournalismus machen und die Aussagen der Behörden zu einer lesbaren, aber letztlich wenig nützlichen Meldung verdichten.

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2 Antworten auf „Chinesische Erdbeeren, deutsche Recherchen“

  1. „hätten wohl auch nicht alle Köche die Hitze zu früh abgedreht, um die Erreger zu zerstören“

    Ja liest denn keiner gegen? :o)

    Ich frag mich eher, wieso jetzt selbst Erdbeeren für Schulspeisung schon aus China kommen müssen? Im Gegensatz zu Bananen kann man die ja einfrieren – waren sie ja auch – also warum keine hiesigen Früchte?

    Und tja, wer will noch Fachjournalisten? Der Universalschwafler ist gefragt! Leute, die noch wissen, über was sie schreiben, gelten unter „richtigen Journalisten“ als nutzlose Fachidioten, deren Texte ein „Magaziner“ nochmal redigieren muß, damit sie „lesbar“ werden – und fachliche Fehler reinkommen. Also kann man konsequenterweise auch gleich Schreiber nehmen, die von nix Ahnung haben.

    1. Wieso Erdbeeren für Schulspeisung aus China kommen müssen? Aus demselben Grund, aus dem auch Erdbeeren für Marmelade und Jogurt und Jogurtschokolade und Eis und Sauce heute aus China kommen. Die Frachtraten sind selbst bei per Schiffsdieselgenerator energieversorgten Kühltransporten so niedrig, dass sich das lohnt. Ein 2,5-Kilo-Sack europäischer (im Klartext: bulgarischer oder rumänischer) Erdbeeren kostet im Großmarkt brutto etwa 5 bis 6 Euro. Wer 220 Kilo abnimmt, kriegt die Ware sicher für den Preis frei Haus geliefert. Sagen wir also: 2 Euro pro Kilo. Die 20 Gramm Früchte, die nach meiner Schätzung reichen, um ein Schüsselchen Grießbrei mit zuckersüßem Erdbeertopping zu krönen, kosten demnach stolze 4 Cent. Wenn die Chinesen es für 3 Cent machen, spart der Caterer bei 11000 Portionen 11000 Cent, also 110 Euro. Wenn das kein Grund ist, dieses Image- und Haftungsrisiko einzugehen, weiß ich’s nicht. 🙁

      Ich will Sodexo nicht unrecht tun. Falls die zu denen gehören, die mehr Früchte und weniger Zucker verwenden – Franzosen sind ja Gourmets – mag der Erdbeerbedarf deutlich höher sein als 20 Gramm pro Kind. Und vielleicht sind Felnost-Eldbeelen auch nul halb so teuel wie bulgalische. Die Überschlagsrechnung ergibt jedenfalls, dass der Gesamtwert der Früchte, um die es in diesem Fall geht, selbst bei wohlwollendsten Annahmen nicht wesentlich über 1000 Euro gelegen haben kann.

      Klar ist aber eins: Wegen Catering haben die Chinesen bestimmt nicht angefangen, Erdbeeren zu pflanzen. Schuld sind also Leute, die zum Discounter fahren, weil der die Marmelade für 99 Cent pro Familienglas anbietet. Sie erzeugen den Preisdruck, dem ein hiesiger Anbieter nicht einmal dann standhalten kann, wenn er schwarzarbeitende osteuropäische Wanderarbeiter ausbeutet. Selbst Marokko scheint sich gegen China schwer zu tun.

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