Wir lieben teuer

Sitzen Sie bequem? Nein? Entspannen Sie sich lieber. Es könnte richtig schön ungemütlich werden auf den nächsten 157 Zeilen, da sollte man sich nicht auch noch verkrampfen. Wir haben uns nämlich entschlossen, Ihnen ein paar Zähne zu ziehen, Ihre billigen Illusionen kaputt zu machen, Ihnen die Hölle wenn nicht geothermisch heiß zu machen, so doch wenigstens einmal prophylaktisch vor Augen zu führen, lieber Herr Westerwelle!

Zeichung: Erik Liebermann

Dass Sie da jetzt durch müssen (und mit Ihnen all jene, die Ihnen spontan applaudiert haben wie Haus + Grund und Mieterbund), verdanken Sie jener Äußerung, mit der Sie Ende März eine ganz andere Zukunft der Energie entworfen haben, als nicht nur wir sie sehen, sondern auch als all die Experten, auf deren Sachverstand wir zählen. Oder als andere Leute, die einfach noch die Grundrechenarten beherrschen. Es war eine Äußerung, die uns zunächst vermuten ließ, Sie wollten sich einen Spaß machen, wollten uns auf den Arm nehmen. Nur eben – wie es sich für einen bekennenden Avantgardisten, Oppositionellen und Marketingprofi geziemt – rechtzeitig vor dem 1. April, an dem man auch mit dem hanebüchensten Unsinn nicht weiter auffiele.

Leider sprechen die Indizien dafür, dass Sie es diesmal tierisch ernst meinten, als Sie nicht nur sagten, „bezahlbare“ Energie sei ein „Grundbedürfnis“ des Menschen, sondern daraus quasi noch eine Art Grundrecht der Deutschen ableiteten, auf Gas, Strom und Öl zwölf Prozentpunkte weniger Mehrwertsteuer bezahlen müssen zu dürfen als auf Apfelsaft, Stützstrümpfe oder Insulin.

Da es sich beim Benzinpreis oder Gastarif um den „Brotpreis des 21. Jahrhunderts“ handele, soll also der traditionell beim Bäcker geltende Steuersatz von sieben Prozent auch an der Tankstelle und im Heizungskeller zur Anwendung kommen. „Wir lieben teuer“ weiterlesen

Gutes Klima für Wettertainment

Dass viele Bürger Wetter und Klima nicht mehr als gottgegeben erdulden, hat viel mit einem Wandel in den Medien zu tun – mit der erfolgreichen Popularisierung und Kommerzialisierung des Wissenschaftsthemas Meteorologie.

»Alle reden übers Wetter. Wir nicht«, warb die Bahn vor Jahren – und beschrieb damit auch sehr treffend die damaligen Medienformate der Meteorologen: Es konnte schütten, stürmen, schneien oder hageln, der Wetterbericht war und blieb knochentrocken. Er kam so abstrakt daher wie eine wissenschaftliche Abhandlung, ganz egal, ob das Publikum nur Bahnhof verstand. Zeitungen und Fernsehsender traktierten ihre Zuschauer und Leser mit Isobaren (also Linien gleichen Luftdrucks), Isothermen (Linien gleicher Temperatur), die eine Landkarte zur unübersichtlichen Wetterkarte machten. Amtlich-ernste Nachrichtensprecher verschreckten die Hörer mit Martialischem wie »Frontensystemen« und »Niederschlägen«. Bestenfalls langweilten die Sendeanstalten die »Teilnehmer« mit Segelflug-Wetterberichten oder mit Wasserstandsmeldungen, die meist nur ein Häuflein Binnenschiffer tangierten. Kurzum: Die Kommunikation des Themas Wetter verfehlte die Zielgruppe »normale Menschen«. „Gutes Klima für Wettertainment“ weiterlesen

Sprachlos

Fast 15 Millionen Menschen in Deutschland stammen aus Familien, in denen Deutsch eine Fremdsprache war oder ist. Nicht wenige entziehen sich dem medialen Mainstream per Satelliten-TV und Internet. Wer sie erreichen will, muss Zugang finden zu diversen Paralleluniversen – falls es denn den Aufwand lohnt.

Ein knappes Fünftel der deutschen Bevölkerung steht soziologisch gesehen vor einem »Migrationshintergrund«. Dieser politisch korrekte Sammelterminus verrät nichts über die so etikettierten Menschen. Der in Frankfurt geborene Deutschtürke landet ebenso in dieser Schublade wie der Asylbewerber aus Darfur und der im Rentenalter übergesiedelte Kasachstandeutsche. Dass jemand einen Migrationshintergrund hat, sagt nichts aus über seine tatsächliche Integration und seine Integrationschancen – also darüber, was Kommunikationsverantwortliche hierzulande tun können und müssen, um diese Menschen zu erreichen. „Sprachlos“ weiterlesen

Exzellenter Durchschnitt

Eliten können nützlich sein – aber sie kommen nicht aus den dafür ausersehenen Spitzenhochschulen.

Der Beruf meines Sohnes ist Ingenieur. Sein Spezialgebiet ist das Tuning von Lego-Raumgleitern, sein Ziel der Mars, den er mit verwegenen Hightech-Konstruktionen urbar machen möchte. Unser Junior erfüllt perfekt die Anforderungen unserer Bildungspolitiker an seine Generation: Kaum auf dem Gymnasium, kennt er seine Rolle in der Arbeitswelt. Noch sieben Jahre, dann wird er sich an einer Exzellenzuni einschreiben und – husch, husch – zum Bachelor und Master avancieren. Das Ego eines Elitestudenten hat er schon, wenn auch nicht die Noten. Egal, sein Papa war auch der mittelmäßigste Pennäler der renommiertesten Lehranstalt am Ort.

Wo ich gerade am Angeben bin: Erwähnte ich, dass ich Absolvent einer Elite-Hochschule bin? Meine Alma Mater, die Uni München, ist Teil eines Exzellenzclusters, zu dem Deutschlands führender Knochenchirurg, die besten Molekularbiologen und exzellente Physiker gehören. Mit meinen akademischen Meritchen hat das zwar nichts zu tun, aber ein Quäntchen dieses Glanzes strahlt auch auf mich ab. Dass die „LMU“ wie jede Großuni diverse Fakultäten hat, an denen ganz ordinäre Ordinarien grundlangweilige Routinearbeit leisten, muss man ja nicht an die große Glocke hängen.

Doch nun kommt Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange daher und stellt das tolle Konzept der Elite-Mega-Uni infrage, das überlaufenen Hochschulmetropolen weiteres Wachstum sichert. Die Frau glaubt tatsächlich, exzellente Forschung auf ausgesuchten Fachgebieten sei ein wichtigeres Ziel als auf breiter Front Spitze zu sein! Das ist fast so vorlaut wie die Behauptung, man müsse einer von Etatnot gebeutelten Provinzfakultät nur genug Geld geben, dann könne sie den besten Professoren die besten Arbeitsbedingungen bieten. Am Ende kommt Stange noch auf die Idee, die Lehrpläne so zu entrümpeln, dass hochbegabte Schüler nicht mehr angeödet abschalten und sitzen bleiben. Womöglich geriete das gesamte System ins Wanken, das den Arbeitgebern den Nachschub an normierten Fachkräften für den hierarchischen Mittelbau sichert.

Und das kann ja nun keiner wollen: Die wahre Elite lässt sich heute doch schön leicht erkennen, indem man nach Lebensläufen schaut, die nicht so stromlinienförmig verlaufen wie der Weg vom Turbo-Abitur über den Master ins Bewerbercasting.

Aus der Technology Review 4/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Coca-Cola – weltweit auf Linie

coca-cola gilt als Musterbeispiel für standardisierte Markenbildung. Das gilt nicht nur die Rezeptur und die Werbung. Die größten coca-cola-Abfüller haben sich auf einheitliche Prozesse geeinigt und richten ihr Geschäft an einer mittels ARIS konstruierten Modellfirma aus.

Oft kopiert, nie erreicht – auf kein Markenprodukt passt dieser Spruch besser als auf Coca-Cola. Das Getränk aus den USA ist der Inbegriff für perfekte Produktstandardisierung: Obwohl der Konzern aus Atlanta die Herstellung des Weltgetränks an über 200 Abfüller mit vielen Standorten delegiert hat, kann sich die treue Kundschaft auf den Geschmack verlassen. Bis an den Rand der Zivilisation signalisiert das rot-weiße Logo: Coca-Cola ist Coca-Cola.

Verantwortlich dafür ist „das System“. So heißt im Insiderjargon der Verbund aus dem Stammhaus, The Coca-Cola Company in Atlanta und den selbständigen Regionalgesellschaften. „Das System“ arbeitet Hand in Hand. „Coca-Cola – weltweit auf Linie“ weiterlesen