Wenn Grube gräbt und die Redaktion reinfällt

„Wir gewinnen durch die Tieferlegung des Bahnhofs 100 Hektar neue Stadt. Das entspricht einem Drittel der Fläche von Stuttgart. …

Es entstehen dort langfristig 10.000 neue Arbeitsplätze.“

Rüdiger Grube, Bahnchef, in der SZ vom 2./3. Oktober 2010

Nehmen wir zu Gunsten der drei interviewenden Redaktionsmitglieder – zwei von ihnen immerhin aus dem Wirtschaftsressort und daher der Grundrechenarten vermutlich mächtig – mal an, dass Grube das wirklich so gesagt hat und es kein Lapsus beim Abtippen des Interviews war. Es kann aber nicht sein, dass er das gemeint hat, was der Leser versteht. Dass er glaubt, die Stadt Stuttgart sei nur 300 Hektar groß.

So doof kann so ein hohes Tier schlichtweg nicht sein. Die Blamage wäre so immens, dass sich der Mann nur noch ohne Abfindung verabschieden und auf Jahre hinaus im Keller verkriechen könnte. Mit dem Synonym „Stuttgart“ kann Grube nur die Fläche der Stuttgarter Liegenschaften der DB  AG gemeint haben, wie er sie in seiner Bilanz sieht. Wahrscheinlich reden die Bahnmanager intern so von „Stuttgart“, wie der politische Journalist von „Washington“ redet, der Cineast von „Cannes“ und der Jurist von „Karlsruhe“.

Für Leser, die sich unter einem Hektar nichts vorstellen können: Die genannten 100 Hektar sind das gleiche wie ein Quadratkilometer, und davon hat die Stadt gute 200. Bei Stuttgart 21 geht es demnach um fünf Promille von „Stuttgart“ im normalen Sinn des Wortes.

Mag ja sein, dass den Redaktionsmitgliedern das im Gespräch klar war. Den Wortlaut 1:1 zu drucken, nach dem Grundsatz „gesagt ist gesagt“ geht aber gar nicht. Nicht mal dann – nein, gerade dann nicht! – wenn man den Bahnchef nicht mag. Wahrscheinlich hat aber aus reiner Betriebsblindheit nur keiner gemerkt, was für ein Unsinn für den unbefangenen Leser dabei herausgekommen ist.

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