Bittere Gurkenzeit

Eigentlich sollte man meinen, dass die Kollegen vom Aktuellen in Sachen EHEC langsam zur Besinnung kommen müssten.

Das ist offenbar nicht der Fall. Die Medien versagen auf der ganzen Linie.

„Vor allem norddeutsche Verbraucher sollten rohe Blattsalate, Tomaten und Salatgurken meiden.“

Innerhalb der Holtzbrick-Gruppe syndizierte Meldung von heute, so wertvoll wie ein kleines Horoskop

„Die Katz mog d‘ Mais roh, i mog’s ned amoi kocht“, sagt der bayerische Volksmund. (Für Preißn: Die Katze mag die Mäuse roh.) Ja, wenn man Blattsalat nicht roh essen darf, dann isst man ihn halt gar nicht.

Nicht nur wegen des impliziten Vorschlags, Salat abzukochen, ist die Empfehlung Schwachsinn erster Güte: Außer der Beobachtung, dass die Erkrankten die typischen Bestandteile eines gemischten Salats, wie sie an jedem Salatbuffet zu finden sind, genossen haben, gibt es nichts, was gegen die einzelnen Zutaten spräche.

Bisher ist mir nicht eine einzige Meldung untergekommen, derzufolge irgendwo in Nord- oder Restdeutschland auch nur eine Tomate oder ein Kopf Salat mit dem Killerbazillus aufgefunden worden wäre. Gurken waren es, ganze drei Stück – und niemand scheint zu wissen, wie das Teufelszeug an das Gemüse gekommen ist. Hat irgendjemand recherchiert, wieviele Gurken untersucht worden sind – und wieviele davon ohne Befund? Hat irgendwer die Frage gestellt, warum selbst Bauern, deren Gurken (von Tomaten/Salat ganz zu schweigen) nicht nur nicht positiv, sondern explizit negativ getestet wurden, jetzt ihre Ernte vernichten müssen? Wäre das Zeug so gefährlich, wie getan wird, dürfte es nicht untergepflügt oder kompostiert werden, sondern müsste in der Müllverbrennungsanlage landen. Gäbe es handfeste Gründe, anzunehmen, dass Salat, Tomaten und Gurken verseucht sind, müsste der Verkauf sofort eingestellt werden – bei  Entschädigung unschuldiger Gärtner und Landwirte.

Die Behörden tappen offensichtlich im Dunkeln, sie haben nicht einmal eine publikationsreife Hypothese, mit der sie den zur Beruhigung der Öffentlichkeit gedachten Boykott der Gemüsebauern rechtfertigen.

Leute, macht Euren Job! Stellt Fragen, und zwar die richtigen und den Richtigen. Ich will keine Verlautbarungen und keine unsinnigen Ratschläge mehr lesen, sondern:

Recherche-Ergebnisse!!!

Nachtrag 1. Juni:

Inzwischen steht fest, dass die Gurken gar nicht als Erklärung aller Infektionen herhalten können. Das hindert Politiker aber nicht daran, weiterhin pauschal vor Rohkost-Gemüse zu warnen.

Und Handys erzeugenmöglicherweise – Krebs, wieder einmal. Eine Erkrankung, die uns statistisch alle 20.000 Lebensjahre ereilt, tritt angeblich mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auf. Gibt es neue empirische Studien, die das belegen? Nein. Wer hätte das auch erwartet? Aber eine Meldung ist diese Nicht-Nachricht allemal.

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