Yaghoobifarah und die Aufmerksamkeitsökonomie

Das SZ Magazin widmete der Berliner Kollegin Hengameh Yaghoobifarah diese Woche die Titelgeschichte. Die Überschrift „Reizfigur“ ist sehr treffend gewählt. Was folgt, ist ein spannender, interessanter, aber auch herausfordernder Text: Warum fahren wir Medienmenschen eigentlich so auf Provokationen ab? Wer geschickt provoziert, qualifiziert sich fürs Cover. Wenn die Redaktion nicht aufpasst, macht sie sich bei solchen Stories leider auch noch mit einer Sache gemein – was sie nach gängiger Lehrmeinung vermeiden sollte, selbst wenn sie diese Sache gut und legitim findet.

Für alle, die den Text im SZ Magazin nicht gelesen haben und den Namen der Kollegin nicht kennen: Yaghoobifarah ist 29, kommt aus Kiel, ist Tochter iranischer Eltern und arbeitet beim Missy Magazine, einer feministischen Zeitschrift. Nebenher schreibt sie für ein lausiges Honorar von 80 Euro Kolumnen für die taz, außerdem fand sie die Zeit für ein Debüt als Roman-Autorin.

Das alles wäre noch nichts Besonderes. Was die Titelheldin des SZ Magazins aus der wachsenden Zahl an Kolleginnen aus Migrantenfamilien hervorhebt, ist die enorme Aufmerksamkeit, die sie voriges Jahr auf sich zog. Es war eine andere Sorte Aufmerksamkeit als die, derer sich die Kollegin Mai-Thi Nguyen-Kim rühmen kann. Eher die Sorte, mit der am entgegengesetzten Rand des politischen Regenbogens ein Rainer Meyer alias Don Alphonso von sich reden macht: „Yaghoobifarah und die Aufmerksamkeitsökonomie“ weiterlesen

Die Köch*innen und der Gender-Schluckauf

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bemühen sich immer mehr Kolleg*innen, also Kolleginnen und Kollegen, das geschlechtsverwischende Binnensternchen akustisch umzusetzen. Ich muss sagen: Ich bin froher denn je, dass ich nicht beim Radio oder beim Fernsehen arbeite. Aber da mein einstiger Kollege Joachim Herbert das Resultat dieser Herausforderung so schön mit der Wortschöpfung „Gender-Schluckauf“ umschrieben hat, fühle ich mich bemüßigt, ein paar Takte über die praktischen Schwierigkeiten dieser akustischen Innovation zu intonieren.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Absicht hinter dem Mit-Schluckauf-Sprechen ist gut. Ja, es ist wirklich gut gemeint. Aber wenn ich nur ganz kurz darüber nachdenke, schaltet mein Gehirn auf Englisch um und flüstert mir, dass students, teachers, butchers, bakers, doctors and nurses nur in einer Form existieren, der man das Geschlecht der Person nicht ansieht. Ob die im Berufs- oder Funktionsbezeichung die im Deutschen als generisches Maskulinum geltende Endung „er“ trägt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. In den USA sind sogar Vornamen weit verbreitet, deren Besitzer nicht grundlos „she/her“ beziehungsweise „he/him“ in ihr Twitterprofil schreiben. In manchen Texten der New York Times lese ich einen ganzen Absatz, bis the author (tja, da geht es schon los: welcher bestimmte Artikel ist in unserer Sprache denn bitte genderneutral?) endlich das Geheimnis lüftet, ob ich mir nun eine Frau oder einen Mann vorstellen sollte.

Wer jetzt fragt: „Was geht Dich das an? Wir sind alle Menschen, das ist doch egal“, dem sage ich: Ja, ich will mir das vorstellen können. „Die Köch*innen und der Gender-Schluckauf“ weiterlesen

Youtube-Seuche: Sekten-Trolle

Es ist wie eine Epidemie des Wahnsinns: Anonyme Trolle sabotieren mit völlig abgedrehten Kommentaren die Diskussion über journalistische Youtube-Videos – etwa bei Mai Thi Nguyen-Kims „MaiLab“.

Jetzt reicht’s. Es reicht wirklich. Nicht nur, dass Youtube trotz aller Lippenbekenntnisse des Managements, etwas dagegen tun zu wollen mehr denn je überquillt von Videos von Bekloppten, durchgedrehten Selbstdarstellern, rechten Propagandisten und Leuten, die mutwillig Desinformation streuen. Nein, immer ungenierter machen sich Trolle, die überreif für die Geschlossene sind, in den Kommentarspalten unter guten Videos breit. Manche streuen sogar immer wieder identische Sätze wahllos in die Threads ein. Während man bei Twitter und Facebook solche verbalen Aggressoren immerhin stummschalten und blockieren kann, wenn schon das Melden von Verstößen gegen die Spielregeln nicht wirklich funktioniert, gibt es bei Youtube keine Möglichkeit, diese durchgeknallten Vollpfosten auch nur auszublenden.

Mai Thi eine Satanistin? Youtube-Kommentar einer durchgeknallten Person

Nur ein Beispiel: Als Mai Thi Nguyen-Kim in der neuesten Folge ihrer Funk-Serie MaiLab statt des von ihr wohl erwarteten Verrisses des Buchs „Corona – Fehlalarm?“ nur auf die scharfe Distanzierung der Kieler Uni von dem Werk ihrer Professorin Karina Reiß und ihres Gatten Sucharit Bhakdi verwies „Youtube-Seuche: Sekten-Trolle“ weiterlesen

Rezo oder die Zerstörung der Blauhaarfrisur – Teil IV und Schluss

Lieber Rezo,

Du hast Dich kürzlich bei Deinen Youtuber-Freunden Fabian und Steven hämisch über zwei Themen ausgelassen, die mich beruflich wie demografisch leider triggern: Printmedien und ältere Mitbürger.

Dazu kommt hier der Levitenlesung 4. Teil:

Nicht zerstören, sondern ändern und aufbauen!

Lieber Rezo,

Dir verdankt die deutsche Sprache den Neologismus „Zerstörungsvideo“. Das kann kein Grund sein, stolz zu sein. Die Welt braucht konstruktive Kritik, nicht Destruktion und Disruption. Oder wenn, dann bedarf es der „schöpferischen Zerstörung“ nach Joseph Schumpeter, also der Verdrängung des (vermeintlich) Guten durch das Bessere. Was gut ist, besser und am besten, ist in der Tat eine Frage, die vor allem Deine Generation betrifft, die zugleich die meiner Kinder ist. Wer heute unter 40 ist, muss sich darauf einstellen, die Folgen kurzsichtiger, mutloser und populistischer Umwelt-, Klima-, Entwicklungs- und Migrationspolitik noch mitzuerleben. Wer eine Karriereentscheidung trifft, die auf ein Weiterso hinausläuft, wer sich hedonistisch verhält und ausblendet, welchen Schaden sein Lifestyle oder der Geschäftszweck seiner Firma den Menschen anderswo auf der Erde zufügt, kann die Schuld nicht den Alten in die Schuhe schieben.

Wir Medienmenschen, alte wie ich und junge wie Du, können die Welt zwar nicht retten. Aber wir können das Unsere tun, Informationen zu finden und in verständlicher Form weiterzuverbreiten, mit deren Hilfe das Leben auf diesem Planeten für die Menschheit einigermaßen erträglich bleibt. Wir können Anwälte der Vernunft sein.

In dem Sinne: Du hast es geschafft, die Aufmerksamkeit von Millionen zu wecken. Verspiele dieses Kapital nicht, indem Du Dich sinnlos an der BILD-Zeitung abarbeitest und sagst, „mimimi, die FAZ stellt mir keine gescheiten Fragen“! Zeig, was Du drauf hast, dass Du mehr bewirkst als wir traditionellen Medienheinis!

Falls Du darauf keinen Bock hast: Halt einfach die Klappe.

Rezo oder die Zerstörung der Blauhaarfrisur – Teil III

Lieber Rezo,

Du hast Dich kürzlich bei Deinen Youtuber-Freunden Fabian und Steven hämisch über zwei Themen ausgelassen, die mich beruflich wie demografisch leider triggern: Printmedien und ältere Mitbürger.

Dazu kommt hier der Levitenlesung 3. Teil:

Schluss mit der Verherrlichung des Digitalen!

Du hast studiert. Das geht auch heute nicht ohne Bücher. Ja, viele gibt es als (piratisch kopierte) PDF. Aber da kann man nicht gut an den Rand kritzeln. Ob man am Tablet liest, am großen Bildschirm oder auf Papier, ist keine Frage für ideologische Streitereien. Das Digitale erweitert, wie gestern schon gesagt, die Möglichkeiten, Texte zu lesen, nicht mehr und nicht weniger. Was dem Leser lieber ist, geht keinen etwas an. Niemand sollte auch nur versuchen, andere zu bevormunden. Einen ökologischen Preis hat nicht nur das Drucken, sondern auch das Am-Bildschirm-Lesen. Also hör bitte auf, Dich über Papier-Leser lustig zu machen. Diese alte Leier langweilte uns schon, als Du in die Pubertät kamst.

Wichtiger als der Kampf gegen die Zellstoff verarbeitende Industrie ist, dass Du lernst, welchen Preis die Verwirklichung der alten Vision vom individualisierten, non-linearen Nachrichtenangebot für die Gesellschaft hatte und hat.

Du meinst, eine Tageszeitung sei per definitionem Schnee von gestern, weil wir jetzt das schnelle Internet haben? Blanker Unsinn! Seit bald 100 Jahren erfährt man von allen wesentlichen Ereignissen, bevor dazu eine Zeile gedruckt ist – aus dem Radio. Nach dem Hörfunk kam das Fernsehen, und immer noch wurden Zeitungen x-millionenfach gelesen, ja sie steigerten noch ihre Auflagen. Denn sie vertieften das Wissen über die Ereignisse, von denen man bereits gehört hatte, ordneten sie ein, überprüften Tatsachenbehauptungen und reicherten dies mit Meinungsbeiträgen an. Wer will, kann mittlerweile die Ergebnisse dieser Bemühungen noch am selben Tag lesen, vor dem Schlafengehen, als E-Paper oder in der App.

Ganz ehrlich: Brauchst Du Breaking News 24/7? Reicht es für uns Normalbürger nicht, am Abend zu erfahren, was an einem Tag los war? In guten Zeitungen stehen täglich viele Reportagen und Hintergrundberichte, die man sogar am Wochenende noch mit Gewinn lesen kann – ganz in Ruhe. Die werden nicht in ein paar Tagen irrelevant oder obsolet. Man reißt Beiträge raus, wenn der Rest der Zeitung ins Altpapier fliegt, und dann liegen sie da und erinnern einen von selbst daran, dass man sie noch lesen wollte. Ein Online-Beitrag, den man nicht sofort liest oder anschaut, ausdruckt (!) oder bookmarkt, ist aus den Augen, aus dem Sinn.

Aber sind Zeitungen denn nicht uninteressant geworden? Manche leider ja. Zur Blütezeit der Massenmedien bot die Zeitungslandschaft viel mehr publizistische Vielfalt als heute. Die Verlage konnten sich das leisten, weil sie im Wesentlichen von Rubrikanzeigen lebten (Stellenmarkt, Miet- und Immobilienmarkt, Gebrauchtwagen), die komplett ins Internet abgewandert sind, ohne dass damit noch guter Journalismus querfinanziert würde. Ohne Geld für Honorare, Gehälter und Reisekosten kann man das nicht bieten.

Du mokierst Dich darüber, dass in der B.Z. der gleiche Mist steht, der Dich in der BILD fassungslos macht. Doch das ist heute ein ganz normales Phänomen: Aus Kostengründen bilden auch seriöse, nicht krawallige Verlage „Redaktionsgemeinschaften“ und verkaufen die gleichen Inhalte unter mehreren Medienmarken. Absurderweise führen solche kaufmännisch folgerichtigen, aber publizistisch fatalen Entscheidungen dazu, dass die Rechten von „Gleichschaltung“ fantasieren. Dieses „Narrativ“ glauben auch junge Leute. Du solltest es nicht ungewollt fördern, sondern Deiner Generation erklären, wie es dazu kam – und dass es etwas mit dem Anspruch bereits der frühen Netzbewohnerschaft zu tun hatte, „Content“ (was für ein Unwort) sei zwar „King“, müsse aber zugleich „free“ sein, wobei man „free“ dümmlichsterweise mit „gratis“ statt mit „frei und ungehindert zu erwerben“ übersetzte und die Verlagsmanager so naiv waren, zu glauben, sie könnten diese Nachfrage allein auf Basis von Werbeeinnahmen befriedigen, ohne die Qualität zu opfern.

Und das lineare Fernsehen? Das ist für Dich nicht mehr zeitgemäß? Das sagt nur, wer Scheuklappen aufhat. Das analoge Antennenfernsehen wurde allein deshalb als Massenmedium groß und wichtig, weil – bei einer geringen Anzahl übertragbarer Kanäle – viele Menschen das Gleiche gesehen hatten. Die Fernsehsendungen lieferten der Gesellschaft den Gesprächsstoff. Alle Bürger waren mehr oder weniger auf dem gleichen Informationsstand, bevor sie sich eine Meinung bildeten.

Als Kabel und Satellit eine Fülle an Programmen entstehen ließen, hatten bald nur noch 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung das Gleiche gesehen. Die mediale Angebotsfülle, die zehn Jahre vor dem Web entstand, führte zu einem Boom der Videorekorder: Das non-lineare Fernsehen begann nicht etwa mit den Mediatheken, Netflix oder Youtube, sondern Mitte der Achtziger mit VHS-Kassetten, denen DVDs und Festplattenrekorder folgten. Wir hielten das für eine Befreiung vom Diktat der Programmplaner, schauten aber viele unserer Video-Aufzeichnungen gar nicht mehr an, weil schon wieder so viel Neues kam. Aus Medien für die Masse wurde eine Masse von Medien für Minderheiten. Das video-fähige Breitband-Internet, das Ihr so liebt, verstärkte lediglich diesen Trend. Folge: Wer nicht mehr Fernsehen schaut, trifft außerhalb von Netzcommunities kaum noch Bekannte, die den gleichen Input kennen. Die Öffentlichkeit löst sich auf in winzige Grüppchen.

Von dieser Zersplitterung profitieren Extremisten. Der Traum der frühen Netzaktivisten von Basisdemokratie durch mediale Teilhabe und Autarkie war eine Utopie. Diese kann als gescheitert gelten. Es ist kein Zufall, dass die Jahrzehnte, in denen es den Massenmedien (Print und Funk) gut ging (weil die Nachfrage hoch genug war für einen gesunden Wettbewerb), zugleich die Jahrzehnte waren, in denen es in weiten Regionen der Welt bei relativem Frieden wachsenden Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten gab. Dass heute jeder noch so durchgeknallte Spinner per Mausklick eine Community von Leuten mit dem gleichen Spleen findet, macht es jenen leicht, die keinen Konsens und Kompromiss wollen, den Spaltern und Extremisten. Wie soll eine Gesellschaft, geschweige denn eine Staatengemeinschaft, so noch eine Basis finden für nur gemeinsam lösbare Aufgaben wie das Aufhalten des Klimawandels, wenn die Menschen keine gemeinsame Sprache mehr sprechen und jeder überzeugt ist, sein Mikro-Grüppchen habe (alleine) Recht?

Man kann es auch so sagen: Wir haben die Digitalisierung des öffentlichen Diskurses vergeigt, alle zusammen. Ihr Jungen, indem Ihr uns abgebürstet habt: „Ihr Alten versteht das Internet nicht.“ Wir Alten, indem wir uns die Diskurshoheit in Netzfragen widerstandslos haben abnehmen lassen, obwohl wir es besser wussten oder wissen konnten. Schließlich waren wir dabei, als das alles entstand. Die Digital Natives fanden es vor.