Leute, ich finde es beschämend, dass meine lieben Kollegen von der Nachrichtensparte heute morgen nichts Besseres zu tun hatten, als ihr Nichtwissen über das, was in Sydney passiert, in aufgeregte Meldungen zu pressen. Ich habe selten so unprofessionelle Arbeit erlebt wie in den Frühnachrichten im Bayerischen Rundfunk. Bekannt war lediglich, dass ein einzelner Täter Geiseln genommen hat und das irgendeinen arabischen oder vielleicht islam/ist/ischen Hintergrund haben soll; außerdem waren mehrere Geiseln freigekommen, nur gab es von denen und über sie nullkommanull Infos. (Und bei den Kollegen einen Reflex, ungeachtet der Recherchelage berichten zu müssen.)
Das ist, sorry, erst mal etwas für die Lokalnachrichten in Sydney. Es hat keinerlei globale Relevanz, es sei denn, man will partout die allgegenwärtige Gefahr beschwören, die die Gegenwart von Muslimen in einem christlichen Land angeblich mit sich bringt. Wenn man den Pegidisten (Pegidioten?) und Brandstiftern Rechtfertigungen für ihr Tun liefern und ihnen Zulauf verschaffen will, muss man es genau so anstellen. Eine mediale Deeskalation wäre geboten. Man kann erst mal abwarten, ob etwas Schlimmes passiert oder ob das ein durchgeknallter Einzelgänger ist und ob die örtliche Polizei mit ihm fertig wird. Statt dessen benehmen sich vermeintlich gestandene Nachrichtenleute wie aufgescheuchte Hühner.
Über das, was in Westafrika los ist, habe ich übrigens nichts gehört. Da sind Täter am Werk, die sich mit Geiselnahmen nicht aufhalten, sondern gleich morden. Aber mental ist Nigeria ja weiter weg als Australien.
Management by helicopter
Heute zitiere ich ausnahmsweise mal die „Bild“, denn Nachrichten wie diese gehören einfach auf den Boulevard.
„Ich habe in den Jahren bei Arcandor 200 von 625 Flügen selbst bezahlt und dafür rund 2,5 Millionen Euro aufgewendet. Ich kenne keinen Vorstandschef, der sich in diesem Umfang privat an Kosten beteiligt hat. Schon das widerlegt das Bild der Staatsanwaltschaft, dass ich systematisch in die Kassen des Unternehmens gegriffen hätte.“
Na gut, dann hat er halt ohne System hineingelangt. Aber wo er Recht hat, hat er Recht: Auch ich kenne keinen anderen angestellten Topmanager, der so gerne fliegt, dass er am Freitagabend von den ganzen Geschäftsflügen noch immer nicht genug hat, sondern in seiner kargen (?) Freizeit noch mal fast die Hälfte zusätzlich um die Welt düst und dafür in weniger als fünf Jahren den Inhalt eines mittelgroßen Lotto-Jackpots raushaut.
Ich kenne auch keinen Boss diesseits von Wall Street, dem ich es zutrauen würde, in vier Jahren und acht Monaten hochgerechnet 7,8 Millionen Euro zu verfliegen. Ich kenne keinen, der sich nicht schämen würde, wenn herauskäme, dass er durchschnittlich 12500 Euro pro Flug verjubelt, während seine Läden vergammeln und die Verkäuferinnen um ihre Jobs bangen, weil kein Geld für Investitionen übrig ist. Ich will solche Leute auch gar nicht kennen. Ich weiß nur: Die gehören nicht in den Knast, die gehören in die Therapie.
Verschwendungssucht ist eine Krankheit, und wer unter ihr leidet, braucht eine Entziehungskur – am besten, wenn es so etwas gäbe, in einer Geldentziehungsanstalt. Nach der obligatorischen Eingangsenteignung müsste der Patient von früh bis spät schuften. Sobald man ihm den Lohn ausbezahlt hätte, käme ein Beamter und knöpfte es ihm wieder ab. Eines Tages dürfte er jeden Abend einen Cent behalten, ein paar Monate später ein Zehnerl, nach einem Jahr einen Euro. Auf Bewährung. Nach zwei Jahren käme er in den Genuss des Hartz-Regelsatzes, müsste davon der Klinik aber Kost und Logis bezahlen. Nach der Entlassung aus seiner dreijährigen Kur wüsste er mit Geld vermutlich besser, sprich: verantwortungsbewusster umzugehen als ein Arcandor-Chef.
Leider hat unser Strafrecht nur Gefängnisse zu bieten, und was die zur Resozialisierung abgehobener Überflieger beitragen können oder nicht, kann das Volk in Landsberg am Beispiel eines bekannten fränkischen Wurstfabrikanten studieren.
Zweimal bin ich Thomas Middelhoff begegnet – einmal in den Neunzigern, als er bei Bertelsmann als Rechte Hand von Mark Wössner jobbte. „Big T“ hielt auf einem Medienkongress in Nürnberg einen derart hölzernen Vortrag, als hätten die Mohns den Etat für Rhetorikseminare gestrichen. Ich war schwer unterwältigt. Als ich ihm das zweite Mal begegnete, war er quasi mein Oberboß. Das war in Köln, bei der G+J Wirtschaftspresse. Wössner-Nachfolger Middelhoff ließ sich mit der Belegschaft ablichten – grinsend mit einer „BIZZ“-Schirmmütze auf dem Kopf. Einige Wochen später fiel BIZZ einer Sparrunde zum Opfer.
Heute frage ich mich unwillkürlich, welches Spesenbudget ihm zu seiner Bertelsmann-Zeit zur Verfügung stand. Es wäre vermutlich eine hübsche Kabarettnummer gewesen, seine Ticketkosten den typisch Grunerschen Sparkonzepten à la „CAP“ („Costs and Processes“) gegenüberzustellen, in denen nicht nur geregelt wurde, dass statt 0,2-Liter-Wasserflaschen die vom Literpreis her günstigeren 0,7-Liter-Flaschen zu ordern seien, sondern auch lustige Reiseregeln: Eines Tages wurde die Fahrtkostenpauschale ab dem 201. Kilometer von 30 auf 15 Cent gaCAPt. Schon früher hatte ich Ärger bekommen, weil ich mich erdreistet hatte, als freier Mitarbeiter einen Vectra zu mieten, der nach dem Sixt-Großkundentarif elf Mark pro Tag teurer war als ein Golf. Diese Klasse stehe nur Ressortleitern zu.
Zurück zu Big T. Der hätte nach seinem Wechsel von Bertelsmann (wo er mit mehr Glück als Verstand sein toxisches Fehlinvestment in AOL noch rechtzeitig mit Gewinn weiterverscherbeln konnte) zu Karstadt eigentlich merken müssen, dass in Essen nicht so viel Kapital herumlag wie in Gütersloh. Und dass auch diese Firma ihm nicht gehörte. Wie schreibt die Bild so unnachahmlich:
„Es ging aber auch um vergleichsweise billige Hubschrauberflüge zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Arcandor-Zentrale in Essen zum Stückpreis von etwas mehr als 3000 Euro, mit denen Middelhoff auf dem Weg zur Arbeit dem Stau am Kamener Kreuz entgehen wollte.“
Das kann nur ein Scherz sein, Foodwatch
Kaum lobt man mal Foodwatch (kürzlich auf Twitter), schon bereut man es wieder. Da gräbt der Verein doch anlässlich der neuen Lebensmittel-Kennzeichnungsvorschriften, die „nur ein Scherz“ sein könnten, wieder die zu Recht gefloppte Ampel-Idee aus.
Nein, die Leute sollen schon lesen, was sie essen. Was nützt es, wenn auf mit Nutrasweet gesüßter Cola eine grüne Zuckerampel prangt? Das mag gegen Karies helfen, aber nicht gegen Fehlernährung im allgemeinen und Adipositas im besonderen. Ampel heißt: Irgendeine Behörde entscheidet, was gut für mich ist, indem sie einen Grenzwert festlegt, wieviel Prozent Zucker, Fett oder Salz ein Produkt enthalten darf, um noch Grün oder Gelb zu bekommen. Das Prinzip funktioniert aber schon bei Proteinen nicht mehr. Man möchte vielleicht eine eiweißreichere Kost, dann hieße aber grün viel und rot wenig. Das ergibt keinen Sinn, weil das kleine Bisschen Eiweiß immer noch das Beste an einem süßfetten Snack wäre. Schon gar nicht ließe sich abbilden, dass Proteine nicht gleich Proteine sind: Quark, Eier und Schweinebraten kann man nun wirklich nicht gleichsetzen.
Was mit einer Ampelregelung käme, kann man sich leicht ausmalen, wenn man gesehen hat, wie derzeit der Laktoseundglutenfreiwahnsinn um sich greift. Sogar bei Schinken und veganer Gemüsepaste, die beide von Haus aus weder Milchzucker noch Weizenbestandteile enthalten, wird inzwischen diese nicht erwähnenswerte Eigenschaft beworben. Ein Signal auf der Packung, das suggeriert, man kaufe etwas Gesundheitsförderndes, scheint demnach auf einkaufendes Dummvolk zu wirken. Man weiß nicht, was Gluten überhaupt ist, will aber auf Nr. sicher gehen. Daher wäre eine Fett-Ampel nur Verkaufsförderung für Halbfettmargarine (gelb) statt Butter (rot) oder für nach allen Regeln der lebensmittelchemischen Kunst stabilisierte weiße Schaumcreme aus der Sprühdose (grün) statt Schlagsahne (gelb). Natürlich käme es noch darauf an, welche Bestandteile bei welchen Lebensmitteln zwangsgeampelt würden und bei welchen eine Kennzeichnung fakultativ oder gar untersagt wäre. Die Industrie könnte sonst beispielsweise auf Marmeladenetiketten eine grüne Salz- sowie Fettampel drucken, um der abschreckend roten, aber nutzlosen Zuckerampel etwas von ihrer Bedrohlichkeit zu nehmen.
Selbst wenn man annimmt, dass sich renommierte Markenhersteller für solche Mätzchen dann doch zu schade wären, bleibt das Problem, dass Ampeln nur die Denkfaulen ansprechen würden: Wer sich wirklich bewusst ernähren will, muss lesen, was drin ist. Wer nach der Ampel kauft, spart sich das Lesen der Details – und wird damit ein bequemes Opfer der Marketingfritzen, die von den Lebensmittelchemikern verlangen werden, halt irgendwelche Produkte ohne „Rot“ zu designen.
Lasst sie frieren, sind doch bloß Flüchtlinge!
Ich habe SO einen Hals… Nein, erzählt mir nichts mehr von bürgerschaftlichem Engagement oder christlicher Nächstenliebe! Das Thema, über das wir reden müssen, heißt Ignoranz und Bürokratismus. Ignoranter Bürokratismus, bürokratistische Ignorantokratie… egal.
Also: Heute früh berichtet Bayern2 in der Radiowelt, dass die großartige, wohlhabende Landeshauptstadt München es nicht geschafft hat, die jetzt noch eintreffenden Flüchtlinge besser unterzubringen als in Sommerlager-Zelten am Kapuzinerhölzl – und dass es dort nur dünne Bettdecken vom Katastrophenschutz gebe und es an Kissen mangele. Dem könnte ich zumindest für ein paar Menschen abhelfen, denn bei uns lagern noch einige toll erhaltene Federbetten und Kopfkissen aus einer Haushaltsauflösung.
Aber ich kann die Sachen nicht spenden. Ich werde sie nicht los.
1. Versuch, Anruf bei der Stadt München. Die Telefonistin verbindet mich nach längerer Stöberei im Intranet mit dem Anrufbeantworter einer Dienststelle, die – wie sich herausstellt – in Wirklichkeit für Spenden durch Firmen zuständig ist.
2. Versuch, Anruf beim BR. Die zuständige Kirchenfunk-Redaktion notiert eine Rückrufbitte, denn der Redakteur ist nicht da.
3. Versuch, da der Redakteur nicht zurückruft: Erneuter Anruf bei der LH München, Abt. Buchbinderei Wanninger. Am Ende lande ich bei einem freundlichen Herrn, der mir erklärt, er verstehe es auch nicht, warum das alles so schwierig ist, aber es komme immer wieder vor, dass man Spenden nicht loswerde, weil wegen irgendwelcher Vorschriften die Annahme verweigert werde. Also hat es keinen Sinn, einfach auf Verdacht hinzufahren und das Bettzeug persönlich zu übergeben. Der nette Herr verhilft mir aber zur Telefonnummer der Helfer in der Bayern-Kaserne, die aus den Nähten platzt und deshalb schon Hunderte Menschen ins Zeltlager weiterschicken musste.
4. Versuch: In der Kaserne freut man sich über das Hilfsangebot, kann es aber nicht annehmen, sondern verweist mich an ein Sozialkaufhaus namens Diakonia.
5. Versuch: Bei Diakonia geht nur der Anrufbeantworter dran, weil alle Leitungen besetzt seien, und verweist auf die Homepage. Wahrscheinlich wimmeln sie gerade andere Möchtegern-Nächstenliebende ab. Denn…
6. Versuch: …auf der Homepage steht, dass Diakonia bestimmte Artikel nicht annehme, darunter „Wassersprundelgeräte“ (Was ist Sprundelwasser? Etwas für den Napf des Pundels?) und Decken. Außerdem endet die Spendenannahme freitags um 16 Uhr, eine Stunde vor Ladenschluss des Sozialkaufhauses. Wir leben in Deutschland, Home of Heiligfeierabend und Sankt Wochenende. Nur um es mal festzuhalten: Selbst erschöpfte Flüchtlinge gehen nicht um fünf Uhr nachmittags in Bett, und selbst wenn, würden sie sich danach immer noch über ein Kopfkissen und ein weiches Federbett freuen.
7. Versuch: Erneuter Anruf beim Kirchenfunk des BR. Ich bekomme nicht den Redakteur an die Strippe, aber die Redaktionsassistentin weiß immerhin, dass die Reporter am Thema dranbleiben. Es wird also bestimmt wieder einen Bericht darüber geben, dass die Zustände im Flüchtlingslager nicht schön sind, vielleicht auch, dass es Bürgern schwer gemacht wird, den Menschen zu helfen. Schön, dass wir darüber geredet haben werden. Aber eigentlich ist helfen seliger denn quasseln.
Vermutlich besteht die Gefahr, jemand wie ich könnte Hausstaubmilben einschleppen, die bei einem der Flüchtlingskinder eine Allergie auslösen. Das geht gar nicht. Sie sich erkälten zu lassen, geht.
(Ein kleiner Teil des Irrsinns: Die Behandlungskosten trägt dann gewiss der Steuerzahler.)
Nachtrag 11.10.2014:
Gestern abend brachte Elke Puskeppeleit, die sich beim Gemeindeverein der Evangelischen Pauluskirche Kaufering um Asylbewerber kümmert und daher mit so etwas auskennt, Licht in die Sache. Es gebe tatsächlich Vorschriften, denen zufolge gebrauchte Bettdecken aus hygienischen Gründen nicht ausgegeben werden dürfen. Begründet wird das offenbar mit einem Masernausbruch, denen es mal in einer Gemeinschaftsunterkunft gab.
Mir geht das nicht in den Kopf.
Erstens: Keine Ahnung, wie oft ich schon in Hotels, Pensionen, Schlafwagen und Jugendherbergen geschlafen habe, jedenfalls beschränkten sich die hygienischen Vorsorgemaßnahmen stets auf frische Bettbezüge.
Zweitens: Bei Masern handelt es sich um eine Tröpfcheninfektion. Die Quelle, die belegt, dass sich solche Krankheiten auch über Bettzeug (das in diesem Fall sogar Monate oder Jahre in einem pulvertrockenen Schrank lag) verbreiten können, würde ich gerne mal sehen.
Drittens: Masern und andere ähnliche ansteckende Krankheiten sind meldepflichtig. Wenn denn wirklich eine Gefahr von Bettzeug ausginge, das die Infizierten benutzt haben, würde eine Behörde, deren Beamte fürs Denken bezahlt würden (ich spreche natürlich im Irrealis), dafür sorgen, dass dieses Bettzeug sofort desinfiziert wird und niemand es jahrelang auf dem Dachboden lagern kann.
Fazit: Des oanzige, wos wirkli zählt auf dera Welt (um es mit Hans-Jürgen Buchner aus Haindling zu sagen), is – nein, nicht wie bei Paula das Geld – sondern das Abschieben von Verantwortung und Haftbarkeit. Die Befindlichkeit einer Amtsperson, die fürchtet, in einem hypothetischen Fall für den Ausbruch einer Infektion gerade stehen zu müssen, hat Vorrang vor pragmatischer Hilfe für Menschen.
Nein, eleven!
Gute Nachricht: Heute war der 11. September, und den ganzen Tag hat mich kein Medium ans World Trade Center erinnert. Für mich war es also der 13. Jahrestag der Einschulung meiner Tochter. (An so etwas merkt man, dass man älter wird.)

