Nicht ganz dicht, was?

Moderne Armbanduhren sind Accessoires für Wasserscheue.

Nicht im Traum wäre ich früher darauf gekommen, vor irgendwelchen Haushalts-, Heimwerker- oder Freizeitaktivitäten meine Armbanduhr abzulegen. Wurde sie schmutzig, hielt ich sie einfach kurz unter den Wasserhahn. Warum auch nicht? In meiner Teenagerzeit in der Flowerpower-Prilblumen-Ära hatte ich fürs Leben gelernt, dass eine anständige Uhr mehr oder minder wasserdicht ist – und zwar nicht nur die so genannte Taucheruhr, mit der sich unsereiner nach bestandener Fahrtenschwimmer-Prüfung im Freibad wichtig machen durfte. Eine Weile lief ich sogar mit einer protzhässlichen Goldimitat-Kreation vom Karstadt herum, die nur 29,90 Mark gekostet hatte und es dennoch wegsteckte, wenn man sie unter der Dusche trug. In den Siebzigern war uns ja nichts zu peinlich.

Für den Rest des 20. Jahrhunderts unterließ ich derlei pubertäre Faxen. Die Hersteller der teureren und eleganteren Modelle, die ich mir fortan leistete, schrieben auf die Unterböden „Water Resistant“ mit dem Zusatz „30M“ oder gar „50M“. Nun bin ich keine Wasserratte, die es in Tauchtiefen von 30 oder gar 50 Metern ziehen würde, und „Meter“ hätte ich an deren Stelle auch nie mit großem M abgekürzt. Aber die Gravuren beruhigten mich. Eine Uhr mit Warnschild „Vorsicht! Nicht wasserdicht!“ auf dem Gehäuse hätte ich jedenfalls nie gekauft.

Dann kam der Tag im frühen 21. Jahrhundert, an dem ich auf diese vermaledeite dänische Designeruhr hereinfiel. Das heißt: Dänisch waren eigentlich nur der Name und das Design dieser flunderflachen amerikanisch-japanischen Koproduktion, die sonstwo montiert wird. Auch sie war angeblich wasserresistent, und zwar bis „3 ATM“. Ich Trottel dachte, das Vielzweckkürzel stehe hier weder für „Austauschmotor“ noch für einen Asynchronen (Daten-) Transfer-Modus noch für einen Geldautomaten im Dollar-Raum (Automated Teller Machine), sondern für eine veraltete, unter Uhrmachern noch gebräuchliche physikalische Einheit für atmosphärischen Druck. Dieses atm schreibt man aber immer noch klein – wie das m für Meter. Ich lernte rasch: Der Fabrikant dieser Uhr mag ATM noch so groß schreiben, Dichtigkeit schreibt er gaaaanz klein. Drei Atmosphären, also zwei Atmosphären Überdruck (atü)? Tja: Einmal geriet ich beim Geschirrspülen mit der Krone in den Strahl des Wasserhahns, schon musste die Uhr zum Uhrmacher aufs Trockendock, denn das Glas war komplett von innen beschlagen. Ebenso wenig durfte man mit der Uhr in einen starken Regenguss kommen, und wehe, man fiel des Winters mit ihr in den Schnee. Eines Tages blieb die pseudoskandinavische Wertarbeit stehen, und es war nicht die Batterie, sondern Korrosion. Das Werk ist verrostet.

Jetzt hat mir ein netter pensionierter Uhrmachermeister die Sache erklärt: Die Uhrenindustrie habe sich zwar ins Zeug gelegt, um für jeden noch so schlechten Geschmack das passende Gehäuse zu konstruieren. Ich dürfe mich nur nicht der Illusion hingeben, dass die Dichtungen einer Slimline-Uhr so lange halten wie die eines dicken Zeiteisens. Nach spätestens zwei Batteriewechseln müssten sie eigentlich erneuert werden, doch das verrät einem weder der Händler noch der Hersteller. Das ist ja auch völlig logisch: Wo käme man hin, wenn in bezahlbaren Uhren, die nach Hightech aussehen, auch teure Hightech-Werkstoffe verbaut würden, mit denen sie lange halten? Armbanduhren kosten entweder mehr als ein VW Golf, dann sind sie Statussymbole und für die Ewigkeit gemacht. Oder sie sind billiger als ein gebrauchter Fiat Panda, dann sind sie Modeschmuck, und der gehört allerspätestens dann auf den Müll, wenn die Garantie abläuft.

Wer das nicht kapiert und die Uhr vielleicht sogar noch wie sein Opa dazu benutzt, abzulesen, wie spät es ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

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