Ver-Störer-Anzeige

Kennen Sie Störer? Nein, nicht die Leute, die Veranstaltungen sabotieren und Redner niederbrüllen. Störer sind vergleichsweise billige Kleinanzeigen, mit denen ein Inserent die gleiche Aufmerksamkeit erhascht wie mit einer teuren Großfläche. Der Trick: Man drängt sich in den redaktionellen Text. Wenn man als Störer ein Foto verwendet, denkt der Leser im ersten Moment, es handle sich um das Bild zum Text. Bis im Verstand die Meldung angekommen ist, dass statt einer redaktionellen Bildunterschrift nur die typografisch minimalistische Dachzeile „ANZEIGE“ zu finden ist, hat das Foto die vom Werbetreibenden angepeilten Zielsynapsen längst erreicht.

Der Trick kann aber haarscharf daneben gehen – wie der Schuss eines baskischen Terroristen. Was suggerieren die Reizworte „Eta“, „Waffen…“, „Gewalt“ über diesem Foto? Richtig: Für 500 Millisekunden denkt man, die iberischen Übeltäter hätten einen deutschen Heimwerkermarkt attackiert.

Ich weiß nicht, ob die Platzierung Absicht war. Falls nicht, sollte man der SZ-Redaktion zumindest danken für die unfreiwillige Anregung, wie man die Störer verjagen und die Kundschaft zum Buchen teurerer Anzeigen motivieren könnte.

Bei der nächsten AKW-Panne in Weitweggistan böte sich an, als Störer ein Werbefoto von Vattenfall, RWE oder EnBW einzuklinken, bei einem Bericht über Verbraucherschutz das einer Mobilfunkfirma; und die BASF ist sicher begeistert, wenn ihr Inserätchen eine Story über Gefahren der Genmanipulation illustriert. 😉

Süddeutsche Litfaß-Stelen

Heute irritiert die Münchner Leib- und Magenzeitung wieder mal den gebildeten Teil ihres Publikums mit ein paar sonderbaren Einfällen:

Ein Foto zeigt die dicken fetten Betonpoller, mit denen die Stadt München sicherstellen will, dass etwaige Selbstmordislamisten-Sprengstofflaster wenn überhaupt, dann nur weit vor dem eigentlichen Festgelände detonieren. Es handelt sich, wie man unschwer erkennt, um zwar frei stehende, nicht aber mit einem Relief oder einer Inschrift versehene Säulen – so definiert das Duden-Fremdwörterbuch den griechisch-stämmigen Begriff Stele. Die Wikipedia präzisiert, unter einer Stele verstehe man meist einen hohen, rechteckigen Pfeiler, beispielsweise einen Obelisken. Von einer Plakatierung wie auf dem Foto wissen die Quellen nichts zu berichten. Insofern sagt das SZ-Bild mal wieder mehr als viele Worte: Bei den Objekten handelt es sich – von der städtebaulich-optischen Qualität her – schlicht und banal um ordinäre, etwas zu niedrig geratene Litfaßsäulen. „Stele“ ist nun nicht direkt als deren bildungsbürgerliches Synonym zu verstehen und schon gar nicht als Euphemismus (selbst wenn die Stadtverwaltung dies glauben sollte): Eine typische Stele dient als Grabmal. Und hier beginnt die sprachliche Unsauberkeit endgültig makaber zu werden. „Süddeutsche Litfaß-Stelen“ weiterlesen

Kollgein B., bitte ins Computermuseum!

„Wie ein Retter brachte Jobs ein Jahr später (1998) den iMac auf den Markt, der erste Computer, dessen Rechner im Bildschirmgehäuse steckte, ein buntes Ei.“

Süddeutsche Zeitung, 16. August 2010, Wirtschaft, Seitenfüller-Rubrik „Starke Marken“

Ohne auf sprachliche Holprigkeiten eingehen zu wollen (das möge bitte der geschätzte Kollege Hermann Unterstöger im Sprachlabor erledigen):

Kann es sein, dass jemand zwar weiß, dass Steve Jobs 1985 gegen John Sculley den Kürzeren zog, aber nicht mitbekommen hat, dass es damals einen Computer gab, der Macintosh hieß und zwar kein Ei war, aber den „Rechner“ im Bildschirmgehäuse hatte? So wie die etwas unförmigere Lisa zuvor?

Und hat die SZ (wenn sie schon ahnungslose Jungkräfte mit Beiträgen betraut, die noch lebende Zeitzeugen der Grufti-Generation jenseits der 49 aus dem Ärmel schütteln würden) denn kein Archiv mehr? Oder wenigstens einen Webanschluss, den die Schreiber zum Recherchieren nutzen dürfen, etwa in einem der vielen virtuellen Computermuseen? Das wäre vielleicht hilfreich für all jene KollegInnen, die ohne jede Spezialisierung ressortübergreifend alle Themen wegschreiben müssen, die so anfallen bei der Zeitung.

Ach nee, sich vor dem Schreiben schlau zu machen kostet Zeit, ist also zu teuer für die arme SWMH. Newsrooms mit Redakteuren in Massenhaltung wurden ja nicht eingeführt, um die Zeitung besser zu machen, sondern deren Produktion billiger.

Journalismus, „Prinzip Billig“

Früher waren Redaktionen von überregionalen Tageszeitungen so ausgestattet, dass die Ressortleiter sich leisten konnten, prophylaktische Nachrufe auf alle relevanten Promis vorzuhalten. Starb einer tatsächlich, war das aktuelle Gerüst rasch um diesen Korpus herum getextet. Das Ganze wirkte professionell, sah nicht aus wie mit der heißen Nadel gestrickt.

Wenn heute jemandem wie Theo Albrecht etwas nachzurufen ist, läuft das anders. Beispiel SZ: Obwohl die Wirtschaftsredaktion bei einem 88-Jährigen Unternehmer, der nicht mehr gesund war, von dessen Tod nicht wirklich überrascht worden sein kann, arbeitet das Blatt dieses Ereignis über zwei Tage hinweg ab. Am Mittwoch war die selbst vom Boulevard verpennte Beerdigung, am Donnerstag widmete sich die Seite 3 dem Aldi-Nord-Boss, am Freitag füllte die Wirtschaft vier von sechs Spalten einer Seite mit lieblos zusammengeklaubtem (pardon, das harte Wort muss hier leider sein, denn „Stehsatz“ wäre zu gnädig) Content rund um das Thema Aldi. Man möchte die Textsammlung fast für den Boring Article Contest nominieren, den Michael Kinsley von The Atlantic Wire sich ausgedacht hat (danke für den Hinweis auf der SZ-Medienseite vom 31. Juli, lieber Alex Rühle). Aber um da zu gewinnen, muss es EIN langweilig-überflüssiger Text sein und nicht mehrere.

Die wahn-sin-nig phantasievolle Headline lautet „Prinzip Billig“, und die darüber thronende Dachzeile führt den Leser auf gedankliche Abwege: „Nach dem Tod von Theo Albrecht: Der harte Kampf im Einzelhandel“. Das eine hat freilich mit dem anderen nichts zu tun. Der Kampf fand schon zu Theos Lebzeiten statt. Dessen Tod ändert auch nichts an der Intensität, denn der 88-Jährige hatte sich aus dem Management längst zurückgezogen.

Weitere Spitzenleistungen auf der 2/3-Aldi-Sonderseite: „Journalismus, „Prinzip Billig““ weiterlesen

Müllermilch-Hohensteins Qualitätskompetenz

Redakteure des Onlinespiegels (und andere) sollten sich bei eigener Bildungslückenhaftigkeit nicht unbedingt darauf verlassen, dass ddp schon alles richtig macht:

„Der umstrittene Vertrag zwischen der ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein und der bayerischen Molkerei Weihenstephan ist aufgelöst worden. Müller-Hohenstein wird mit sofortiger Wirkung von ihren vertraglichen Verpflichtungen als Schirmherrin des Qualitätsbeirats entbunden, wie der Konzern am Dienstag in Freising mitteilte.“

SpOn, 6.7.2010

Besagte Molkerei war nie ein Konzern, sondern früher mal die im Marketing sehr erfolgreiche Milchvermarktungsbehörde des Freistaats Bayern. Seit einigen Jahren ist die ehemals Staatliche Molkerei Weihenstephan Teil eines Konzerns, und dessen Name ist Müller. Theo Müller.

Markenbotschafterin KMH hat also den Bohlen gemacht, nur eben für die Edelmarke des Müllers aus dem Allgäu. Dass der Guteste nun seinen Qualitätsbeirat sowie dessen Schirmherrin im Regen stehen lassen muss, ist schon witzig zu nennen. Ich hätte nie gedacht, dass ein erfahrener Molkereimeister und Großunternehmer auf die Kompetenz einer Sportjournalistin angewiesen ist, damit die Qualität seiner Produkte stimmt 😉