Aua! Ab in den Schreikurs!

Was Kentucky schreit, wussten wir schon.  Dank des Handelsblatt-Schlagzeilentickers wissen wir jetzt auch, was der Praktiker brüllt: „Herbe Verluste!“

Worte sind wertvoll

So nennen Augsburger Kollegen ihre ProteXtaktion gegen die Entwertung und Herabwürdigung ihrer Arbeit. Ich glaube zwar nicht, dass Graffiti auf einer Mauer am Landsberger Stauwehr viel dazu beitragen, dass die Menschen sich Journalismus wieder mehr kosten lassen. Aber besser so etwas als völlig sinnlose Sprüche.

Neun Cent pro Zeile?

Wer denkt, Milchbauern würden von den Discountern ausgebeutet, sollte mal lesen, was Daniel Drepper von einem Kollegen erzählt, der mal versehentlich etwas für den Lokalteil geschrieben hat, ohne vorher nach dem Honorar zu fragen.

„Der Freund arbeitet seit vielen Jahren für den regionalen und überregionalen Sport einer Zeitung. Er schreibt und fotografiert in der ersten und zweiten Bundesliga; für annehmbare Tagessätze. Vor einigen Wochen hat er eine schöne Geschichte für den Lokalteil aufgeschnappt. Er hat geliefert, ein großer Text, mehrere Fotos. Sein Honorar: neun Cent pro Zeile, zehn Euro pro Foto.

Er wird nie wieder für den Lokalteil schreiben.

Dass die Honorare für hauptberuflich freie Journalisten besonders bei Regionalzeitungen häufig skandalös sind, ist bekannt. Ich habe mit Leuten gesprochen, die für 50 bis 60 Euro am Tag gearbeitet haben – nach ihrer Ausbildung.

Das ist extrem entwürdigend. Wer seine Mitarbeiter so schlecht bezahlt, braucht sich nicht wundern, wenn er bald keine Leser mehr hat.

Ich versuche mittlerweile überall im Vorfeld eine Pauschale abzusprechen. Die Bezahlung nach Zeilen halte ich ohnehin für völlig unsinnig.“

via freischreiber.de

Traumjobs für Masochournalisten

Ich sage nix mehr gegen Provinzzeitungen. Äh, doch, schon. Aber ich sage nix mehr gegen Kollegen, die bei Provinzzeitungen arbeiten. Jedenfalls nicht, so lange sie sich trauen, solche Glossen zu schreiben. (Natürlich muss ich jetzt auch den Verleger loben, der sich das gefallen lässt.)

„…Zwischen Verlagen und Freien Journalisten gibt es Kooperationen mit Modell-Charakter:

Sie recherchieren ein Thema und wir erstatten einen Teil Ihrer Recherche-Ausgaben: mit dem Honorar. Auf diese Weise können Sie Ihren Wissensdurst stillen, ohne die volle Zeche zahlen zu müssen. Es handelt sich um „Studying on the Job“ – wobei wir keine Studiengebühren verlangen. Wir lassen sogar viele Menschen gegen einen Abonnements-Obolus an Ihrem Erkenntnis-Gewinn teilhaben.

Wir suchen Sie: jung, dynamisch, flexibel, belastbar, frustrationstolerant. Mit abgeschlossenem Universitäts-Studium und Volontariat, mindestens zwei Fremdsprachen fließend in Wort und Schrift, zehn Jahren Berufserfahrung, abgeschlossener Familienplanung und nicht älter als 25 Jahre…“

Rasen mit reinem Gewissen?

Ist der Elektroflitzer Tesla alltagstauglich? TR-Autor Ulf J. Froitzheim hat die Probefahrt aufs Exempel gemacht.

Ein Roadster ist kein Vernunftauto und ein 100 000-Euro-Zweisitzer natürlich ein Spielzeug für neureiche Angeber. Mit diesen Vorurteilen gewappnet, klettere ich – Inbegriff des unauffälligen VW-Kombi-Fahrers – in München in den knallroten Tesla. An diesem Vormittag werden die Leute mich für einen Großkotz halten.

Das Gefühl, etwas furchtbar Dekadentes zu tun, reicht bis zur dritten Ampel – etwa gleich weit, wie ich brauche, um mich mit den Eigenheiten des Akku-Autos vertraut zu machen.

Ausparken: Hat der denn keine Servolenkung? Nein, die macht das Auto schwer, und es ist ja ein Roadster. Ich drücke die R-Taste, prompt wirft die Rückfahrkamera den Bordcomputer aus dem Display. Die Weitwinkellinse hängt tief: So muss ein Dackel die Welt sehen. Taste D gedrückt, die Reichweitenanzeige kehrt zurück. Bremse gelöst – und los geht’s in Fahrradlautstärke.

Ab Ampel Nummer vier habe ich mich an die Rekuperation gewöhnt: Der Wagen rollt nicht aus, wenn man den Fuß vom Strompedal hebt, sondern nutzt den Dynamoeffekt zum Kraftrecycling. Er bremst, ohne dass ich bremsen muss – und das viel stärker als gedacht. Auf der A96 rollen wir mit Tempomat dahin, bei 100 Sachen macht nur der Wind Lärm. Der E-Motor säuselt. Als ein Audi-Rowdy hinter uns Druck macht, genügt ein kurzer Kick, um ihn in ein Betatier zu verwandeln. Aber Tesla-Fahrern wird es schnell langweilig, Q7er und 911er zu deklassieren.

In der Community gilt der etwas, der mit einer Ladung am weitesten kommt. Außerdem flitzt man, wenn man kein Zwerg ist, besser mit Mütze: Ab Tempo 120 wird’s stürmisch.

Zum Raser werde ich auf der Landstraße, ziehe am Stinkediesel-Pritschenwagen eines Lumpensammlers schneller vorbei, als ich im VW die Kupplung treten würde. Schlechtes Gewissen? Ach was, wir haben ja Ökostrom getankt. Und beim Überholen heißt Beschleunigung Sicherheit. Jetzt ist mir klar, warum manche Tesla-Käufer ihren als Zweitwagen gekauften Roadster als Erstwagen nutzen.

Erschienen in der Technology Review 8/2011