Tief gesunkenes Lexikon

Es gibt Anlass, das Aktuelle Lexikon der Süddeutschen Zeitung (Print, heute) durch den Kakao zu ziehen –  quasi nachträglich, denn tief gesunken ist es schon.

Eigentlich ist über Bohne und Getränk alles hunderttausendmal geschrieben worden. Aber gerade wird der Rohstoff teurer, weil es an der Elfenbeinküste drüber und drunter geht, also darf der Kakao mal wieder als lexikalisches Stichwort herhalten.

Um die Zeilen vollzukriegen, bemüht das Redaktionsmitglied vom Sonntagsdienst den berühmten Erich-Kästner-Spruch – und behauptet wider alle Logik, Kästner habe das Durch-den-Kakao-Ziehen erfunden. Nein, der Aphorismus hätte nicht funktioniert, wenn es die Redewendung nicht längst gegeben hätte. Kästner setzte nur gekonnt eins drauf, indem er den Durchgezogenen riet, die Plörre nicht auch noch zu trinken – wohl wissend, dass Kakao ein Euphemismus für ein ähnlich klingendes Wort aus dem Fäkalbereich war.

dieredaktion.de? Welche Redaktion?

Als „Journalismus-Börse“ stellt sich neuerdings ein Web-Portal der Deutschen Post dar, das unter der Marke „Die Redaktion“ firmiert.

Vergleichbare Textportale hat es schon viele gegeben, viele sind verschwunden, ein paar fristen ein Dasein in der Nähe der Bedeutungslosigkeit.

Neu an diesem Angebot ist, dass ein Konzern der Betreiber ist und als Partner ein Großverlag (Axel Springer AG) sowie ein Berufsverband (DJV) mit im Boot sitzen.

Viele Kollegen fragen schon lange, warum es keine vernünftige Textvermarktungsplattform gibt. Manche glauben, das Post-Portal könnte das endlich sein. Im Jonet habe ich mal aufgedröselt, warum ich gar nicht so begeistert bin. „dieredaktion.de? Welche Redaktion?“ weiterlesen

Biene Kaja und die Buchhaltung

Erkenntnis auf http://tagwerkblog.net/2011/01/12/muss-buchhaltung-spas-machen/

Ja, stimmt: Buchhaltung nervt. Freiberufler haben keinen Spaß am Erbsenzählen, müssen aber ihre Projekte und Reisen abrechnen und dem Finanzamt Rechenschaft ablegen.

Dafür gibt es Software, und zwar – aus Sicht eines Nicht-Buchhalters – hundsmiserable, halbwegs erträgliche und einigermaßen brauchbare, die aber nicht billig ist.

Es wäre also toll, wenn jemand eine nervenschonende Alternative entwickeln würde. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) glaubt, dass das Hamburger Startup „Tagwerk“ das geschafft hat – und verlieh dem Gründertrio für dessen „Idee einer Onlineplattform für projektbezogene Buchhaltung für Freelancer“ jetzt einen mit 6000 Euro dotierten Preis, den  „Gründerpreis IKT Innovativ“.

Brüderle, komm tanz mit mir!

Was daran so toll sein soll, erfährt aber nur, wer sich als Betatester registriert. Vorher mal reinschauen, wie die Software aufgebaut ist? Nada. Niente. Wer seine Kontaktdaten nicht rüberwachsen lässt, bekommt nur ein kindisches Youtube-Werbefilmchen mit der Biene „Kaja Kann“ zu sehen, nach dessen Betrachtung man kein Jota schlauer ist. „Biene Kaja und die Buchhaltung“ weiterlesen

DOKTOR A.D.

Diese Froitzelei stammt von Anfang März 2011, ist aber nie gedruckt worden, da sich Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg überraschend doch noch zurückzutreten bequemte, während ich – auf seine anhaltende Sturheit spekulierend – bereits an der Kolumne saß. Ich habe den Text noch zu Ende geschrieben; die Redaktion entschied sich aber, das Thema Plagiate nach dem Rücktritt Guttenbergs lieber nicht ins Lächerliche zu ziehen. Aber warum sollen diese Sottisen auf meiner Festplatte vergammeln? In einer satirischen Chronik des Jahres 2011 haben sie ihren Platz.

Was die Akademiker dieser Republik brauchen, ist ein zeitgemäßer Weg zum Titel: innovativ, kreativ und googlesicher.

Wer auf linke Meinungen allergisch reagiert, sollte lieber nicht weiterlesen. Jedenfalls nicht, wenn er „links“ so definiert, wie es sich in den vergangenen Wochen in Foren und auf Leserbriefseiten eingebürgert hat. „DOKTOR A.D.“ weiterlesen

Popeye und die 14 Radfahrer

Wissenschaftsjournalisten müssen Komplexität reduzieren, auf Deutsch: vereinfachen. Das ist ihr Job. Die Frage ist aber: In welchem Maße sollen und dürfen sie das tun?

„Her mit dem Salat“, fordert die Kollegin Christina B. von der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung (26.2.2011). Kürzer und bündiger geht’s kaum. Auch die Unterzeile versteht man ohne Abitur:

„Lange warnten Fachleute vor zu viel Nitrat im Wintergemüse, dabei ist das sogar gut für die Gesundheit.“

Muss ich da noch weiterlesen? Zeit für die Lektüre eines ganzen Vierspalters verplempern? Es ist doch auch so schon alles klar. Fachleute sind Idioten, auf die muss man nicht hören. In seinem Vorurteil bestärkt, kann Klein-Fritzchen ab sofort hemmungslos drauflos futtern. Nächstes Thema…

Stopp! Noch mal zurück auf Anfang und den Logik-Detektor eingeschaltet. Also: Wer behauptet hier, dass Fachleute irren? Fachleute können es nicht sein, sonst würden sie wohl kaum so pauschal Fachleute angreifen. Also müssen es Laien sein. Aber ist das, was Laien sagen, von Belang? Ist es einen Vierspalter auf einer Seite wert, über der „WISSEN“ steht und nicht „MUTMASSUNGEN“? „Popeye und die 14 Radfahrer“ weiterlesen