UJF in der CW

Beiträge von Ulf J. Froitzheim in der…

…COMPUTERWOCHE Nr. 15 vom 08.04.1988 über „perfekte“ Software

Nobody is perfect

SAN FRANCISCO (CW) – Ein höchst eigenartiger Rechtsstreit beschäftigt derzeit ein amerikanisches Bundesgericht im Staat Kalifornien: Der Softwarehersteller International Microcomputer Software Inc, (IMSI) will vom Kadi schriftlich haben, daß der Konkurrent Word Perfect Corp. kein Recht habe, pauschal alle Produktbezeichnungen mit der Endung „Perfect“ schützen zu lassen. Auslöser der Auseinandersetzung war ein Brief der Word-Perlect-Geschäftsleitung an die IMSI-Manager, in dem letztere ultimativ aufgefordert wurden, den Namen Ihres Produkts „Page Perfect“ zu ändern, da er zu sehr an „Word Perfect“ und „Data Perfect“ erinnere. Vorerst bleibt die inkriminierte Software unter ihrem bisherigen Namen auf dem Markt – das Gericht wird erst Anfang 1989 über den Fall entscheiden. Bei dem Prozeß geht es wohlgemerkt nicht darum, ob nur perfekte Software auch den Namen „Perfect“ tragen darf. Dann nämlich hätte wohl kein Hersteller das Recht, seine Ware so zu taufen. Es sei denn, sein Name wäre Nobody…

…COMPUTERWOCHE Nr. 22 vom 26.05.1989 über das Copyright auf IBMs Spitznamen „Big Blue“

Geklauter Kosename

Kein Journalist kann wohl so dreist sein, daß er an Chuzpe nicht noch von Marketiers übertroffen werden könnte. Beste Chancen auf den ersten Preis dürfen sich jene PR-Strategen ausrechnen, die sich nicht entblödeten, neben spröden Produktnamen wie „ES/93708“ oder „PS/2 50Z“ sogar die Bezeichnung „Big Blue“ als Warenzeichen schützen zu lassen. Aber halt: Kann man denn überhaupt Urheberrechte an etwas geltend machen, das man selber gar nicht erfunden hat? Leider ist über die Entstehung von „Big Blue“ nichts bekannt. War es ein Anwender, den ein Hüne von Verkaufsgenie im blauen Nadelstreif tief beeindruckt hatte, war es eine Putzfrau, die gerade ihres ersten Computers ansichtig wurde („Oh, what a big blue monster!“) oder ein Fachredakteur der ganz alten Garde, den (natürlich absurde) Assoziationen zu George Orwell bewegten? Man kann sich jedenfalls vorstellen, was nun passiert: Findige DV-Pensionäre werden versuchen nachzuweisen, daß die Wortschöpfung vom „Großen Blauen“ auf ihrem Mist gewachsen ist. Da steht uns sicher der eine oder andere Copyright-Prozeß ins Haus – Vorausgesetzt, die Ansprüche sind noch nicht verjährt. Interessante Perspektive: Siemens müßte sich schleunigst zum Kadi bequemen, um die Kosenamen „Elektrobank“ und „Datasibirsk“ patentieren zu lassen, Christian Schwaz-Schilling seine Rechte an „Mr. Blackpenny“ sichern Helmut Kohl seine Birne und die Formel „in dieser unserem Lande“ unter Naturschutz stellen lassen. Last, not least hätte die IBM keine andere Wahl, als sich mit Hollywood anzulegen: Vergangenes Jahr erschien ein Tiefsee-Filmepos mit dem Titel “ The Big Blue „. Ein Verleiher, der so offenkundig unerlaubte Werbung für den DV-Giganten macht, gehört doch wohl wirklich bestraft !

…COMPUTERWOCHE Nr. 11 vom 11.03.1988 über den Wandel der Touristikmesse ITB zur EDV-Messe

Blauer Himmel über Berlin

Nicht nur wegen ihrer Reiseangebote war die Internationale Tourismus-Börse in Berlin eine bemerkenswerte Veranstaltung. Auch auf der DV-Seite bot die ITB Einblicke, wie sie kaum eine „echte“ Computermesse zu bieten vermag. Da werden halbfertige DV-Dienstleistungen verkauft und Service-Produkte, die bislang nur auf buntbedrucktem Prospektpapier und in den Köpfen der Marketingstrategen existieren. American Airlines forciert ihr Sabre-Netz, das zwar USA-Angebote exzellent darstellt, aber bislang für Buchungen bei europäischen Carriers völlig ungeeignet ist, mit einer Sonderangebots-Deadline zum 31. März. Zitat eines hochrangigen Verkaufsmannes: „Das mag Ihnen wie Bauernfängerei vorkommen, aber wir haben unsere Terminvorgaben aus den USA.“ Die Zeit drängt: Die neuen europäischen Gruppen Amadeus und Galileo, verbündet mit Sabres amerikanischen Erzrivalen System One und Covia-Apollo, rühren schon kräftig die Werbetrommel; allerdings akquirieren sie noch keine Verträge. Doch Messe-Präsenz tut not. Bis die neuen DV-Netze tatsächlich all die Aufgaben erfüllen können, für die sie konzipiert sind, können die Euro-Airlines mit dem Marketing nicht warten. Fast zwei Jahre wird es noch dauern, bis die Hochleistungs-Rechenzentren die Kapazitäten bereitstellen werden, um aus den alten, langsamen Reservierungssystemen vielseitige Marketing-Hilfsmittel zu formen. Bis dahin behilft man sich mit Provisorien. Amadeus etwa geht Anfang 1989 auf dem Umweg über den System-One-Rechner in Mami ans Netz, um Galileo ein wenig zuvorzukommen. Das Mammut-RZ am künftigen Flughafen München II kommt erst in einer späteren Projektphase. Weitere zwei Jahre bleiben den Europäern Amadeus und Galileo, um sich nach der für 1989/90 geplanten Systemübergabe einzuarbeiten. 1992 wird der europäische Binnenmarkt den Wettbewerb im Reisegeschäft so verschärfen, daß die DV neue Aufgaben erfüllen muß: nicht nur jeden verfügbaren Platz in Flugzeugen und Hotels verkaufen zu helfen, sondern dies auch mit Hilfe flexibler Flugpreise. Amerikanische Erfahrungen lehren, daß Airlines, deren Tarife nicht künstlich hochgehalten werden, bald mehr an den Buchungsgebühren verdienen als am Fluggeschäft. Die Amadeus-Manager geben sich zuversichtlich, trotz Investitionen in Höhe von 270 Millionen Dollar schon nach vier Jahren den Breakeven zu erreichen. Auch Galileo rechnet mit einer raschen Amortisation der 120 Millionen Dollar, die die Partner in das System stecken. Der eigentliche Gewinner aber heißt IBM. Nicht nur, weil künftig durch die Bank alle Reisevertriebsnetze weltweit mit IBM-Technik betrieben werden und Mitbewerber wie Unisys gerade noch in der Peripherie geduldet werden. Sondern auch, weil Big Blue es erreicht hat, daß sämtliche „Travel Distribution Services“ sich auf PS/2 und OS/2 als Standard für die Reisebüros festgelegt haben. Traditionell in diesem Markt starke Anbieter-Telex/Memorex in den USA, Siemens in der Bundesrepublik-sind nun im Zugzwang.

…COMPUTERWOCHE Nr. 18 vom 28.04.1989 über die scheinbar schlechten Ergebnisse der deutschen IBM

Melkmaschinerie

Es sind wieder einmal einige Krokodilstränen fällig. So stellen wir uns denn für einen Augenblick an die Seite des scheidenden IBM-Schatzmeisters Hartmut Rhotert, der in seiner neuen Funktion als Umwelt-Aushängeschild des Konzerns nicht mehr so hautnah miterleben muß, wie die blaue Mama aus Amerika dem Töchterlein die Schröpfköpfe ansetzt, und weinen ein bißchen. Beispielsweise darüber, daß zwar der Deutschland-Umsatz des DV-Marktführers wieder zunimmt und auch die Produktion für die Blue Sisters um ein Viertel expandiert, daß aber die bösen Geschwister alles fast geschenkt haben wollen, so daß der armen Stuttgarterin kaum Gewinne zum Versteuern bleiben in diesem unserem Hochsteuerparadies. Oder verdrücken wir ein paar Tränen darüber, daß Mama Blue iherer Kleinen jeden Winter eine dünnere Kapitaldecke gibt, weshalb man sich ja eigentlich wundern muß, daß sie noch nicht erbärmlich zittert. In Paderborn wäre unter einem solch schütteren Gewirke längst der Schüttelfrost ausgebrochen. Aber wahrscheinlich entwickelt die Stuttgarter Tochter nach wie vor so viel Eigenwärme, daß sie sogar ohne Decke keine Gänsehaut bekäme. Eine letzte Zähre erübrigen wir für die IBM-Anwender, aus deren DV-Etats letztlich der ganze Nährstoff stammt, der diese Melkmaschinerie am Laufen hält. Denn die Molkerei in Armonk kann nur leben, wenn die Kühe in Stuttgart, Paris und Tokio gut im Futter stehen. Binsenweisheit: Das saftige Gras liefert der Kunde, die Milch trinkt der Aktionär.

…COMPUTERWOCHE Nr. 29 vom 14.07.1989 über gewagte Zukunftsszenarien fürs Jahr 2000

Future World

Lang ist’s nicht her, da warnten Politiker vom Schlage eines Heinz Riesenhuber von der grassierenden Technikfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Nach Dekaden einer von jeglicher Sachkenntnis ungetrübten Fortschrittsgläubigkeit war die Stimmung ins andere Extrem umgeschlagen, weil allerorten die Folgen des Technikmißbrauchs offenbar wurden. Inzwischen ist die alte Zukunftseuphorie wieder da – nur unter dem neuen Mäntelchen der „Hochtechnologie“.
Wie leicht sich selbst renommierte Exponenten der (wir schränken ein: amerikanischen) DV-Industrie zu irrwitzigen Szenarien hinreißen lassen, die allenfalls in Walt Disneys Epcot Center passen würden, bewies jetzt das „Wall Street Journal“ anläßlich seines Zentenariums: Ein Jahrhundert nach Jules Vernes gewagten Prophezeiungen bezüglich der Mondfahrt oder der atomgetriebenen Unterseeboote hatte das Leib- und Magenblatt der Finanzwelt Amerikas bekannteste „Computer Gurus“ befragt, wie die Welt der Technik im Jahr 2000 aussehen wird. Nur in einem Punkt waren sich die Hohepriester des Nanosekunden-Zeitalters einig. Bis zur Jahrtausendwende werden Mikrocomputer die 20- bis 50fache Leistung (respektive Geschwindigkeit) heutiger PCs aufweisen.
William Gates der Dritte, der bisher immer jovial als „Bill“ Gates auftrat, schwärmt von flachen Computerbildschirmen, die solch ein phantastisches Auflösungsvermögen haben, daß man sie anstelle von Bildern an die Wand hängen kann – mit ständig wechselnden Kunstwerken im Display. Die Schönheit von Ölgemälden, gesteht der MS-DOS-Milliardär, würden die Screens vielleicht nicht erreichen, aber doch „90 Prozent davon“.
Der schon etwas gereiftere Gordon Bell, Forschungsvorstand von Ardent Computer in Kalifornien, träumt von einer Entwicklung, die dem Durchschnittsbürger sicherlich mehr Nutzen bringt: einem 10-Dollar-Taschencomputer für jedermann, der nicht nur jeden heutigen Desktop-PC alt aussehen läßt, sondern zudem menschliche Sprache versteht und als persönlicher Berater (Freund?) dient. Leider hat Herr Bell für sich behalten, warum er angesichts dieses Zielmarktes nicht für eine Heimcomputerfirma, sondern für einen ernsthaften Hardwarehersteller arbeitet.
Den Vogel freilich schießt Apple-Fellow Alan Kay ab. Der ehemalige Palo-Alto-Forscher entwickelt Phantasien, gegen die das Knight-Rider-Auto „K.I.T.T.“ Schnee von gestern ist. Ihm schwebt zu besagtem Hosentaschen-PC noch ein in die Sonnenbrille integriertes Display vor – und ein dichtes Netz von Transpondern in allen Häuserwänden, mittels dessen der solchermaßen digital equippte Mensch in ständigem Kontakt zu einem umfassenden Datennetz steht. Das dazugehörige Spracherkennungs- und Funksystem wurde Kay in die Armbanduhr einbauen. Big Brother hätte in diesem Szenario ein leichtes Spiel. Bestünde auch nur der geringste Zweifel daran, daß der Technologe das „Wall Street Journal“ mit dem Witzblatt „Mad“ verwechselt hat, müßte man sich regelrecht Sorgen machen um Apple.
Wir aber halten es mit Mitchell Kapor, dem Entwickler des mehr praktischen denn futuristischen Lotus 1-2-3. Er sieht es für möglich an, mit der PC- und Video-Technik des Jahres 2000 einen Film wie „Roger Rabbit“ in Heimarbeit zu produzieren. Nur kann sich Kapor nicht denken, was Leute, die sich im Jahr 1989 für die Textverarbeitung einen 386er kaufen, mit so etwas anfangen könnten. Die immer schnellere Technik führe eben nicht dazu, daß die Menschen schneller denken. Richtig, Mitch!

…COMPUTERWOCHE Nr. 14 vom 01.04.1988 über Fehleinschätzungen deutscher Führungskräfte bezüglich Nixdorf

Image statt Tatsachen

Willkommenen Support für unser Vorurteil, daß bisweilen der pure Zufall jemanden auf die Position eines „Top-Managers“ bringt, bietet die neueste Ausgabe des „manager magazin“ mit der Statistik „Imageprofile ’88“. Die Grundlage der Infratest-Studie bildete die Meinung von fast 800 bundesdeutschen Vertretern dieser Führungsschicht über die hundert umsatzstärksten Konzerne im Lande – von A wie Aldi bis Z wie Zahnradfabrik Friedrichshafen. Das Ergebnis deutet nicht gerade auf tiefe Einblicke in die abgefragten Unternehmen hin. So wollte an Nixdorf keiner vorbei, nicht einmal diejenigen, die es schon vor dem Skandal hätten besser wissen müssen. Vor einem Jahr noch zu klein, um mitspielen zu dürfen, steht der Exponent des Neuen Deutschen Wirtschaftswunders plötzlich dreimal auf Platz eins, weil angeblich gut geführt, innovativ und PR-mäßig an allen Fronten präsent. Nur mit der Solidität hapert es noch ein wenig; da schaffte Nixdorf lediglich Rang 13. Das gute Abschneiden sei Klaus Lufts Team gegönnt. Allerdings haben die Paderborner die blendenden Noten kaum dem Umstand zu verdanken, daß Nixdorf besser geführt wäre als die Deutsche Bank (eher von ihr); daß Nixdorf innovativer wäre als BMW; oder daß Nixdorf der Kundschaft mehr fürs Geld böte als NCR. Sondern einem ehemaligen „Top“-Manager, der infolge einiger nicht unbedeutender Unkorrektheiten dummerweise dem Unternehmen nicht mehr angehört, nämlich dem langjährigen Public-Relations-Chef Rolf P. Daß gutgemachte Propaganda auch heute ihre Wirkung nicht verfehlt, nicht einmal bei hochbezahlten Führungskräften, belegt erst recht die zweite Umfrage des „manager magazin“. Brancheninsider – führende Softwerker, Hardwarevertreiber, RZ-Chefs – hatten die 20 größten Computerfirmen zu bewerten. Nixdorf erreichte einen guten dritten Platz hinter DEC und HP, was Innovation betrifft. Noch erstaunlicher: Amdahl, obwohl professioneller Nachahmer, soll innovativer sein als IBM. Oder Solidität: Darf sich jemand „Top-Manager“ nennen, der Nixdorf für standfester hält als Siemens, Commodore für solider als Unisys? Oder jemand, der das Olivetti-Management für um Längen besser erachtet als das von Bull? Die deutschen Töchter können damit jedenfalls nicht gemeint sein! Beim Preis-Leistungs-Verhältnis zeigten die Befragten mehr Sachverstand. Richtig gute Noten bekam niemand, denn DV-Hersteller, die kräftig kassieren, gibt es viele. Aber was zählen schon Tatsachen, solange das allgemeine Image der Firma „stimmt“?

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