Jetzt mal konkret, Herr Hammerschmitt!

Manchmal weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll über meine Urheber-Genossen. Schön ist, dass sich jetzt mehr Kolleginnen und Kollegen denn je dafür interessieren, stimmberechtigte Mitglieder in dem Verein zu werden, dessen Schecks und Überweisungen sie immer gerne entgegen genommen haben. Der Vorstand der VG Wort bekommt bei seiner Sitzung diese Woche einen imposanten Stapel Anträge auf den Tisch, deren Annahme in fast allen Fällen reine Formsache sein dürfte. Journalisten, Drehbuchautoren, Schriftsteller, Übersetzer wollen mitreden, und wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, kommt es dabei zu einer spürbaren Verjüngung unserer Mitgliedschaft. Dies ist nicht zuletzt deshalb schön, weil wir Ehrenamtlichen dafür die Vorarbeit geleistet haben, indem wir vor Jahren eine drastische Senkung der Eintrittshürde angeregt und durchgesetzt haben. Wir haben die Partizipationsmöglichkeiten für viele hauptberufliche Wortkünstler verbessert, die früher keinen barrierefreien Zutritt zur Mitgliederversammlung hatten (sie brauchten ein Delegiertenmandat von der Versammlung der Wahrnehmungsberechtigten) und nicht für Ämter kandidieren konnten.

Weniger schön ist, dass etliche Urheber auf Durchzug schalten, wenn Informationen aus der vermeintlich falschen Richtung auf sie einprasseln, sie sich aber dank ihres neu erworbenen Halbwissens bemüßigt fühlen, mit ihren Gedanken bereits an die Öffentlichkeit zu gehen – ganz egal, wie weit ihr Erkenntnisprozess denn nun gereift ist. „Jetzt mal konkret, Herr Hammerschmitt!“ weiterlesen

Ente recycelt

Der „Kontakter“ und in der Folge der Mediendienst „turi2“ haben laut Kai-Hinrich Renner etwas „kolportiert“, nämlich ein unzutreffendes Gerücht über einen baldigen Verkauf der brandeins-Anteile von Oliver Borrmanns bmp. In der von turi2 nachgeplapperten Kolportage wurde die angestaubte turi2-Nachricht recycelt, Gruner+Jahr interessiere sich für die Anteile. Selbst wenn es so wäre: G+J passt nicht zu brandeins. Dieses Urteil maße ich mir an, denn ich kenne beide Häuser ziemlich gut. Und nach allem, was ich über Borrmann weiß, ist er klug genug zu wissen, dass er Gabriele Fischer und ihrer Redaktion so einen Deal nicht antun kann. brandeins ist ein journalistisches Projekt, kein beliebiges Verlagsobjekt. Es geht zwar nur um eine Minderheitsbeteiligung, aber das Signal wäre gefährlich: In dem Moment, in dem es scheint, als greife ein Konzern wie Bertelsmann nach der Macht über die Marke, wäre deren Identität bedroht.

Als Eiskrem-Fan muss ich da an Ben & Jerry’s denken. Seit die Kultmarke in die Hände liebloser Produktmanager des Langnese-Konzerns Unilever fiel, entwickelte sich daraus – ganz egal, wie die Tochterfirma ihre Unabhängigkeit beteuert – ein austauschbares Supermarktprodukt für das LoHaS-Segment. Die Andersartigkeit wird vor allem durch ein Fairtrade-Siegel für den enthaltenen Rohrzucker (!) betont, der praktischerweise billiger ist als hiesiger Rübenzucker. Ben und Jerry wären übrigens auch nie auf die Idee gekommen, mit Sojaöl, Reismehl und Kartoffelflocken zu hantieren.

Ein Rant zum Stichwort „Lügenpresse“

Wie oft habe ich in den letzten Tagen oder Wochen etwas von „Staatsmedien“ und „Lügenpresse“ gehört oder gelesen? Nur mal fürs Protokoll, falls sich ein Pegidist hierher verirrt: Russia Today ist ein Staatsmedium – nur halt keines von unserem Staat, sondern von einem Staat, in dem kritische Journalisten Angst haben müssen, wenn sie sich mit der Staatsgewalt anlegen.

Hierzulande gäbe es die Deutsche Welle und das Deutschlandradio. Gemeint sind aber auch die normalerweise nicht. Die Skandierer hören und schauen doch wohl eher andere Programme.

Womit wir bei ARD und ZDF sowie den ebenfalls verunglimpften Printmedien SZ, FAZ, Zeit und Spiegel wären (warum werden eigentlich Welt und Bild eher selten als Staatsmedien kategorisiert?). Die Anstalten mögen immer wieder unter Parteieneinfluss leiden, aber auf Beispiele für solchen Machtmissbrauch warten die besagten Zeitungen und Magazine nur. Im ZDF, sogar im Bayerischen Rundfunk können sich diverse Redaktionen inzwischen leisten, beide Berliner Regierungsfraktionen sowie die bayerische Staatsregierung nicht offen nur zu kritisieren, sondern nach allen (oder selbst gegen alle) Regeln der Kunst zu verhöhnen, ohne dass die Sendung abgesetzt würde oder dem Verantwortlichen das EdeKa droht. Das war noch vor wenigen Jahren anders.

Ruft die Staatskanzlei im Sender an, steht es am nächsten Morgen als Skandal in der Zeitung. Sieht so Staatsfunk aus?

Ich habe in den vergangenen 40 Jahren selten weniger um die verfassungsmäßige Staatsferne der Anstalten bangen müssen als heute. Wer sich aufregt, ist entweder zu jung, um die Zeiten miterlebt zu haben, als viele Westbürger nicht wussten, dass die Tagesschau nicht vom Regierungssprecher gesprochen wird – oder er lebte im Tal der Ahnungslosen, wie das gegenüber den Westfernseh-Sendemasten abgeschattete sächsische Elbtal einst hieß. Wo liegt nochmal Dresden? Und wo sind die größten Aufmärsche?

Ja, und die Zeitungen: Woher wissen denn die neunmalklugen Spaziergänger überhaupt von den Missetaten der Geheimdienste und der Vorzeigeeuropäer wie Jean-Claude Juncker? Wenn die Presse löge, wäre Juncker doch ein kleiner Unschuldsbengel und in Brüssel, Straß- und Luxemburg alles okay. Eon würde nicht dem Steuerzahler seine Schrott-AKWs aufs Auge drücken, der ADAC wäre ein sauberer Verein, Gustl Mollath noch im Knast, Uli Hoeneß eher nicht, bayerische Abgeordnete würden noch ihre Familien auf unsere Kosten alimentieren, Christine Haderthauer in München weiter staatskanzleiern und Sigmar Gabriel nicht der Braunkohle Vorrang vor Erneuerbaren geben.

Und die Berichte, dass überhaupt Flüchtlinge nach Deutschland kommen, wären natürlich auch unwahr, wenn die Presse eine Lügenpresse wäre.

Science-fiction im stern

Es gibt Interviews, bei denen fragt man sich, warum sie überhaupt abgedruckt werden. Ist es, weil die Redakteure den Inhalt wirklich für relevant halten, oder eher, weil der Verlag schon Arbeitszeit und Reisekosten bezahlt hat und dann eben auch die eingeplanten Seiten zu füllen sind? Oder geht es nur darum, dem Befragten reißerische Aussagen zu entlocken, die dem leichtgläubigen Laien die Ohren schlackern lassen?
Diese Woche irritiert der stern seine Leser mit so einem Text zum Thema „Selbstfahrende Autos“. Die Redakteure Frank Janßen und Harald Kaiser kennen sich mit Autos eigentlich sehr gut aus. Ihr Gesprächspartner war jemand, den autointeressierte Menschen in Deutschland eher nicht kennen, der im kalifornischen Santa Clara lebende Deutsche Thilo Koslowski. Laut stern arbeitet er als „Strategieberater“ bei Gartner, einem Consultingunternehmen aus Stamford (Connecticut), das für seine Analysen zu „Hype Cycles“ zur IT-Industrie bekannt ist, nicht aber dafür, selbst den Hype aufzublähen. Dennoch kam am Ende etwas dabei heraus, das eigentlich nur unter „Science-fiction-Märchenstunde“ rubriziert werden kann. Schauen wir’s uns mal näher an:

„Thilo Koslowski hält es für möglich, dass Softwarefirmen bald Autohersteller aufkaufen.“ „Science-fiction im stern“ weiterlesen

Gegen den Trend

Ich gratuliere meinen beiden Hamburger Kunden brand eins und impulse zu grünen Zahlen im Ranking. Die harte Auflage steigt, während sich anderswo heulendes Elend breit macht. Gabriele Fischer und Nikolaus Förster machen mit ihren Teams etwas richtig, das den Großen sichtlich nicht so gelingt. Sollte es daran liegen, dass beide Verlage mittelständisch sind und von Journalisten geführt werden, nicht von Konzernmanagern?

Vor allem die Zahlen von Capital erschrecken mich: Obwohl 19.000 nicht „hart“ verkaufte Abos weniger in der ivw-Liste stehen als im Vorjahresquartal, gibt es immer noch 86.000 davon. Nur 37,5 Prozent sind hart. Bei brand eins ist das Verhältnis zwischen hart und weich genau umgekehrt, außerdem ist die harte Auflage inzwischen signifikant höher als bei dem entkernten, berlinisierten und irgendwie gentrifizierten Gruner-Objekt.

Die aus dem Konzern herausgekaufte Ex-Schwester impulse hat erkennbaren Erfolg mit der Strategie, weiche Abos in harte zu konvertieren. Netto fast 7800 Vollzahler zu gewinnen, während die verkaufte Gesamtauflage um 3500 Exemplare sank, entspricht einer Verbesserung von 57 auf 70 Prozent. Mit anderen Worten: Es wird vom Gedruckten viel mehr gelesen und weniger fürs Altpapier gedruckt.

Börse Online hat zwar viel radikaler das Weiche abgespeckt (87 % hart wären eigentlich ein Spitzenwert), aber auch unter dem Strich weiter Auflage eingebüßt. Die Zielgruppe wird langsam exklusiv. Das andere Extrem heißt Cash. Harte Auflage acht Prozent? Das erfüllt trotz einer grünen Zahl die Kriterien für einen veritablen Wackelpudding.

Mein persönliches Sorgenkind heißt Technology Review. Das Magazin tritt auflagenmäßig auf der Stelle; mit leichtem Minus landete es beide Male im roten Spektrum. Es hat mehr Aufmerksamkeit verdient.