Kein Herz für Nerds


Die Computerfreaks hatten ihr Image als Sozialversager fast abgeschüttelt. Dann kam Mr. Assange.

Vorurteile, das lehren uns die Pädagogen vom Kindergarten bis zum Abitur, sind etwas ganz Schlimmes. Aber sie helfen uns, die Welt zu ordnen; sie schaffen wohlige Gewissheit, auch und gerade da, wo nichts gewiss ist. So glaubt jeder Junge früher oder später, dass alle Mädchen doof sind: Die einen sind Streberinnen, weil sie den Lehrern glauben, es komme auf gute Noten an; ansonsten haben sie nur Mode im und Schminke am Kopf. Die anderen haben so ein bescheuertes Kopftuch auf, unter dem sich bekanntlich nie ein Hirn verbirgt. Und die Jungs? Die sind natürlich auch doof, denn sie interessieren sich nur für Technik und Fußball und nicht fürs Haarewaschen, oder sie lachen über Mario Barth. Vielleicht auch beides. Erwachsen zu werden heißt deshalb zweierlei: Erstens zu begreifen, dass nicht alle Jungs/Mädchen so sind, und zweitens anderen klarzumachen, dass man selbst nicht so ist.

Das schwerste Schicksal haben dabei die Nerds, ähm, ich meine natürlich: all jene jungen Männer, die Tag und Nacht auf einer Tastatur hackend vor dem Monitor kleben und oft nur selber wissen, dass sie ihre wertvolle Lebenszeit nicht sinnlos verdaddeln, sondern die Basis dafür legen, später einmal als Internet-Profis eine Familie ernähren zu können. Was haben die PC-Experten seit den Tagen des strähnig unfrisierten Jungunternehmers Bill Gates und seines Zottelfreundes Paul Allen nicht alles für ihre Resozialisation getan: Längst pflegen und kämmen sie sich. Dem Rauchen, Saufen und Hacken haben sie abgeschworen. Sie verschicken keine lustigen E-Mail-Attachments mehr, die den Empfängern die Rechner abschießen. Viele ernähren sich gesund, ja, sie trainieren sogar zwischenmenschliche Fähigkeiten in sozialen Netzwerken. Dabei wissen sie mächtige Politiker hinter sich, die in ihnen die erste Liga des jeweiligen Wirtschaftsstandorts sehen. Und, ja, sie genießen den Zuspruch der Gesellschaft für Informatik, deren Professoren und Funktionäre sich um Nachwuchs sorgen, weil kein Abiturient mehr das Nerd-Image des Informatikers auf sich nehmen will. Treiben die Spötter den Scherz mit Nerds auch noch so weit: Na, wenn schon, trösten die Honoratioren, unsere sozial introvertierten Computerversteher sind die wahren Wunderkinder der Leistungsgesellschaft.

Leider alles für die Katz. Als wäre es nicht schlimm genug, für Spaßkanonen wie den Ich-bin-doch-nicht-blöd-Fernsehclown Mario Barth den Tünnes zu geben, kommt jetzt auch noch Julian Assange daher. Dem früh ergrauten Wikileaks-Guru sieht man den Nerd von außen gar nicht an. Mit seiner geradezu selbstzerstörerischen Angriffslust bestätigt der missionarisch eifrige Australier aber die Vorurteile all jener, denen die introvertierten Internet-Freaks noch nie geheuer waren: Wissen ist Macht, also her mit den Informationen und ungefiltert (?) raus damit ins Netz! Ob Skandal oder banal, legal oder illegal, ist scheißegal.
Mit dieser Attitüde avanciert man zum ersten Welt-Staatsfeind Nummer eins, den zugleich Hunderttausende „Time“-Leser zur Person des Jahres wählen. Dass man für die einen der Held ist, für die anderen aber ein arroganter, autistischer, größenwahnsinniger Soziopath, kann einem natürlich egal sein – wenn man jemand ist, auf den das zweite Vorurteil passt.

ULF J. FROITZHEIM pflegt seine erste Datenleck-Paranoia. Er wartet nur auf den Tag, an dem er seine harmlosen Mails, von Wikileaks verbreitet, in der eigenen Tageszeitung wiederfindet.

Aus der Technology Review 1/2011, Kolumne FROITZELEIEN

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