Vagabund im Plenum

Ein emeritierter Professor soll die Siemens-Mikrofonanlage im neuen Bundestag sanieren.

Gemessen an dem, was in den letzten Monaten alles danebengegangen ist, fällt die Schelte des Sachverständigen verblüffend mild aus. „So peinlich es ist“, stellt sich Professor Georg Plenge schützend vor die Urheber jenes Desasters, dessen Folgen er jetzt minimieren soll, „gegen solche Pannen ist niemand gefeit.“ Sorgsam vermeidet der emeritierte Akustikprofessor einseitige Schuldzuweisungen. Plenges Vorgehen verrät psychologisches Kalkül: Wenn der vom Bundesbauministerium bestellte Troubleshooter seinen Auftrag erfüllen will, den neuen, gläsernen Plenarsaal des Bundestages bis zum Ende der Sommerpause mit einer funktionsfähigen Lautsprecheranlage zu versehen, muß er die Kontrahenten schleunigst an einen Tisch bringen. Dies scheint ihm mit der samtweichen Verpackung seiner Kritik tatsächlich zu gelingen – niemand will zum Schluß als trotziger Verweigerer im Rampenlicht stehen.

Ohne Image-Blessuren kommt allerdings keiner der Beteiligten davon. Denn immer klarer zeichnet sich ab, daß das Versagen von elA, der über sieben Millionen Mark teuren elektroakustischen Anlage des Bonner Parlamentsneubaus, kaum anders als mit der Ignoranz der Partner zu erklären ist. Jeder rur sich auf der Suche nach dem Nonplusultra, schufen Bauherr, Architekt, Akustikplaner und Anlagenbauer ein hochkomplexes Gesamtsystem, dessen physikalische Eigenschaften keiner mehr überblicken konnte.

„Niemals zuvor ist ein so komplizierter Raum durchgerechnet worden“, so Bernd Hackner. Der Kerpener Unternehmer, der vergleichbare Lautsprecberanlagen –allerdings in kleineren Dimensionen – entwickelt, hält den neuen Plenarsaal für ein Jahrhundertprojekt, was die Akustik betrifft.

Die Abgeordneten sollten nicht nur erstmals von ihrem Sitzplatz aus ins Mikrofon sprechen können. Mittels elektronischer Effekte sollte sogar –ähnlich wie im Theater – zu hören sein, aus welher Richtung die Stimme gerade tönt,  und das bei weitgehend gläsernen Wänden, die den Schall reflektieren. Haupttummelplatz der vagabundierenden Wellen ist ausgerechnet das Hauptrednerpult. Das Mikrofon dort verarbeitet den Lärm zu ohrenbetäubenden  Rückkopplungsgeräuschen. Das Pult kann man allerdings nicht verrücken. An jeder anderen Position versperrt es den Ministern auf der Regierungsbank die Sicht auf das Plenum.

Die Audiospezialisten des Siemens-Konzerns, die sich um die Realisierung der geplanten elektroakustischen Anlage bewarben, wußten von Anfang an, daß ihnen das nötige Know-how fehlt. Die Rettung sollte aus den USA kommen. Die Münchner verpflichteten die Innovative Electronics Designs (IED) als Subunternehmer. Großzügig setzten sich die Siemens-Planer über die Tatsache hinweg, daß das Team aus Louisville in Kentucky bisher vor allem Akustikanlagen rur Sportarenen entwickelt hatte. „Diese Erfahrungen haben sie mehr oder weniger linear auf den Plenarsaal übertragen“, rügt Plenge, bis vor kurzem Abteilungsleiter am Institut für Rundfunktechnik GmbH (IRT) in München. Zudem ist ihr „Universal Digital Audio Processing System“ (Udas) in Fachkreisen nicht unumstritten. So urteilt Bernd Albers, Geschäftsführer der NDR-Beratungstochter Studio Hamburg Media Consult International GmbH (MCI): „Die amerikanische Ent wicklung ist alles andere als ausgereift.“

Doch Siemens ließ die Amerikaner fröhlich nach den Vorgaben des Akustikplaners Heinz Graner für die „richtungsbezogene Beschallung“ werkeln. Der erwünschte Stereoeffekt sollte durch eine komplexe Software für die computergesteuerte Akustikanlage erreicht werden. Durch elektronische Verzögerungen treffen die Worte des Redners aus den verschiedenen Lautsprechern in genau demselben Zeitabstand aufs Ohr des Zuhörers, als kämen sie ohne elektrische Umwege an.

Dieses Verfahren ist bei einer kleineren Zahl von Sprechstellen und in Räumen mit einfacher Geometrie Stand der Technik. Doch im Bundestag geht es um ein paar hundert Mikrofone. So etwas Komplexes hatten auch die US-Spezialisten noch nie auf die Beine gestellt.

Doch auch bei der Hardware machten Siemens und die US-Helfer alles falsch, was falsch zu machen war. Zahl, Art und Anbringung der Lautsprecher stimmen ebensowenig wie Menge und Zuordnung der Leistungsverstärker. Diese Diagnose stellt jedenfalls der Münchner Gutachter – der glaubt, daß sich derart „grobe“ Fehler ausbügeln lassen. „Selbstverständlich haben wir die Planung der Beschallungsanlage für sinnvoll gehalten“, verteidigt sich hingegen der fachlich verantwortliche Diplomingenieur Hans Sontheim von der Kölner Siemens-Zweigniederlassung treuherzig, „sonst hätten wir den Auftrg erst gar nicht angenommen.“

Nach dem Motto, daß ,,nicht sein kann, was nicht sein darf“, stürzten sich die Siemens-Leute nach der ersten öffentlichen Blamage auf die Mängel der Raumakustik des Plenarsaals. Um zu beweisen, daß der Grund für die Rückkopplungen und den Tonausfall während der Haushaltsdebatte vom 24. November nicht die elA sein konnte, ließ Siemens-Vertriebsdirektor Harald Ibach auf Kosten seiner Firma allerlei Schalldämmungsmaterial installieren. Einen Brief an die „sehr verehrte Frau Dr. Schwaetzer“ beendete er mit dem Postskriptum „…ändert nichts an der von mir gegebenen Zusage zur Wiederaufnahme des Plenarbetriebes im neuen Plenarsaal zum 1. März 1993…“. Das war am 8. Februar.

Keine drei Wochen später bekam der Kölner Manager die Quittung für sein leichtfertiges PS. In einer fingierten Debatte bewiesen zwei grölende Hundertschaften Bundestagsmitarbeiter, daß elA turbulenten Diskussionen immer noch nicht gewachsen war. Entweder war der Mann am Rednerpult nicht zu hören, oder es gab erneut ohrenzerreißende Rückkopplungen.

Mindestens bis zur Sommerpause werden sich die Abgeordneten nun mit dem Wasserwerk begnügen müssen. Zug um Zug werden im neuen Saal die ursprünglich vorgesehenen Schalldämpfer nachgerüstet, wird der Bundesadler „entdröhnt“ und vielleicht sogar ein Acrylglas-Schallsegel über dem Redner aufgehängt. Doch Plenge ist skeptisch. Er hält die Sache nur dann für heilbar, wenn die hoch über dem Redner schwebende zentrale Lautsprecherampel durch eine dezentrale Beschallung ersetzt wird. Doch dann müßte die gesamte Software umgeschrieben werden. Bis zum Ende der parlamentarischen Sommerpause ist das allerdings nicht zu schaffen.

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