Der Anti-Berufsverband

Gerne hätte ich Unrecht behalten und den Optimisten im Vorstand und Verwaltungsrat der VG Wort gegönnt, dass sie richtig lägen mit ihrer freundlichen Einschätzung der Freischreiber als Leute, die zuhören und mit denen man vernünftige, konstruktive Gespräche führen kann. Ich hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass mir dieses Vertrauen in die Verlässlichkeit wesentlicher Personen in diesem Verein abgeht. Noch Anfang der Woche hatte ich hier meine Skepsis kundgetan, ob man erste versöhnliche Töne von Freischreiber-Chef Benno Stieber in Richtung der VG Wort für bare Münze nehmen sollte. So merkte ich an, dass sein Lob der VG Wort als „international beachtete Konstruktion“, die man „selbstverständlich“  erhalten wolle, hoffentlich kein Lippenbekenntnis sei.

Heute Nachmittag hat dieser Verein bewiesen, dass mit ihm keine verlässliche Zusammenarbeit möglich ist. Wie vom Freischreiber-Mitglied Stefan Niggemeier, das sich wieder als veritabler Spin-Doctor in den Dienst seiner Organisation stellt, bereits verbreitet, gab es nach halbwegs friedlichem Anfang einen Eklat. Just um die Zeit, als sich die Reihen der in ver.di-Autorenverbänden und dem DJV organisierten Journalisten, Schriftsteller und Übersetzer lichteten, brachen die Freischreiber unerwartet einen neuen Streit vom Zaun.

Obwohl sie die Beschlussvorlagen zur Anpassung des Verteilungsplans an das ab 1.1.2017 geltende Verwertungsgesellschaftengesetz (VGG) mehrere Wochen lang hatten prüfen können, monierten die Kollegen nun ein dickes fettes Dinosaurierhaar in der Suppe, als hätten sie es gerade eben erst entdeckt, just als Professor Ulrich Loewenheim, 82-jähriger Vorsitzender der Bewertungskommission, die Vorlage in extenso erläuterte. Wie gesagt: Kein Buchstabe war ihnen neu.

Es war ein Schauspiel wie aus einem schlechten Drehbuch. Loewenheim wies in seiner Intro sehr vernehmlich, betont und völlig unmissverständlich darauf hin, dass sich seine Kommission darauf beschränkt habe, diejenigen Paragrafen zu ändern, die wegen des VGG geändert werden müssten. Er erklärte länglich die Vorbemerkung, in der selbst für juristische Laien verständlich noch einmal die Selbstverständlichkeit festgeschrieben wurde, dass die durch das Vogel-Urteil des BGH außer Kraft gesetzten Bestimmungen in der Tat außer Kraft sind und an die neue Rechtslage angepasst werden, sobald es eine neue Rechtslage gibt. Der Bundestag berät gerade über diese Gesetzesänderung.

Es war deshalb objektiv unnötig, heute an diesen Stellen etwas zu ändern, also etwa die betroffenen Paragrafen und Absätze zu streichen und alles neu durchzunummerieren – wissend, dass an diesen Stellen in wenigen Monaten anderslautende Paragrafen und Absätze mit identischem Regelungsgegenstand wieder eingebaut werden müssen, wobei dann wahrscheinlich wieder die alten Paragrafen- und Absatznummern rekonstruiert würden.

Die Wortmelder vom Freischreiber-Taktiker-Tisch empörten sich also nun, die VG Wort könne doch keine Verlegeranteile an den Ausschüttungen im Verteilungsplan stehen haben, wenn den Verlegern gar nichts mehr zusteht. Genau das hatte der alte Herr Loewenheim in aller Seelenruhe erklärt: Es war nicht nötig, etwas Obsoletes zu streichen, solange man noch nicht weiß, was nach der Gesetzesänderung an seine Stelle treten soll.

Weder Loewenheim noch Vorstandsmitglieder noch Mitglieder aus mehreren Berufsgruppen und Berufsverbänden vermochten den gebetsmühlenartig ein Skandalon beschwörenden Freischreibern die Harmlosigkeit der wertlos gewordenen Zeilen zu vermitteln. So schien es jedenfalls. Unterdessen verließen weitere Kollegen aus allen Gruppen ermattet – vielleicht auch der völlig unproduktiven Filibusterei überdrüssig – den Saal.

Um dem vermeintlichen Skandal doch noch etwas Gewicht zu verleihen, erklärte ein Freischreiber (ich habe vergessen oder verdrängt, wer es war) die Bequemlichkeit der Bewertungskommission zum politischen Signal der VG Wort, gemeint: ihres Vorstandes und Verwaltungsrats, für eine Rückkehr zum status quo ante. Ja, da blitzte es wieder auf, das beliebte Klischee von den „verlegerfreundlichen Autoren“ (freundlich für: Verräterbande), die nichts anderes umtreibt als die Frage, wie sie ihren armen Urheberkollegen künftig wieder 30 oder 50 Prozent ihrer Tantiemen abknöpfen und den Verlegern in den gierigen Schlund werfen können. So ungefähr scheinen wir jedenfalls wahrgenommen zu werden, wenn man liest, mit welcher Empörungswucht manche Kollegen uns Ehrenamtliche in den Sozialmedien zur Schnecke machen.

Als letzter Gegenredner versuchte der Berliner Schriftsteller und Journalist Jens Jo(hannes) Kramer sinngemäß klarzustellen: Echte politische Signale geben Autorenverbände auf offener Berliner Politikbühne ab, wo über das Urhebervertragsrecht gestritten wird, nicht im Künstlerhaus bei der Satzungsdebatte eines Vereins. Jo sprach in den Wind. Argumente nützen nur, wo ein offener Diskurs geführt wird, aber nicht dort, wo die Gegenseite unbeirrbar eine ganz eigene Strategie verfolgt.

Leider haben wir alle zu spät kapiert, welches Spiel mit uns gespielt wurde. Die Freischreiber sind ein kleiner Berufsverband, der keine Verbündeten hat, sondern Konfrontation gegenüber allen anderen Autorenverbänden nicht nur sucht, sondern geradezu zu seinem Markenkern erhoben hat. Deshalb ist ihre Waffe nicht die Aggregation von Mehrheiten, sondern die Organisation von Sperrminoritäten. Die erreicht man bei der VG Wort, wenn man gut halb so viele Kollegen zusammentrommelt wie die anderen. Das war ihnen heute zunächst nicht gelungen. Wie aus dem parlamentarischen Alltag bekannt, kann man jedoch mit gutem Sitzfleisch taktische Erfolge erzielen, indem man anwesend ist, wenn es die anderen nicht mehr auf ihren Stühlen hält. Als der kleine Zeiger Richtung vier vorrückte, war erkennbar, dass ohne Stimmen aus dem Freischreiber-Lager keine Zweidrittelmehrheit mehr zustande kommen würde.

Zu diesem Zeitpunkt loszuschlagen, war schlau, wenn es denn schlau ist, weit hinten in der Tagesordnung nach Angriffsflächen zu suchen, an denen man früher oder später den Hebel ansetzen kann – schieres Ausharren als Methode, den Gegner kalt zu erwischen.

Jetzt können sich die Freischreiber auf die Fahnen schreiben, dass sie dem großen bösen Löwen(heim) gezeigt haben, dass sie die schärferen Zähne haben. Zerfleischt haben sie den vorläufigen Verteilungsplan, so dass die VG Wort ab Januar monatelang im rechtsfreien Raum operieren muss, sofern nicht das Deutsche Patent- und Markenamt als Aufsichtsbehörde die Zustimmung der Mitgliederversammlung durch staatsaufsichtliche Weisung ersetzt – so lautet eine Spekulation, die nach der Sitzung die Runde machte und deren Plausibilität ich als Nichtjurist nicht einschätzen kann. Sollte es so kommen, hätten die Freischreiber nicht nur den demokratischen Souverän (die Mitgliederversammlung) düpiert. Sie hätten unter der Flagge der Demokratisierung die Zwangsverwaltung durch eine Behörde herbeigeführt. Klasse!

Wie gesagt: Ich hatte nichts Gutes erwartet, nicht nach dem, was ich im letzten halben Jahr alles miterleben musste. Mich deprimiert nur eines – dass einige Kolleginnen und Kollegen, die ich als Profis und wirklich kluge Leute kennengelernt habe, bei diesem destruktiven, diesem disruptiven Spiel mitmachen. Ein Verein von Urhebern, der die Arbeitsfähigkeit und mittelfristig die Existenz der Verwertungsgesellschaften aufs Spiel setzt, nur um von Verlegern sowie von konkurrierenden Berufsverbänden endlich als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen zu werden, handelt verantwortungslos und gegen die Interessen der eigenen Mitglieder.

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5 Gedanken zu „Der Anti-Berufsverband

  1. Das Podium der MV ist nicht gerade ansprechend. Allein der geschäftsführende Vorstand Staats sticht positiv hervor durch seine sachlichen und geduldigen Erklärungen.

  2. Sorry Ulf, Deine Verschwörungstheorie von den bösen Freischreibern, die zum Zwecke der Sabotage im Saal ausharrten, um Verlegern, VG Wort Vorstand und Verwaltungsrat eins auszuwischen, geht an der Sache völlig vorbei. Vielmehr würde ich die Verantwortlichen der VG Wort mal fragen, warum Sie eine anscheinend so wichtige Abstimmung an den Schluss der Tagesordnung gesetzt haben und, wie ich aus zahlreichen Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen entnehmen konnte, den Sachverhalt nicht hinreichend erklärt haben. Schon akustisch waren die Erläuterungen von Herrn Löwenheim schwer zu verstehen. Ich habe nochmal nachgefragt und statt einer für mich dann verständlichen Erklärung Unmutsäußerungen aus dem Publikum geerntet.
    Ich bin Mitglied der Freischreiber und habe hier für die Vorlage des VG Wort-Vorstands zur Anpassung der Regelungen an die kommende Rechtlage gestimmt. Mich trifft Deine Kritik also gar nicht. Dennoch hätten Vorstand und Verwaltungsrat den Eklat leicht verhindern können, wenn sie 1: Ihr Anliegen besser erklärt hätten und 2. die alten Verteilungsschlüssel mit den Verlegeranteilen einfach aus ihrem Entwurf herausgenommen hätten. Neue Verteilungsregelungen werden doch ohnehin frühestens im März 2017 nach der dann geltenden Gesetzeslage beschlossen.
    Da liegt der Fehler also nicht bei den Freischreibern (von denen es auch solche und solche gibt).
    Die Gründe für solche manchmal widersinnigen Abstimmungsergebnisse liegen in der Struktur der VG Wort. Für jeden Entscheidung auf einer MV braucht man die Mehrheit in allen 6 (!) Berufsgruppen. Ein weder effektives noch demokratisches Verfahren. Schafft diesen Berufsgruppenzirkus ab und lasst die Mitglieder wie in jedem anderen Verein auch per Abstimmung entscheiden. Dann habt Ihr nicht mehr das Problem, dass eine kleine Minderheit den ganzen Laden blockieren kann. Zum Schutz der Minderheiten kann man, wie in anderen Vereinen und Organisationen auch, für wichtige Entscheidungen eine 2/3 oder 3/4-Mehrheit in der Satzung festschreiben.

    • Lieber Robert,
      Verschwörungstheoretiker sehe ich eher dort am Werk, wo der VG Wort unterstellt wird, sie wolle politische Signale nach Berlin senden, indem sie ein paar Verteilungsplan-Paragrafen, die erkennbar Makulatur sind, als Platzhalter stehen lässt.
      Die Tagesordnung haben wir in dieser Form abgesegnet, weil der erkennbar strittige Tagesordnungspunkt (anonymisierte Abtretungsoption mit Verrechnungsmodell) ganz oben stand und stehen musste. Die Änderungen von Satzung und Verteilungsplan zwecks Einarbeitung der VGG-Vorgaben waren gleich dringlich, gleich zeitfressend und gleichermaßen arm an bekannten Streitpunkten. Ob wir ohne Satzung oder ohne Verteilungsplan nach Hause gegangen wären, hätte sich nicht viel getan. Beide Fälle wären darauf hinausgelaufen, dass der VG Wort rechtliche Grundlagen für die Arbeit fehlen. Die Satzung war aus einem Grund ein wenig wichtiger als der Verteilungsplan: Sie ist Basis für die Mitgliederversammlungen. Deshalb musste sie Vorrang vor dem VP haben.
      Eine andere Reihenfolge auf der Tagesordnung war also faktisch nicht machbar.
      Was Deine Probleme mit Loewenheim und der Akustik angeht: Nicht nur ich ganz vorn konnte ihn gut verstehen, auch Kollegen weit hinten im Saal. Wieso Du, der Du ja dazwischen gesessen hast, ihn nicht gut verstanden hast, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hängt das mit der Ausrichtung der Lautsprecherboxen zusammen, oder Deine Nachbarn haben getuschelt, keine Ahnung. Das andere Teilnehmer genervt auf Deine Frage reagierten, könnte daher kommen, dass sie dachten, du hättest nicht begriffen, was Du nur akustisch nicht verstanden hattest.
      Zur Frage, ob oder wie wir den Eklat hätten verhindern können: Das Anliegen war, das VGG umzusetzen, und es wurde erklärt. Ob man aus einem Verteilungsplan „einfach“ die Verteilungsschlüssel herausnehmen kann, wage ich zu bezweifeln. „Lorem ispum dolor sit amet consectetuer“ als Platzhalter hinzuschreiben, wäre keine Alternative gewesen. Also hätte man sich irgendetwas anderes Sinnloses ausdenken müssen, das erstens keinen Schaden anrichtet und zweitens keine (naturgemäß sinnlosen) Fragen nach dem Warum aufwirft: „Warum schreibt Ihr da etwas hin, wenn es keine Bedeutung hat?“ Die Bewertungskommission war der Ansicht, dass Bestimmungen, die unstreitig außer Kraft sind, nicht vorläufig durch Blindtext ersetzt werden müssen.

      Einig bin ich mit mir Dir, dass es solche und solche Freischreiber gibt, zum Glück bist Du ein solcher. 😉
      Als Solcher darfst Du natürlich gerne Vorschläge machen, wie man das Abstimmungsverfahren reformieren kann, eingedenk der Tatsache, dass die Reform innerhalb des bestehenden Abstimmungsverfahrens eine Mehrheit finden muss, um in die Satzung aufgenommen zu werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Berufsverband gibt, der ungern auf die Möglichkeit verzichten würde, mit Sperrminoritäten in seiner Berufsgruppe „Erfolge“ im Kampf gegen den Scandal du jour zu erzielen.

  3. Wenn der uralte VG Wort-Vorstand auf lebendigere und mitreißendere Art erklärt hätte, wie gefährlich es ist, wenn viele Miglieder sich aus weiteren Abstimmungen zurückziehen und wenn man solche Themen weniger schwerfällig aufbereitet hätte, wäre es evtl. nicht zu diesem Dilemma gekommen. Aber der Verwaltungsrst hat mit der Verhinderung der Wahl eines neuen ehrenamtlichen Vorstands leider auch gezeigt, dass kein großes Interesse für Dynamik und Erneuerung besteht. Das ist äußerst enttäuschend. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn eine kleine Gruppe von Journalisten ihre Macht ausspielt und damit das ganze System lächerlich macht.

    • Richtig ist, dass die drei ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder im Rentenalter sind. Auf wen von ihnen die Vorsilbe „ur“ zutrifft, mögen die Mitglieder je nach eigenem Alter und eigener Wahrnehmung unterschiedlich beurteilen. Die beiden Hauptamtlichen im Vorstand sind jünger als ich, also keinesfalls uralt. 😉
      Es ist außerdem richtig, dass in der Schriftsteller-Berufsgruppe (1) jemand aus meiner Generation bereitstand, sich in den Vorstand wählen zu lassen. Aber nicht der (also der ganze) Verwaltungsrat hat die Wahl dieser Person „verhindert“ (was schon deswegen unsinnig wäre, weil der VR den Vorstand wählt; er wählt halt jemanden oder er wählt ihn nicht). Die BG 1 hat am Vorabend ausgiebig über die Wahl diskutiert, und das Ergebnis der Aussprache war, dass es nur einen Kandidaten für das Amt gab. Wir können schlecht jemanden wählen, der nicht kandidiert.
      Womöglich liegt hier aber auch eine Verwechslung zweier Ämter bzw. zweier älterer Herren vor. Der gestrige Tagungspräsident ist nicht Mitglied des Vorstands, sondern Vorsitzender des Verwaltungsrats, und dem obliegt die Tagungsleitung qua Amt.

      Zum Thema „Interesse an Dynamik und Erneuerung“: Jedes Pauschalurteil wäre hier unfair, vor allem, weil die Jungen und Dynamischen des 21. Jahrhunderts bisher wenig Interesse an Posten in der VG Wort gezeigt haben. Das war auch noch 2015 bei den letzten Gremienwahlen so. Mit 58 Jahren gehöre ich auf der Autorenseite nur deshalb nicht mehr zu den Jüngsten, weil uns seit vorigem Jahr Nina George in der BG 1 zur Seite steht, die 15 Jahre jünger ist. Ich persönlich fände es völlig normal und passend, wenn ich als alter Sack wahrgenommen würde. Wir hätten aber (Vorsicht, billiges Wortspiel) in den letzten Jahren richtig alt ausgesehen, wenn die ergrauten Ex-Jungdynamiker mit ihrer immensen Erfahrung sich aufs Altenteil zurückgezogen hätten. Was die VG Wort bräuchte, wäre eine gesunde Mischung der Generationen, denn es gibt nichts Verrückteres als Erneuerung oder Verjüngung ohne die Jungen. Also vormerken: Die nächsten Wahlen stehen 2019 an. Wer eine Verjüngung will, sollte sich überlegen, selbst anzutreten (wenn er denn noch jung genug ist).

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