Bisher ist es nur ein vager Verdacht, mehr nicht. Heute morgen rief ein Telefon-Android mit dem schönen Namen Friederich von Haber mit unterdrückter Nummer auf unserer Privatleitung an und verkündete, wir hätten bei einem Gewinnspiel mitgemacht – und ein BMW-Coupé für ein Jahr samt Spritgeld gewonnen. Das sei 30.000 Euro wert (wie verdammt teuer ist denn der Unterhalt „Schlag? Den? Raab? (wg. Telefonspam?)“ weiterlesen
Digital-naiver Maoismus
Es ist doch immer wieder schön, wenn man sich eine nicht ganz mehrheitsfähige Meinung gebildet hat, diese so bescheiden wie beharrlich vertritt – und plötzlich ganz überraschend ein Prominenter auf den Plan tritt, der viel weiter geht, der viel radikaler denkt, der viel stärker pointiert und polarisiert.
Deshalb bin ich Jörg Häntzschel und der Süddeutschen Zeitung dankbar, dass sie im Feuilleton der Printausgabe (wenn auch leider nicht auf der Aufmacherseite) einen Fünfspalter mit der Headline „Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei“ publiziert haben: ein Interview mit Jaron Lanier, einem amerikanischen Intellektuellen, Künstler und Unternehmer, der schon im Cyberspace unterwegs war, als die so genannten Digital Na(t)ives unserer Tage noch nicht mal am analogen Schnuller genuckelt haben. Den ersten Text über ihn bekam ich vor 20 Jahren „Digital-naiver Maoismus“ weiterlesen
Sauber, sauber

Unter „Holzkopf“ verstehen die Einwohner von Erkheim im Ostallgäu nicht den Dorftrottel, sondern das weithin sichtbare Wahrzeichen ihrer Gemeinde – ein monumentales Gebilde in Gestalt eines kantigen Männerhaupts, das von Süden her den Verkehr auf der A96 München–Lindau zu beobachten scheint. Wer die nahe gelegene Ausfahrt nimmt, landet allerdings nicht in einem Themenpark für zeitgenössische Kunst, sondern in einem Gewerbegebiet. Von der Rückseite betrachtet erweist sich die 20 Meter hohe Skulptur als fünfstöckiger Bürobau – inklusive gläsernem Treppenturm und Panoramaplattform.
Es ist doppelter Luxus, was sich der Erkheimer Holzhausspezialist Baufritz 1996 zum 100-jährigen Firmenjubiläum gegönnt hat: Wo profane Flacharchitektur den Zweck erfüllt hätte, durfte der Ottobeurer Künstler Diether Kunerth einen vertikalen Blickfang auf die grüne Wiese setzen. Seither verfügt das Unternehmen über ein architektonisches Aushängeschild direkt an der Autobahn, das es nicht als Werbeträger nutzt. „Sauber, sauber“ weiterlesen
Nachwuchs-Verhütung
Nicht erst durch die Studentenproteste ist der Bachelor-Studiengang in Verruf geraten. Auch die hohen Abbrecherquoten in den technischen Fächern bereiten Probleme – vor allem der Wirtschaft. Erste Projekte zeigen: Es geht auch anders – wenn man gute Ideen und viel Idealismus mitbringt.
Ein bemerkenswertes Kontrastprogramm ist das: Während immer mehr Bürger um ihre berufliche Zukunft bangen, treibt manche Arbeitgeber die Frage um, wo sie bloß neues Fachpersonal herbekommen sollen, wenn ihre älteren Spezialisten demnächst in Rente gehen. „Wir wissen, dass der Ersatzbedarf an Ingenieuren in den nächsten Jahren nicht gedeckt ist“, sagt Carola Feiler, Bildungsreferentin des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). ,,2014 werden 220000 qualifizierte Fachkräfte fehlen.“
Da gäbe es also eine Menge anständig bezahlter Jobs, und keiner will sie haben? Die Wahrheit ist vertrackter. Es stimmt zwar, dass das Interesse der Schulabgänger an Naturwissenschaft und Technik steigerungsfähig wäre. Allerdings hätten die Unternehmen wenig Nachwuchssorgen, wenn alle Gymnasiasten und Fachoberschüler, die Ingenieure werden wollen, ihr Ziel auch erreichten.
Leider fallen allzu viele auf dem Weg dorthin durch den Rost. Die Studienreformen der letzten Jahre haben in den „Mint“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht etwa – wie von der Politik versprochen – mehr Absolventen, sondern mehr Abbrecher hervorgebracht. „Nachwuchs-Verhütung“ weiterlesen
Hände hoch, Mund auf!
Um ihre DNA-Datenbank voll zu kriegen, verhaftet die britische Polizei unschuldige Männer. Es ginge auch einfacher – mit Gentests schon im Kreißsaal.
Britannien ist nicht einfach nur groß, sonst hieße es Big Britain. Es ist besser als big. Es ist great. Ein großartiges Land, stilvoll, gediegen, aristokratisch, dabei ohne falsches Understatement – euer United Kingdom, liebe Briten, verkörpert gewissermaßen das Oberhaus unter den Staaten. Wofür die Weltmarke „Great Britain“ steht, habt ihr uns Kontinentalbanausen in eurer unnachahmlich feinen englischen Art beharrlich klargemacht: für ein Volk, das sich so perfekt unter Kontrolle hat wie kein anderes in Europa.
Dabei geht ihr absolut mit der Zeit. Eure legendäre Selbstdisziplin beschränkt sich längst nicht mehr auf das Schlangestehen an der Bushaltestelle oder das stoische Ertragen eures Nieselwetters und der englischen Küche. Nein, heute blickt ihr höchst freiwillig in „die toten Augen von London“: Weil eure Schutzleute, die netten Bobbys, nicht überall sein können, habt ihr Überwachungskameras an jede Ecke gehängt und damit der Welt bewiesen, dass ihr alle brave Bürger seid, die nichts zu verbergen haben.
Das Prinzip der Selbstkontrolle ist so tief in eurer Alltagskultur verankert, dass einer Regierungskommission kürzlich Angst und bange wurde, als sie sich fragte, was ihr Briten denn noch alles mit euch machen lasst. Die Irritation dieser für Gendaten zuständigen Aufpasser hatten ausgerechnet die netten Bobbys ausgelöst. Die waren nämlich nicht mehr nur den wirklich bösen Jungs zu Leibe gerückt, sondern allen Jungs, die aussahen, als könnten sie irgendwann böse werden. Um in einem x-beliebigen Kriminalfall als Verdächtiger kurz mal eben verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt zu werden, genügte es dem Bericht zufolge, als Mann unter 35 mit überdurchschnittlich dunkler Hautfarbe einer Streife über den Weg zu laufen. Fast eine Million unbescholtener Migranten bekamen offenbar schon die volle Härte eures Gesetzes zu spüren – in Form eines Wattestäbchens: Mund auffür die Vorratsdaten-Speichelung!
Es ist natürlich Unsinn, New Scotland Yard deshalb gleich Rassismus vorzuwerfen. Bei irgendeiner Bevölkerungsgruppe muss eure Polizei schließlich anfangen, wenn ihr eine landesweite DNA-Datenbank haben wollt, in der jeder potenzielle Gewalttäter (also: Mann) lückenlos erfasst ist. Schlägt im 2l. Jahrhundert ein Mr. Hyde zu, genügt nach der Analyse der Genspuren vom Tatort ein Mausklick, und schon ist Dr. Jekyll überführt.
Hört nicht auf die Regierungskommission, liebe Briten! Lernt von uns Deutschen! Uns braucht keiner festzunehmen. Wann immer wir die Chance bekommen, als völlig Unverdächtige mit bombenfesten Alibis unsere Unschuld mit den Methoden forensischer Biologie nachzuweisen, laufen wir zu Tausenden freiwillig auf die Wache, um Spucke abzugeben. Wir sind durch nichts zu irritieren, weder durch die jahrelange Fahndung nach einer mörderischen Serientäterin, die sich dann als harmlose Arbeiterin der Wattestäbchen-Fabrik entpuppt, noch durch Meldungen, auch DNA-Spuren könne man fälschen.
Warum lassen wir – Briten und Deutsche – nicht schon unseren Säuglingen Genproben abnehmen? Schließlich konnte die Polizei bisher allenfalls vermuten, wir könnten unschuldig sein. Erst wenn Vater Staat unser aller Gene kennt, kommt der ultimative Unschuldsbeweis: Unverdächtig sind alle, deren DNA nicht am Tatort gefunden wird. Eure jungen dunkelhäutigen Mitbürger mit Migrationshintergrund haben das kapiert, als sie mit steifer Oberlippe die Spuckesammlung über sich ergehen ließen. Jetzt ist der Rest an der Reihe.
ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, erinnert sich trübe, dass sich die Menschen einst über so etwas Harmloses wie eine Volkszählung aufgeregt haben.
Aus der Technology Review 1/2010, Kolumne FROITZELEIEN

