SES Astra: Himmlischer Krach

Auch nach dem Abdanken ihres absoluten Herrschers Pierre Meyrat bleibt die LUXEMBURGER SATELLITENFIRMA SES auf Expansionskurs. Doch hinter den Kulissen bahnt sich Streit um Macht und Einfluß an.

Top/Business 1/1995

Seit dem 20. Oktober ist im Chateau de Betzdorf nichts, wie es einmal war. An diesem Tag erhielt Pierre Meyrat, bis dato Generaldirektor des Luxemburger Satellitenkonsortiums Société Européenne des Satellites (SES), völlig überraschend den Laufpaß – der Verwaltungsrat hatte fristlos den Mann gefeuert, der mit seinen cleveren Schachzügen die SES zur Großmacht in Europas Fernsehlandschaft gemacht hatte.

Meyrat tauchte nach dem Eklat mit den Konzernaufsehern spurlos unter. Langjährige Weggefährten schworen noch Wochen nach seinem Abgang, nicht zu wissen, wo der von den Medien früher nur „Mister Astra“ genannte Topmanager steckt. Und die Verwaltungsräte rotierten, um für Meyrat einen geeigneten Nachfolger zu finden, der die Gewinnquelle SES sprudeln lassen kann wie bisher gewohnt. Denn für den Betreiber der Astra-Satelliten stehen astronomische Renditen auf dem Spiel: 1993 wies das Unternehmen bei 326 Millionen Mark Umsatz ein Betriebsergebnis von 141 Millionen Mark aus. Der Grund: Fast alle deutschen und viele internationale TV-Programme werden über die Luxemburger Himmelskörper Astra 1A bis Astra 1C ausgestrahlt, die Vergabe der Sendeplätze für Astra 1D läuft gerade.

Jeder Satellit kann über 16 sogenannte Transponder 16 Programme in Kabelnetze oder private Empfangsschüsseln funken. Die SES kassiert pro Jahr und Transponder sechs Millionen ECU (etwa zwölf Millionen Mark) an Miete. Ohne Astra läuft nichts im Satelliten-TV. Der SES-Verwaltungsrat muß nun den Schaden begrenzen und das Unternehmen in ruhiges Fahrwasser bringen. Denn es zeichnen sich neue Auseinandersetzungen um Macht und Einfluß ab. Jetzt braucht das Unternehmen eine neue Ausrichtung, die
❏ dem Satellitenbetreiber weiterhin die Marktbeherrschung sichert;
❏ möglichen Versuchen europäischer Medienwächter zuvorkommt, Maßnahmen gegen das Quasi-Monopol der SES einzuleiten, sowie auch
❏ für einen Interessenausgleich der 27 SES-Anteilseigner sorgt.

Wie schwer diese Aufgaben zu lösen sind, deutete bereits das Vorspiel zu Meyrats Ablösung an. Obwohl der machtbewußte Manager schon früher mit seinen Alleingängen bei Mitgliedern des Aufsichtsgremiums angeeckt war, kam das Aus selbst für Insider überraschend. Der interne Krach beflügelte prompt die Phantasie der europäischen Medienfachpresse. Im Mittelpunkt der Spekulationen standen die Namen jener Geschäftspartner, die oft unlauterer Absichten verdächtigt werden:
❏ Leo Kirch, als Teilhaber des Schweizer Abonnementfernsehens Teleclub bis 1985 Meyrats Arbeitgeber,
❏ Rupert Murdoch, der australische Medienmogul, mit dem Meyrat vor sechs Jahren den ersten fetten Astra-Deal geschlossen hatte
❏ die Telekom, im Sommer als neuer Großaktionär präsentiert, und
❏ Bertelsmann, Partner von Kirch und Telekom bei der mittlerweile am Widerstand der Brüsseler Kartellbehörde gescheiterten Media Service GmbH.

Das meiste Aufsehen erregte die Meldung eines Branchendienstes der „Financial Times“, Meyrat habe geplant, drei neue Astra-Satelliten en bloc an ein Kartell Bertelsmann-News Corp. (Murdoch)-Kirch-Gruppe und der Holding des nordeuropäischen Pay-TV-Anbieters Filmnet zu verpachten. Verschiedene Versionen machten die Runde. Selbst die Variante, Leo Kirch habe seinen hauseigenen Astra mieten wollen, schien den Gerüchteköchen nicht zu absurd.

Zu dieser Zeit war zwar längst ein Vertrag in Arbeit, der dem französischen Privatsender Canal Plus vier der 16 Transponder von Astra 1E und zwei weitere auf Astra 1F sichert. Bekanntgegeben wurde der Deal allerdings erst nach dem 1D-Start.

Seltsame Gesprächspraktik

Den unterschwelligen Verdacht, daß es nicht alle SES-Anteilseigner mit wettbewerbskonformen Geschäftspraktiken ernst nehmen, bestätigte unlängst der Branchendienst „epd/Kirche und Rundfunk“. Dort wird anonym ein Verwaltungsratsmitglied zitiert, aus „strategischen Gründen“ wolle die SES die Transponder auf Astra 1D bevorzugt an Kunden vermieten, die auch Kanäle auf den geplanten Digitalsatelliten 1E und 1F buchen. Solch ein Junktim wäre eine plausible Erklärung dafür, warum etwa der deutsch-französische Kultursender Arte mit seinem Wunsch nach einem Astra-Transponder bis dato in Luxemburg abgeblitzt ist.

Öffentlich bestelle Medienwächter wie Thomas Kleist, Europa-Beauftragter der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten, beobachten die Vergabepolitik der Satellitenbetreiber bereits mit Argusaugen. „Wer die Macht über den Satelliten hat, hat die Macht über das Fernsehen“, warnt der Direktor der saarländischen Landesanstalt für das Rundfunkwesen, „und wer Macht über das Fernsehen hat, hat Macht über die Menschen.“ Daher müsse auf europäischer Ebene ein „diskriminierungsfreier Zugang“ (Kleist) für Programmanbieter gesichert werden.

Neue Technik

Einzige Einschränkung: Durch obligatorische „medienrechtliche Unbedenklichkeitsbescheinigungen“ will Kleist die Mieter von Sat-Kanälen auf „europäische Grundstandards“ einschwören und die Sendung jugendgefährdender Gewaltpornos oder rassistischer Propaganda verhindern. Eine paneuropäische Institution, die die hehren Ziele in der Praxis durchsetzen könnte, gibt es jedoch noch nicht. So haben deutsche, französische oder britische Medienaufseher keine Chance, unerwünschte Anbieter aus ihrem Sendegebiet fernzuhalten, wenn diese ihr Programm via Astra ins Land strahlen. Rechtlich zuständig sind ihre Luxemburger Kollegen, selbst wenn der Anbieter keine Zuschauer im Großherzogtum hat.

Für Kleist heißt die Konsequenz: „Wir brauchen eine organisierte Zusammenarbeit der für die Zulassung von Veranstaltern zuständigen Stellen in Europa.“ Bisher hat die SES, die exklusiv über die Luxemburg zugeteilten Frequenzbereiche verfügt, in dieser Hinsicht keine Angriffspunkte geboten. Mit der europaweit geplanten Einführung der neuen Fernsehnorm DVB (Digital Video Broadcast) ändern sich aber die technischen Rahmenbedingungen gravierend: Wie stark das Signal komprimiert werden kann, hängt vom übertragenen Bildmaterial ab: Actionfilme oder temporeiche Fußballspiele brauchen mehr, simple Zeichentrickfilme weniger Bandbreite. Ein Programmanbieter könnte die Auslastung seines Transponders verbessern, indem er einen Teil der noch freien Kapazität vermietet.

Boomende Nachfrage

Gewarnt durch den Wirbel um das angebliche Kirch-Murdoch-Kartell, gibt sich das Astra-Management in diesem Punkt diplomatisch. „Wir verschließen uns nicht gegenüber einem Anbieter, der seine restlichen Kapazitäten vermarkten will“, beschwichtigt Firmensprecher Yves Feltes, „aber jeder Untermietvertrag bedarf der Zustimmung von SES. Wir wollen keinesfalls die Kontrolle über das Programmangebot von Astra in fremde Hände geben.“

Diese Politik hat auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen Vorteil für die Luxemburger. Sie behalten nämlich die Kontrolle über das bestehende Preisgefüge im lukrativen Satellitengeschäft. Die Marktposition des Markenartikels Astra ist in Mitteleuropa derart dominant, daß der multinationale Konkurrent Eutelsat mit Kampfpreisen operieren muß, um wenigstens einzelne Sender auf seine HotBird-Satelliten zu locken.

Reicht die Bandbreite eines Transponders mit Analogtechnik für genau ein Programm, lassen sich per Datenverdichtung künftig vier bis zwölf Programme darin unterbringen. Die Trumpfkarte „technische Reichweite“ sticht nach wie vor. So lassen in Deutschland sieben Millionen Haushalte das vor ihrer Haustür liegende Kabel ungenutzt.

(Der Text bricht hier ab, denn leider ist mir die letzte Seite abhanden gekommen. Falls Sie das Heft noch haben, melden Sie sich bitte bei mir! Danke.)

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