Süddeutsche Litfaß-Stelen

Heute irritiert die Münchner Leib- und Magenzeitung wieder mal den gebildeten Teil ihres Publikums mit ein paar sonderbaren Einfällen:

Ein Foto zeigt die dicken fetten Betonpoller, mit denen die Stadt München sicherstellen will, dass etwaige Selbstmordislamisten-Sprengstofflaster wenn überhaupt, dann nur weit vor dem eigentlichen Festgelände detonieren. Es handelt sich, wie man unschwer erkennt, um zwar frei stehende, nicht aber mit einem Relief oder einer Inschrift versehene Säulen – so definiert das Duden-Fremdwörterbuch den griechisch-stämmigen Begriff Stele. Die Wikipedia präzisiert, unter einer Stele verstehe man meist einen hohen, rechteckigen Pfeiler, beispielsweise einen Obelisken. Von einer Plakatierung wie auf dem Foto wissen die Quellen nichts zu berichten. Insofern sagt das SZ-Bild mal wieder mehr als viele Worte: Bei den Objekten handelt es sich – von der städtebaulich-optischen Qualität her – schlicht und banal um ordinäre, etwas zu niedrig geratene Litfaßsäulen. „Stele“ ist nun nicht direkt als deren bildungsbürgerliches Synonym zu verstehen und schon gar nicht als Euphemismus (selbst wenn die Stadtverwaltung dies glauben sollte): Eine typische Stele dient als Grabmal. Und hier beginnt die sprachliche Unsauberkeit endgültig makaber zu werden. Da liegt der Gedanke plötzlich ganz nah, wie die dicken fetten Betonpoller genau jene Art Fußgängerrückstau provozieren werden, in der mir schon vor „Duisburg“ und ganz ohne Angst vor Dschihadisten immer ganz blümerant wurde.

„Zwischen den Zahlen“ schlängeln sich kommentierende Kollegen des Wirtschaftsressorts unermüdlich durch, und bei diesem Slalom hat heute wieder mal einer einen Crash gebaut: 56 Millionen zugelassene Autos in Deutschland hat er irgendwo gesehen. Dann müsste die Autoindustrie aber einen Inlandsboom nie dagewesenen Ausmaßes erlebt haben. Am 1. Januar waren nämlich dank Abwrackprämie nur noch 41.737.827 Personenkraftwagen, 4.684.231 Nutzfahrzeuge sowie 3.762.361 sonstige (vor allem zwei- und dreirädrige) Kraftfahrzeuge gemeldet. Bezogen auf das, was der Leser unter „Auto“ versteht, ist der Kollege um ein sattes Drittel übers Ziel hinaus geschossen.

Ebenfalls die „Wirtschaft“ lässt uns wissen:

„Wer in Street View eine Hotelfassade betrachtet, der kann sich virtuell umdrehen und dann sehen, ob zwischen dem Gebäude und dem Meer eine kleine Straße oder mehrspurige Fahrbahnen liegen. … Man sieht schon zu Hause, wie das Urlaubsziel aussieht.“

Tja, wenn man alles glaubt, was andere im Internet meinen gesehen zu haben, mag so eine Weltsicht herauskommen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass irgendein Wortpresse-Leser es ebenfalls noch nicht mitbekommen haben sollte: Google Maps ist nicht so konstruiert, dass man zum Straßensehen „Streetview“ benötigen würde; den Markennamen darf man nicht so wörtlich nehmen. Das normale Maps reicht. Und: Ich würde mich nie darauf verlassen, dass es an einem trendigen, boomenden Urlaubsort heute noch so aussieht wie damals, als Google die vielen Luft- und Satellitenbilder angekauft hat. Wenn ich meine Heimatgemeinde google, sehe ich, wie mein Zuhause bis anno 2002 ausgesehen hat.

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