Asoziale Medien oder: Schweinereien im Internet of Fury

Ein Virus geht um. Es ist eine Art Computervirus, denn er verbreitet sich epidemisch über das Netz, aber er befällt nicht den Rechner, sondern das Gehirn nicht immunisierter User. Warum warnt die BZgA nicht „Twitter und Facebook schaden Ihrer geistigen Gesundheit, Teilnahme erst ab 80 Jahren“?

Es ist unmöglich, nicht sarkastisch zu werden*: In den vergangenen Tagen hat das wütende Gegeifer in den Asozialen Medien eine so dumme Brutalität, eine so brutale Dummheit angenommen, dass man sich regelrecht einen sofortigen Blackout der großen Serverfarmen wünscht. Wir erleben nicht – wie uns versprochen ward – das Internet of Things oder das Internet of Money, sondern das Internet of Fury (IoF), das Internet der blinden Wut. Man müsste dieses Netz wohl komplett abschalten, damit seine Insassen wieder zur Besinnung kommen. Und anschließend würde es nur für diejenigen peu à peu wieder freigeschaltet, die eine kleine Prüfung in den Fächern „Logisches Denken“ und „Non-brachiale Kommunikation“ mindestens mit „ausreichend“ bestanden haben. Die anderen müssten – wie ein Autofahrer, der im Delirium am Steuer erwischt wurde – so lange immer wieder zur MPU antreten, bis sie beweisen, dass sie nun eigenverantwortlich denken können.

* Im Original: Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben

Ja, es gab zum Glück jeden Tag vernünftige Stimmen zu hören. Aber ich hatte den Eindruck, dass die rassistischen, chauvinistischen, reaktionären und protofaschistischen Brülltrolle überall das Letzte Wort haben mussten – und dass es sich nicht um Bots handelte, sondern um real existierende Zeitgenossen. Sie geben erst auf, wenn die Vernünftigen und Denkenden endlich still sind. So erschreckend es ist: Es muss auch außerhalb der AfD-Filterblase bereits viele Menschen geben, die sich ähnlich beängstigend radikalisiert haben wie ein eingeknasteter Dinslakener Salafist und die den braunen Mist, den sie in die Tastatur kippen, selbst glauben.

Besonders betroffen macht mich, dass ausgerechnet ein Journalistenkollege, der wie ich die Deutsche Journalistenschule besucht hat, den Verbalhyänen den zum Himmel stinkenden Gammelfleischbrocken, der ihre niedersten Instinkte weckte, wie einen Köder hingeworfen hat. Sie wissen, was ich meine: das angebliche Schweinefleisch-und-Gummibärchen-Verbot an zwei Leipziger Kindergärten. Bitte denken Sie nicht, dass man das, was sich Timo Lokoschat, Absolvent der 39. Lehrredaktion und heute Mitglied der Chefredaktion der BILD, geleistet hat, an der DJS lernen würde. Als langjähriges Mitglied des DJS-Förderkreises kann ich die Schule nur in Schutz nehmen: Man lernt an dieser Schule nicht, Bagatellen künstlich aufzubauschen. Man lernt nicht, Mitbürgerinnen wie die Leipziger ErzieherInnen als Zielscheibe für den Zorn gewaltbereiter Wutbürger ins Rampenlicht zu stellen. Man lernt nicht, wenige Wochen nach einer alarmierenden Gewalttat wie dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Texte zu verfassen, die ihrerseits dazu angetan sind, einen radikalisierten Mob zu Morddrohungen anzustacheln. Nein, im Gegenteil: Man lernt, sich stets seiner Verantwortung bewusst zu sein. Die DJS produziert keine Zauberlehrlinge, die aus Dusseligkeit Schaden anrichten, dann die Sache gründlich verschlimmbessern und am Ende ungläubig auf das schauen, was sie in der Gesellschaft angerichtet haben.

Deshalb schäme ich mich für den Kollegen, der mit voller Absicht aus einem kleinen Lokalthema, das nicht mehr und nicht weniger war als ein Aufhänger für ein sachliches Pro & Contra – sollen alle auf etwas verzichten, das einzelne nicht haben dürfen? – einen überregionalen Aufreger gemacht hat. Um der Aufmerksamkeit und Auflage willen fördert Lokoschat die Spaltung der Gesellschaft, treibt radikalen Parteien aus dem rechten Spektrum Wähler zu und erschwert durch die Polarisierung den interkonfessionellen Dialog.

Der Mann ist kein Dummkopf. Folglich musste ihm von Anfang an klar sein, was passiert, wenn er die Entscheidung, keine Schweinswürstchen oder Schnitzel mehr auf den Speiseplan der Mittagsbetreuung zu setzen, dramatisiert, als sei dies eine Unterwerfung Sachsens unter die Scharia und die Ouvertüre zum Untergang des Abendlandes. So hat Lokoschat nicht nur billigend in Kauf genommen, Leuten wie Lutz Bachmann, Beatrix von Storch und André Poggenburg das Schwarzpulver für ihre verbalen Böller zu liefern, sondern das Personal der Kitas zu Freiwild für rechte Gewalttäter gemacht. Wer Schweinefleisch zum deutschen Kulturgut ersten Ranges erhebt, für den scheint der Zigeunerbaron“ von 1885 ohne jede Ironie der Inbegriff der Hochkultur zu sein. Er grenzt neben Muslimen auch Juden, Vegetarier und Veganer aus der Gesellschaft aus.

Wenn das ein Mensch tut, dessen Fach das Schreiben und das Lesen ist*, darf man ihm unterstellen, dass ihm diese Nebenwirkung bewusst ist. Den Genuss toter Schweine zur gesellschaftlichen Norm zu verklären, ist freilich schon deshalb dumm, weil man damit seine eigene Argumentation aushebelt. Denn dem vermeintlichen Würstchenverbot setzt man unausgesprochen das Verbot entgegen, den Würstchenverzehr zu verweigern. Jemanden zu nötigen, etwas zu essen, das er nicht essen will: Ist das noch mit der Menschenwürde vereinbar?

* Zsupan:
„Ja, das Schreiben und das Lesen
ist nie mein Fach gewesen,
denn schon von Kindesbeinen
befasst‘ ich mich mit Schweinen.
Auch war ich nie ein Dichter,
Potzdonnerwetter Parapluie!
Nur immer Schweinezüchter,
poetisch war ich nie!
Ja, mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh, ist Schweinespeck.“

Der Zigeunerbaron, Libretto von Ignaz Schnitzer (1885)

Die Erfindung des Schweinefleisch-„Verbots“ durch „Bild“ war leider nur der Anfang. Was folgte, waren die massiven kommunikativen Entgleisungen nach dem Frankfurter ICE-Mord. Nach den bewährten journalistischen Handwerksregeln, die auch im Pressekodex festgeschrieben sind, darf keine Nachricht durch willkürlich herausgegriffene und sachfremde Details so verzerrt werden, dass sie Vorurteile schürt oder zu Vorverurteilungen führt. Der Klassiker ist die Herkunft eines Straftäters, Hautfarbe und Religionsgehörigkeit gehören auch dazu. Wir sind aus gutem Grund gehalten, diese Aspekte nur zu erwähnen, wenn sie für das Verständnis des Sachverhalts relevant oder kausal sind.

Als Journalist muss man sich also fragen oder recherchieren, ob die Tatsache, dass der Mann, der an Gleis 7 den Jungen vor den ICE gestoßen hat, gebürtiger Eritreer ist, irgendetwas mit der Tat zu tun hatte. Ansonsten war es eben irgendein 40-jähriger Mann, der in der Schweiz lebte, also kein Einheimischer, was die tatrelevante Annahme stützte, dass sich Täter und Opfer nicht kannten. Niemand braucht zu wissen, dass er dunkelhäutig ist oder in welchem Staat er geboren ist – es sei denn, bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass das diese Eigenschaften fürs Tatmotiv oder den Tathergang eine Rolle gespielt hätten. (Letzteres wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand gewalttätig wird, nachdem man ihn rassistisch beleidigt hat.)

Sehr schnell verbreitete sich aber nicht nur die Information, dass es sich um einen Eritreer handelt, sondern sogar ein Foto des Mannes. Das Gesicht wurde in mindestens einem Fall nicht einmal verpixelt. Bekannt wurde außerdem, dass sich der Mann in der Schweiz in psychiatrischer Behandlung befand und wegen eines Gewaltdelikts gesucht wurde. Solche Fälle gibt es immer wieder, auch wenn die weitaus meisten psychisch kranken Menschen eher sich selbst als andere gefährden. Anders gesagt: Das Problem für Lokführer sind immer noch Leute, die sich vor den Zug werfen. Diejenigen, die andere aufs Gleis schubsen, sind nach wie vor Einzelfälle. Gemeingefährliche Kranke wie der von Frankfurt sind sehr selten – und das gilt unhängig von ihrer ethnischen, kulturellen oder geografischen Herkunft. Es gibt nicht ein Land auf der Erde, in dem es üblich wäre, seine Wut abzureagieren, indem man irgendwen vor einen Zug stößt. (Es gab in der Tat einen Twitter-Thread, in  dem sich jemand sinngemäß zu der These verstieg, der Vorfall zeige, dass man Eritreer nicht ins Land lassen dürfe.)

Die Reflexe des Publikums auf die Nachricht waren so deprimierend wie erwartbar: Schon wieder ein Schwarzer. Warum hat man den überhaupt nach Deutschland reingelassen? Ausländer mit anderem Aussehen sind sowieso immer Muslime, die sind alle gewalttätig und haben es nicht anders gelernt. So in diesem Ton ging es tagelang, bis hin zu Forderungen nach der Todesstrafe für „solche“. Tja: für straffällig oder gewalttätig gewordene a) psychisch Kranke, b) Männer, c) Afrikaner, d) Schwarze, e) vermeintliche Nichtchristen, f) bis k) diverse Kombinationen aus diesen Eigenschaften?

Erschütternd ist, dass solche atavistischen Stammesreflexe (der sieht anders aus als ich, also ist er eine Gefahr für meinen Stamm) heute noch das Denken äußerlich zivilisiert erscheinender Menschen bestimmen – und dass diese Menschen so etwas sogar öffentlich aufschreiben. Ich meine: Wir reisen um den Globus, treiben Welthandel, kaufen im Eine-Welt-Laden, und dann verhalten wir uns wie alphabetisierte Neandertaler, die Keule immer in Griffweite?

Deshalb kann man es nicht oft genug betonen: Die mit Abstand größte Gemeinsamkeit von Gewaltätern jeglicher Art und Herkunft ist, dass die allermeisten von ihnen Männer sind. Und ihre Gewalt richtet sich in den allermeisten Fällen gegen Personen aus ihrem privaten Umfeld. Täter und Opfer kennen sich. Über solche Fälle berichten Journalisten sehr routiniert mit verharmlosenden Floskeln wie „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ – und gehen zur Tagesordnung über. Das passiert halt. Homo hominis lupus.

Obwohl alles eigentlich klar ist, bedienen manche Journalisten und Politiker, nicht nur solche aus der AfD, die niederen Instinkte des lesenden Wahlvolks. Stammte der Mann, der den Achtjährigen auf dem Gewissen hat, aus Bayern oder wäre er gebürtiger Schweizer mit heller Haut, hätte niemand gefordert, an der deutsch-schweizerischen oder der hessisch-bayerischen Grenze alle Einreisenden zu kontrollieren oder zig Milliarden zu investieren, um alle Bahnsteige in Deutschland mit Glaswänden und Schiebetüren zu sichern. Solch hanebüchener Populistenunsinn ist erkennbar nur einem einzigen Umstand geschuldet – der Hautfarbe des Täters.

Aber sage bloß keiner, das sei Rassismus! Dann kommen die Geiferer erst richtig in Rage – so sehr, dass sie genauso beängstigend wirken wie die Zerrbilder, die sie von anderen zeichnen.

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