Wenn Geisteswissenschaftler über Technik schreiben

Ein Journalist ist angeblich jemand, der anderen Menschen einleuchtend Dinge erklärt, die er selbst nicht verstanden hat. Ich stelle gemeinhin höhere Ansprüche an mich selbst und versuche, nur über Dinge zu schreiben, die ich verstanden habe. Und bei brand eins gibt es da noch die Kolleginnen von der Doku, die auch mir auf die Finger schauen und schon den einen oder anderen Lapsus entdeckt haben, der mir trotz aller Sorgfalt unterlaufen ist. P.M., vielen noch bekannt als Gerhard „Peter“ Moosleitners „interessantes Magazin“, scheint solches Fact Checking nicht mehr so wichtig zu sein. Deshalb kommt heute mal wieder etwas in meine Rubrik „Ja, liest denn keiner mehr gegen?“.

Ein Kollege, der mit seinem „universellen Halbwissen“ kokettiert, das „typisch Geisteswissenschaftler“ sei (da widerspreche bitte jemand anders), ließ sich also in P.M. zu einem eigentlich spannenden Thema aus, nämlich „grüner surfen“. Wieviel Strom verplempern wir online? Ja, das wüssten wir alle gerne.

Will man das wirklich hart recherchieren, damit am Ende brauchbarer Nutzwert für die Leser herauskommt, ist das eine Menge Arbeit, für die man Ahnung von den technischen Abläufen braucht. Es wäre gut, so einen Auftrag an eine Fachjournalistin (w/m/d) zu vergeben. Von einem halb- oder viertelwissenden Geisteswissenschaftler würde ich mir da nicht viel versprechen. Und so liest sich der Text dann eben auch: oberflächlich und immer dann, wenn es droht konkret zu werden, pseudo-präzise bis zur Absurdität. Dass die Überschrift nicht passt, weil E-Mail mit Surfen rein gar nichts zu tun hat, will ich dabei sogar mal ignorieren.

Schauen wir mal, was der Kollege so schreibt:

Zitat 1: „Das Verfassen und Senden einer Mail mit rund einem Megabyte setzt rund zehn Gramm CO₂ frei. Macht man das zehnmal am Tag, entspricht das übers Jahr dem CO₂-Ausstoß von 200 gefahrenen Auto­kilometern.“

Das sind natürlich völlig willkürliche, hypothetische Annahmen ohne Alltagsbezug. Ich kann zwar zurückrechnen, dass der Kollege von einem Auto mit einem Verbrauch von 7,7 Litern Benzin oder 6,9 Litern Diesel auf 100 km ausgeht. Aber aus welcher Luft die Schätzung mit den zehn Gramm gegriffen ist, bleibt schon im Nebel. Und wie oft verschickt man denn im richtigen Leben eine E-Mail mit einem Volumen von einem Megabyte? Ich eigentlich fast nie. Die meisten Mails haben keinen Anhang und sind deswegen wenige Kilobyte groß. Hängt eine Word-Datei oder eine Tabelle dran, sind es vielleicht 50 KB. Von solchen Mails könnte ich also nicht zehn, sondern Hunderte am Tag versenden, bis ich auf die beispielhaften 100 Gramm CO₂ am Tag käme. Allerdings verschicke ich immer wieder mal ein oder mehrere Fotos oder eine dicke PDF – und denke dabei nicht über deren ökologische Zehenabdrücke nach. Die Biester haben leicht mal 5 oder 10 oder gar 20 MB. Mein Mail-Programm lässt mir die Wahl, ob ich ein Foto in Originalgröße versenden will oder auf „groß“, „mittel“ bzw. „klein“ verkleinert. Die Dateigröße von PDFs kann man in Programmen wie Acrobat verringern. Hier ist also die Stellschraube: Falls es stimmt, dass 1 MB meiner Klimabilanz 10 g hinzufügt, dann wäre es bei fünf 10-MB-Fotos oder einer 50-MB-PDF ein ganzes Pfund Kohlendioxid. Mit einer einzigen Mail hätte ich mein im Beispiel genanntes Klima-Budget von fünf Tagen aufgebraucht. Halten wir also fest: Wenn überhaupt, sind die Attachments das Problem, nicht die Mails.

Und warum schreibt der Autor vom „Verfassen und Senden“? Auf eine Mail, die ich schreibe, kommen zwanzig, die ich bekomme. Und davon schleppen ganz viele irgendwelches Grafikgedöns mit, weil der HTML-Standard das so schön einfach macht. Ob der aber überhaupt vom Server abgerufen wird und damit erst der energiefressende Datentransport zustande kommt, kann ich in einem gutem E-Mail-Programm einstellen: Dieses blockt entweder alle Anhänge ab, was auch vor Malware schützt, oder es fragt ab einer festgelegten Größe nach, ob es sie laden soll.

Zitat 2: „Auch ein Postfach, das voll mit alten E-Mails ist, führt zu reichlich CO₂. Denn: Je voller der Speicher, umso länger ist die Rechenzeit.“

Das ist so wolkig wie falsch. Ich habe Hunderte von Ordnern in meinen Postfächern, die alle voll sind mit altem Kram. Aber voll ist davon nur die Festplatte, die kaum Strom verbraucht, nicht der Arbeitsspeicher, der ebenfalls nicht viel Energie konsumiert, und zu „rechnen“ hat der Prozessor dabei auch nicht viel. Es ist nur ein I/O-Job (Input/Output) bei Bedarf, also wenn ich einen Ordner öffne. Der Prozessor kopiert dann die gewünschten Mails von der HDD oder SSD in den RAM – aber eben nicht alle. Dafür ist der RAM meistens viel zu klein.

Unnötiger Stromverbrauch durch volle Postfächer wäre nur in dem – ziemlich dämlichen – Szenario zu erwarten, dass jemand einen IMAP-Mailaccount ausschließlich via Cloud nutzt und keine lokale Kopie der Daten auf seiner Festplatte vorhält, sondern bei jedem Log-in alle alten Mails in einen temporären Speicher herunterlädt. Selbst in einem Webmail-Szenario passiert das nicht: Man sieht nur die Überschriften der Mails; übertragen werden sie erst, wenn man sie auswählt.

Zitat 3: „Der Fußabdruck lässt sich reduzieren, wenn nicht nur wir selbst, sondern auch der Mailprovider Ökostrom nutzt – wie posteo.de und mail.de. Bei mail.de werden nach eigenen Angaben zusätzlich die Server entlastet, indem Spam (über 95 Prozent des E-Mail-Aufkommens!) blockiert wird, bevor er die Server erreicht.“

Auch dies ist ein schönes Beispiel für angewandtes profundes Halbwissen. Selbst wenn der Mailprovider Grünstrom gebucht hat, wird noch lange nicht automatisch CO₂ gespart, denn je nach Netzlast und verfügbarem Angebot an der Strombörse bekommt vielleicht ein anderer Stromverbraucher, der nimmt, was kommt, einen höheren Anteil an fossil erzeugter Elektrizität. Spam wiederum blockieren eigentlich alle Provider (unterschiedlich gut), aber bestimmt nicht, bevor das digitale Dosenfleisch den Server erreicht, denn der ist nun mal die Schaltstelle, an der die Algorithmen den Datenstrom filtern. Der Werbemüll verlässt den Server halt nur nicht mehr.

Zitat 4: „Weniger digitaler Müll – Den gibt es leider nur, wenn wir bewusst klicken, anstatt uns fröhlich treiben zu lassen, denn »aus ein, zwei, drei Klicks werden beim Surfen ganz schnell 10,20,30«, so Behrendt. Und damit verursachen wir erneut reichlich CO₂.“

Damit wären wir zwar beim Surfen, aber erfahren nichts Verwertbares darüber, wie sich unnötiger Traffic vermeiden ließe. Der entsteht nämlich zu einem großen Teil durch die bunte Werbung, die huckepack mitgeliefert wird; aufgebläht wird der Spaß noch durch Bewegtbilder und automatische Seitenaktualisierungen. Ein Tipp wäre hier gewesen, einen Browser zu verwenden, der – wie Apples Safari – bei Websites mit großem Energieverbrauch hierauf hinweist. Diese Warnung schlägt besonders bei Facebook gerne an.

Zitat 5: „Er rät außerdem, sich abzugewöhnen, Dinge wie Termine oder Einkaufslisten abzufotografieren und sich als Erinnerung zu schicken. Der gute alte Zettel tut es auch.“

Wer hat sich sowas denn angewöhnt? Abgesehen davon: Einen Zettel, den ich mit dem Handy fotografiere, brauche ich mir nicht mehr zu schicken. Es ist doch sowieso auf dem Handy. Energieverbrauch: nicht der Rede wert.

Zitat 6: „332,8 Millionen Tonnen betrug der CO₂-Ausstoß durch Videostreaming 2018, Schätzungen zufolge gehen heute 80 Prozent des gesamten Datenverkehrs auf Videoinhalte zurück.“

Bei einer drei Jahre alten Zahl kommt es natürlich auf die Nachkommastelle an. Das täuscht akribische Recherche vor. Was fehlt, ist die Info, wer das wie berechnet hat und – zur Einordnung – dass das in etwa dem Treibhausgas-Ausstoß Spaniens entspricht. Übrigens wollen die Urheber dieser Quelle herausgefunden haben, dass ein Viertel dieses Video-Traffics auf Livestreams aller Art entfiel und von den restlichen drei Vierteln (entsprechend 60 Prozent des gesamten Internetverkehrs) 34 Prozent aufs Konto von Netflix und Mediatheken gingen, während Pornos 27 und Youtube 21 Prozent beitrugen. Diese Infos hätten den Lesern die Chance geboten, ihr eigenes Mediennutzungsverhalten mit dem Anderer zu vergleichen. Indes: Die zugrund liegende Untersuchung beruhte auf vielen Schätzungen und Annahmen, nicht auf realen Messdaten.

Zitat 7: „Entscheidend dabei ist, welches Medium wir nutzen. Videoschauen auf dem Smartphone oder Tablet in SD-Auflösung setzt pro Stunde zum Beispiel bis zu 35 Gramm CO₂ frei. Auf einem 65-Zoll-Fernseher dagegen schlägt die Videostunde mit etwa 880 Gramm CO₂ zu Buche, das ist das 25-Fache!“

Welches Medium? Welches Endgerät! Und vor allem fehlt in dem Text die entscheidende Angabe: Die 880 Gramm beziehen sich auf die Wiedergabe eines Videos in 8K, also einer extrem hohen Auflösung von 8192 mal 4320 Bildpunkten. 4K-Geräte der gleichen Abmessung fressen schon mal von Haus aus weniger Strom, und wegen des halb so breiten Datenstroms ist auch der Energieaufwand für die Bildübertragung geringer. Schaut man auf einem 8K-Gerät einen 4K- oder HD-Stream an, ist der Strombedarf ebenfalls niedriger.

Wer tatsächlich zu umweltbewusstem Fernsehen animieren möchte, sollte daher schreiben, worin der wahre Wahnsinn besteht: sich auf einem riesigen Bildschirm Filme in einer irrwitzigen Auflösung anzuschauen, mit der das menschliche Auge überhaupt nichts anfangen kann. Denn je größer das Bild, desto mehr Abstand braucht der Betrachter. Niemand hockt sich einen halben Meter vor die Glotze, um die Details zu erkennen, denn dann verlöre er den Überblick über das große Ganze.

Zitat 8: „Die kostenlose Streaming-App »Betterstream« bietet nicht nur grüne Filme und Podcasts, sondern kompensiert auch den erzeugten CO2-Ausstoß.“

Falsch. Betterstream ist ein Startup, das in seiner App den Zugang zu ausgewählten Videos über „grüne“ Themen bündelt wie in einer senderunabhängigen Mediathek. Jeder Abruf erzeugt Videotraffic, verbraucht also Energie und ist damit auch für zusätzlichen CO₂-Ausstoß verantwortlich. Wenn Nutzer dem an sich kostenlosen Dienst etwas „spenden“, fließt ein unbedeutender Anteil dieses Erlöses in ein Artenschutzprojekt. Davon, dass der Traffic damit kompensiert würde, kann keine Rede sein, weil die Betreiber gar nicht messen können, wie hoch der von den Nutzern verursachte CO₂-Ausstoß ist.

Zitat 9: „»Bitte nicht permanent alles speichern und dann noch in der Cloud duplizieren«, rät Siegfried Behrendt. »Fotos, die ich bereits verarbeitet habe, entferne ich beispielsweise wieder aus der Cloud.«“

Ein Foto, das bereits in der Cloud liegt, erzeugt erst dann wieder Datenverkehr und CO₂, wenn es aufgerufen wird. Man kann es aber nicht entfernen, ohne es aufzurufen. Deshalb ist das Löschen quasi ökologisch kontraproduktiv. Im Übrigen speichern Menschen ja Fotos in der Cloud, um ein Backup zu haben. Wenn ich Fotos nicht permanent speichere, sind sie verloren. Und Fotos, die ich noch nicht verarbeitet (gemeint ist wohl: bearbeitet) habe, lade ich natürlich erst gar nicht in die Cloud. Also ergibt der obige Satz überhaupt keinen Sinn.

Zitat 10: „Weniger Daten auf der Festplatte bedeuten weniger Rechenarbeit, damit schnellere Zugriffszeiten und somit auch weniger CO2-Ausstoß. Daher: aufräumen, am besten regelmäßig!“

Auch das ist so, wie es da steht, Blödsinn. Drei Sachen gibt es, die bei bestimmten Betriebssystemen den Arbeitsspeicher unnötig belasten und den Rechner verlangsamen können, und das sind zu volle Schreibtische und zu viele geöffnete Programme oder Browserfenster. Der Einfluss auf den Stromverbrauch eines modernen Notebooks ist aber zu vernachlässigen – die paar Wattstunden machen den Kohl nicht fett. Wer seinen Footprint optimieren will, achtet besser auf sein Mobilitäts- und Heizverhalten.

Zitat 11: „Seinen E-Mail-Account sollte man dann gleich mit entschlacken und neben unnützen E-Mails nicht benötigte Newsletter abmelden. Denn auch das sind Daten, die stromintensiv in Rechenzentren aufbewahrt und gespeichert werden – übrigens zudem noch mit Back-ups.“

Einen Account entschlacken? Postfächer entrümpeln, das würde ich ja noch verstehen. Und wie melde ich unnütze E-Mails ab? Der Verfasser spricht in Rätseln. Dafür ist ihm mit „stromintensiv“ eine interessante Wortschöpfung unterlaufen. IT-Laien könnten daraus schließen, Server würden mit Starkstrom betrieben. Aber nein: Die Betreiber von Rechenzentren wissen schon, was sie technisch tun müssen, um ihre Stromrechnung zu minimieren. Ja, Backups kosten ein paar Cent, die Hardware gibt es ja nicht gratis, aber was soll’s? Ein Terabyte, das ist eine kleine Festplatte im Wert von weniger als 50 Euro, speichert von den oben erwähnten, fiktiven E-Mails mit je einem Megabyte Anhang eine Million Stück. Die Leistungsaufnahme liegt bei fünf Watt, im Standby unter einem Watt. (Zum Energiebedarf eines Rechenzentrums tragen natürlich noch andere Dinge bei wie Serverracks, Router und Gebäudetechnik.)

Das Thema „grüner surfen“ oder „grüner am PC rumdaddeln“ hat der Autor damit jedenfalls komplett verfehlt. Wenn es User gibt, die mit Strom aasen, dann sind es die Besitzer von Gaming-Boliden mit Hochleistungs-Grafikkarten und passenden Monitoren.

Zitat 12: „Sinnvoll wäre es natürlich, nur noch dort einzukaufen, wo die Server auch mit grüner Energie laufen, was beispielsweise bei Amazon weniger der Fall ist.“ (Es folgt eine Art Embedded Advertorial in Form der Empfehlung eines LoHaS-Portals, in dem angebliche Öko-Shops ihre Waren feilbieten.)

Es mag stimmen, dass Amazon da mehr tun könnte. Jedoch sind die Server nur ein kleiner Teil der Energiebilanz des Onlinehandels. Wenn man das zum Kriterium machen will, muss man eigentlich auch fragen, ob der Datentransport durch die beteiligten Netze „grünen“ Ansprüchen genügt. Im Verhältnis zur Ökobilanz des Warentransports ist das alles jedoch eine quantité négligeable.

Fazit: Der P.M.-Autor schreibt konsequent an jeder Relevanz vorbei. Von technischen Themen sollte er lieber die Finger lassen. Wer ernsthaft über den Energiehunger moderner IT-Netze schreiben möchte, kann mit der Recherche zum Beispiel beim UBA anfangen. 

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