Öko-Billig-Label

Mensch, bin ich naiv. Ich habe immer geglaubt, das Öko-Test-Magazin des SPD-Verlags DDVG befasse sich mit der ökologischen Korrektheit von Waren.

Nein, Öko steht ganz offensichtlich für Ökonomie. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich mal diese Werbung an. Sie stammt aus dem hauseigenen Anzeigenblatt “Tip der Woche” vom Kaufland, einem Unternehmen des Lidl-Konzerns Schwarz. Die roten Tester testen Billigwaren darauf, ob man sich an ihnen den Magen verdirbt. Sind sie gut genug, dass das Gewerbeaufsichtsamt keinen Grund hätte einzuschreiten, gibt es eine tolle Note, mit der das Unternehmen irreführend werben darf.

Na gut, das „irreführend“ nehme ich lieber zurück. Nicht mal der allerdümmste Konsument kann annehmen, dass frisches Hackfleisch für 2,58 Euro pro Kilo wirklich von einem umwelt- und tierschutzgerecht geführten Hof kommt. Dafür gäbe es ja nur eine Erklärung: Der Bauer arbeitet ehrenamtlich und schießt noch Geld zu. Oder verkaufen die Lidls jetzt etwa unter Einkaufspreis, damit sich die armen Verbraucher mit gesundem, umweltfreundlichem Fleisch verantwortungsvoll den Wanst vollschlagen können?

Schöne Luft-Nummern

Auto? Flugzeug? Die neuesten Vehikel sind so abgehoben, dass selbst ihre Erfinder die Bodenhaftung verlieren.

Früher brauchte niemand ein Navi, um sich in der Welt der Technik zurechtzufinden. Zum Telefonieren hatten wir Telefone, zum Fernsehen Fernsehgeräte, zum Fotografieren Fotoapparate, zum Schreiben Schreibmaschinen. Was wir auch taten, es gab keine App dafür, nicht mal ein Smartphone. Aber es gab Fachmessen für alles und jedes. Wer tolle Düsenflieger bestaunen wollte, wäre nie auf die Idee gekommen, auf die IAA zu fahren, und der Auto-Enthusiast hätte keinen Flug zur Airshow gebucht. Es war ja klar, dass Pkws nicht fliegen und ganz schlecht schwimmen können, außer vielleicht bei 007, Daniel Düsentrieb oder Tobbis Freund Robbi mit seinem Fliewatüüt.

Im Zeitalter der Konvergenz ist nichts mehr selbstverständlich. Crossover-Produkte sind angesagt, für Waschmaschinen ist jetzt beispielsweise die Funkausstellung zuständig, denn das Hausgerät meldet per Fritzbox dem iPhone, wenn der Schleudergang begonnen hat. Die spektakulärsten Überkreuz-Konstrukte sind indes immer da zu finden, wo der Mensch seine Mobilität zelebriert, und das macht das Leben jetzt auch für Autonarren schwieriger.

Neuerdings muss der Fan automobiler Innovation auch die Flugschauen im Auge behalten. In den USA bekam gerade die „Terrafugia Transition“ amtlichen Segen: ein Leichtflugzeug auf vier Rädern, das nach der Landung per Knopfdruck die Tragflächen hochfaltet, als Auto die Rollbahn verlässt und sich in der suburbanen Hausgarage nicht breiter macht als der landestypische Pick-up.

Dieser automobile Zwitter hat alles, was ihn in Amerikas feineren Wohngegenden zur Land- und Luftplage machen könnte: Er säuft weniger Super als ein fettes SUV, kann im Notfall auf dem Highway landen und kostet samt Knautschzone, Airbags und Rettungsfallschirm kaum mehr als ein Carrera Turbo, in dem man bei gleichem Reisetempo von 100 Meilen pro Stunde rasch den Lappen los wäre.

Und doch ist der automobile Luftikus ein schrecklich lahmes, hässliches Entlein im Vergleich zu jener schaurig-schönen Schimäre, die auf der Flugschau von Farnborough allen echten Düsenfliegern die Show stahl, dem flügellosen Bloodhound SSC. Eigentlich müsste der britische Bolide „Roadrunner“ heißen, wie jener Rennkuckuck, der im Trickfilm dem hungrigen Kojoten davonrast: Er sieht aus wie ein Vogel, hat auch dessen Erbgut, ist aber zum Fliegen nicht geschaffen. Sein Biotop ist die Salzpfanne, denn woanders hat ein SSC, ein Super Sonic Car, gar keinen Platz, um sich von Raketenantrieb plus Flugzeugdüse auf 1000 Meilen pro Stunde beschleunigen zu lassen.

Die Konstrukteure dieses wüsten Rennwagens kämpfen nur noch mit einem Problem: Wenn der Raketentreibstoff verbrennt, wird Bloodhound so leicht, dass er die Bodenhaftung verliert. Um ins Guinness-Buch aufgenommen zu werden, muss das schnellste Auto der Welt fahren, nicht fliegen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Projektdirektor Richard Noble sieht die aerodynamische Herausforderung jedenfalls sportlich, als „Engineering Adventure“, das den Forschernachwuchs zu geistigen Höhenflügen inspirieren soll. Humorlose grüne Kritiker bremst der Fun-Forscher mit einer bierernsten Ökobilanz aus.

Eigentlich hat er recht: Besser man schickt ab und zu ein paar verrückte Forscher mit dem Bluthund in die Kalahari, als dass immer mehr Autonarren mit ihren Fliewatüüts durch die Wolken brettern, bis irgendwann die ersten vom Himmel fallen.

ULF J. FROITZHEIM hat auch schon mal für zwei Minuten die Bodenhaftung verloren – bei einem Selbstversuch im Indoor-Skydiving-Turm.

Aus der Technology Review 9/2010, Kolumne FROITZELEIEN

Beim Einstieg an den Ausstieg denken

Eine Firmengründung folgt heute anderen Spielregeln als zu Zeiten von Benz und Bosch. Oft verabschiedet sich nach wenigen Jahren der Investor – oder der Gründer. Mit etwas Weitblick können sich Entrepreneure aber frühzeitig für eine Scheidung wappnen.

Der Unternehmer Fridtjof Detzner (27) hat nichts gemein mit den gelfrisierten Jungmanagern in den Hochglanzprospekten feinerer Kapitalanlagegesellschaften. Der Internet-Freak, Kite-Surfer und Geschäftsführer der Hamburger Jimdo GmbH ist zufrieden, wenn die Leute an ihrem Geschäftserfolg sehen, dass er und seine Mitgründer Christian Springub und Matthias Henze coole Jungs sind. Jimdo verhilft computermäßig nicht so fitten Menschen zu einer schicken Homepage, indem es standardisierte Code-Elemente anbietet, die nach dem Baukastenprinzip zu individuellen Web-Auftritten zusammengesetzt werden können, ohne dass man immer wieder das Rad neu erfinden muss. Äußerlichkeiten sind dem Software-Trio schnuppe, als Türschild am Hinterhof-Loft in einer früheren Konservenfabrik muss ein verwaschener Wisch aus dem Tintenstrahldrucker genügen. Dahinter sieht’s ohnehin aus, als hätte jemand eine Studenten-WG zum Grossraumbüro umfunktioniert.

Das Späthippie-Ambiente unterstreicht auf ganz eigene Weise, dass hier eifrige Macher am Werk sind, die echtes Herzblut in ihre Firma fließen lassen. Jimdo ist die Frucht des sportlichen Ehrgeizes, zu beweisen, dass eine Idee, von der man selbst total begeistert ist, auch ihren Markt findet. „Beim Einstieg an den Ausstieg denken“ weiterlesen

Kollgein B., bitte ins Computermuseum!

„Wie ein Retter brachte Jobs ein Jahr später (1998) den iMac auf den Markt, der erste Computer, dessen Rechner im Bildschirmgehäuse steckte, ein buntes Ei.“

Süddeutsche Zeitung, 16. August 2010, Wirtschaft, Seitenfüller-Rubrik „Starke Marken“

Ohne auf sprachliche Holprigkeiten eingehen zu wollen (das möge bitte der geschätzte Kollege Hermann Unterstöger im Sprachlabor erledigen):

Kann es sein, dass jemand zwar weiß, dass Steve Jobs 1985 gegen John Sculley den Kürzeren zog, aber nicht mitbekommen hat, dass es damals einen Computer gab, der Macintosh hieß und zwar kein Ei war, aber den „Rechner“ im Bildschirmgehäuse hatte? So wie die etwas unförmigere Lisa zuvor?

Und hat die SZ (wenn sie schon ahnungslose Jungkräfte mit Beiträgen betraut, die noch lebende Zeitzeugen der Grufti-Generation jenseits der 49 aus dem Ärmel schütteln würden) denn kein Archiv mehr? Oder wenigstens einen Webanschluss, den die Schreiber zum Recherchieren nutzen dürfen, etwa in einem der vielen virtuellen Computermuseen? Das wäre vielleicht hilfreich für all jene KollegInnen, die ohne jede Spezialisierung ressortübergreifend alle Themen wegschreiben müssen, die so anfallen bei der Zeitung.

Ach nee, sich vor dem Schreiben schlau zu machen kostet Zeit, ist also zu teuer für die arme SWMH. Newsrooms mit Redakteuren in Massenhaltung wurden ja nicht eingeführt, um die Zeitung besser zu machen, sondern deren Produktion billiger.

Vom Mendelweg in Düsseldorf…

…gibt es jetzt schon eine Streetview ohne Google, weil die Anwohner kein Google Streetview dulden wollen. Auch Thomas Knüwer wundert sich.