Astronautisches Seemannsgarn*

Endlich haben Forscher begriffen, wie sie in die Medien kommen. Wenn nur die Kollegen nicht wären.

Eine grüne Dschungel-Idylle wie in James Camerons Film „Avatar“ war es zwar nicht, was „Gliese 581g“ der Menschheit versprach, und so gab es von Anfang an keine Hoffnung, dass auf dem sechsten Planeten des Sterns Nr. 581 im „Catalogue of Nearby Stars“ des Astronomen Wilhelm Gliese sanftmütige blaue Athleten wohnen. Dennoch galt als – nun ja – wahrscheinlich, dass praktisch in Sichtweite eine Art „Erde 2.0“ ihre Bahnen am Firmament zieht. Wo? Im Sternbild Waage – läppische 20 Lichtjahre von uns entfernt, nicht einmal 200 Billionen Kilometer. Der Schönheitsfehler des „möglicherweiser erdähnlichsten“ aller bisher entdeckten Exoplaneten: Er rotiert nicht, sondern schaut sein Zentralgestirn ständig mit der gleichen Seite an – wie der Mond unsere Erde 1.0.

Ach, wie populär ist doch die Wissenschaft! Gut gefüttert von Forschern des Keck-Observatoriums auf dem hawaiianischen Mauna Kea, wussten Reporter der Wissensshows und -hefte bald mehr über 581g, als wären sie im „Traumschiff Surprise“ von Bully Herbig mit Mops-Geschwindigkeit hingeflogen, um eigenäugig nachzusehen. Selbstverständlich, so versichern seine Entdecker, ist der Planet kugelrund und sieht nicht aus wie eine Pyramide, ein Würfel oder zwei Pobacken. Aufgrund seiner Nicht-Rotation ist die ewige Schattenseite frostiger als unser Nordpol im Januar, während auf der Vorderseite gleißendes Rotlicht permanent für Sonnenbrand, Durst und Schlaflosigkeit sorgt. Da der Trabant aber in der „habitablen Zone“ liegt, zum Roten Zwerg 581 also genau den richtigen Abstand hält, müsste der Lebensquell Wasser – sofern vorhanden – in flüssiger Form anzutreffen sein.

Okay, nur in den temperaturgemäßigten Breiten, also im sturmumtosten Dämmergürtel zwischen Tag und Nacht, aber immerhin. Ach ja: 581g umrundet seine Sonne binnen 36 Tagen und 14 Stunden, ist trotz drei- bis vierfacher Masse kaum dicker als die Erde und hat deshalb eine Anziehungskraft, die uns Erdlinge schier zu Boden zwänge. Welche Kreatur würde das aushalten? Wohl nur der berühmte rote Elefant, den jeder Wissenschaftler kennt, doch keiner je wirklich gesehen hat.

Dumm ist nur, dass neidgeplagte Forscherrivalen das Ganze für pure Science-Fiction halten. Von wegen „eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“! Die Konkurrenten hacken, dass die Federn fliegen. In Wahrheit, so giften sie, sei nicht einmal die Existenz von 581g erwiesen, da nur indirekt abgeleitet aus Messdaten, die man auch ganz anders deuten könne. Jetzt hauen sie die schöne Story kaputt, lassen all die wunderbaren Details als wild gesponnenes Astronautengarn erscheinen. Dabei waren auch sie noch nicht dort und können daher gar nicht wissen, ob da nicht doch etwas Irdisches ist.

Die kecken Sterngucker auf Hawaiis Weißem Berg sollten sich dadurch nicht entmutigen lassen. Früher haben die Medien immer gemeckert, dass man den Forschern jedes Wurmloch einzeln aus dem Ohr quatschen muss. Jetzt klappern sie endlich wie die Handwerker, und es ist wieder nicht recht. Wie sollen denn bitte die Politiker erfahren, wem sie ihre Fördermillionen überweisen sollen, wenn nicht aus plakativen Schlagzeilen?

ULF J. FROITZHEIM (52), eigentlich auch ein skeptischer Mensch, ist sich sicher, dass es rote Elefanten gibt. Im Advent schaut er mal im Spielzeugladen nach.

Aus der Technology Review 12/2010, Kolumne FROITZELEIEN

* erschienen unter der Überschrift „Wahr oder nicht wahr?“

GesichtsBuchLähmung

Das Handelsblatt berichtet heute über eine möglicherweise automatisierte Razzia von Facebook gegen den Begriff „Lamebook“, also den Namen einer Facebook-Parodie.*

Content Filtering gegen eigene Nutzer plus Markenwahn – wer nennt so etwas eigentlich noch „soziales Netz(werk)“? Hat Mr. Zuckerberg eigentlich schon den Big Brother Award?

* Da Facebook mit Markenrecht argumentiert, müsste Lamebook ein geschütztes Warenzeichen der Fa. Facebook sein. Was sagt uns das?

Schweinerei an der Börse

Betrachtete man die Währungsunion als Dominospiel, würde man wohl von den GIPS-Staaten reden: G wie Griechenland, I wie Irland, P wie Portugal, S wie Spanien.

Die Börsianer sind aber noch viel gemeiner. Sie sortieren die Initialen ein wenig anders:

PIGS.

Echte Sauerei.

Stehkonvent der ganzen Menschheit im Saarland

„Wussten Sie, dass alle 6,9 Milliarden heute lebenden Menschen locker auf 60 Prozent der Fläche des Saarlandes passen – ohne zu drängeln?“

Holger Thuß, „Präsident“ des virtuellen „Europäischen Instituts für Klima und Energie“ (EIKE), geht offenbar davon aus, dass der durchschnittliche Erdenbewohner stark unterernährt ist. Würden sich die Menschen zu einer Vollversammlung auf 60 Prozent des Saarlandes treffen, müssten sich neun Menschen zwei Quadratmeter teilen. Ein Bus wäre mit solch einer Körperdichte schon überbesetzt: Vier Fahrgäste pro Quadratmeter galten im ÖPNV bereits als Maximum, als der Body-Mass-Index noch geringer war als heute.

Aber der Zyniker und Freund selbsterkannter Wahrheiten Thuß dürfte Recht haben. Dass auf manchem Quadratmeter höchstens zwei Amerikaner oder drei Deutsche stehen könnten, ohne einander mit ihren Bäuchen allzu drangvoll nahezukommen, gleichen ausgemergelte schlanke Mitmenschen aus Zimbabwe oder Bangladesh sicher lässig aus. Wenn jeder von denen ein Neuntel Quadratmeter abbekommt, ist das für einen Herrn Thuß demnach wohl noch locker. Wie ein Mensch halt so tickt, der vom menschengemachten Klimawandel nichts wissen will und glaubt, dass man DDT nie hätte verbieten dürfen, wenn man die Malaria ausrotten wollte. In Wahrheit ist DDT, das die Malaria nicht auszurotten vermochte, nicht einmal völlig verboten.

Keine große Erleuchtung

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) tut viel für den Umweltschutz, aber in manchen Dingen sind ihre Mitarbeiter nicht vor blindem Eifer gefeit. Kürzlich verschickte sie eine Pressemitteilung mit der Headline…

„Handelsketten untergraben EU-Verordnung zum Glühlampenausstieg“

Der Skandal: In  diversen Bau-, Verbraucher- und Drogeriemärkten hatten von der DUH beauftragte Denunzianten Testkäufer matte Glühlampen mit mehr als 60 Watt und sogar 100-Watt-Exemplare entdeckt. Dass diese Lampen schon am Lager gewesen seien und nur noch abverkauft würden – das wäre legal – will die DUH den Händlern nicht abkaufen.

Was aber, wenn die Existenz solcher Altbestände die Folge dessen wäre, dass schlichtweg die Nachfrage nach solchen ungemütlich hellen Leuchtmitteln gesunken ist? Wer kauft denn ohne triftigen Grund eine 100-Watt-Birne? „Keine große Erleuchtung“ weiterlesen