Client/Server: Wege zum Lean Computing

Top Business 3/1993

Neue Konzepte für die EDV:

Parallel zum Niedergang des Computermonolithen IBM keimt in vielen Unternehmen der Mut, sich von überholten Informatik-Konzepten zu verabschieden. Die konsequente Dezentralisierung der EDV macht oft ein flexibleres Management erst möglich.

Die Jagd ist eröffnet, die Treiber stehen bereit zur Hatz auf elektronische Dinosaurier.“ Wir blasen zum Halali auf die Großrechner“, stößt Jochen Haink, im Alltagsleben Geschäftsführer der Microsoft GmbH in Unterschleißheim, ins Horn.

Mit so kernigen Sprüchen weiß sich der Münchner Statthalter des amerikanischen Software-Tycoons Bill Gates in bester Jagdgesellschaft. Hatten bisher vor allem Produzenten preiswerter Hardware die bis zu 40 Millionen Mark teuren Mainframe-Computer ins Visier genommen, liegen jetzt immer mehr Waidmänner aus der Softwarebranche ihre Flinten auf sie an.

Unter dem Codewort „Client-Server“ sollen die mächtigen Datenmonster aus ihrem klimatisierten Bunkern verbannt werden, um Platz zu schaffen für eine neue Art der EDV: Lean Computing – die schlanke, dezentrale Datenverarbeitung, die sich passgenau einfügt in das wendige Unternehmen von morgen mit seinen flachen Hierarchien.

Waren nämlich bislang sämtliche Unternehmensdaten im Großrechner sozusagen zentralistisch gehortet und nur über ihn abrufbar, existieren jetzt mehrere gut ausgebaute EDV-Stützpunkte, die zudem engen Kontakt untereinander halten. Diese Client-Server-Systeme integrieren jede im Netzwerk verfügbare Anwendung und auch externe Datenquellen wie etwa Börsenwerte über verschiedene Rechnerarchitekturen hinweg und verteilen die Informationen an die verschiedenen PC.

Nachgerade astronomische Einsparungen sind dabei allerdings nicht zu erwarten, wie die Erfahrungen vieler Unternehmen zeigen, die mit dem „Downsizing“ von Teilen ihrer EDV früher begonnen haben. Überhaupt tun sich Anwender wie Lieferanten – hauptsächlich amerikanische Unternehmen wie Microsoft, Oracle, Sybase oder Ingres – schwer mit einem umfassenden Kosten-Nutzen-Vergleich. „Die Kostentransparenz“, warnt Achim Bongers, Mitglied der Geschäftsleitung der EDS Deutschland GmbH, „ist geringer als bei klassischen Lösungen.“

So wagt auch die amerikanische Beratungsgesellschaft Gartner Group noch nicht zu behaupten, dass die untereinander vernetzten Kleinrechner in der Praxis – einschließlich Personalkosten – billiger zu betreiben seien als Mainframes. Zunächst sollen noch weitere Daten zu dieser brisanten Frage gesammelt werden.

Sehr hoch schätzen dagegen viele Anwender den qualitativen Fortschritt ein. Besonders scharf fiel der Kontrast zwischen alt und neu aus, als die Abteilung Planung/Einkauf der TUI Touristik Union International in Hannover kürzlich ihr dezentrales Kalkulationssystem in den Testbetrieb nehmen konnte. „Nach 15 Jahren war die bisherige Großrechner-Anwendung doch schon ein bisschen veraltet“, Meint Beate Reker, bei der TUI Software GmbH für das Downsizing-Projekt verantwortlich.

Tatsächlich ist das System so antiquiert, dass der Großcomputer die ihm tagsüber gestellten Rechenaufgaben erst nachts lösen konnte – offline im sogenannten Stapelbetrieb, dessen Name auf die fast schon prähistorische Lochkartentechnik zurückgeht. Für weniger eilige Aufgaben wird dieser viel belächelte „Batch-Mode“ heute noch oft genutzt, um den teuren Maschinenpark rund um die Uhr auslasten zu können – so auch bei der TUI. Die Einkäufer aber drangen darauf, sofort bedient zu werden.

Das Programm nur auf Online-Betrieb umzustellen, hätte das Transaktionsvolumen beträchtlich erhöht – mit der Folge, dass TUI sehr viel Geld in zusätzliche Mainframe-Kapazität hätte investieren müssen. Denn ausgerechnet während der Saisonspitzen, wenn die Buchungen aus Tausenden deutscher Reisebüros den Hannoveraner Zentralrechner den Tag über voll auslasten, hat auch die Planung am meisten zu tun.

System läuft fast nonstop

Die Softwarelösung, die Beate Reker und ihr Team statt dessen realisierten, beruht auf dem Client-Server-Konzept, bei dem die Rechnerleistung zu einem sehr großen Teil an den jeweiligen Arbeitsplatz verlagert wird. Dabei bedienen sich die „Klienten“, also die PC oder Workstations der Sachbearbeiter, nach Bedarf in einer gemeinsamen Datenbank; ein etwas größerer Computer im Netz sorgt als „Server“ (Diener) dafür, dass jeder Teilnehmer alle benötigten Informationen ohne spürbare Wartezeit geliefert bekommt.

Künftig arbeiten die 35 Mitarbeiter der TUI-Einkaufsabteilung autonom. Auch Überstunden macht die EDV mit: Selbst spät am Abend, wenn der Mainframe schon auf Stapelbetrieb geschaltet ist, gibt es keine Probleme. „Das dezentrale System“, freut sich Reker, „kann man fast nonstop laufen lassen.“ Bei Bedarf können die Clients via Server Daten mit dem Großrechner austauschen – etwa wenn die mit der neuen Software berechneten Preise ins zentrale Buchungssystem eingespeist werden müssen.

Während bei dem Hannoveraner Reiseveranstalter noch Koexistenz von alter und neuer Technik-Generation angesagt ist, reißt die Zentralverwaltung der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) in München ihre 70er Jahre-EDV demnächst mit Stumpf und Stiel heraus. Bis Ende 1994 werden zunächst sämtliche Fraunhofer-Institute in West- und Ostdeutschland Zug um Zug mit einer einheitlichen, dezentralen EDV-Lösung nach dem Client-Server-Konzept ausgestattet. Anschließend, so sieht es das Informatikkonzept „Sigma“ vor, wandert der jetzige Siemens-Mainframe auf den Schrottplatz. Dann werden die rund 5000 Projekte, die parallel an den Instituten laufen, komplett mit der neuen Technik verwaltet.

Die Voraussetzungen für einen radikalen Bruch mit der EDV-Tradition waren freilich in der Fraunhofer-Zentrale ungleich günstiger als in den meisten Industriebetrieben. Denn über kurz oder lang hätte Klaus Ruggaber, Hauptabteilungsleiter Betriebswirtschaft und Organisation der FhG, seinen BS2000-Großrechner schon aus personellen Gründen abschalten müssen: „Ich habe gerade noch zwei, drei Mitarbeiter, die diese Technologie wirklich verstehen.“ Ursprünglich waren es einmal zehn – die übrigen konnten mit einem Gehalt nach dem Bundes-Angestelltentarif (BAT), dem die FhG unterworfen ist, auf Dauer nicht gehalten werden.

Ganz anders Ruggabers Erfahrung mit der neuen Technik: „Für das Sigma-Projekt war es überhaupt kein Problem, junge, begeisterungsfähige Diplomkaufleute und Diplominformatiker zu finden.“ Die Chance, an einem der kompromisslosesten Modernisierungsprojekte überhaupt mitzuwirken, ließ sogar etliche Bewerber mit Prädikatsexamen den Nachteil der BAT-Bezahlung vergessen.

Auf Standards gesetzt

Wenn die beteiligten Jungakademiker eines Tages mit ihrem Sigma-Know-how in besser dotierte Stellen abwandern, soll sich das personelle Ausbluten nicht wiederholen. Deshalb setzt die FhG bei ihrer neuen Administrationssoftware soweit wie möglich auf Standards. Zudem wird zu jedem eigenentwickelten Programmbestandteil frühzeitig eine technische Dokumentation geschrieben. „Eines unserer ganz hohen Ziele“, erläutert Projektleiter Ulrich Bogen, „ist die Personenunabhängigkeit der Software.“ In dieser Beziehung ist der Fraunhofer-Mann theoretisch im Nachteil gegenüber seinen Kollegen aus der Industrie: Diese können bei sehr vielen Routineaufgaben auf vorgefertigte Standardprogramme zurückgreifen – bereits in Client-Server-Architektur.

Doch das Fehlen käuflicher Software für die spezifischen Sonderwünsche der Auftragsforscher hat auch seine guten Seiten. Die Betroffenen können jetzt nämlich in regelmäßigen Arbeitsgruppentreffen ihre Wünsche und Kritik in die Entwicklung von Sigma einbringen.

Dass Client-Server-Lösungen wegen der Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Belegschaft besser ankommen, erkennt auch EDS-Manager Bongers an, der jahrelang für die EDV bei Opel verantwortlich war: „Früher wurden die Softwarelösungen ja von der zentralen DV/Organisations-Abteilung in die Fachabteilungen hineingedrückt.“

Auf die Partizipation der Mitarbeiter baut auch der multinationale Elektrokonzern Asea Brown Boveri (ABB) bei der Modernisierung seiner EDV-Infrastruktur, in der sich das neue Organisationsmodell widerspiegeln soll. ABB gilt als Musterbeispiel für die neue Managementphilosophie, dass viele kleine Einheiten wettbewerbsfähiger arbeiten können als ein monolithischer Koloss. So gründlich fiel die Dezentralisierung aus, dass jetzt 1300 eigenständige Tochtergesellschaften mit insgesamt 5000 gewinnverantwortlichen Geschäftseinheiten eine „Konföderation nationaler Unternehmen“ bilden.

Spezialtraining für neue Leute

Ebenso konföderativ wie der Konzern selbst soll künftig auch die Rechnerlandschaft der ABB-Firmen aussehen. „Wenn mehrere unserer Firmen einen Standard für den Austausch von Daten brauchen“, erklärt Arun Gairola, verantwortlich für Technik bei der deutschen ABB, das Prinzip, „wird erwartet, dass die Mitarbeiter aus den verschiedenen Betrieben ein Team bilden und sich einigen.“ Zwar gibt es von der Holding Rahmenbedingungen, die einen totalen Wildwuchs im Computerbereich verhindern sollen – in Form sogenannter Technik-Plattformen, die genutzt werden dürfen. Aber die Entscheidung, wie die Hard- und Software unternehmerisch eingesetzt wird, liegt grundsätzlich bei den Chefs der Mini-ABBs.

Für diejenigen Mitarbeiter, die erstmals mit der neuen Technik in Berührung kommen, gibt es laut Gairola ein Trainingsprogramm nach dem Prinzip „überzeugen, nicht diktieren“.

„Wenn die Leute sehen, dass der Geschäftsführer selbst die Technik benutzt, werden sie motiviert, es auch zu tun.“ Der Analyst Helmuth Gümbel von der Gartner Group GmbH, sonst eher für bissige Kommentare bekannt, ist des Lobes voll für den Umbau der Konzern-EDV. „Das Projekt hat ABB an die vorderste Front seiner Konkurrenten katapultiert.“

In der Tat sind die meisten Unternehmen noch lange nicht soweit wie der paneuropäische Elektromulti ABB. Sie stecken in der Zwickmühle: Veraltete Anwendungsprogramme blockieren personelle Ressourcen, die eigentlich gebraucht würden, um zukunftsträchtige Software zu entwickeln – etwa um neue Dienstleistungen offerieren zu können. Deshalb bieten sich jetzt Softwarehäuser an, die jahrzehntelang mit dem Mainframe-Strom geschwommen waren, und empfehlen „Re-Engineering“: Alte Funktionen werden mit neuen Mitteln nachgebildet.

Rollenproblem für Informatiker

„Langfristig werden die Anwendungen aus dem Zentralrechner abwandern“, weiß Henning Plath, Geschäftsführer der Ploenzke Systeme GmbH. Mit dem Verlagern der Software wechseln aber auch viele Informatiker aus den EDV-Abteilungen in neue Jobs wie PC-Benutzerservice. „Das hat empfindliche Rückwirkungen auf deren Berufsbild“, so Plath. „Besonders ältere Informatiker werden ein akutes Rollenproblem bekommen.“

Noch schwieriger ist die Situation oftmals für die EDV-Chefs, deren Bedeutung im Betrieb drastisch abnimmt. Doch das Festhalten an den alten Strukturen, warnen die Experten unisono, wäre der falsche Weg. „Wer an seinem Job hängt, sollte die Zeichen der Zeit nicht übersehen“, rät Helmut Wilke, Geschäftsführer des Münchner Datenbankspezialisten Gupta.

Dabei muss die neue Technik gar keinen Karriereknick einleiten. Helmuth Gümbel baut den Betroffenen sogar eine Brücke nach oben: „Der EDV-Verantwortliche könnte Geschäftsziele definieren, die überhaupt nur mit Informationstechnik zu erreichen sind.“

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