All We Want For Christmas …

Liebe Freundinnen und Freunde,

aus unerfindlichen Gründen verbinden wir ja alle Weihnachten mit Schnee. Vielleicht ist Bing Crosby schuld, der bekanntlich auch nur davon träumte, vielleicht weil er in Kalifornien oder Florida am Strand saß. Meteorologisch war ein Wetter, wie wir es heute haben, schon vor den wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen eher die Regel als die Ausnahme, jedenfalls hier in den oberbayerischen Niederungen. Lassen wir daher heute mal den Klimawandel Klimawandel sein; der wird auch so die tollen Allgäuer Loipen viel öfter und länger in Matsch verwandeln, als ich mir vorstellen mag.


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2,53 Promille Payback: dm verkauft Stammkunden für blöd

Seit über 30 Jahren war ich, von Petitessen abgesehen, ein sehr zufriedener dm-Kunde. Ab sofort hat in Karlsruhe allerdings nicht mehr der langjährige Geschäftsführer Erich Harsch das Sagen – er wechselt zu Hornbach – sondern Christoph Werner, der Sohn des dm-Gründers Götz Werner. Und der ist zum Einstand gerade drauf und dran, die Kundenbindung kurz und klein zu hacken, die sein Vater und Harsch aufgebaut hatten.

So war dm vor 20 Jahren die Handelskette, die dem Loyalty-System Payback zum Erfolg verhalf. Man bekam ein Prozent des Umsatzes in vollen DM oder Euro in Form von Bonuspunkten gutgeschrieben, und bei dm war das ein echter Naturalrabatt (bzw. ein Natural-Skonto): Man konnte mit den Punkten einkaufen.

Freuen Sie sich auf halbierte Punkte!

Eigentlich sind 20 Jahre Zusammenarbeit im Marketing ein legitimer Anlass zum Feiern. Sie sollten aber kein Anlass für die Partner sein, ihre gemeinsamen Kunden zu vergackeiern. Genau das tun Payback und Werner junior gerade mit vereinten, aber leider völlig irregeleiteten Kräften.

„Punktiläum“ nennen sie – ha, ha, ha – das Punkte-Jubiläum, und sie nehmen dieses zum Anlass, aus Punkten Pünktchen zu machen. Gab es bis jetzt für jeden Euro einen Punkt, ist es künftig nur noch ein Punkt je volle zwei Euro. Das heißt: Kaufe ich für 3,95 Euro ein, schreibt mir dm statt drei Cent nur noch einen Cent gut. Das Skonto beträgt dann 0,253 Prozent – was mich an die Zinsentwicklung bei Tagegeldkonten Anfang/Mitte der Zehnerjahre erinnert. Mal ehrlich: Ist ein Cent Nachlass auf vier Euro (Schwellenpreis) noch ein Kundenbindungsinstrument oder schon eine rotzlöffelige Beleidigung? Sehen Sie, wir sind uns einig.

Zum Start in die Reduktion des Skontos zur Quantité négligeable schießt der Nachwuchswerner eine Doppel-Nebelkerze in die Silvesternacht: Bis zum 31.12. darf man noch einen Einkauf mit 10-fach-Punkten tätigen, für die Tage nach Neujahr folgt ein Coupon mit 20-fach-Punkten. Das soll offenbar aussehen, als sei es ein Geschenk an die Kunden, dabei ist dieser Coupon natürlich nicht mehr, sondern sogar ein klitzekleines bisschen weniger wert als der von 2019 mit den 10-fach-Punkten.

Wer jetzt mich für den Pfennigfuchser hält, verkennt die Lage: Nicht ich mache mit halben Cents herum, sondern das neue dm-Management. Es folgt damit dem schlechten Beispiel von Aral und Rewe.

Jetzt ist es aber so, dass die Payback-Punkte nie ein echtes Skonto oder eine Treueprämie waren wie Tante Emmas gute alte Rabattmarke. Sie waren eine Gegenleistung für die Daten über mein Einkaufsverhalten. Ich habe mich einverstanden erklärt, mich ausmarktforschen zu lassen, dafür konnte ich von Zeit zu Zeit meinen Einkauf mit Punkten bezahlen. Es war ein Deal, eine Win-Win-Geschichte nach dem Prinzip „Kleinvieh macht auch Mist“.

 

Dabei war eigentlich schon ein Prozent vom Umsatz erbärmlich wenig Gegenwert für die Daten, weshalb ich per Mischkalkulation die halbwegs regelmäßigen 5-fach-Punkte-Aktionen für Vorratskäufe nutzte und so unter dem Strich halbwegs den drei Prozent im Laden von Tante Emma selig nahekam. Aber künftig sind dm’s 5-fach-Punkte nur noch 2,5-fach-Punkte, und bei Bonsummen mit ungerader Zahl auf der letzten Euro-Stelle nicht einmal mehr das.

Damit ist der Deal für mich keiner mehr. Ja, ich geb’s zu, ich war ein käuflicher Kunde. Aber die neuen Konditionen sind derart kleinstkrämerisch, dass es mein Reststolz als Verbraucher mir verbietet, mich für diese Kinkerlitzchen noch korrumpieren zu lassen.

Deshalb, lieber Christoph Werner, kaufe ich jetzt mit den Zehnfachpunkten noch ein letztes Mal groß ein, in der Hoffnung, dass es wirklich nur Produkte sind, bei denen Ihre Nettomarge unter zehn Prozent liegt. Ich kaufe Ihrer Filiale bei allem, was sich lange hält, die Regale leer. Und dann schaffe ich meine Payback-Karte ab und wechsle auf die andere Straßenseite in Erwin Müllers Drogerie. Jedenfalls solange, wie mir Herr Müller auf jedem Kassenzettel nach alter Kaufmannssitte drei Prozent Skonto für den nächsten Einkauf innerhalb ein bestimmten Frist gutschreibt.

Boomer’s Revenge oder Ok, Digital Naives

Das Jahr 2019 markiert eine Trendwende im zwischenunmenschlichen Umgang deutscher Social-Media-Nutzer miteinander. Irgendwann im Sommer wurde die Pauschalverunglimpfung „alter weißer Männer“ seltener, um so mehr verbreitete sich die auch auf weibliche User anwendbare Floskel „Ok Boomer“. Angeblich ist damit eine Haltung gemeint. In Wirklichkeit verrät die Chiffre mehr über die „Haltung“ derer, die sie verwenden. Und die ist bedenklich. Ein fälliger Rant.

Die soziodemographische Schublade, in der ich qua Geburt in einem der so genannten Wirtschaftswunderjahre verortet bin, heißt auf gut Amtsdeutsch „geburtenstarke Jahrgänge“. Wir waren diejenigen, die mit 39 Mitschülern in eine Klasse gestopft wurden, weil es weder so viele Lehrer noch so viele Klassenzimmer gab, um uns unter äußeren Umständen zu unterrichten, die heute als pädagogische Minimalanforderung gelten. Meine „Generation“ geht zurück bis 1955, ihre Zeit endete 1969 mit dem Pillenknick, der pharmazietechnisch früher hätte eintreten können, aber statistisch erst richtig signifikant wurde, als unsere 68er Wichtigeres im Kopf hatten, als Familien zu gründen.

Was wir NIE waren: Babyboomer. Während unsereins nicht älter ist als 64 (Ulf+3) und nicht jünger als 50 (Ulf+11), sind die ersten echten Boomer bereits Mitte 70 und die letzten 55. (Baby)Boomer ist ein Terminus technicus aus den USA, der sich auf die dort (und in einzelnen anderen Staaten wie der Schweiz) übliche Alterskohorte bezieht. Selbst wenn man das marketinggetriebene Konzept willkürlich zugeschnittener Generationenschubladen alias Zielgruppen grundsätzlich anwendbar findet, ist es hochgradig schwachsinnig, einen 1969 geborenen mitteleuropäischen Menschen mit einem 25 Jahre älteren amerikanischen in eine dieser Schubladen zu zwängen. Eine Kindheit oder Jugend im McCarthy-Amerika und eine im Brandt-Deutschland könnten nicht unterschiedlicher verlaufen sein. Mit Ausnahme des Umstands, dass wohl alle Lassie, Flipper und Bonanza geschaut haben, sind diese Sozialisationen wirklich nicht vergleichbar. 25 Jahre sind ein echter, ein biologischer Generationenabstand.

Im Sommer 2019 tauchte aber nun plötzlich das uraltbekannte Wort „Boomer“ in Deutschland auf – meist verbunden mit dem Präfix Ok, das man wohl „Ou-kéeee??!“ aussprechen muss, während „Boomer!“ im geistigen Ohr den Sound eines Verständnislosigkeit ausdrückenden Seufzers erzeugen soll. In atemberaubender Geschwindigkeit verdrängte „Ok Boomer“ den „Alten Weißen Mann“ aus dem Netz,  „Boomer’s Revenge oder Ok, Digital Naives“ weiterlesen

Was war noch mal Wissenschaft, liebe Politiker?

Anlässlich der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen habe ich mir wieder einmal ein paar Gedanken darüber gemacht, warum so viele Menschen Verständnisprobleme mit den Naturwissenschaften haben oder warum sie Wissenschaftlern weniger trauen als ihrer trügerischen Intuition. Auslöser war ein Tweet des guten Lars Fischer, dem eigentlich jeder „folgen“ sollte, der sich für Fakten interessiert, für welche die Wissenschaft im weitesten Sinne zuständig ist. Weil ich Twitter-Threads mit Dutzenden von Häppchen hasse, schreibe ich das hier auf und setze auf Twitter nur den Link.

Unlängst berichtete die SZ über einen Beschluss des Bayerischen Landtags, der mit schwarzen und grünen Stimmen gefasst wurde, aber geeignet ist, Zweifel an der Rationalität der Mandatsträger zu wecken, welche mit Ja gestimmt haben:

„Mit einer medizinischen Studie soll die Staatsregierung klären, ob durch homöopathische Mittel der Einsatz von Antibiotika reduziert werden kann.“

Bei der Einführung der Masern-Impfpflicht konnten sich die Bundestags-Grünen nicht durchringen, Jens Spahn zuzustimmen, und vor ihrem Parteitag am Wochenende hat die Parteispitze der Grünen nun auch noch einen Antrag gegen die Kostenerstattung für homöopathische Behandlungen durch die Krankenkassen ausgebremst. Interne Kritiker beklagen sich schon länger über Parteifreunde, die bei der Wissenschaft Rosinenpickerei betrieben: Sind nur Erkenntnisse willkommen, die mit den eigenen Glaubenssätzen kompatibel sind? Eine Kommission soll sich nun damit befassen, was Wissenschaft eigentlich ist und soll.

Eines vorab: Es gibt keinen Grund zum Grünen-Bashing, weil jede Partei in diesem Land befürchten muss, nicht wenige Wähler zu verlieren, wenn sie sich offensiv für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik einsetzt. Die SPD-Fraktion im Maximilianeum hatte tapfer geschlossen gegen den Antrag votiert, „Was war noch mal Wissenschaft, liebe Politiker?“ weiterlesen

DJV auf dem richtigen Weg

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat schwierige Jahre hinter sich. Pünktlich zu seiner 70-Jahr-Feier vorige Woche wurde er aber ein Problem los, das ihm seit 2004 wie ein Betonklotz am Bein hing. In der Hauptstadtregion, also Berlin mit Brandenburg, gibt es nun wieder einen starken Landesverband, nicht mehr zwei, die mit jeweils halber Kraft auftraten und sich gegenseitig Konkurrenz machten. Die junge Generation trat auf dem Verbandstag in Berlin nicht nur sehr selbstbewusst auf, sie ist auch im neuen Bundesvorstand vertreten. Bei den Freien geht der DJV in die überfällige Offensive. Nicht zuletzt haben sich ein paar Persönlichkeiten verabschiedet, die sich schon lange nicht mehr durch konstruktive Mitarbeit hervorgetan hatten, sondern nur noch durch persönliche Schmähungen und intrigantes Verhalten. Die Voraussetzungen sind also gut, um gemeinsam und kollegial etwas zu erreichen. Hierzu noch ein paar Anmerkungen von einem, der den Laden kennt.

Freier Journalismus läuft: Anne Webert vom FA Freie mit Staffelstab am Rednerpult in Berlin

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