Die Patientin isst nichts. Oder doch?

Sommer 2014, eine Reha-Klinik im Sauerland, Teil eines bedeutenden Konzerns der Krankheitsbewirtschaftungsindustrie mit altgriechisch und lateinisch anmutenden Firmennamen. Eine alte Dame wird eingewiesen, postoperatives Durchgangssyndrom nach einem Sturz im Altenheim mit Kopfverletzung. Mit anderen Worten: Die Patientin hat wahrscheinlich noch die meisten Tassen im Schrank, ist aber zumindest für einige Wochen nicht in der Lage, sie der Reihe nach zu gebrauchen.

Aufgabe der Klinik ist die neurologische Frührehabilitation. Eine Frau Mitte 80, die dank fähiger Intensivmediziner noch am Leben ist, aber vorerst nicht begreift, wo sie ist oder wie spät es ist, muss man sich vorstellen wie ein ängstliches, mit der Wahrnehmung seiner Umwelt überfordertes kleines Kind, dem Erinnerungen aus acht Jahrzehnten im Kopf herumspuken – Erinnerungen, die diese kindliche Greisin nicht sortieren kann. Sie weiß noch, dass Tassen und Becher zum Trinken da sind und wie man sie in etwa handhaben muss, um nichts zu verschütten. Sie weiß aber nicht, dass sie sechs oder sieben Becher am Tag leertrinken muss. Sie weiß schon gar nicht, dass vor allem das Gehirn viel Flüssigkeit braucht, um sich einigermaßen zu regenerieren. „Die Patientin isst nichts. Oder doch?“ weiterlesen

Die Strichcode-Verschwörung

Was manche Menschen der Naturwissenschaft zutrauen, ist schon verblüffend. Erklärungen stören da nur.

Neulich, an einem sonnigen Frühlingssamstag, hatte ich in Garmisch zu tun. Ich wählte den kürzesten Weg, eine landschaftlich reizvolle Strecke. Früher genoss dort der eine oder andere Sonntagsfahrer bei Tempo 60 die Aussicht, ein paar Bauern tuckerten auf dem Trecker. Sicher und legal zu überholen war kein Problem. Jetzt ist es eines. Total egal, welche schwarze Zahl im roten Kreis steht: Jeder zweite Pkw-Lenker fährt penibel fünf Prozent langsamer als der klassische deutsche Verkehrserzieher. Sind 80 erlaubt, arretieren diese Zeitgenossen den Tempomaten bei exakt 76.

Während ich sinniere, ob ich lieber Raserpunkte in Flensburg riskiere oder eine Frontalkollision mit einem Wagen, dessen Fahrer zu Beginn meines Überholvorgangs noch gemütlich am Frühstückstisch saß, bleibt mein Blick am Navi hängen. „Die Strichcode-Verschwörung“ weiterlesen

BJV 2014: „BJFrau“ und das eigentliche Problem dahinter

Der Bayerische Journalisten-Verband hat bereits einen sehr großen Landesvorstand. Der wird jetzt – trotz kräftig sinkender Mitgliederzahl – noch größer. Statt 26 sitzen künftig 27 Menschen im Konferenzsaal in der St.-Martin-Straße in Giesing beieinander. Damit haben wir nun drei Entscheider mehr als der DJV-Gesamtvorstand mit seinen 24 Stimmberechtigten und vier mehr als der Verwaltungsrat der VG Wort, der nicht über ein Budget von 2,4 Millionen Euro, sondern eines von mehr als 100 Millionen Euro wacht. Immerhin sind wir von Düsseldorfer Verhältnissen weit entfernt: In den vierteljährlichen Gesamtvorstandssitzungen unserer Kollegen in NRW haben 39 Funktionäre volle und weitere 22 beratende Stimme.

Gelegenheiten, aneinander vorbeizureden und sich über echte oder vermeintliche Partikularinteressen in die Wolle zu kriegen, gab es in München jedenfalls schon bisher mehr, als dem Verband gut tat. Was Unternehmen längst begriffen haben, ignorieren wir geflissentlich: Je mehr Interessenvertreter mit unterschiedlichen Agenden in einer Runde sitzen, desto mehr leidet die Produktivität der Vorstandsarbeit. Wir haben dennoch am Samstag die Erweiterung beschlossen – mit überwältigender Mehrheit, um des lieben Friedens willen. Wir schaffen aber nur deshalb neue Pöstchen, weil wir keinen echten Umbau hinkriegen. Man kann das für absurd halten, für masochistisch oder nachgerade schizophren… tja, so sind wir wohl.

Immerhin haben wir auch für einen trostpflaströsen Versuch gestimmt, wenn schon nicht die Effizienz, so doch wenigstens den Output der Gremienarbeit zu steigern. Ab nächstem Jahr muss der Vorstand uns Mitgliedern jeweils im Mai ein Arbeitsprogramm vorlegen, dessen Umsetzung wir dank unserer Eigenschaft als Oberster Souverän dann wiederum ebendiesen Vorstandsmitgliedern (als Vertreter der von ihnen geleiteten Untergremien) aufs Auge drücken dürfen. „BJV 2014: „BJFrau“ und das eigentliche Problem dahinter“ weiterlesen

Rübenreporter

Kraut & Rüben ist eine Zeitschrift für Hobby-Biogärtner. Aber dort arbeiten die Krautreporter nicht, über die in diesen Tagen viel zu lesen ist. Der erste, ältere Markenname ist witzig, der zweite, neuere nur albern und damit für ein ambitioniertes Projekt eher unpassend. „Krautreporter“ ist die Sorte Kantinenkalauer, die man besser nicht an die Öffentlichkeit lässt. Schließlich handelt es sich um die Homophonie eines Ausdrucks, der seinerseits ungelenk, ja schlichtweg irreführend und – schlimmer noch – immanent abwertend bis beleidigend für die Zielgruppe ist: „Crowd Reporter.“ Eine Crowd ist eine Horde beliebiger Menschen, bei der das Individuum irrelevant ist. Tja, schon seltsam, dass sich ein so verächtlicher Terminus im Englischen durchgesetzt hat – siehe Crowd Sourcing und Crowd Funding. Sich zur Crowd zu zählen, ist in etwa so, als würde ein Journalist sich „Schreiberling“ nennen, zur „Journaille“ zählen und „Content“ produzieren.

Überdies bezieht sich der an die „Krauts“ erinnernde englische Ausdruck nicht einmal auf die Reporter, sondern auf die Art, wie sie das Geld auftreiben, von dem sie beim Reportieren leben. Die diffuse Masse ist also gerade gut genug als Sponsorenheer für den Journalismus, soll ihn aber bitte nicht selbst betreiben, wie das bei den Leserreportern der Bild-Zeitung der Fall ist?

Nein, es ist nicht lustig, wenn Reporter in einem Atemzug sich selbst und ihre Leser mit dem Klischee des Sauerkraut mampfenden Wehrmachtsinfanteristen identifizieren. Was beim „Krautrock“ noch originell und selbstironisch war, ist vierzig Jahre später nur noch peinlich.

Deshalb ist es wirklich schade, dass die Kollegen, die bei dem Projekt des notorisch umtriebigen Sebastian Esser mitmachen, kein Veto gegen den unsäglichen Namen eingelegt haben – „Rübenreporter“ weiterlesen

Die Rache der Kundenkarte

Punktesammeln wird immer komplizierter. Höchste Zeit für eine Anti-Rabattfallen-App!

Es lässt sich nicht leugnen, wie sehr der technische Fortschritt seit meiner prädigitalen Jugend unser aller Leben verbessert hat. Die Prilblumenära hatte aber auch ihren Reiz. Nach Schulschluss zog es mich in ein kleines Kaufhaus. An der Stirnseite eines Regals waren Taschenrechner montiert, an denen wir Jungs unbehelligt herumspielen konnten: 2451,105 x 3 = (Moment, Gerät umdrehen!) SIE‘ESEL. Für ein Modell mit Wurzel und Speicher langte das Taschengeld nicht.

 

Zum Glück gab es im Supermarkt noch Rabattmarken, die analogen Urahnen heutiger Kundenbindungsprogramme. Ich hatte einen Deal mit meiner Oma: Ging ich für sie einkaufen, durfte ich die Marken behalten. Nach 50 Mark Umsatz war die Sammelkarte voll; die Kassiererin gab mir einsfuffzich in bar. So finanzierte ich meine frühen Hightech-Investments. „Die Rache der Kundenkarte“ weiterlesen