Strippenzieher erfinden Tauziehen

Als der Journalistenverein Freischreiber e.V. auf der verbandspolitischen Bühne erschien, war er ein Club von seriösen, idealistischen, selbstbewussten und zum Teil ein wenig elitären Kolleginnen und Kollegen, die der Ansicht waren, außerhalb des DJV mehr erreichen zu können als innerhalb. Die Gründung war zwar eine ziemlich kurzsichtige, weil nicht von großem Verständnis des Verbände(un)wesens geprägte Entscheidung, aber an der ehrenwerten Motivation der Akteure war nicht zu zweifeln. Ja, sie war eine Dummheit, denn innerhalb der Strukturen des DJV hätten diese Leistungsträger schon mit einer kleinen Prise Machtinstinkt einen flotten Durchmarsch in wichtige Führungspositionen hinlegen können. Damit hätten sie die Schlagseite ausgeglichen, die den Deutschen Journalisten-Verband wie eine Gewerkschaft der angestellten Tageszeitungsredakteure aussehen ließ.

Heute sind die Freischreiber ein Schatten ihrer selbst. Während der DJV von einem freien Journalisten geführt wird, der sich vor niemandem zu verstecken braucht, fällt dem Vorstand des Freienvereins nichts Besseres ein, als mit einer zweifelhaften Kampagne die VG Wort zu diskreditieren, um die er sich bis in die jüngste Vergangenheit nicht ernsthaft gekümmert hat. (Dazu unten mehr.) Offensichtlich geht es um den Versuch, DJV und ver.di schlecht aussehen zu lassen, um eigene Versäumnisse zu kaschieren – man spielt über Bande.

Jüngstes Kapitel dieser so unrühmlichen wie durchsichtigen Strategie ist ein Text von Henry Steinhau, der bereits am 27. Juli im notorisch urheberrechtskritischen, Silicon-Valley-affinen Multi-Autoren-Blog irights.info publiziert und heute in einer Rundmail beworben wurde. Darin betreibt der Freischreiber-Funktionär Desinformation nach allen Regeln der Kunst.
Steinhau erfindet einen „Richtungsstreit in der VG Wort“, bleibt aber jeden Beleg für seine steile These von einem „Tauziehen“ schuldig. Statt dessen wärmt er längst bekannte Sichtweisen einzelner Autoren auf, die aus unterschiedlichen Gründen Positionen vertreten, die ihm ins Konzept passen. Indem er jegliche Kritik geflissentlich verschweigt, die an diesen teils extrem polemischen, teils unsachlichen, teils auf mangelndem Durchblick beruhenden Meinungsäußerungen geübt wurde, macht er sie sich zu eigen. Den Freischreiber-Mitgliedern und anderen irights-Lesern strikt nach Linientreue gefilterte Informationen vorzusetzen und wohlbegründete Gegenpositionen, die man kennen sollte, wenn man sich unvoreingenommen eine Meinung bilden will, bewusst vorzuenthalten: Das ist – mit Verlaub –Kampagnenjournalismus aus der untersten Schublade. Ja, es ist unanständig. Ein Indoktrinationsversuch.

Wie genau lief dieses Spielchen ab? Nun, Steinhau hängt seinen Text an einer „Kulturgespräch“-Sendung des Deutschlandfunks auf, die ausschließlich mit Gästen besetzt war, die in irgendeiner Weise auf Konfrontationskurs zur VG Wort gegangen waren:

– Martin Vogel, Kläger in dem Prozess, bei dem der BGH die pauschale Verlegerbeteiligung an den Ausschüttungen kassiert hatte,

– Julia Franck, Schriftstellerin und Autorin eines von Irrtümern, Drittelwissen und Missverständnissen übers Urheberrecht geprägten „Zeit“-Beitrags zum BGH-Urteil, und

– Helmuth Riewe, freier Journalist, ver.di-Mitglied und Delegierter der Wahrnehmungsberechtigten, der auf der Mitgliederversammlung im Juni mit bebender Stimme verkündet hatte, er könne seiner Gewerkschaft leider nicht folgen.

Moderator der Sendung war Florian Felix Weyh, ein Berliner Schriftsteller, Journalist, Ghostwriter und – ja, natürlich! – Mitglied der Freischreiber. Weyh hatte sich bereits auf der Mitgliederversammlung in Berlin durch kiebige Zwischenrufe hervorgetan. Kurzum: Die so genannte Diskussionsrunde war zusammengestellt wie ein Stammtisch von Leuten, die willens und in der Lage waren, sich über die VG Wort mehr oder minder gepflegt in Rage zu reden. Nach normalen öffentlich-rechtlichen Usancen und journalistischen Prinzipien hätte es sich gehört, jemanden von der Gegenseite einzuladen – sei es ein Vorstandsmitglied der VG Wort oder ein Mitglied ihres Verwaltungsrats, etwa Nina George, Susanne Schüssler oder Fred Breinersdorfer, die alle in Berlin wohnen. (Ja, oder mich, falls Reisekosten im Etat gewesen sein sollten.) Ich hoffe, dass wenigstens die mir zugetragene Information nur ein Gerücht ist, Henry Steinhau habe bei der Zusammenstellung der Gästeliste geholfen. Wundern würde es mich nicht.

Da ich mich nicht wiederholen will, nur ein Absatz zu den bisherigen und anstehenden Veränderungen innerhalb der VG Wort: Das Missverhältnis zwischen Wahrnehmungsberechtigten mit und ohne Mitgliedschaft im Verein ist ein strukturelles, das man weder dem Vorstand noch den Funktionären anlasten kann. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Aufnahmeantrag in der Journalisten-Berufsgruppe abgelehnt worden wäre. Allerdings war die Eintrittshürde früher sehr hoch, nämlich bei 1000 Euro Ausschüttung pro Jahr. Wir, also die Autorenbank im Verwaltungsrat, dachten immer, mit einer Senkung der Schwelle könnten wir einen Zustrom neuer Mitglieder anstoßen. Vor zwei Jahren – also deutlich vor der Gremienwahl 2015 und nicht erst kürzlich, wie Steinhau fälschlicherweise behauptet – hat die Mitgliederversammlung die erforderliche Mindestausschüttung auf 400 Euro reduziert. Auch die Verleger waren einstimmig für diese Öffnung, die vor allem Journalisten zugute kam. Von ihr profitieren jetzt auch die Freischreiber, von denen sich seit Mai über 30 angemeldet haben. Ihre eigene Organisation hatte keinen Schlag für diese Verbesserung getan. Vor der Wahl des jetzigen Verwaltungsrats hätten die Freischreiber fast ein Jahr Zeit gehabt, ihre Leute zu einem Mitgliedsantrag zu bewegen und so das passive Wahlrecht zu erlangen. Wer bei der Wahl durch Abwesenheit glänzte und somit ver.di/DJV kampflos das Feld überließ, waren – richtig – die Freischreiber. Wir hätten uns gerne mit ihnen gemessen.

Ich bin gespannt, wer sich im September und November aufrafft und nach München kommt, um über die Zukunft der VG Wort mit abzustimmen. Bis dahin wünsche ich mir nur eins: Dass die Mitglieder dieses auf Irrwege geratenen Vereins sich darauf besinnen, dass sie Journalisten sind, und nicht blind ihren Funktionären vertrauen, die das schwarzweiße Feindbild „Verleger“ als Popanz aufbauen. Dass sie sich die Fakten anschauen und die Argumente derer, die seit Jahren den Job machen und sich um die Zweitverwertungsrechte der deutschen Autoren kümmern. Wer sich nicht von (verständlichen) Ressentiments und (legitimen) Emotionen leiten lässt, wird kaum um die Erkenntnis herumkommen, dass es Schlimmeres gibt, als sich mit Verlagsvertretern einigen zu müssen. Wer glaubt, ich spräche in Rätseln, lese einfach, was ich hier in den vergangenen Monaten zum Thema geschrieben habe. Steht alles noch online.

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