Seniorenteller statt Jumboplatte


Moderne PC-Speicher schlucken mehr Daten, als unser Gehirn sich vorstellen kann.

Lange bevor meine Kinder ahnten, dass sie 2010 als „Digital Natives“ gelten würden, als Eingeborene des virtuellen Landes Digitalien, haben wir zusammen im Bilderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ geblättert. Die verschlingt regelrecht die Seiten, aufdie sie gedruckt ist, und verdrückt im Verlaufe ihrer Fressorgie ein Vielfaches dessen, was Erwachsene einem so kleinen Wesen zutrauen würden.

Dieses antiquarische Bücherwürmchen kam mir in den Sinn, als ich mich neulich mal wieder mit meiner Datensicherung herumplagen musste: Sind sie nicht auch klein und enorm gefräßig, diese Festplatten, die uns heute von den Media-Märkten nachgeschmissen werden? Haben sie nicht, um im Bilderbuch zu bleiben, den Magen eines Elefanten im Körper einer Mücke? Fehlt uns digitalen Immigranten, die als Halbwüchsige die Geburt der 360-Kilobyte-Floppy-Disk miterlebten, nicht auch jegliches Vorstellungsvermögen dafür, wie diese modernen Daten-Fressmaschinen den immensen Input verdauen?

Würde ich meinen Rechner nur als Schreibmaschine verwenden, müsste ich 62,5 Millionen Kolumnen verfassen, bevor mir auf einem handelsüblichen Ein-Terabyte-Speicher allmählich der Platz ausginge. Selbst wenn ich täglich eine Froitzelei bloggte, bräuchte ich erst in 117.115 Jahren und knapp acht Monaten anzufangen, die ältesten Texte zu löschen. Da diese schöne Aussicht weder zu meiner Lebenserwartung noch zu der meiner Festplatte passt, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, um die Hardware auszulasten, am besten etwas Audiovisuelles. Leider bin ich als Filmemacher völlig talentfrei. Bleiben nur Fotos oder Musik. Um mein Terabyte zu füllen – und mich so vielleicht fürs Guinness-Buch der Rekorde zu qualifizieren –genügen davon schon 200.000 Stück: Wetten, dass ich länger als ein Jahr Musik spielen kann, ohne dass sich ein Titel wiederholt? Oder wie wäre es mit einer einwöchigen Nonstop-Diaschau, bei der kein Foto zweimal zu sehen ist?

Der Haken an solchen Multimedia-Materialschlachten ist weniger die Wiedergabe als die Aufnahme. Selbermachen ist nicht drin: In 30 Jahren haben sich gerade mal 25.000 Bilder angesammelt, und schon beim Einscannen dieser 150 Diamagazine und Kilos von Negativen wird man alt und grau. Alte Vinylplatten und Kassetten zu digitalisieren ist auch nicht besser. Also her mit der fetten mobilen Festplatte, die mir ein befreundeter Musikfreak neulich angeboten hat: „Schau doch erst mal, ob die Songs bei mir nicht schon drauf sind!“ Probiert, kopiert, storniert. Das Ende vom Lied sind nämlich – neben ein paar Raritäten, die man für Geld nicht kaufen kann – Hits in vier Versionen in fünf Klangqualitäten unter sechs Dateinamen sowie ein Riesenrepertoire an kakophonischen Werken und missglückten Radiomitschnitten.

Ich könnte das Projekt in den Ruhestand vertagen. Bis dahin aber fassen Festplatten Petabytes: 200 Millionen Lieder, genug für 1000 Jahre. Solche Ausdauer hat keine Guinness-Jury. Im Übrigen sehe ich schon heute bei meinem Schwiegervater, was man als Rentner mit moderner Technik so alles mitmacht. Der alte Herr experimentiert gern mit Foto-Verbesserungssoftware, aber natürlich nicht mit den Originaldateien, sondern nur mit Kopien – und manchmal vergisst er, dass er längst welche gemacht hat. Weil sein Computer auch automatisch Backups speichert, kommen mit der Zeit eklatante Datenvorräte zusammen, die nur noch ein echter Digital Native in mühevoller Kleinarbeit ausmisten kann. Um tagelang dazusitzen und völlig identische Doubletten, Tripletten und Quadrupletten in den digitalen Papierkorb zu sortieren, reichen freilich mickrige 120 Gigabyte allemal.

Was lernen wir nimmersatten Computeristen daraus? Voll kriegt man den Speicher nur durch Redundanz. Beim nächsten PC ordern wir nicht mehr die opulente All-U-Can-Eat-Fest-Platte, sondern ganz bescheiden den Kinder- oder Seniorenteller.

ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, hat derzeit 86 Gigabyte an Daten plus Software auf seinem Notebook.

Aus der Technology Review 2/2010, Kolumne FROITZELEIEN

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