Impfmuffel: Meine sorgenvoll-hilflose Verzweiflungswut

„Meine sehr verirrten Damen und Herren“, das habe ich als kleiner Junge verstanden, als ich die Höflichkeitsfloskel „sehr verehrt“ noch nicht kannte. Der über 50 Jahre alte Verhörer passt leider sehr gut in unsere Jetztzeit mit 50.000 Neuinfektionen am Tag, dem erneuten Katastrophenfall in Bayern und einer Inzidenz von mehr als 2500 3000 bei Kindern im Kreis Elbe-Elster in den Landkreisen Meißen und Oberer Spreewald-Lausitz. Verirrt haben sich Millionen von Mitmenschen, darunter auch gute Bekannte und enge Freund:innen der Familie. Sie sind in der Corona-Zeit derart auf Abwege geraten, dass unklar ist, ob wir einander jemals wieder so nahe sein werden wie früher. Das gilt emotional wie auch physisch: Wer sich jetzt noch nicht hat impfen lassen, rast nicht nur ohne Gurt und Airbag über eine kurvige Landstraße. Er steht sich auch buchstäblich selbst im Weg.

Die Covid-Seuche offenbart leider Charaktereigenschaften, über die man außerhalb von Krisenzeiten leicht hinwegsehen konnte, obwohl sie gar nicht so selten sind. Die Mischung von Unvernunft und Aberglauben, sträflicher Ignoranz und Hedonismus, Leichtsinn, Selbstüberschätzung und sturem Trotz ergibt eine zugleich selbstmörderische und gemeingefährliche Melange.

Übertreibe ich? Leider nein. Ich habe diese Woche live und in Farbe miterlebt, dass alles, was man außer Impfungen tun kann, zu wenig ist, um das Virus Sars-CoV 2 zu stoppen.

Jeder dürfte schon mal davon gehört haben, dass die Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen schützen, aber nicht davor, sich die kleinen Biester einzufangen und zumindest in kleinen Mengen ein paar Tage lang weiterzuverbreiten. Das sieht dann so aus, dass man selbst zum Beispiel nur einen Schnupfen bekommt, aber mit einem plötzlichen Nieser Erreger ausstößt, die für Ungeimpfte eine potenziell tödliche Gefahr darstellen. Geimpfte können sogar Geimpfte anstecken, und zwar bevor sie selbst Symptome spüren. Das ist Fakt. Ich kann es bezeugen. Aber bevor ich erkläre, was passiert ist und warum das keineswegs gegen das Impfen spricht, sondern dafür, möchte ich darauf hinweisen, dass auch ein Anschnallgurt und die Airbags keine Kollision verhindern. Sie tragen nur dazu bei, dass man den Crash mit glimpflichen Verletzungen überlebt. Krachen zwei Autos mit einer Restgeschwindigkeit von jeweils 20 km/h frontal ineinander und einer von beiden Fahrern ist nicht angegurtet, verletzt sich dieser gleich schwer, als prallte er mit 40 Sachen auf einen geparkten Wagen. Wenn man Glück hat, kommt einem ein Auto mit einer besonders guten Knautschzone entgegen, die überdurchschnittlich viel kinetische Energie aufnimmt. Das sind die Impfung und die FFP2-Maske des Anderen. Sich nicht anzuschnallen, weil man sich auf die Knautschzone des Unfallgegners verlässt, wäre aber doch ausgesprochen hirnrissig, nicht wahr? Im Verkehr wie bei einer Pandemie ist und bleibt es dabei, dass jeder selbst für seine eigene Sicherheit sorgen muss. 

Also: Was ist da passiert diese Woche? Warum sitze ich mit triefender Nase am Computer, schlafe im Gästezimmer, esse getrennt von meiner Frau?

Vorigen Sonntag bin ich auf eine scheinbar perfektionisch geplante Tagung mit rund 200 Teilnehmern ins Ruhrgebiet gefahren. Zugelassen waren nur Geimpfte, Genesene und Getestete, wobei auch die Geimpften und Genesenen sich täglich einem Schnelltest unterziehen mussten. Jeder hatte einen extra breiten Tisch, an dem sonst drei Stühle gestanden hätten, für sich. Die Gänge zwischen den Sitzreihen waren so breit wie nie zuvor. Die FFP2-Masken durften wir nur zum Reden abnehmen, und letzteres erst, nachdem wir dem Mikro ein frisches Verhüterli übergezogen hatten.

Warum 2G nur trügerische Sicherheit bietet

Ein unlösbares Problem bei Präsenztagungen ist, dass die Maskierten auch mal etwas essen und trinken müssen. Wer sich also in der Kaffee- oder Mittagspause für ein paar Minuten zu anderen an den Stehtisch stellt und den Schnutenpulli ablegt, tut das auf eigene Gefahr.

Für das Get-together am ersten Abend galt im Hygienekonzept jedoch eine vermeintlich strengere Regel – 2G. Das Absurde an einem Get-together mit 2G, im Kontrast zum normalen Gaststättenbesuch mit 2G, besteht im ureigensten Sinn der Übung: dass man überhaupt together gettet. Man setzt sich mit Leuten an einen Tisch, die man lange nicht gesehen hat, die ganz woanders herkommen, und im Laufe des Abends wechselt man auch mehrmals den Tisch. Und weil man mit den Kolleginnen und Kollegen, die man seit „vor Corona“ nicht mehr getroffen hatte, ständig irgendetwas trinkt oder futtert oder knabbert, ist die Maske mehr in der Tasche als auf der Schnüss. Anders gesagt: 2G geht von der Prämisse aus, niemand sei infektiös. Das bunte Armbändchen am Handgelenk, an dem man die am Morgen Getesteten erkennt, soll das in Verbindung mit dem QR-Impfcode in der Corona-Warnapp irgendwie sicherstellen – ungeachtet der Tatsache, dass die Genesung von einer Covid-Erkrankung eine viel geringere Immunität hinterlässt als eine erfolgreiche Impfung. Und natürlich trifft sich die halbe Bande nachher noch zu zwei, drei, vier Absackern in der Hotelbar, unbeäugt vom gestrengen Tagungspräsidium. Es ist auf unwirkliche Art wie früher, vor dem Covid-Spuk.

Zwei Risikobegegnungen vor vier Tagen

Auch am Montagmorgen ist die Welt noch in trügerischer Ordnung. Jede/r gibt am Einlass einen Zettel ab, der einen frischen negativen Test bestätigt. Am Abend schwärmen alle eigenverantwortlich in die umliegenden Gaststätten aus, und wieder wäre es völlig realitätsfremd anzunehmen, dass beim Essen alle auf AHA-Distanz miteinander speisen. Aber was soll schon passieren? Sind ja alle negativ.

Dienstagmorgen fehlt dann aber eine vollständig geimpfte Kollegin auf dem Podium. Später tut ein bedröppelter Vorsitzender kund, der morgendliche Schnelltest der Kollegin sei positiv ausgefallen, daher habe sie sich einem PCR-Test unterzogen, der Befund sei leider ebenfalls positiv. Deshalb sei sie nun in Quarantäne. In so einem Moment rattert es natürlich in 200 Köpfen – nicht nur deshalb, weil man sich fragt, wie nahe man der Betroffenen gekommen war und für wie lange, sondern auch, weil einem Entwarnendes in den Sinn schießt: Wenn sie am Montag negativ war, kann sie doch am Sonntag noch nicht infektiös gewesen sein. Außerdem ist sie geimpft, man selbst ist es auch. Da war die Viruslast bestimmt so gering, dass nichts passiert sein kann. Tja, denkste!

Zwei Tage später, am späten Donnerstagnachmittag, meldet die Corona-Warnapp Risikobegegnungen an zwei Tagen, und zwar Sonntag und Montag. Einen weiteren geimpften Kollegen hat’s erwischt, er ist positiv und fühlt sich schlapp. Ich spüre nichts. Aber wegen der App-Warnung darf ich am Freitag schon mal nicht meine Mutter im Altenheim in der Kreisstadt besuchen. Verständlich, denn es ist auch niemand im Haus, der mich schnelltesten könnte. Leider ist die Hütte auf dem Landsberger Hauptplatz, in der eine Apotheke Schnelltests durchführt, verbarrikadiert. Sie hat nur vormittags auf. Warum sollten Bürger auch an Tests interessiert sein bei einer Inzidenz von knapp 400, die vor einem halben Jahr für einen vierfachen Lockdown genügt hätte? Wenn wir mehr testen, könnte die Zahl ja noch steigen. Außerdem san mir ja g’impft.

Freiwillige Quarantäne, Warten auf PCR

Als ich wieder zu Hause bin, kommt eine Mail vom Landesvorstand, es gibt weitere Fälle, wir sollen bitte schön vorsichtig sein. Derweil verliert Patientin 1 gerade den Geschmacks- und Geruchssinn, Patient 3 hat Erkältungssymptome, bei mir fängt die Nase an zu laufen. Am Samstagmorgen schiebt mir meine Tochter einen Wattestab in den Sinus, zehn Minuten später bin ich klar positiv. Jedenfalls Antigen-technisch. Ob die Polymerase-Kettenreaktion das genauso sieht, lässt sich erst am kommenden Montag um die Mittagszeit feststellen, denn warum sollten Labors während einer Pandemie am Wochenende besetzt sein? Bis dahin ist meine Quarantäne freiwilliger Natur.

Damit zurück zu Euch, meinen sehr verirrten Freundinnen und Freunde. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass meine Impfung mich schützt, obwohl nach neuesten Erkenntnissen bereits ein Booster-Shot fällig wäre. Zwei Tage nach dem ersten Schniefen niese ich ab und zu, schneuze das eine oder andere Taschentuch voll, hüstele von Zeit zu Zeit milde, genieße aber mein Essen, habe kein Fieber und fühle mich auch nicht schlapp – man davon absieht, dass ich heute bis half elf geschlafen habe. Wirklich schlecht geht es bisher auch den anderen positiven Geimpften nicht, mit denen ich in Kontakt stehe. Aber mir – dem mit Abstand Ältesten – scheint es bis dato mit am besten zu gehen. Ich hoffe, das bleibt so.

Impfung: Spezialtraining fürs Immunsystem

Aber wenn ich in diesem Zustand Euch treffen würde, die Ihr ganz ohne Helm, Gurt und Airbag durch die pandemische Zeit flaniert, wäre ich für Euch eine Gefahr. Ihr bildet Euch weiß Gott was ein auf Euer tolles Immunsystem, das ihr meint per Einnahme irgendwelcher absonderlicher Substanzen aufpeppen zu können. Aber Ihr verzichtet absichtlich darauf, es mittels einer kleinen Injektion für diese spezifische Herausforderung fit zu machen. Ohne den Trainer, sei er von Biontech oder Moderna, weiß das Immunsystem nicht, was es machen soll, wenn es in Eurem Schlund auf das stachelige kleine Monster stößt.

Und wisst Ihr was? Jeder, der Euch über den Weg läuft, könnte sich „Corona“ eingefangen haben, ohne es zu ahnen – so wie meine nette Kollegin, die nach bisheriger Rekonstruktion das Virus auf unsere Tagung eingeschleppt hat. Wie gesagt: Sie hatte erst am dritten Tag eine Chance, andere dadurch zu schützen, dass sie sich in ihrem Zimmer einigelte. Das Virus hatte es sich schon am Sonntagabend in ihrem Rachen gemütlich gemacht, am Dienstag früh war es nachweisbar, am Dienstagabend löste es die ersten Symptome aus. „Delta“ ist ein hinterfotziges Biest – wie ein Krokodil, das wie aus dem Nichts kommend zuschlägt.

Hier der Kommentar von Ralph Ruthe – gesponsert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Wer wie Ihr sich selbst und andere in Lebensgefahr bringt, um den mache ich mir zwar Sorgen bis zur Verzweiflung. Ihr macht mich aber auch unglaublich wütend. Hilflos wütend. Ihr setzt bei Eurer Flucht aus der Realität alles aufs Spiel, was uns mal verbunden hat. Ich wünsche mir dennoch, dass Ihr diese Worte wenigstens lest und darüber nachdenkt. Dass Ihr kapiert, wie sehr Ihr mir weh tut, wenn Ihr mich zwingt, Woche um Woche einen großen Bogen um Euch zu machen und den Kontakt – „einschlafen zu lassen“ trifft’s nicht ganz – einzuschläfern. Es kränkt mich, wenn Ihr mich wie einen Hypochonder behandelt, der vor einem vermeintlichen Erkältungsvirus zittert. Das ganze nett gemeinte „natürliche“ Zeug, auf das Ihr schwört, bringt im Gegensatz zu ComiRNAty keinen nachweisbaren Nutzen. Laktosekügelchen wirken ebenso wenig antiviral wie Präparate aus Echter Aloe. Von solchen Harmlosigkeiten lässt sich Sars-CoV2 nicht beeindrucken. Ihr hättet doch auch Typhus, Pest und Cholera bestimmt nicht mit solchen Mittelchen von Euch fernzuhalten versucht, oder? Versteht mich nicht falsch: Ich habe durchaus schon gute Erfahrungen mit bestimmten Heilpraktiker:innen gemacht. Aber gut sind sie nur, wenn sie ihre Grenzen kennen. Wenn jemand zum Beispiel Krebs homöopathisch heilen will, ist er nun mal ein gemeingefährlicher Scharlatan, dem der Rechtsstaat das Handwerk legen muss. Das gleiche gilt für Prophylaxe und Therapie von Seuchen wie Covid-19.

Ruft doch gleich „Lügenpresse“, wenn Ihr mir nicht glaubt

Es verletzt mich außerdem in meiner journalistischen Berufsehre, wenn Ihr all die Zahlen, Daten, Fakten vom Tisch wischt, die Wissenschaftler und Redaktionen seriöser Medien mühsam zusammentragen. Wenn Ihr mir nicht glaubt, dass ich bei Corona die guten und die schlechten Quellen auseinanderhalten kann, dann traut Ihr mir überhaupt keine Recherche zu und zweifelt mein Urteilsvermögen an. Überspitzt gesagt: Wenn Ihr Euch nicht impfen lasst, um Euch selbst und andere zu schützen, könnt Ihr mir gleich „Lügenpresse“ an den Kopf schmettern. Es tut gleich weh.

Und wenn ich schon dabei bin, will ich an ein paar Dinge erinnern, die Ihr vielleicht ungern lest, weil man sich Irrtümer nun mal ungern eingesteht. Es ist wirklich weit mehr als hinreichend bewiesen, dass die hauptberuflichen Impfgegner Stuss reden. Sie verdienen seit vielen, vielen Jahren mit abstrusesten Schauermärchen ihr Geld. Lange vor „Corona“ haben sie Menschen Angst vor Impfungen eingejagt, haben widerlegte Gerüchte und Verschwörungslegenden weitererzählt, haben Fakten verdreht und jede seriöse Aufarbeitung früherer Fehler von Impfstoff-Entwicklern sabotiert. Dass manche der zu absurder Bekanntheit aufgestiegenen Scharlatane irgendwann angefangen haben, ihre eigenen Lügen zu glauben, macht den Schmarrn, den sie uns auftischen, nicht glaubwürdiger. Ich kann zum Beispiel guten Gewissens sagen, dass jeder, aber wirklich jeder, der sich auf Leute wie Andrew Wakefield, Robert F. Kennedy jr., Gerhard Buchwald oder Stefan Lanka beruft, so glaubwürdig ist wie ein Flacherdler oder ein Anhänger des Chemtrail-Kults. Covid-19 hat das Geschäft solcher Figuren, ob sie nun Tolzin heißen oder Kron oder Javid-Kistel, nur erleichtert. Noch mal: Das Geschäftsmodell ist uralt! Es lebt von krankhaftem Misstrauen, und wenn nicht genug Menschen krankhaft misstrauisch sind, muss man eben unbegründete Ängste schüren, um weiterhin seine Pamphlete und Heilsversprechen vermarkten zu können.

Wovor habt ihr Angst? Und wovor solltet Ihr Angst haben?

Dagegen hilft nur, seinen eigenen Kompass neu zu justieren. „Wir fürchten uns vor dem Falschen“, sagt der berühmte Risikoforscher Ortwin Renn. In seinem Buch „Das Risikoparadox“ kommt Corona zwar noch nicht vor, dafür ist es zu alt. Aber das Corona-Virus – erst recht seine besonders ansteckende Delta-Variante – ist keine hypothetische, sondern eine konkrete und reale Gefahr, und das mit ihr verbundene Risiko lässt sich anhand gut erforschter Parameter auch mathematisch leicht berechnen.

Allein in Europa hat die Seuche seit Anfang 2020 fast so viele Menschen dahingerafft, wie München Einwohner hat. Weltweit sind es mehr Tote, als wären alle Bürger der Republik Irland gestorben: fünf Millionen!

Auch in Deutschland kann die Medizin beim besten Willen nicht alle Infizierten retten. Die Zahl der Opfer nähert sich der 100.000er-Marke. Um sich von der abstrakten Zahl ein Bild zu machen: 96.000 98.274 Tote sind so viel, als seien in einer Stadt wie Würzburg oder einem Landkreis wie Landsberg am Lech drei Viertel der Bevölkerung ausgelöscht.

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Es sind übrigens dreißig 36-mal so viele Todesopfer, wie Deutschland im Straßenverkehr pro voriges Jahr hinnehmen musste. Und es ist wieder so, als würden jeden Tag zwei Kurzstrecken-Airbusse abstürzen. Nur hier in Deutschland. Der Löwenanteil der Toten gehört zum nicht geimpften Drittel der Bevölkerung. Zieht man die Kinder ab, die noch gar keine Chance auf eine Impfung hatten, wird klar, wie eindeutig die Korrelation zwischen Todesfällen sowie Intensivbelegungen und Impfverweigerung ist.  

Der Sterblichkeit muss man außerdem die Zahl der Infektionen gegenüberstellen, die auch Jüngeren und Kindern gefährlich werden können: Weltweit haben sich 250 Millionen Menschen angesteckt, davon 67 Millionen in Europa, davon gut 40 Millionen in der EU, davon fast fünf Millionen in Deutschland. Je nach geografischem Fokus hatte also jeder Zehnte bis jeder Dreißigste schon „Corona“. Die Wahrscheinlichkeit, früher oder später einem Spreader zu begegnen, sollte man daher nicht unterschätzen. Passiert das, wird es plötzlich extrem wichtig, wie man geschützt ist.

Viel wahrscheinlicher, als an Covid zu sterben, ist es, temporäre oder bleibende Schäden davonzutragen. Niemand möchte dauerhaft schlapp sein, wie benebelt durch die Gegend tapern, keinen Sport mehr treiben und vor allem zwei seiner Sinne verlieren. Man riecht dann zwar keinen Gestank mehr, aber auch keinen Duft. Ob man Wasser, Wein, Essig oder Erdöl trinkt, merkt man vielleicht an der Konsistenz, aber man riecht und schmeckt es nicht. Und diese Unfähigkeit zerstört nicht nur jeglichen Genuss, sie kann auch lebensgefährlich sein. Eine intakte Nase und ein intakter Gaumen warnen uns vor Giftigem und Verdorbenem. Da haben wir es nicht mehr mit einem (kalkulierbaren) Risiko zu tun, sondern mit einer (unberechenbaren, allgegenwärtigen) Gefahr.

Die Impfstoffe sind bereits bestens erforscht

Vor Covid Angst zu haben, ist also völlig korrekt. Das Gute ist, dass auch die Risiken der verschiedenen angebotenen Impfungen bestens bekannt sind, so dass man eine sehr fundierte Risikoabwägung vornehmen kann. Ich möchte hier noch einmal auf eine Tatsache hinweisen, die zwar oft erwähnt, aber ebenso oft überhört, missverstanden oder kleingeredet wird. Die zugelassenen Impfstoffe – ob Vektor oder mRNA – lösen Reaktionen im Körper aus, die sich über wenige Wochen hinziehen. Das gilt für die erwünschte Wirkung, also die Wappnung des Immunsystems gegen Angriffe des Coronavirus, wie für die unerwünschten Nebenwirkungen. Auch diese ereignen sich in den Wochen nach der Impfung, dann hat der Körper den Impfstoff und die Adjuvantien abgebaut. Es ist dann nichts mehr übrig, das etwas anrichten könnte – außer den körpereigenen, auf Corona „trainierten“ Abwehrzellen, die man ja haben wollte.

Bei früheren Impfungen, bei denen stets eine wesentliche kleinere Anzahl an Dosen unter die Leute gebracht worden war, dauerte es recht lang, bis die Ärzte auch seltenere Nebenwirkungen als solche erkannten – wie die Narkolepsie beim Schweinegrippe-Impfstoff. Bei Covid-19 gelang die Erkennung relevanter Nebenwirkungen hingegen im Zeitraffer. Bei Milliarden von Geimpften sammeln die Ärzte sogar Erfahrungen mit Effekten, die nur in einem von 10.000 Fällen auftreten, im Handumdrehen. Die Masse macht’s. Die Qualität der Erkenntnisse korreliert mit der Menge der beobachteten Fälle, nicht mit der Anzahl der Jahre, über die sich die Beobachtung verteilt.

Somit ist die Furcht von „Langzeitfolgen“ unbegründet. Bereits seit Monaten kennen die Ärzte die spezifischen Knackpunkte, auf die sie bei der Verabreichung von Vaxzevria oder ComiRNAty achten müssen. Je nach Impfstoff nennen sie jungen Männern oder alten Frauen die Symptome, auf die sie nach der Impfung achten müssen. Die Quote der unerwünschten oder kritischen Nebenwirkungen ist undramatisch, verglichen mit Alltagspharmaka wie Aspirin, um die niemand ein großes Gewese macht. Natürlich sollte man vorsichtig sein, wie bei jedem Arzneimittel, und zum Arzt gehen, sobald man eines der Symptome bekommt, die auf dem Beipackzettel stehen. Wovor man sich hüten sollte, sind im Internet kolportierte „Informationen“ über angebliche Impftote. Es kursieren derart viele erstunkene und erlogene Nachrichten, dass im unwahrscheinlichen Fall, dass doch einmal etwas schiefgehen sollte, die Warnung in der Flut von Fake News unterginge.

Also schreibt es Euch hinter die Ohren, ins Gebetsbuch oder sonstwo hin, meine verirrten Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, liebe ins Bockshorn Gejagte: Dieses Dreckvirus ist verdammt gefährlich, auch für intensivpflichtige Patient:innen, die einen Unfall hatten oder/und eine Operation hinter sich haben, denn die Schwestern und Pfleger können nicht für zwei arbeiten.

Lieber Impfpflicht als Todesanzeigen 

Na, wollt Ihr es Euch nicht noch mal überlegen und zum Impfen gehen? Ihr wart doch mal total vernünftige, nette, intelligente Menschen, mit denen man ganz tolle Gespräche führen und Spaß haben konnte. Das würde ich gerne wieder tun, wenn ich keine Angst haben müsste – VOR und UM Euch. Ich möchte keinen schwarzumrandeten Brief von Euren Hinterbliebenen bekommen.

Ihr bleibt beim Nein? Dann tut es mir Leid für Euch, dass es mir überhaupt nicht Leid tut, wenn Euch Frank-Ulrich Montgomery vom Weltärztebund vorwirft, uns andere zu tyrannisieren mit Eurer trotzigen Verweigerungshaltung. Ja, ich teile den Zorn meines einstigen Kommilitonen Kurt Kister, Chefredakteur a.D. der Süddeutschen Zeitung. Kurt ist zornig, „weil die – freundlich gesagt – höchst subjektive Wahrnehmung, Impfen sei gefährlicher als Nichtimpfen und eine Form der Freiheitsberaubung, die Freiheit anderer Menschen beeinträchtigt und deren Gesundheit, ja deren Leben gefährdet.“ So sei für ihn „diese Form der grundsätzlichen Ablehnung einer Covid-Impfung asoziales Verhalten, weil der Impfunwillige seine Interpretation des von ihm empfundenen Freiheitsrechts über das Wohl der anderen, letztlich über das soziale Leben in der Gesellschaft stellt“.*

Wenn Ihr es sanftmütiger haben wollt, lest diesen Beitrag des SZ-Kollegen Gerhard Matzig. Er gesteht Euch sarkastisch ein „Menschenrecht auf Ignoranz“ zu und konzediert: „Asozial darf man das insofern wenigstens unsoziale Treiben der Impf-Agnostiker auch nicht nennen, denn dann ist man schon – der Begriff hat eine Historie – ein halber Nazi, während sich Impf-Verweigerer als Freiheitshelden inszenieren.“

Das Schlusswort kommt vom Kölner Kabarettisten Jürgen Becker. Er plädierte in der Sendung „Maischberger“ für eine Impfpflicht und verglich Impfgegner mit Segelfliegern, die bei Windstärke 8 halt auf ihr Hobby verzichten müssten. Nach der Impfung könnten sie gerne wieder Impfgegner sein.

*   Nachtrag 16. November 2021:

Mein PCR-Testergebnis liegt vor. Leider positiv. Das bedeutet für mich nun, dass ich bis zum 26. November – zwei Wochen nicht etwa nach der Ansteckung, sondern nach dem ersten Niesen – in Hausarrest bleiben muss, während die Impfmuffel, die ja meistens auch um jeden Test einen großen Bogen machen, ungestraft frei herumlaufen. Bewegte ich mich unter vollständig Geimpften, würde es reichen, ein paar bescheidene Hygieneregeln („A-H-A“) einzuhalten und nicht mit Haushaltsfremden essen zu gehen, und niemand käme ernstlich zu Schaden. Der Staat gewährt also ausgerechnet denen Bewegungsfreiheit, die sich die Freiheit nehmen, unsolidarisch zu sein, und nimmt dafür mir diese Freiheit weg, obwohl ich allenfalls die Gesundheit der Uneinsichtigen gefährde. Mein Freiheitsbegriff sieht anders aus: Ich bin in Vorleistung gegangen, um neben mir selbst auch andere zu schützen. Wer dazu nicht bereit ist, der soll bitte auch die Folgen tragen und unter Quarantänebedingungen leben. Was wäre denn, wenn ich nicht in einem großen Haus lebte, in dem ich von meiner Frau und meiner Tochter so gut Abstand halten kann, dass sie „negativ“ bleiben und für mich einkaufen gehen können? Welcher der Verirrten würde freiwillig die Besorgungen übernehmen?

Dazu passend plädiert mein Blogger-Freund „Onkel Michael“ Scholz heute für die Impfpflicht: „Hier liegt auch das große Problem mit den Impfverweigerern. Diese können natürlich ohne Wenn und Aber die Entscheidung für sich treffen, sich nicht impfen zu lassen, müssten dann aber bereit sein, mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung zu leben. Genau das tun sie aber nicht. Sie fordern für sich die freie Entscheidung, über die Impfung selbst zu bestimmen, und wollen gleichzeitig ohne jede Konsequenz so weitermachen wie zuvor. Und wenn sie dies nicht können, dann hören sie sich an wie ein Kleinkind an der Supermarktkasse, wenn es kein Überraschungs-Ei bekommt.“ 

 

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6 Antworten auf „Impfmuffel: Meine sorgenvoll-hilflose Verzweiflungswut“

  1. Ja. Ja. Und ja.

    Danke für den informativen Beitrag, der vermutlich leider nur wenige erreichen wird, die in ihrer Blase leben. Wenige, aber doch einige. Hoffe ich zumindest.

    Gute Besserung!

  2. Lieber Ulf, dein Artikel spricht mir absolut aus der Seele, ich könnte nach jedem Abschnitt applaudieren! Inzwischen kotzt es mich auch so an, dass die Impfverwrigerer aus meinem Freundeskreis immer mit Worten wie „persönliche Freiheit“, „Toleranz und Nächstenliebe“ um sich hauen! Wenn ich dann aber täglich verzweifelte Berichte von Klinikchefs aus Oberbayern oder aus Salzburg lesen muss, dann kocht inzwischen eine richtige Wut in mir hoch. Wenn ich morgen einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleide, weiß ich nicht, ob ich überlebe. Die Intensivbetten sind ja fast voll mit Covidioten und die Fahrt oder der Flug zum nächsten freien Intensivbett könnte meinen Tod bedeuten. Das ist nicht mehr sozial!
    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Gute Besserung weiterhin und viele Grüße, Angelica

  3. Lieber Ulf,
    Erstmal gute Besserung!
    Wie immer, ein toller Artikel.
    Wir konnten am letzten Samstag den 90+1 Geburtstag von Lory feiern mit 40 Personen, hier in São Paulo, wo 140.000 Personen starben.
    Sie ist 4 mal geimpft! Hier in São Paulo sind über 90% geimpft. Ab Samstag kann jeder über 18 die dritte Impfung bekommen.
    Abraço

    1. Danke, Max!
      Mir geht es gut. Ich hatte ein paar Tage Schnupfen. Die Kombination aus Astra und Biontech scheint zu wirken.
      Was mich schockt, ist, dass S.P. mehr Tote hatte als ganz Deutschland. Der Stand hier ist 100.000.
      Liebe Grüße an Lory, nachträglich parabens von uns allen!

  4. Lieber Herr Froitzheim, ich habe Ihren Artikel mit großem Interesse gelesen und festegestellt…Sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe exakt die gleichen Erfahrungungen mit den Motiven der „Verirrten“ machen müssen, wie Sie es beschreiben.
    Vielen Dank, Sie haben mit ein paar Argumente geliefert, die ich bei der nächsten „Impfdiskussion“ anbringen kann – obwohl es mich langsam ankotzt (sorry!), den Pseudomedizinern erklären zu müssen, dass es doch hinreichend seriöse Informationen gibt. Besonders beschäftigt mich seit nunmehr 18 Monaten die Diffamierung aller Journalisten. Meine Tochter ist in den letzten Zügen des Journalismusstudiums und wenn ich sehe, wie viel Wert auf Recherche, Ethik und Sachlichkeit in den unterschiedlichen Studienfächer gelegt wird, und wie umfassend sich meine Tochter informiert, dann bin ich richtig sauer auf diese Ignoranten. Es ist für mich unfassbar, eine gesamte Berufsgruppe derart zu beleidigen und jegliche Kompetenz abzusprechen. In diesem Sinne, machen Sie weiter so….veröffentlichen Sie diesen Artikel so breit wie möglich. Mit herzlichen Grüßen aus dem schönen Frankenland.

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