Kabarettistischer Vorschlag von WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus: Alle, die journalistisch hochwertige Angebote online stellen, sollen etwas von der Rundfunkgebühr abbekommen. Dass er damit die Verlage, deutsche Verlage und nichts als Verlage meint, kann man ihm zwar unterstellen, gesagt hat er’s nicht. Darum deute ich ihn so, dass er Altruist ist und uns Freien etwas Gutes tun will. Nienhaus zu Ende gedacht heißt: Wir brauchen die Verlage nicht mehr und er macht Lobbyarbeit dafür, dass wir trotzdem Geld bekommen. DANKE!
Journalismus, „Prinzip Billig“
Früher waren Redaktionen von überregionalen Tageszeitungen so ausgestattet, dass die Ressortleiter sich leisten konnten, prophylaktische Nachrufe auf alle relevanten Promis vorzuhalten. Starb einer tatsächlich, war das aktuelle Gerüst rasch um diesen Korpus herum getextet. Das Ganze wirkte professionell, sah nicht aus wie mit der heißen Nadel gestrickt.
Wenn heute jemandem wie Theo Albrecht etwas nachzurufen ist, läuft das anders. Beispiel SZ: Obwohl die Wirtschaftsredaktion bei einem 88-Jährigen Unternehmer, der nicht mehr gesund war, von dessen Tod nicht wirklich überrascht worden sein kann, arbeitet das Blatt dieses Ereignis über zwei Tage hinweg ab. Am Mittwoch war die selbst vom Boulevard verpennte Beerdigung, am Donnerstag widmete sich die Seite 3 dem Aldi-Nord-Boss, am Freitag füllte die Wirtschaft vier von sechs Spalten einer Seite mit lieblos zusammengeklaubtem (pardon, das harte Wort muss hier leider sein, denn „Stehsatz“ wäre zu gnädig) Content rund um das Thema Aldi. Man möchte die Textsammlung fast für den Boring Article Contest nominieren, den Michael Kinsley von The Atlantic Wire sich ausgedacht hat (danke für den Hinweis auf der SZ-Medienseite vom 31. Juli, lieber Alex Rühle). Aber um da zu gewinnen, muss es EIN langweilig-überflüssiger Text sein und nicht mehrere.
Die wahn-sin-nig phantasievolle Headline lautet „Prinzip Billig“, und die darüber thronende Dachzeile führt den Leser auf gedankliche Abwege: „Nach dem Tod von Theo Albrecht: Der harte Kampf im Einzelhandel“. Das eine hat freilich mit dem anderen nichts zu tun. Der Kampf fand schon zu Theos Lebzeiten statt. Dessen Tod ändert auch nichts an der Intensität, denn der 88-Jährige hatte sich aus dem Management längst zurückgezogen.
Weitere Spitzenleistungen auf der 2/3-Aldi-Sonderseite: „Journalismus, „Prinzip Billig““ weiterlesen
Neues aus der Werbe-Anstalt
Das Zweite Deutsche Fernsehen ist bekanntlich eine Anstalt mit einem bemerkenswert schmerzfreien Umgang mit Dingen, die anderswo „Werbung“ heißen würden. Oder, niedlich bagatellisiert, „Schleich“-Werbung. Da gibt es schon mal eine Kooperation mit der Gartencenter-Firma Kölle, in deren Rahmen nicht nur die Unternehmerin Angelika Kölle gebührensparend als Expertin eingesetzt wird, die sich ihr Kommen etwas kosten lässt statt Honorar zu verlangen, sondern auch noch Win-win-Zeitungsannoncen geschaltet werden mit den Logos von Pflanzen Kölle und dem ZDF-Fernsehgarten:

„Angelika Kölle zu Gast im ZDF-Fernsehgarten.“ Diese unverhüllte Co-Branding geschah, nachdem Fernsehgärtnerin Andrea „Kiwi“ Kiewel dafür schon öffentlich gesteinigt worden war, obwohl sie doch nur die kleine Verkäuferin ist und nicht der Geschäftsführer des Ladens; der heißt Markus Schächter. Wenn schon draufhauen, prügle man doch bitte den Richtigen!
Dass die nette Kiwi nicht an allem schuld ist, was das 2DF für die Wirtschaft tut, beweist die Sendung „Küchenschlacht“, in der die Weightwatcherin wirklich keine Rolle spielt. Da wirbt das 2weite ohne jeden Hinweis darauf, dass jetzt die Mainzelmännchen kommen, für Dienstleistungen des US-Unternehmers Marc Zuckerberg. „Neues aus der Werbe-Anstalt“ weiterlesen
Freude schöner Telefunken
Deutsche Technikmarken sind nicht totzukriegen. Wenn man doch bloß wüsste, wofür sie stehen…
Neulich beim Elektrohändler: Wir wollen auf Satellitenfernsehen umsteigen. Weil ich Wert auf Kundendienst lege, Markenware schätze und mit Schüsseln, LNBs und HDTV-Receivern null Erfahrung habe, frage ich den Meister, welche Fabrikate er empfehlen kann. Sagt der doch tatsächlich „Grundig“. War mir diese Marke nicht unlängst durch eine „multifunktionale Gesichtssauna“ aufgefallen, durch Nasenhaartrimmer und die „Floor Care“-Produkte, die man glatt mit ordinären Staubsaugern verwechselt könnte? Nein, die sind’s nicht, sagt der Experte, er meine natürlich Grundig Sat Systems alias GSS. Es gebe tatsächlich noch ein paar Hanseln, die dem Erbe des alten Max Grundig treu geblieben seien und in Franken tapfer Sat-TV-Zubehör entwickelten – unabhängig von der türkischen Koc-Gruppe, die nach der Pleite der Traditionsfirma das Recht erworben hatte, auf Elektrowaren aller Art, vom Fernseher bis zum Staubsauger, Grundig-Logos zu pappen, wovon sie auch hemmungslos Gebrauch macht.
Vorsicht ist immer geboten, wenn eine aus Kindertagen vertraute Marke im Regal steht. Im Großmarkt prangt auf verdächtig billiger Unterhaltungselektronik das Warenzeichen AEG. Aus Erfahrung gut? Wohl kaum, die Musikgeräte der alten AEG hießen ja Telefunken. Hoffentlich bedeutet es nicht: „Auspacken. Einpacken. Garantiefall.“ So wie bei unserem Sensor-Electronic-Doppellangschlitz-Toaster Marke „Rowenta Family“: Naiv, wie wir sind, hielten wir es für einen Defekt, dass dessen Röstgradskala von unter 1 (sanft gebräunt) über 2 (heftig angekokelt) bis hin zu vier Schattierungen von Holzkohle reichte. Wegen seines brennenden Übereifers schickten wir das Designerstück ein – nach Solingen zum Tefal-Moulinex-Service im alten Krups-Werk.
So läuft das heute, wenn man eines der Geräte „Made in PRC“ erwischt hat, die ein französischer Multi aus der People’s Republic of China importiert und unter den großen Namen untergegangener europäischer Firmen verkauft: Die braven Serviceleute schickten prompt und portofrei originalverpackten Ersatz, doch auch der neue Röster lässt sich von keinem Elektroniksensor daran hindern, unseren Toast zu versengen wie ein im Lagerfeuer vergessenes Stockbrot.
Wie das Recycling alter Technikmarken funktioniert, verrät uns dankenswerterweise die „Telefunken Solar International FZ LLC“ aus Dubai, die – etwas abseits vom traditionellen Markenkern – Herstellern von Photovoltaik-Anlagen dabei helfen will, ihre Produkte zu vermarkten. Zu diesem Behufe sucht sie weltweit Lizenznehmer, die ihren Solarpaneelen mittels „Telefunken“-Aufkleber den Glanz ehemals deutscher Wertarbeit verleihen möchten. Auf einem Schaubild „Mehrwert durch Marke“ präsentieren die Solarscheichs mit dem Hang zu deutschen Industrietugenden treuherzig ein Paar 20-Euro-Turnschuhe, das allein durch Aufbringen eines Nike-Emblems 100 Euro wert wird, sowie einen Kaffeepott ohne und mit Starbucks-Meerjungfrau. Blank bringt die Tasse einen Euro, mit Logo drei. Es gibt immer noch genug Verbraucher, so die Botschaft, die gern den Namen mitbezahlen.
Wenn das Prinzip „Imagetransfer“ sogar bei Firmenzombies wie Telefunken funktioniert, eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Die Bundesbank könnte den Euro unter der Premiummarke „D-Mark“ verbreiten. Oder die Regierung die nächste Bundespräsidentenwahl als Fernsehquiz-Klassiker „Einer wird gewinnen“ veranstalten. Kulenkampff hatte doch so was Präsidiales. Und ich? Vielleicht sollte ich als Technikautor unter der Traditionsmarke „Jules Verne“ schreiben. Auch dieser Mann kann sich ja nicht mehr wehren.
Bisher gilt: Nur wo „ULF J. FROITZHEIM“ drüber- oder druntersteht, sind auch 100 Prozent Froitzheim- Text drin.
Aus der Technology Review 8/2010, Kolumne FROITZELEIEN
Söder, Stöckel, Kubitschek weiß-blau dekoriert
Für "streng vertrauliche Ruhmestaten", so die Süddeutsche Zeitung (offline, 28. Juli 2010, Bayern, S. 34), werden 57 Bürger mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt. Die Verdienste nenne die Staatskanzlei zwecks Schutz der Privatsphäre der Betroffenen Dekorierten nicht, erklärt das Blatt.
Wie einer von der SZ vorab publizierten Liste zu entnehmen ist, gehört zu den für ihre heimlichen Verdienste Belobigten auch der Nürnberger Journalist Dr. Wolfgang Stöckel, Redakteur a.D. und langjähriger Erster Vorsitzender des Bayerischen Journalisten-Verbandes. BJV-Kommunikationsreferent Bernd Aumiller steht nun vor einer veritablen Mission Impossible: Eigentlich wäre es sein Job, die Nachricht vom Orden für den Chef per Pressemitteilung zu verkünden. Aber die Regeln des Nachrichtenhandwerks gebieten nun einmal, nicht nur die Tatsache an sich zu melden, sondern auch zu erklären, für welche Meriten das weiß-blaue Verdienstkreuz am blau-weißen Bande verliehen wird. Dazu bedürfte es jedoch einer zitablen Quelle. Vielleicht verrät Landtagspräsidentin Barbara Stamm Wolfgang Stöckel sogar im Vertrauen, wie er zu der Ehre kommt. Die dürfte es wissen. Doch eine Info "unter Drei" ist für PR-Zwecke leider völlig wertlos.
Immerhin weiß sich der bescheidene Stöckel in allerbester Society Gesellschaft. Laut SZ erhalten auch folgende Zelebritäten von Horst Seehofer den Orden: Friederike-von-Unruh-Darstellerin Ruth Maria Kubitschek, Bulle-von-Tölz-Amigo Gerd Anthoff, Fassbinder-Star Hanna Schygulla, Kameraprofessor Michael Ballhaus, BMW-Chef Norbert Reithofer, Audi-Chef Rupert Stadler, Friedenskomponist Ralph Siegel, Pathologe Wolfgang Eisenmenger und die CSU-Markusse Ferber, Söder und Sackmann.

