Wenn Journalisten sich streiten

Ein bizarres Geplänkel liefern sich zwei Kollegen in aller Öffentlichkeit – via Twitter und Facebook. Der NDR ist involviert und macht eine unglückliche Figur. Bushido meldet sich zu Wort, Online-Promis wie Sascha Lobo, Stephan Anpalagan und Chan-jo Jun sind irritiert und kommentieren den Vorgang, Medientwitter hat einen neuen Aufreger. Da es um die Berichterstattung über den Nahostkonflikt geht und um problematische Personalien in international arbeitenden Medienhäusern, öffnen und füllen sich rasch lauter Schubladen, in die man jemanden stecken kann. Eine kleine Einordnung und ein bescheidener Friedensappell.

Da nicht alle, die mein Wortgepresstes lesen, die Gegeben- und Gepflogenheiten meiner Branche kennen, zunächst ein paar zum Verständnis wichtige Erläuterungen zur Arbeitssituation und -weise: „Wenn Journalisten sich streiten“ weiterlesen

Gedankenlose Seuchenverwalter

Deutschland ist das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Mitten in einer galoppierenden Epidemie lassen Behörden Zigtausende Fußballfans in ein Stadion und wundern sich, wenn die unmöglich zu kontrollierende Maskenpflicht dann ganz vielen am Allerwertesten vorbeigeht. Man sollte es allerdings auch nicht für möglich halten, wie in diesem Land gleichzeitig diejenigen kujoniert und schikaniert werden, die sich an die Regeln halten. Ein paar Notizen aus dem November 2021 über eine Bürokratie, die falsche Prioritäten setzt. 

Was bisher geschah: Am 7. November, einem Sonntag, nahm ich an einer Abendveranstaltung in Bochum teil, auf der die 2G-plus-Regel galt: Die rund 200 Gäste mussten am Einlass nachweisen, dass sie geimpft oder genesen sind, und sie hatten zuvor schriftlich versichert, sich am selben Tag vor 14 Uhr per Schnelltest vergewissert zu haben, dass sie negativ waren. Am Dienstagmorgen wurde die erste Teilnehmerin positiv getestet, am späten Donnerstagnachmittag schlug die Corona-Warn-App an, ab Freitag lief die Nase und ich musste ab und zu niesen, am Samstag war bei mir der Selbsttest positiv, am Montag folgte ein amtlicher PCR-Test, der am Dienstag – neun Tage nach der Infektion – positiv befundet wurde. 

Diese Zeilen schreibe ich als Gefangener einer heillos überforderten bayerischen Krankheitsbürokratie. Mindestens noch bis zum 30. November sitze ich im Hausarrest – also bis zum 23. Tag nach dem von der Warn-App als Risikobegegnung gemeldeten Kontakt zu einer negativ getesteten Geimpften und dem 18. Tag nach dem ersten Niesen. Häusliche Isolierung bedeutet: Selbst mit einer mit Leukosilk-Pflaster im Gesicht festgeklebten FFP2-Maske dürfte ich das Haus nicht einmal für einen Waldspaziergang verlassen, bei dem ich niemandem auch nur auf 1,50 Meter Abstand nahekomme. Hätte ich einen Hund, dürfte ich nicht mit ihm Gassi gehen. „Gedankenlose Seuchenverwalter“ weiterlesen

Impfmuffel: Meine sorgenvoll-hilflose Verzweiflungswut

„Meine sehr verirrten Damen und Herren“, das habe ich als kleiner Junge verstanden, als ich die Höflichkeitsfloskel „sehr verehrt“ noch nicht kannte. Der über 50 Jahre alte Verhörer passt leider sehr gut in unsere Jetztzeit mit 50.000 Neuinfektionen am Tag, dem erneuten Katastrophenfall in Bayern und einer Inzidenz von mehr als 2500 3000 bei Kindern im Kreis Elbe-Elster in den Landkreisen Meißen und Oberer Spreewald-Lausitz. Verirrt haben sich Millionen von Mitmenschen, darunter auch gute Bekannte und enge Freund:innen der Familie. Sie sind in der Corona-Zeit derart auf Abwege geraten, dass unklar ist, ob wir einander jemals wieder so nahe sein werden wie früher. Das gilt emotional wie auch physisch: Wer sich jetzt noch nicht hat impfen lassen, rast nicht nur ohne Gurt und Airbag über eine kurvige Landstraße. Er steht sich auch buchstäblich selbst im Weg.

Die Covid-Seuche offenbart leider Charaktereigenschaften, über die man außerhalb von Krisenzeiten leicht hinwegsehen konnte, obwohl sie gar nicht so selten sind. Die Mischung von Unvernunft und Aberglauben, sträflicher Ignoranz und Hedonismus, Leichtsinn, Selbstüberschätzung und sturem Trotz ergibt eine zugleich selbstmörderische und gemeingefährliche Melange.

Übertreibe ich? Leider nein. Ich habe diese Woche live und in Farbe miterlebt, dass alles, was man außer Impfungen tun kann, zu wenig ist, um das Virus Sars-CoV 2 zu stoppen.

Jeder dürfte schon mal davon gehört haben, dass die Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen schützen, aber nicht davor, sich die kleinen Biester einzufangen und zumindest in kleinen Mengen ein paar Tage lang weiterzuverbreiten. Das sieht dann so aus, dass man selbst zum Beispiel nur einen Schnupfen bekommt, aber mit einem plötzlichen Nieser Erreger ausstößt, die für Ungeimpfte eine potenziell tödliche Gefahr darstellen. Geimpfte können sogar Geimpfte anstecken, und zwar bevor sie selbst Symptome spüren. Das ist Fakt. Ich kann es bezeugen. Aber bevor ich erkläre, was passiert ist und warum das keineswegs gegen das Impfen spricht, sondern dafür, möchte ich darauf hinweisen, dass auch ein Anschnallgurt und die Airbags keine Kollision verhindern. Sie tragen nur dazu bei, dass man den Crash mit glimpflichen Verletzungen überlebt. Krachen zwei Autos mit einer Restgeschwindigkeit von jeweils 20 km/h frontal ineinander und einer von beiden Fahrern ist nicht angegurtet, verletzt sich dieser gleich schwer, als prallte er mit 40 Sachen auf einen geparkten Wagen. Wenn man Glück hat, kommt einem ein Auto mit einer besonders guten Knautschzone entgegen, die überdurchschnittlich viel kinetische Energie aufnimmt. Das sind die Impfung und die FFP2-Maske des Anderen. Sich nicht anzuschnallen, weil man sich auf die Knautschzone des Unfallgegners verlässt, wäre aber doch ausgesprochen hirnrissig, nicht wahr? Im Verkehr wie bei einer Pandemie ist und bleibt es dabei, dass jeder selbst für seine eigene Sicherheit sorgen muss.  „Impfmuffel: Meine sorgenvoll-hilflose Verzweiflungswut“ weiterlesen

Zu alt: Datenjournalist will mir das Wahlrecht nehmen

Der Berliner Kollege Lorenz Matzat hat den Datenjournalismus nicht erfunden, aber es geschickt geschafft, sich auf diesem Gebiet zur Marke zu machen. Jetzt dreht er allerdings frei und propagiert eine ganz eigene Form des Gerrymanderings: Menschen ab 60 sollen bei jeder zweiten Wahl aussetzen – oder das Wahlrecht soll nur 14- bis 70-Jährigen zustehen.

Republikanische Politiker in vielen Bundesstaaten der USA lassen nichts unversucht, um Wählergruppen, die erfahrungsgemäß die Demokraten wählen, von den Urnen fernzuhalten. Anhand demografischer Analysen schneiden sie Stimmbezirke so zu, dass die Wege zu den Wahllokalen absurd weit sind, oder ziehen künstliche Grenzen quer durch gewachsene Stadtviertel, um den Kandidaten der „Grand Old Party“ in möglichst vielen Bezirken komfortable Mehrheiten zu sichern. Diese Tricksereien nennt man „Gerrymandering„.

Wer solche Machenschaften für ein amerikanisches Problem hält, das uns nicht tangiert, sollte vorsichtig sein. Auch bei uns gibt es Menschen, die bestimmte soziodemografische Gruppen, bei denen sie ein unerwünschtes Wahlverhalten befürchten, an der Wahl hindern wollen. Sie gehen sogar noch weiter als die Gerrymanderer, die das Wählen „nur“ erschweren oder vor dem Hintergrund des US-Mehrheitswahlrechts faktisch sinnlos machen: Suspekten oder verachteten Wählergruppen wollen sie das Wahlrecht gleich ganz entziehen. Einer der beiden Menschen, die in jüngerer Zeit offensiv mit derlei Gedanken an die Öffentlichkeit gegangen sind, kommt von ganz rechts: Es ist der Goldverkäufer Markus Krall, der am liebsten allen Empfängern von Subventionen und staatlich garantierten Transferleistungen – im Klartext: Hartz-IV-Beziehern und Aufstockern, alleinerziehenden Müttern, eigentlich allen Eltern (Kindergeld!), Landwirten und natürlich Schwerbehinderten – das Wählen verbieten würde. Der andere verortet sich scheinbar auf der gegenüber liegenden Seite des politischen Spektrums: Lorenz Matzat (@lorz), Datenjournalist aus Berlin. Er meint es fraglos gut, denn er glaubt, mit seinen antidemokratischen Anwandlungen etwas für den Klimaschutz zu können oder müssen.

Konkret schlägt Kollege @lorz vor, das Wahlrecht bereits 14-Jährigen zu gewähren und es im Gegenzug den Über-70-Jährigen wegzunehmen (s. Screenshot oben). „Zu alt: Datenjournalist will mir das Wahlrecht nehmen“ weiterlesen

Nicht-Flugtaxi: Lilium-Märchen wird immer abstruser

Wenn man denkt, der Gipfel der Absurdität müsste langsam überschritten sein, geht der Steigflug plötzlich weiter. So ist es beim Nicht-Flugtaxi „Lilium Jet“ – und der Berichterstattung über einen Unternehmer, bei dem das Jahr 403 Tage hat.

Kürzlich hatte ich hier schon am Beispiel eines Beitrags aus der „Welt“ die vollkommen weltfremden Behauptungen des Weßlinger Flugzeug-Nichtherstellers Lilium auseinandergenommen, die es trotz ihres eklatanten Mangels an Plausibilität in die Presse geschafft hatten. Heute legte die Zeitung aus dem Springer-Verlag noch einmal nach und bewies damit, dass PR- und IR-Manager mit der nötigen Chuzpe manchen Kollegen – und Investoren – wirklich die abstrusesten Zahlen vorlegen können, ohne dass diese endlich mal sagen: „Ja, spinnt Ihr denn jetzt endgültig?“

Schon die Überschrift des Beitrags anlässlich des jetzt vorgestellten Börsenprospekts ist eine reinrassige Ente. Lilium wolle für 1,16 Euro je Kilometer fliegen, heißt es unter der – ebenso entenhaften – Dachzeile „Flugtaxi-Start-Up“. Es wird sich allein schon deshalb niemand für 1,16 Euro pro Kilometer ein Flugtaxi kommen lassen können, weil niemand Flugtaxis bauen will, sondern den „ICE der Lüfte“.

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