Arme DB-Pressestelle

Nochmal Bahn: Die Pressesprecher von Rüdiger Grube können einem leid tun. Da schien es, als sei nach dem Abgang von Hartmut Mehdorn das Schlimmste überstanden, und dann kam ein Chef, der das nicht mit Absicht macht: seine Firma in den Grund und Boden des Stuttgarter Schlossgartens reden.

Die Summe dessen, was der Mann rund um das Thema „S21“ vom Stapel lässt, ist das beste Argument, das einem Befürworter der Autorisierung von Interviews einfallen könnte. Einer muss noch mal drüberlesen. Aber nicht, weil der Boss sich dergestalt verplappern würde, dass er Pläne ausplaudert, die aus Konzernsicht nicht für die Öffentlichkeit bestimmt wären. Sondern weil er im Gegensatz zum lustvoll-selbstdestruktiven Provokateur Mehdorn gar nicht merkt, wenn er mit Worten Schäden an seinem Unternehmen und am Gemeinwesen anrichtet, die nur schwer zu reparieren sind. Wenn die Bürger wieder einen Hass auf die DB entwickeln und aus Protest nur noch mit dem Auto fahren, dient das weder der Umwelt noch der Verkehrssicherheit noch ihrer pünktlichen Ankunft am jeweiligen Reiseziel.

In gleich zwei Interviews binnen zwei Tagen hat der unrechtsunbewusste Rechthaber seine kommunikative Inkompetenz zur Schau gestellt. Ist es denn so schwer zu begreifen, dass man als Boss eines Staatskonzerns seine Kunden und Subventionsgeber – im PR-Jargon: die wichtigsten „Stakeholder“ – überzeugen muss, statt mit blinder Gewalt vollendete Tatsachen zu schaffen?

Die Idee zu „Stuttgart 21“ stammt aus der Zeit, als Bundesbahn und Reichsbahn eine frisch fusionierte Behörde waren, die mit Hilfe von Managern aus der Privatwirtschaft versuchte, zum „Unternehmen Zukunft“ zu werden. Die Pläne wurden der Aktiengesellschaft Bahn bereits in die Wiege gelegt, so wie auch die für „München 21“ und  andere futuristische Bahnhöfe, etwa in Dortmund. Das einzige, was von dieser Aufbruchsstimmung blieb, war Stuttgart 21. Die DB hätte gar nicht das Geld für all diese städtebaulich teils utopischen Projekte auftreiben können. Vielleicht haben viele Bürger, die S21 ablehnen, allein deshalb nicht lauter protestiert, weil sie dachten, auch das letzte der Luftschlösser werde sich über kurz oder lang in Wohlgefallen auflösen.

Die Tatsachen, mit denen die DB umgehen muss: Die hässliche, verbaute Landeshauptstadt Stuttgart hat einen schrecklich hässlichen und unpraktischen Hauptbahnhof, um den es nicht schade wäre, und viele schöne, altehrwürdige Bäume, um die es wirklich schade ist. An beidem hängen viele Stuttgarter nun mal, und darum wollen sie – als Schwaben zumal – nicht auch noch einen Haufen Geld dafür bezahlen, dass beides für etwas geopfert werden soll, dessen Nutzen sich ihnen nicht aufdrängt.

Grube ist offenkundig davon überzeugt, dass der Staat als Eigner der Bahn seine Untertanen notfalls mit polizeistaatsartiger Gewalt zu ihrem Glück zwingen muss. Deshalb ist er objektiv eine Fehlbesetzung für einen Job, in dem Kommunikationskompetenz die oberste Tugend ist. Wenn seine Kommunikatoren nicht in der Lage sind, ihm beizubringen, wie es geht, könnten sie sich natürlich auch mal fragen, was sie in dem Unternehmen eigentlich noch sollen.

Nur eine einzige Kommunikationsstrategie hätte geholfen – wenn Grube von sich aus für eine Volksabstimmung plädiert hätte. Das wäre das Signal gewesen, dass die Bahn keine Angst vor ihren Kunden und vor den Bürgern hat, sondern an das Projekt glaubt. Der entweder schlecht beratene oder beratungsfeste Bahnchef hat sich leider für das schlechteste, für das dümmste, weil polemischste und rotzig-trotzigste Argument entschieden: Wenn dieser Bahnhof nicht gebaut werden könne, dann könne in Deutschland gar kein Großprojekt mehr gebaut werden.

Welch ein Unsinn. Es wird Zeit, dass Manager wie Politiker lernen, dass eine Mehrheit in demokratisch besetzten Gremien für wirklich wichtige Vorhaben nicht genügt. Man braucht eine Mehrheit in den Köpfen der Menschen, überzeugende Argumente – und wirklich gute Kommunikationsberater. Die erkennt man daran, dass sie sich weigern, die Menschen für dumm zu verkaufen, und den Mumm haben, notfalls „nein“ zu sagen.

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